Öffentlich-rechtlich = Anspruchslos-verächtlich?

Hallo MitleserInnen,

ich hatte mich kürzlich u.a. beim SWR beschwert, weil dieser Sender inzwischen - wie die Privaten - dazu übergegangen ist, Abspänne direkt nach Filmende abzuschneiden, stattdessen eine „Sparversion“ davon bringen und gleichzeitig drüberzuquasseln.
   Anscheinend (?) giert das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch nur noch nach der Quote; dies muss man vermuten, wenn man sich ebenso das restliche Programm betrachtet, das sich in seiner Struktur den Privaten dermassen angepasst hat, dass kaum noch ein Unterschied zu erkennen ist. Es wird immer wieder das abgespult, was anscheinend den Massengeschmack trifft und/oder billig herzustellen ist, wie etwa Musikantensendungen, seichte Serien, Talkshows und Boulevardmagazine.
   „Im Seichten kann man nicht ertrinken“, meinte schon seinerzeit der Ex-RTL-Chef Helmut Thoma. ARD und ZDF scheinen sich dies fürwahr zu Herzen genommen haben. Beklagt man sich jedoch bei diesen Sendern über die Senkung des Niveaus, reagiert man stets leicht beleidigt mit dem Hinweis auf 3sat und arte. Aber das kann ja wohl kaum die Lösung sein, sich selbst an Spartenkanälen zu beteiligen und bei den Hauptsendern gleichfalls und stur den medialen Dumpfsinn abzuspielen.

Als kleine Lektüre hierzu kann ich Jens Jessens Artikel „Die Quoten-Idioten“ in „Die Zeit“ wärmstens empfehlen: http://www.zeit.de/2000/36/Politik/200036_fernsehen…

Marco

PS: Hier die Antwort vom SWR zur Sache des Abspanns:

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Sehr geehrter Herr Müller,

vielen Dank für Ihre Mail.
Mit der Form der Abspänne versuchen wir, den Sehgewohnheiten der
Zuschauer gerecht zu werden.
Untersuchungen der Medienforschung belegen, dass die Mehrheit der
Zuschauer zu Beginn der Abspänne das Programm verlassen.
Durch unsere „Abspannvariante“ erhält der Zuschauer informative
Programmhinweise.

Mit freundlichen Grüßen

Sibylle König-Fohtung
SÜDWESTRUNDFUNK
FS Publikumskontakte
Hotline 01805/929-500

PPS: Der äusserst „informative Programmhinweis“ war in diesem Fall eine 70er-Jahre-Posse mit Hansi Kraus. So etwas „muss“ das geneigte Publikum selbstverständlich wissen.

noch einer (Sat.1)
Hallo Marco,

ich habe mich mal bei Sat.1 beschwert, weil die einerseits an den tollsten Stellen Werbung einfügen (überraschender Mord am Protagonisten–>Tüdeldü–&gt:stuck_out_tongue_winking_eye:ersil) und andererseits nach der Werbung den halben Film wiederholen.

Im Prinzip könnest Du Deinen Brief an dieser Stelle einfügen zzgl. „wir sind durch Werbung finanziert, damit wird unsere Programqualität sichergestellt. Wir hoffen, daß sie aufgrund dieser Information Ihren Standpunkt überdenken, und weiterhin Sat.1 schauen werden.“

Was soll ich dazu noch sagen?

Gruß
Christian

Die Kultur geht/kommmt um!

Was soll ich dazu noch sagen?

