Welchen Sinn hat eine Titelübersetzung?
Hallo Tessa,
bei manchen Filmen kann ich das verstehen… Nicht jeder weiß,
daß zum Beispiel ‚One-Eight-Seven‘ (D: ‚187 - Eine tödliche
Zahl‘) der US-Polizei-Code für Mord oder man mit ‚K9‘ (D:
‚Mein Partner mit der kalten Schnauze‘) die
Polizei-Hundestaffeln bezeichnet werden (und das nicht nur in
den Staaten).
An der Stelle möchte ich doch energisch widersprechen. Warum muß der Titel in der Übersetzung sofort den gleichen Sinn wiedergeben wie im Original? Ich finde es immer recht angenehm, wenn sich eine zunächst kryptische Bezeichnung erst später erschließt oder wenn man sich später wieder daran erinnert.
Nun magst Du einwerfen, daß die Künstler (Buch- , Drehbuchautoren, Filmmemacher) sich etwas dabei gedacht hatten, als sie den in ihrem Sprach- oder Kulturraum sinnfälligen Begriff im Titel wählten und daß bei unbearbeiteter Übertragung des Titels eine ursprünglich beabsichtigte Aussage fehlen kann. Nun, das mag zwar sein, aber da solch ein Titel mit einer Ergänzung oder nach einem kompletten Austausch diese Aussage meist ebensowenig wiederzugeben vermag und sich in den wenigsten Fällen der deutsche Verleih/Vertrieb mit den Künstlern für eine abgestimmte Lösung in Verbindung setzt, halte ich es für unsinnig, wenn die Wahl des Titels in die Hände hauptsächlich kommerzorientierter Marketingexperten gelegt wird, die mit obsoleten Vorstellungen vom Publikumsgeschmack arbeiten. Diese Entscheidung bringt dann schließlich solch plakative bis reißerische Titel hervor wie eben ‚187 - Eine tödliche Zahl‘ oder gar so peinliche Einfallslosigkeiten wie ‚Abyss - Abgrund des Todes‘ (original: ‚The Abyss‘).
Um beim Beispiel ‚187‘ zu bleiben: Wer in den USA diesen Titel liest, assoziiert diesen nicht unmittelbar mit dem Polizeijargon, sondern denkt zunächst in die ein oder andere Richtung darüber nach (was bestimmt nicht unbeabsichtigt ist!), nach einiger Zeit wird sich dann aber bei Kinogängern herumgesprochen haben, welche 187 gemeint ist.
In Deutschland freilich würde die ‚187‘ so nicht funktionieren und gerade dadurch wieder eine Bedeutung bekommen! Denn es drängte sich dann die Vermutung auf, daß die Zahl einen entweder handlungsimmanenten oder aber einen kulturfremden Bezug herstellen soll. Wenn man in Deutschland nun aber nicht abwarten will, bis der Sinn des Titels sich dem potentiellen Kinogänger durch sekundäre Informationen wie Filmbesprechungen oder Mundpropaganda erschließt, so hat das sicher andere Gründe. Vermutlich ist es einer Tradition marktschreierischer Filmtitel im deutschen Sprachraum geschuldet, von der wir noch heute nicht richtig losgekommen sind, auch wenn die Resultate immer abgeschmackter anmuten: ‚Der Schlächter‘ (original: ‚A Scream in the Streets‘). Immerhin ist mit dem ‚Schweigen der Lämmer‘ ein prominenter Anfang genommen.
