Hallo!
In heutiger „Frankfurter Rundschau“ steht ein brillanter Artikel - eine nüchterne Beschreibung des Spektakels um den armen Küblböck, der u.a. von RTL und Bild ausgenutzt wird. Sind die „Individuen“ und „Massen“ immer wieder bereit, unreflektiert und willig bei jedem Propagandazeug mitzumachen?
http://www.frankfurter-rundschau.de/ressorts/magazin…
Fragmente daraus:
" Daniel Küblböck war damals nur eines von zehn Talenten bei „Deutschland sucht den Superstar“. Er fiel weniger durch seine eindrucksvolle Stimme als durch sein extravagantes Benehmen auf; jetzt ist er einer der drei verbliebenen Finalisten. Inzwischen ist um ihn und die Sendung eine Hysterie entstanden, die bizarre Ausmaße annimmt. Bis zu 13 Millionen Deutsche schauen samstags zu, wenn Daniel Küblböck wie ein Wahnsinniger über die Bühne tobt, quietscht und hüpft und schreit und dabei eigentlich Frank Sinatra darstellen soll. Wirklich singen kann er nicht. Eine Stimme wie „Kermit der Frosch“ habe er, findet „Deutschland sucht den Superstar“ -Juror Dieter Bohlen. Der findet allerdings auch, bei Daniel sei echt „'ne Schraube locker“. Und das ist wohl auch der Grund, warum der Niederbayer 10 000 Casting-Konkurrenten hinter sich gelassen hat. Er ist der Gute-Laune-Bär der Sendung, das braunäugige Jüngelchen, das Beschützer-Instinkte weckt. Und der, ganz wichtig, in der Sendung für die nötige Portion Durchgeknalltheit sorgt. Er spielt den ihm zugedachten Part bereitwillig. Er erzählt, er sei bisexuell, weil er eben die „Menschen liebe“, ob sie nun einen Busen hätten oder nicht. Bei jeder Gelegenheit faselt er von positiven „Energien“ und „Schwingungen“. Morgens nach dem Aufstehen, reibe er sich, hat er kürzlich in Bild verkündet, immer mit einem beruhigend wirkenden Aurasomaöl auf dem Bauch ein. Die einen finden ihn furchtbar. Aber die meisten verehren ihn. Über 20 Daniel-Fanclubs gibt es mittlerweile, die jedes Fitzelchen von ihm auf eine Internetseite stellen. Zwei Leibwächter müssen ihn inzwischen bei öffentlichen Auftritten beschützen. Eine Psychologin kümmert sich um seine verwirrte Seele. Mit Eggenfelden, so viel ist sicher, hat sein neues Leben nichts mehr zu tun.
Der Bürgermeister war es im Übrigen auch, der die Idee hatte, Daniel möge sich als besondere Ehre ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Da stehen schon sämtliche bayerische Ministerpräsidenten und außerdem Gerhard Schröder und Lothar Späth drin. Warum nicht auch Daniel Küblböck? Es gehe nicht um Daniels Sangeskunst, ließ das Stadtoberhaupt nach ersten Protesten verlauten, sondern um die Tatsache, dass durch den kleinen Entertainer das ebenfalls kleine Eggenfelden in der „heutigen Mediengesellschaft“ nun „deutschlandweit in aller Mun- de“ sei. Und aus diesem Grund erstreckt sich die Dankbarkeit des Bürgermeisters auch nicht nur auf den schrägen Daniel, sondern auch auf dessen deutschlandweit ausstrahlenden Haussender RTL. Dessen Bitte, bei Daniels Heimatbesuch doch telegen eine Straße nach dem Superstar umzubenennen, wollte der Bürgermeister zwar nicht entsprechen, aber einen Trakt des Erziehungsheimes, in dem Daniel zwei Jahre lang lebte, könne man natürlich schon in ein „Daniel-Haus“ umtaufen.
Und Daniel selbst? Der kann sich am allerwenigsten wehren. RTL gehören die Rechte an ihm. Es soll Knebelverträge mit den angehenden Superstars geben, in denen steht, dass sie nur mit Zustimmung des Kölner Senders mit anderen Medien sprechen dürfen; bei Zuwiderhandlungen drohen 20 000 Euro Strafe. Als Daniel später im Rathaus sorgsam von RTL ausgewählten Journalisten ein Interview gibt, spricht er erst, als eine Frau des Senders bei ihm ist. Davor druckst er so lange um Antworten herum, bis ihn eine Radioreporterin anpatzt: „Aber aufs Klo gehen kannst du schon noch alleine?“
Natürlich ist Daniel auch das Produkt von RTL. Er ist der „schräge Daniel“. Der darf zwar gerne ein wenig flippig sein, aber nicht zum Nervenbündel werden. Als Gracia, mit der er in der an „Big Brother“ erinnernden Superstar-WG ein Zimmer teilte, von den Zuschauern aus der Sendung herausgewählt wird, bricht er zusammen, schluchzt, muss aus dem Studio getragen werden. Bei der Wiederholung am nächsten Tag ist die Sequenz herausgeschnitten. Daniel, sagt eine RTL-Sprecherin, gehe es nämlich wieder gut. Und damit dieses Produkt nicht von Fremdeinflüssen gestört wird, drängt ein eigener RTL-Bodyguard an diesem Tag in Eggenfelden andere Kamerateams sofort ab, sobald jene dem Superstar zu nahe kommen und damit die Exklusivität der RTL-Teams gefährden könnten.
Später wird Daniel zum Rathausfenster gehen und sich zum ersten Mal an diesem Tag seinen Fans zeigen. Es ist eine gespenstische Szene, sie erinnert an Michael Jackson. Er winkt, die Mädchen kreischen, er neigt den Kopf zur Seite, das Kreischen wird lauter. Noch später, nachdem die Sprechgesänge „Wir wollen nicht mehr warten“ nicht aufhören, krabbelt er schließlich auf eine kleine Holztribüne auf dem Rathausplatz. An sein Revers hat er einen Button geheftet, „I mog Eggenfelden“, leicht zitternd nimmt er ein Mikrophon in die Hand und singt „Unchained Melody“ von den Righteous Brothers. Er steht auf der Holzbühne, klein und zart und zerbrechlich, ganz ruhig ist er bei diesem Auftritt, er schließt die Augen. Ein Konzert auf dem Rathausplatz seiner Heimatstadt, vor 500 Leuten! Was für ein Triumph. Er sei hier früher viel gehänselt worden, hat er einmal in einem Interview erzählt, weil er eben ein wenig „anders“ war. Die Mädchen in der ersten Reihe, zehn, zwölf Jahre alt, hyperventilieren, weinen, scheinen sich auf den Boden werfen zu wollen. Daniel trifft fast keinen einzigen Ton. "
usw.
Gruß
