ich habe nun schon lange mit meinen leuten diskutiert, doch wir sind zu keiner einigung gekommen
wie war das nun mit der sprache im mittelalter?
war generell von Euch, Ihr usw die rede
oder war das nur für das adlige volk bestimmt? haben die bauersleut sich geduzt?
fragen über fragen die in diese richtung gehen. wer kann mir einschlägige auskunft geben, wie im MA wirklich gesprochen wurde
oder wer kann mir ein paar links nennen bei denen ich wirklich fündig werde was sprache und etikette im MA angeht? auf den mir bekannten seiten (tempus-vivit, KZK, Folgefrey, usw.) bin ich leider nicht fündig geworden
Hallo Dark Angel,
die Antwort auf Deine Frage ist nicht einfach, da sie sehr unpräzise ist. Meinst Du die „deutsche“ Sprache? Selbst wenn, gibt es starke regionale Unterschiede. Sprach man im südlichen Sprach das schlechtweg als Mittelhochdeutsch bekannte Ideom, waren es in anderen Regionen andere (z.B. Mittelniederdeutsch, Mittelniederländisch etc.) Und auch die Quellen dieser Zeit spiegeln weitestgehend nur eine gewisse Hochsprache wider, hält man sich vor Augen, wer schreiben konnte und aus welchen Anlässen geschrieben wurde (z.B. Urkunden oder Chroniken, Gesetzestexte etc.) Die Beispiele für Vulgärdeutsch egal, welche "deutsch"sprachige Region Du meinst, sind höchst selten.
Ich denke Deine Frage läßt sich nicht so einfach und pauschal beantworten.
Noch viel Glück bei Deiner Suche nach einer (befriedigenderen) Antwort
ja, ich weiss, dass es da enorme unterschiede gegeben hat usw.
mir ging es auch eher um die förmlichkeit, sprich, hat ein Bauer zb. auch eine andere person mit Ihr bzw Euch angeredet oder wurde dort gedutzt? war also das anreden in der dritten person nur in adelskreise usw. ansässig? oder standesunabhängig nur an bekanntheit gemessen, sprich freunde etc. wurden gedutzt, fremde und höher gestellte in der dritten person angeredet? ich denke wenn das dies doch eher von der regionalen sprache unabhängig war
du und ir
Gestern hab ich in einem schlauen Buch nachgeschaut. Kurz zusammengefasst geht die Tentenz zum höfischen „ir“ und zum intimen „du“. Da sich diese Attribute nicht gegenseitig ausschließen, sind natürlich viele Variationen möglich. Wenn Du es genau wissen willst, dann lese selber nach:
Otfrid Ehrismann, „Ehre und Mut, Avetiure und Minne, Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter“ C. H. Beck, 1995, S. 55-60
Wenn Du es ganz genau wissen willst:
Gustav Ehrismann, „Duzen und Ihrzen im Mittelalter“, in: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 1 (1901), S. 117-149, 2 (1902) S. 118-159, 4 (103), S. 210-248, 5 (1904), S. 127-220.
mit etwas suchen habe ich noch etwas gefunden. Es betrifft zwar nicht das Mittelalter, aber vielleicht kann man doch den ein oder anderen Schluß daraus ziehen und/oder das Literaturverzeichnis für weitere Vergleiche heranziehen. Ich kenne das Buch und habe es vor einigen Jahren gelesen, finde es aber zur Zeit nicht, so daß ich Dir nichts genaues mehr sagen kann. Ich weiß nur, daß es in Teilen Deine Thematik (jedoch für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts) behandelt:
Gerda Grober-Glück: Die Anrede des Bauern und seiner Frau durch das Gesinde in Deutschland um 1930 unter volkskundlicher und soziolinguistischen Aspekten nach Materialien des Atlas der deutschen Volkskunde. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1994, 212 S. (=Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte 28)
Ich hoffe, Dir hiermit etwas konkreter geholfen zu haben, viele Grüße
Also, das mit der sprache im MA war so: Adel, Klerus etc. haben, um sich vom Volk zu distanzieren, Latein gesprochen. Mittelhochdeutsch war die niedere Volkssprache, die natürlich jeder sprechen konnte. Innerhalb der Bauernschaft zum Beispiel wurde natürlich gedutzt. Deren Sprache war viel derber als heute (vgl. Dil Ulenspigel). In den höfischen Romanen ist es so, wie es schon gesagt wurde: da gab es du und ir. Aber eigentlich fand die Zäsur zwischen niederm und oberem Stand in den Lateinkenntnissen statt. Am besten finde ich das Buch von Joachim Bunke: Höfische Kultur, dort werden alle Alltagsthemen des MA abgehandelt.
Ganz sicher kann man da wohl nie sein. Hier meine bruchstückhaften Kenntnisse:
In einem althochdeutschen Spruch sagt ein Mann zu einem anderen, den er anscheinend nicht kennt: „Wes, man gestu? Zu nerisestu?“ (Warum, Mann, gehst du? Warum reitest du nicht?) Im Hildebrands- und Nibeluingenlied duzen sich alle. Im Parzival fragt P. den König Amfortas „Äheim, waz wirret dir?“ (Onkel, was fehlt dir?). In Luthers Bibelübersetzung gibt es ausschließlich das Du (auch als Anrede an Gott). Auch im Eulenspiegel-Volksbuch wird geduzt.
Außerdem gibt es noch die Anrede in der 3. Person Singular gegenüber Niedriger Gestellten („Hat er die Arbeit schon gemacht?“).
Da sich in Mundarten oft ältere Bräuche lange halten: In Bayern pflegten sich Bauernehepaare mit „Bauer“ und „Bäuerin“ anzusprechen und zu duzen.