Aber derzeit müssen wir uns noch mit hohl aufgeblasenen Film- und Filmuntertiteln abfinden wie z. B. ‚Der Skalpell-Mörder‘ (original: ‚Breaking Point‘). Derartig plump vor die Füße geworfene Versprechen auf Blut, Mord und Totschlag sind ausgerechnet im Land von Jerry Springer und ‚Duckburg‘ (= Entenhausen) selten; zumindest die großen Kinoproduktionen halten sich mit blutrünstigen Headlines bemerkenswert oft zurück. Berühmtes Beispiel: ‚C’era una volta il West‘ ist im Englischen als ‚Once Upon a Time in the West‘ bekannt, hierzulande mußte es sein: ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘
Weitere Beispiele (Orignialtitel / Deutscher Titel:)
_Les diseurs de vérité / Wahrheit oder Tod _ (engl.: Speakers of the Truth)
_Scream / Scream - Schrei des Todes
When Justice Fails / Gerechtigkeit bis in den Tod
The Passage / Paß des Todes
Asylum / Therapie Mord
Valley of the sun / Tal des Todes
First Degree / Kuß des Todes
Shattered / Tod im Spiegel
Tunnel Vision / Mord bizarr
Lisa / Stimme des Todes
Desire / Parfüm des Todes
18 Shades of Dust / 18 Farben des Todes
The Mothman Prophecies / The Mothman Prophecies - Tödliche Visionen
Unforgettable / Im Augenblick des Todes
Danger Zone / Danger Zone - Zone des Todes _
Verlorene Wortspiele:
_Executive Power / Tod im Weißen Haus
One Good Turn / Umsonst ist nur der Tod
The Chill Factor / Der eiskalte Tod _ Und im Sinne der ursprünglichen Frage:
_Recoil / Recoil - Tödliche Vergeltung
Grosse Pointe Blank / Grosse Pointe Blank - Erst der Mord, dann das Vergnügen
Revelation / Revelation - Tödliche Prophezeiung
Last Rites / Last Rites - Sakramente für einen Mörder
Land of the Free / Land of the Free - Tödliche Ideale
Below Utopia / Below Utopia - Schauplatz der Mörder
Gang in Blue / Killer Cops - Mörder in Uniform
Firetrap / Out of Time - Der tödliche Auftrag
Top Gun / Top Gun - Sie fürchten weder Tod noch Teufel _
(Auch wenn Teile des Titels hinter einem Gedankenstrich nachgestellt sind, sind sie in diesen Beispielen nicht als Untertitel anzusehen.)
Diese Liste läßt sich beliebig fortsetzen und verdeutlicht, nach welchen Kriterien Filmtitel in’s Deutsche ‚übersetzt‘ werden.
Über die Wahl seines Titels schreibt Umberto Eco in seiner Nachschrift zum ›Namen der Rose‹, (München, 1986):
„Ein Titel ist bereits Schlüssel zum Sinn. Niemand kann sich den Suggestionen entziehen, die von Titeln wie Rot und Schwarz oder Krieg und Frieden ausgehen. Am meisten Respekt vor dem Leser bezeugen Titel, die sich auf den Namen des Helden beschränken, wie David Copperfield oder Robinson Crusoe, aber auch der Verweis auf die Hauptfigur kann eine ungebührliche Einmischung seitens des Autors sein, etwa wenn Balzac mit Vater Goriot die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Person des Alten lenkt, obgleich der Roman auch das Epos von Rastignac und von Vautrin alias Collin ist. Vielleicht sollte man ehrlich unehrlich sein, wie Dumas Père, der keinen Hehl daraus macht, daß sein Roman Die drei Musketiere in Wahrheit die Geschichte des vierten erzählt. Aber dergleichen ist rarer Luxus, den sich ein Autor wohl nur aus Versehen erlauben kann.
Mein Roman trug zunächst den Arbeitstitel Die Abtei des Verbrechens. Ich habe ihn verworfen, denn er fixierte die Aufmerksamkeit des Lesers allein auf die Kriminalhandlung und war geeignet, bedauernswerte, ausschließlich auf harte Reißer erpichte Käufer zum Erwerb des Buches zu verführen, das sie enttäuscht hätte. […]
Die Idee zu dem Titel Der Name der Rose kam mir wie zufällig und gefiel mir, denn die Rose ist eine Symbolfigur von so vielfältiger Bedeutung, daß sie fast keine mehr hat […]. Der Leser wird regelrecht irregeleitet, in alle möglichen Richtugen (also in keine) gewiesen, er kann dem Titel keine bestimmte Deutung entnehmen, und selbst wenn er die im lateinischen Schlußsatz angelegten nominalistischen Lesarten voll erfaßt, kommt er doch eben erst ganz am Ende darauf, nachdem er bereits wer weiß wie oft eine andere Wahl getroffen hat. Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht ordnen.“
Wie wir alle wissen, wurde das Buch verfilmt. Der Titel wurde hierfür nicht verändert. Der Film war kommerziell ein Erfolg! (http://german.imdb.com/title/tt0091605/business)
Viele Grüße
R o b.
P. S.:
In Frankreich heißt Entenhausen ‚Donaldville‘!
Die spinnen die Gallier.
Rob Robsen aus Robtropolis.