Mineralwasser gilt als die gesunde Art, den Durst zu löschen, Flüssigkeit und Mineralien zu ersetzen. Wasser kann aber auch krankmachendes radioaktives Radium enthalten. Dieses radioaktiv strahlende Radium stammt nicht aus Atomkraftwerken. Es wird vielmehr aus dem Erdboden ausgewaschen.
Dr. Franz Schönhofer vom österreichischen Ministerium für Land- und Wasserwirtschaft und Forsten in Wien stufte gegenüber [plusminus Radium folgendermaßen ein:
„Radium-226 ist ein sehr radiotoxisches Element, also das heißt, die Strahlenwirkung ist sehr hoch, es ist also zum Beispiel wesentlich toxischer als das Plutonium.“
Wie viel von dem gefährlichen Radium-226 ist also in unserem Mineralwasser enthalten? Das wollte [plusminus genau wissen und ließ 15 Mineral- und Heilwässer in dem renommierten Institut „Hydroisotop GmbH“ in Schweitenkirchen bei München untersuchen. Es arbeitet sonst für Mineralwasserbetriebe.
Der Befund, er ist erschütternd: Über die Hälfte davon war erheblich oder sogar hoch mit Radium-226 belastet. Bis über 500 Milli-Becquerel pro Liter (mBq/l).
Die Test-Ergebnisse:
Unbelastet
Staatl. Bad Kissinger Pandur weniger als
5 mBq/l
Staatl. Bad Kissinger Rakoszy weniger als
5 mBq/l
Krumbach Still 7 mBq/l
Gerolsteiner Sprudel 11 mBq/l
Gering belastet
Apollinaris Classic 63 mBq/l
Selters leicht 71 mBq/l
Bad Vilbeler Urquelle 78 mBq/l
Unsere Experten empfehlen: Nur solche niedrig belasteten Mineralwässer sollten Kinder oder werdende Mütter trinken. Besonders, wenn sie häufiger oder größere Mengen Mineralwasser zu sich nehmen, zum Beispiel mit der Apfelsaftschorle. Alle anderen getesteten Wässer können für sie problematisch sein. Da es in Deutschland weder Grenz- noch Richtwerte gibt, hat [plusminus sich an dem österreichischen Richtwert für Mineralwasser orientiert, der bei 100 mBq/l liegt.
Stärker belastet
Rosbacher Diana 124 mBq/l
Azur Elfenquelle 135 mBq/l
Heppinger 137 mBq/l
Bad Vilbeler spritzig Elisabethenquelle 163 mBq/l
Stark belastet
Überkinger Medium 205 mBq/l
Hessenquelle 211 mBq/l
Mathilden-Quelle 240 mBq/l
Rosbach Klassisch 475 mBq/l
Rosbacher Urquelle 510 mBq/l
Ein Vorurteil können wir bestätigen: Bier ist gesünder als Mineralwasser; zumindest in Bezug auf Radium.
Die getesteten Biere:
unbelastet
Dom Kölsch 4 mBq/l
Budweiser 7 mBq/l
König-Pilsener 4 mBq/l
[plusminus ließ die Messergebnisse durch das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BJPS) bewerten:
Dr. Wolfgang Hoffmann: „Ich war erstaunt über die hohen Werte von Radium in diesen Mineralwässern. Die Bereiche sind meiner Ansicht nach gesundheitsrelevant, besorgniserregend. Wenn Sie das mal vergleichen mit einer Uranaufbereitungsanlage beispielsweise, wo die Grundstoffe für die Herstellung von Brennelementen für Atomkraftwerke erzeugt werden. Wenn dort im Abwasser ähnliche Mengen von Radium vorkommen würden, dann müsste diese Anlage geschlossen werden, nach der Strahlenschutzverordnung, die in diesem Jahr noch in Kraft treten soll.“
Eine Brennelementefabrik müsste geschlossen werden, bei so hohen Radiumwerten (also über 200 mBq/l), sagt der Experte. Das Mineralwasser aber, wir dürfen es trinken. Dabei sind gerade Kinder besonders gefährdet. Sie sind empfindlicher gegen die Strahlung als Erwachsene. Generell gilt: Radium wird wie das lebensnotwendige Kalzium in die Knochen aufgenommen. Dort sammelt es sich. Jahr für Jahr, Liter für Liter. Bis es manchmal zu Leukämie - also zu Blutkrebs - führen kann.
Diese Einschätzung machen Experten aufgrund von internationalen Studien über den möglichen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Leukämierate bei Kindern und einem hohen Gehalt von Radium-226 im Trinkwasser.