Ach, Christian, ich ärgere und seufze nur noch, während ich vom ganzen Kopfschütteln über soviel Seichtigkeit beinahe ein Schleudertrauma davongetragen habe.
   Natürlich taucht auch hier wieder die Frage nach den GEZ-Gebühren auf, auch wenn mich dieser Punkt zweitrangig interessiert. Doch diese Angleichung an die private Programmstruktur muss zwangsläufig diese Frage aufwerfen. Was mir zum Beispiel überhaupt nicht passt, ist das Sponsoring im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wenn ein Produkt bzw. ein Unternehmen genannt wird und man erhält Geld dafür, ist es für mich Werbung; egal, welchen Namen man dieser Reklamemassnahme verpasst. (Ich hatte im Brett „Recht“ deswegen mal angefragt, aber wesentlich schlauer bin ich trotzdem nicht geworden, was nun der Unterschied sein soll.)
   Habe dafür jetzt leider keine Quelle zur Hand, aber vor einigen Wochen stiess ich beim Herumsurfen beiläufig auf den Hinweis, dass dieses Sponsoring monatlich nur 0,12 DM pro Zuschauer mehr ausmacht. Das ist interessant unter dem Aspekt, dass ja erst zu Jahresanfang die Gebühren erhöht wurden. Abgesehen von der Diskussion über die Erhöhung selbst hätte sich wahrscheinlich niemand über die 12 Pfennig mehr aufgeregt, so dass ich vermuten muss, dieses Sponsoring soll nur ein Türöffner sein. Da man bei ARD und ZDF bisher die 20-Uhr-Grenze nicht beseitigen konnte, versucht man eben über die Hintertür die Werbung auszubauen.
   Allerdings vermag ich nicht zu erkennen - was mir heutzutage übrigens bei vielen Erhöhungen auffällt -, dass sich die Leistungen (dieser Sender) verbessert hätten. Man zahlt mehr, um weniger zu bekommen. Stattdessen finden wir das jetzige Programm vor, wobei das ganze bestimmt noch besser, sprich: schlechter wird. Ich möchte es mal auf eine einfache Formel bringen: Würden Sendeanstalten ein gutes Programm bringen, bräuchten sie sich keine Sorge um die Quote machen und nicht diese sämtlichen nervenden Kinkerlitzchen bringen. ‚Gutes Programm‘ bedeutet jedenfalls nicht, die wenigen erfolgreichen (bzw. auch abgekupferten) Sachen ständig und ständig in neuen Varianten zu wiederholen. Ich fühle mich dabei stets an den japanischen Unternehmensberater Tominaga erinnert, der von den Deutschen behaupten, sie würden stets „mehr von demselben“ machen, statt einmal in neuen Bahnen zu denken.
   Eigentlich würde ich gerne noch mehr über die Sender sebst schreiben, doch zum einen wäre das hier fehl am Platze, zum anderen scheint es auch nur wenige zu interessieren. Ein gutes Beispiel ist für mich gerade dieses Brett, dass etwa von der Suche nach Liedern aus der Werbung strotzt - scheint ja eine regelrechte „Kultur“ geworden zu sein. Die Werbeindustrie wird es freuen, wobei ich allerdings glaube, dass es weniger ihr Erfolg ist, als vielmehr die im Gegensatz zu früheren Zeiten überall existente Werbung. Kennt man doch: Man muss nur ein Lied oft genug hören, dann wird es einem schon gefallen.
   Vor einiger Zeit war der Wackeldackel „in“, und als ich vorgestern aus dem Supermarkt trat, sah ich in einem Auto nun dieses Wackel-Elvis. Das erinnert mich die Aussage von Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“: „Wir begehren, was wir täglich sehen.“ Dies besagt, dass viele Produkte nur einen ideelen Wert besitzen, den man im wahrsten Sinne des Wortes in Kauf nimmt.

Zu dieser Antwort von SAT.1 sei gesagt, dass ich dies wieder einmal typisch finde. Wahrscheinlich ist man auch überhaupt auf Deine Beschwerde selbst eingegangen, denn wäre es ein guter Film, spräche nichts dagegen, den Film an den „leisen“ Stellen zu unterbrechen. Somit ist es doch beinahe bezeichnend, und man scheint selbst vom eigenen Programm - oder „Werbeumfeld“, wie sie es nennen - nicht überzeugt zu sein.
   Wie gleichgültig ihnen (D)eine Meinung ist, konnte man ja an dem letzten Satz aus deren Antwort an Dich erkennen: Nicht sie sind es, die einen Standpunkt überdenken sollten, sondern Du. Ich frage mich dabei, was man dem Publikum noch zumuten kann; wann wird es endlich die Nase voll haben von dieser puren „Bedröhnung“!? Doch ich habe wenig Hoffnung auf Besserung, weil auch hier der Bock zum Gärtner gemacht wird: Nicht das, was das Publikum sehen will, wird gesendet, sondern es wird gesehen, was gesendet wird. Umschalten nutzt ja immer seltener etwas, weil auf den anderen Kanälen ähnliches kommt. Der Kabarettist Volker Pispers (http://www.volkerpispers.de) nannte es die Vielfalt ohne Auswahl. Zum Beispiel gibt es etliche verschiedene Waschmittel, aber letztlich ist in allen das gleiche drin.

