Antwort von
nach 198 Tagen
hilfreich
Re^3: Karl der Große
#Hallo BernStucki
"Ich persönlich bevorzuge die Illig'sche
These, daß wir uns eigentlich erst etwa
am Ende des 18. Jh. befinden, weil die
Epoche um Karl den Großen eine Fälschung
ist (so Illig, der das Ganze ziemlich gut
untermauert)."
Nun würde mich interessieren, wie diese
Untermauerung von Herbert Illig aussieht
und was die anerkannten Historiker dazu
meinen.
#Lies mal "Karl der Fiktive" oder die von Illig herausgegebene Zeitschrift "Zeitensprünge". Illigs Untermauerung ist auf jeden Fall überzeugender als die "anerkannten" Historiker, finde ich.
Die Illigsche Theorie der fehlenden 300
Jahre Mittelalter ist ziemlicher
Nonsens. Illig geht davon aus, daß die
Jahre 614 bis 911 erfunden sind (u.a.
weil es so wenig Dokumente über das Leben
und Wirken von Karl dem Großen gibt). Es
gibt aber einen einfache Fakt, wodurch
jeder selbst feststellen kann, ob die 300
Jahre fehlen oder nicht:
Gehen wir davon aus, daß die Jahre 614
und 911 direkt aufeinander folgen, dann
gibt es in der Menschheitsgeschichte ein
Phänomen. Im Jahre 614 befand sich der
Islam gerade in seinen Anfängen. Im Jahre
622 - das laut Illig nie stattgefunden
hat - mußte Mohammed aus Mekka nach
Medina fliehen (gilt als der Beginn der
islamische Religion).
#Die Gleichsetzung des Jahres, in dem Mohammed von Mekka nach Medina floh, mit dem christlichen Jahr 622 ist erst Hunderte von Jahren später vorgenommen worden (auch die Päpste haben erst im sehr späten Mittelalter die christliche Zeitrechnung verwendet)
Im Jahre 911
hingegen existierte ein islamisches
Reich, das von Spanien über ganz
Nordafrika und dem Nahen und Mittleren
Osten bis an die Grenzen Indiens reichte.
Wenn laut Illig auf das Jahr 614 das Jahr
911 folgt, müßte die Ausbreitung des
Islam über Nacht erfolgt sein. Wie kann
das nur passiert sein?
# Indem (bei Auslassung der chr. Jahre 614-911) der Beginn der islamischen Ausbreitung in das chr. 4. Jh. rückt.
bin etwas überrascht über die Aussage
"... gibt wenig über ... Leben und Wirken
Karls d. Gr. ... ".
Es gibt dicke Bücher über ihn.
Meilensteine sind die Schlacht bei Tours
und Poitiers im Jahre 7xx (sein
Grossvater Karl Martell), der Versuch
K.d.Gr. Spanien von den Mauren zurück zu
erobern, die Kaiserkrönung
800, die sogenannte Christianisierung der
Sachsen, die Einführung der lateinischen
Schrift, damit die Germanen endlich mal
richtig schreiben lernten usw. usw.
#All diese Ereignisse sind nur Dokumenten zu entnehmen, die viele hundert Jahre später geschrieben wurden. Materielle oder kulturelle Überreste, die diese Ereignisse wirklich für die Zeit um und nach 800 belegen, gibt es nicht. Das ist ja gerade eines der Probleme, auf die Illig immer wieder auf den Gebieten Stratigraphie, Architektur, Technik, Friedhöfe, Originalurkunden hinweist und die von den etablierten Historikern ignoriert oder spekulativ kommentiert werden.
Ich erinnere hier an den sogenannten "Vollziehungsstrich" auf Urkunden, der angeblich deren Echtheit und Zuordnung zu Karl d. Gr. beweisen soll. Tatsache ist aber lediglich, dass dieses kleine Strichlein auf einigen Urkunden vorhanden ist und auf anderen nicht. Dieser Strich ist auch nie klar als später, d.h. nach dem Schreiben der eigentlichen Urkunde, hinzugefügt zu erkennen, Er ist nicht breiter oder schmaler als der Anfangsstrich im Monogramm, sondern stets dessen exakte Fortsetzung, ohne dass ein Neuansetzen der Feder durch Karl oder wen immer zu erkennen wäre. Es gibt auch kein Dokument aus Karls angeblicher Zeit, das die Bedeutung als Vollziehungsstrich nennt, und bei nährerer Betrachtung ist festzustellen, dass es überhaupt keine Original-Schriftdokumente aus der "offiziellen" Karlszeit gibt, sondern immer nur sehr viel spätere "Abschriften".
Gruss, Helmut