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Re: Teil Eins bis Drei
Hallo Django,
Wenn ich den Zeitraum aus dem Eindreivierteljahrtausend
zwischen 200 und 1950 nennen sollte, in welchem es den
Menschen in Europa noch am besten ging, würde ich sagen:
Zwischen 1100 und 1250. Die Verehrung der deutschen
Kaiserherrlichkeit, des Rittertums, der Minnesänger etc.
(sowohl durch die Romantik wie auch heute) ist für mein
Empfinden eine Erinnerung daran, daß es in dieser Zeit keinen
Hunger und wenig soziale Konflikte gab.
Nun, das ist eine sinnvolle Definition von Mittelalter: Kaiser/Königs-Herrlicheit (politisch), Rittertum (gesellschaftlich) und Minnesänger (kulturell)
Die Kleinstaaterei und die adlige Gutsherrschaft, die
"mittelalterliche" Grausamkeit des Strafrechts, die Pest und
andere Seuchen sind Erscheinungen des ZWEITEN Mittelalters ab
etwa 1350. Auffallend auch: Die Städte, deren Entstehen und
deren Geldwirtschaft für mich die Trennlinie zwischen erstem
und zweitem Mittelalter bilden, vergrößerten sich zwischen
1350 und 1800 praktisch nicht.
Diese Sichtweise ist meiner Meinung nach zu stark auf den deutschen Teil des Hlg. Röm. Reiches dt. Nation (HRRDN) fixiert. In dieser Zeit stiegen andere Reiche zur Großmacht auf, das HRRDN hatte seine Glanzzeit hinter sich.
Beispielsweise endet die Kleinstaaterei in Spanien mit dem fall des Königreichs Granada, die Reconquista ist beendet. Ferdinand und Isabella gehen daran, einen Zentralstaat zu schaffen (so geht die erste Grammatik für Kastilisch, also spanisch, auf ihre Bestrebungen zurück, eine einheitliche Verwaltungsstruktur zu schaffen.) Parallel zur Schaffung eines "spanischen Reiches" (Navarra wird 1515 in die Kastilische Krone inkorporiert, die Annexion Portugals misslingt), wird das spanische Kolonialreich aufgebaut. Gleichzeitig geht die halbwegs friedliche und fruchtbare Koexistenz der drei Kulturen mit dem Fall Granadas zuende. Die Verfolgung Andersgläubiger oder der "neuen Christen" wird immer brutaler. Die "conversos" werden immer wieder verdächtigt noch ihrer alten Religion nachzugehen (sie waren bekehrte Juden oder Muslime). Diese Entwicklung ist mit Blick auf die Schaffung eines Zentralstaates zu sehen und damit leider ein neuzeitliches Phänomen.
In meinen Augen ist daher in Spanien das Mittelalter spätestens 1492 zuende.
Ähnlich kann in Frankreich das ende des Mittelalters mit der Verfolgung des mittelalterlichen Ideals par excellence, dem Ordensritter, festgemacht werden.
In der ersten (nach der Antike) gut koordinierten Polizeiaktion der Geschichte wird am 13. Okt 1308 ein großer teil der Mitglieder des Templerorden in Frankreich auf Befehl Phillipe des Schönen verhaftet. Adelige werden dabei von gemeinen Bütteln des Königs verhaftet. Im anschließenden Prozess werden die Templer durch ein weltliches Gericht zum Tode verurteilt (eigentlich ein Justizmord, da die Templer nicht der Gerichtsbarkeit des franz. Königs unterstanden und die vorwürfe haltlos waren.) Ein mächtiger Militärorden wurde vernichtet. Und was geschah? Nichts, kein Krieg. Die Glanzzeit des Rittertums war vorbei.
Anderes Beispiel: Die Schlacht bei Poitiers 1356, in der fast die gesamte Blüte des französischen Adels ums Leben kam (im wesentlichen gegen gewöhnliche Bogenschützen) oder das Gesicht durch eine schmähliche Flucht verlor. Auch hier ist die Zeit der Ritter vorbei.