Noch ein Schmankerl zum Schluss: Weisst Du noch, was seinerzeit als ein Argument für das Privatfernsehen herhalten musste? Mehr Vielfalt im Programm und - man mag es kaum glauben - auch mehr Kultur!

Marco

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Dazu der Kommentar der ARD vom Januar 2001
Hi Marco (Genosse ;o),

ich vertrete in dieser Sache die gleiche Meinung wie Du und hatte bereits zu Beginn dieses Jahres eine ähnliche Anfrage an die ARD per eMail gestellt. Mir antwortete man wie folgt:

_Das Erste bringt während des Filmabspanns Programmhinweise und strahlt die Abspänne grundsätzlich mit erhöhter Geschwindigkeit aus. Diese Lösung stört den Programmablauf am wenigsten.Die Abspänne bei Filmen dürfen nicht gekürzt werden. Leider zeigte sich jedoch in der Vergangenheit, dass die wenigsten Zuschauer die Abspänne bis zum Schluss ansehen und vorher umschalten. Daher werden die Abspänne schneller gezeigt.Programmhinweise während eines Abspanns versteht Das Erste als zusätzlichen Service für die Zuschauer. Wir bitten um Verständnis, dass wir mit dieser Regelung nicht hohen cineastischen Erwartungen gerecht werden können. Die derzeit übliche Praxis hat sich jedoch bewährt; daher wird Das Erste auch weiterhin so verfahren.

Mit freundlichen Grüßen

Florence Kluge
Zuschauerredaktion Das Erste
(Der Veröffentlichung dieses Textes wurde von der Autorin zugestimmt)_

Der Tenor ist zwar der gleiche, jedoch sollten die offenbar nicht wenigen Zuschauer, die sich von den ö-re-Sendern mehr erwarten, über kurz oder lang bewirken, daß dieser Standpunkt noch einmal überdacht wird. Oder?

Guten Abend, Rossy!

Ist es nicht seltsam, dass die ARD just in der jüngeren Vergangenheit festgestellt hat, dass „die wenigsten Zuschauer die Abspänne bis zum Schluss ansehen und vorher umschalten“? Hier kann ich nur wiederholen, dass niemand umschalten wird, wenn es ein gutes Programm gibt. Statt sich also einmal zu fragen, warum tatsächlich umgeschaltet wird, sucht man die Schuld beim unterhaltungssüchtigen Zuschauer.

Der Tenor ist zwar der gleiche, jedoch sollten die offenbar
nicht wenigen Zuschauer, die sich von den ö-re-Sendern mehr
erwarten, über kurz oder lang bewirken, daß dieser Standpunkt
noch einmal überdacht wird. Oder?

Die Nachricht an Dich zeigt, wie sehr die Ignoranz gegenüber dem Publikum vorherrscht. Was erwarten die eigentlich: dass man den lieben langen Tag bei ARD verweilen möge, weil es ja ständig ein sooo gutes Programm dort gibt?!
   Hier haben wir ebenfalls einen ähnlichen Fall wie bei Werbung und Sponsoring: Weil ein Filmabspann nicht gekürzt werden darf, umgeht man diese Regelung, indem man ihn schneller laufen lässt. Wenn man das überspitzt auslegen will, dann könnten sie ihn ja gleich mit zehnfacher Geschwindigkeit ablaufen lassen. Allerdings scheint das mit dem Kürzen nicht mehr ganz zu stimmen, denn vorletztes Wochenende lief auf SWR „Man spricht deutsh“, und dort liess man den gesamten Abspann wegfallen.
   Laut Frau Kluge hat sich also die neue „übliche Praxis“ bewährt. (Dazu hat man wohl auch wieder eine Studie bemüht.) Doch ist dies eine Milchmädchenrechnung, denn da alle Sender so verfahren, müsste das Publikum permanent gebunden sein. Hier zeigt sich wieder einmal, das (Um-) Denken nicht deren Sache ist.
   Ein weiterer Satz von Frau Kluge, der ein bisschen schmunzeln lässt: „Es ist stets hilfreich für die Programmgestaltung auf konstruktive Kritik zu stoßen. Wir sind jedoch nicht der Auffassung, dass volkstümliche Unterhaltungssendungen unter die Rubrik ‚Schwachsinn‘ einzusortieren sind. Nach wie vor erreichen diese Sendungen einen hohen Marktanteil.“ Hier wird also Marktanteil unhinterfragt mit Qualität gleichgesetzt. Nun ja, wenn man es so will, erreichte „Big Brother“ auch eine hohe Popularität, aber besass es deshalb Qualität!? (Zu Frau Kluges Worten sei noch gesagt, dass ich das Wort „Schwachsinn“ tatsächlich gewählt hatte, wie auch meine E-Mail recht flapsig geraten war, was ich jedoch abschliessend damit erklärte, mich allmählich dem Niveau des Senders anzupassen absicht. Davon war man natürlich nicht sehr erbaut.)
   Aber man will es anscheinend nicht verstehen, und somit hat Jens Jessen mit „Die Quoten-Idioten“ nicht nur im übertragenen Sinne recht. Dafür jedoch auch noch Gebühren zu wollen, wäre… nein, ist zuviel verlangt.