In Florida beispielsweise machten Wissenschaftler diesen unheimlichen Befund: War viel Radium-226 im Trinkwasser, stieg auch hier die Leukämierate an, besonders bei Kindern.
Aber auch in Deutschland gibt es mögliche Opfer. Stefan Morsch aus Birkenfeld im Saarland zum Beispiel. Er wurde nur 17 Jahre alt, starb an Leukämie. Musste er sterben, weil er am falschen Ort lebte? Im Nachbarort, in Ellweiler, war nämlich bis in die 80er Jahre eine Uranmine in Betrieb. In der Umgebung stieg die Leukämierate bei Kindern. Ihr Trinkwasser kam aus dem nahen Bach. Hier landete auch das Abwasser aus der Uranmine. Hochgradig belastet mit Radium-226.
Dr. Wolfgang Hoffmann vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BJPS) untersuchte damals den Fall und kam zum Ergebnis:
„Die einzige plausible Erklärung, die übrig geblieben ist, ist eine radioaktive Kontamination des Trinkwassers in einigen Ortschaften, insbesondere mit alpha-Strahlern, als Radium und Radon, die zu einer erhöhten Dosis insbesondere Kinder und ungeborener Kinder geführt hat.“
Die Behörden bestritten einen Zusammenhang, trotzdem wurde die Trinkwasserversorgung umgestellt, die Halde abgedeckt, und seitdem gibt es keine erhöhte Leukämierate mehr in Ellweiler.
Aus diesen internationalen Erfahrungen haben viele Länder die Konsequenzen gezogen und Richt- beziehungsweise gesetzlich verbindliche Grenzwerte eingeführt.
Dr. Franz Schönhofer vom Österreichischen Landwirtschaftsministerium:
„Und deswegen sind auch sehr tiefe und sehr niedrige Werte für Radium-226 in Lebensmitteln und natürlich im Trinkwasser über die ganze Welt gesetzt worden. Die WHO empfiehlt für Radium-226 in etwa den gleichen Wert, den wir in Österreich und de facto in fast allen Ländern der Welt haben. Das bewegt sich in der Größenordnung von 0,1 Becquerel pro Liter.“
In den USA gilt ein Grenzwert von 185 mBq/kg. Noch einmal, in Deutschland gibt es solche Werte nicht. Dafür aber eine Mineralwasserverordnung, die es den Herstellern verbietet, das schädliche Radium aus dem Mineralwasser zu filtern: Viele Hersteller kennen das Problem. Um den Radiumgehalt zu reduzieren hat die VMH-GmbH aus dem hessischen Rosdorf riesige Eisenfilter installiert. Damit wird aber nur gut die Hälfte des gefährlichen Radiums aus dem Mineralwasser entfernt.
Stefan Nieland, Geschäftsführer VMH GmbH:
„Wir als Unternehmen würden den Radiumgehalt in unserem Mineralwasser gerne auf Null bringen. Jedoch können wir auf Grund der Mineral- und Tafelwasserverordnung keine speziellen Filter einsetzen, die Radium komplett herausnehmen, wie das in anderen Branchen möglich wäre.“
Solche Filter gibt es. Aber die Mineralwasserverordnung verbietet, dass man Stoffe wie Radium aus dem Wasser entfernt, weil sich dann die natürliche Zusammensetzung des Mineralwassers ändern würde.
Bis das Bundesgesundheitsministerium einen Grenzwert einführt, der dem amerikanischen vergleichbar ist und bis die Mineralwasserverordnung geändert wird, gilt folgender Tipp: Die Hydroisotop GmbH hat in ihrem Test Mineralwässer als unbelastet beziehungsweise nur gering belastet eingestuft (siehe oben). Bei Wassersorten, die [plusminus nicht hat testen lassen, können Verbraucher die Hersteller nach dem Gehalt von Radium-226 fragen. Viele Mineralwasser-Abfüllbetriebe geben bereits ihre Werte bekannt.
Wissenschaftliche Literatur zum Thema Leukämie durch Radium in Wasser:
Gary H. Lyman, Carolyn G. Lyman, Wallace Johnson
Association of Leukemia With Radium Groundwater Contamination
JAMA, The Journal of American Medical Association, Vol. 254, No. 6, 621-626 (1985)
Wolfgang Hoffmann, A. Kranefeld, I. Schmitz-Feuerhake
Radium-226-Contaminated Drinking Water: Hypothesis on an Exposure Pathway in a Population with Elevated Childhood Leukemia
Environmental Health Perspectives Supplements, Vol. 101 (Suppl. 3), 113-115 (1993)