Die Moderne beginnt dort, wo diese Erscheinungen verschwinden.
Zitat von weiter oben:
#Die Kleinstaaterei und die adlige Gutsherrschaft, die
#"mittelalterliche" Grausamkeit des Strafrechts, die Pest und
#andere Seuchen sind Erscheinungen des ZWEITEN Mittelalters ab
#etwa 1350.
Einspruch: Kleinstaaterei ist ein Zeichen für den Niedergang eines reiches, aber als Merkmal für "Mittelalter" ungeeignet. Neueste Gegenbeispiele: Zerfall der SU, Jugoslawien
Pest und andere Seuchen: Syphillis kam mit den Entdeckern aus der neuen Welt. Seuchen sind auch heute noch eine Bedrohung für arme Länder. Seuchen sind eher ein Kennzeichen von Armut.
"mittelalterliche" Grausamkeit des Strafrechts = Einsatz der Folter zur "Wahrheitsfindung". Was ist mit Chile unter Pinochet, SU unter Stalin, Spanien unter Franko?
Um eine Zahl zu sagen: 1789. Das 19. Jh. bringt zunächst die
Industrialisierung, dann die moderne Medizin. Innerhalb eines
Jahrhunderts verdoppelt sich die Lebenserwartung der Menschen
(zumindest in Europa). Die Habsburger haben von 1439 bis 1806
(mit einer kurzen Unterbrechung in den 1740er Jahren) immer
den deutschen Kaiser gestellt. Diese Kaiser hatten die
Gefahren der Kindheit schon hinter sich, als sie den Thron
bestiegen; sie hatten keinen Hunger zu leiden; die Medizin gab
für sie gewiß das Beste, was sie hatte; und trotzdem waren die
Habsburger Kaiser durchschnittlich in 57. Lebensjahr, als sie
starben. Ein durchschnittlicher 57jähriger von heute hat noch
Jahrzehnte zu leben.
Und ab 1825 gibt es ein ganz charakteristisches Merkmal der
Moderne: Die regelmäßigen Wirtschaftskrisen. Vor dem traten
Mangelkrisen auf infolge Mißernten dgl.; mein Lehrer Professor
Speer sagte: Krisen älterer Art. Die erste
Überproduktionskrise ("Rezession"; nicht zuwenig Produkte,
sondern mehr Produkte, als verkauft werden können; potentielle
Konsumenten sind da, aber sie können nicht bezahlen) ereignete
sich 1825-27.
Moderne ist also: Industrie, Medizin, Überproduktionskrisen.
Das ist die zeit, in der wir leben. Moderne ist auch: Armut, Krieg und Kleinstaaterei, politische/religiöse Verfolgung, grausame Justiz und sogar teilweise das Verschwinden von Geldwirtschaft (Bolivien in der Zeit der extremen Inflation. Man ging wieder zu Tauschhandel über).
Dies gilt speziell für Afrika und Mittel/Südamerika, die sehr stark von der europäischen Kultur geprägt wurden.
Zusammenfassend finde ich deinen Versuch, den Begriff "Mittelalter" über wirtschaftliche Phänomene zu definieren, sehr interessant. Allerdings ist er zu weit gefasst, es lassen sich noch weitere „Mittelalter“ finden, sodass der Begriff fast schon beliebig wird (Z.B. Somalia, vom Krieg zerfressen, von Seuchen und Hunger geplagt, von vielen kleinen Kriegsherren regiert, oder Angola, ex-Zaire, auch in Mittelamerika wird man fündig, oder auf dem Balkan). Dein Mittelalterbegriff erscheint als Synonym für eine Gesellschaft in Krisenzeiten und ist für eine sinnvolle geschichtliche Abgrenzung meiner Ansicht nach ungeeignet.
Grüße Robert
PS. Zu Teil Zwei: Kennst du schon: H.H. Lamb, „Klima und Kulturgeschichte – der Einfluß des Wetters auf den Gang der Geschichte“, Rowohlt ISBN 3 499 55478 X ?