Marco

Hi Marco,

nun, im allgemeinen stimme ich Dir zu. Im Besonderen vermisse ich aber dennoch eine Unterscheidung zwischen der Programmqualität hinsichtlich des „gezeigten Programms“, also der Sendungen einerseits und hinsichtlich der hier diskutierten Detailfragen, also der Abspänne andererseits.

Zum Beispiel mit „Schwachsinnigen Volksmusiksendungen“:
Die Frage, ob eine Sendung schwachsinnig ist läßt sich meines Erachtens nicht allein durch Betrachten der Sendung selbst erörtern. Denn wer hin und wieder auch mal was seichtes wie eben Karl Moiks Heile-Welt-Stadl oder (so wie ich bisweilen) „Schrecklich nette Familie“ ansieht und auch sehen will, also derartige Sendungen nachfragt und für entsprechende Quoten sorgt, verdient nicht schon alleine deshalb eines schlechten Geschmacks oder einfachen Gemüts bezichtigt zu werden. Allein die Menschen, die sich ausschließlich von derartiger (dann:smile: Verblödung erheitern lassen können machen mir Sorgen.

Mit anderen Worten: Die bloße Existens von „Schwachsinn“ (im Monty-Python-Sinn) im TV ist nicht problematisch, sondern die Annahme, daß der Durchschnittsgeschmack der TV-Zuschauer davon mitbeinflußt wird.

Die Abspänne sind ein eigenes Thema. Ich zum Beispiel schalte hauptsächlich bei der Flut von Programmhinweisen um - mitten im Film (also vor und nach der Werbung) werden einem schon wieder die Plots der nächsten Sendungen aufgeschwatzt. Grau-en-voll!

R o b.

Hallo R o b.!

also derartige Sendungen nachfragt und für entsprechende
Quoten sorgt, verdient nicht schon alleine deshalb eines
schlechten Geschmacks oder einfachen Gemüts bezichtigt zu
werden. Allein die Menschen, die sich ausschließlich von
derartiger (dann:smile: Verblödung erheitern lassen können machen
mir Sorgen.

Da stellt sich die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da: das schlechte Programm oder der „einfache“ Zuschauer? Bei den Programmanstalten heisst es ja gerne, man sende das, was die Zuschauer wollen, und scheinbar finden sie sich in der Quote bestätigt. Allerdings schauen die Zuschauer auch gerne in die Röhre, selbst wenn das Programm banal ist.
   Natürlich gehört zu einem guten Programm die Vielfältigkeit; die schliesst auch Musikantensendungen oder „Eine schrecklich nette Familie“ (die ich übrigens auch schaue, wenn ich’s zufällig mal im TV sehe) ein. Kritisch wird es, wenn solche Sendungen in verschiedenen Variationen immer und immer wieder laufen. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich im Grunde nicht um die Quote scheren müssten, beherzigen inzwischen diese Art und Weise.
   " Leider merken die dafür Verantwortlichen gar nicht, was sie da anrichten. Sie sind zu selbstgefällig, finden sich toll, weil sie Sendungen ins Programm gehievt haben, die Quote bringen.", meint heute Wolfgang Menge („Ein Herz und eine Seele“, „Motzki“) in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. (http://www.fr-aktuell.de/fr/280/t280001.htm)

Marco