Liebe Ann, eine ganz subjektive Antwort.
Bei allen Dingen, für die ich mich interessiere, die ich also nicht aus Spaß an der Freude allein tue, obwohl viele Interessen auch Spaß machen, leitet mich immer die Frage:
Wie kommt es oder wie ist das gekommen?
Nun ist das Mittelalter neben der Antike, die ich von Homer bis zur Völkerwanderung datiere, und der ägyptischen und der Zweistromkultur als Vorspiel, die Zeit, die unsere heutige Zeit hervorbrachten.
Was in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Literatur, zwischenmenschlichen Beziehungen, kurz in allen Bereichen unseres Lebens heute gilt, wirkt, zerfällt, sich verändert, neu entsteht, hat seine Wurzeln im Mittelalter, das seinerseits schon eine Reaktion auf die Antike war, aber auch ganz neue Dimensionen eröffnete.
Im folgenden betrachte ich nur die nordeuropäische, deutsche Entwicklung, was eine schreckliche Verkürzung darstellt, angesichts der Beiträge Italiens, Spaniens, Frankreichs u. a. Länder, die arabische Welt mal gar nicht erwähnt. Auch beschränke ich mich auf literarische Phänomene.
Nehmen wir nur mal den Begriff „Liebe“ (Eros), bei den Griechen gab es Liebe nur zwischen Männern (ich vereinfache etwas), es war das Mittelalter, das die Liebe als Minne zwischen Mann und Frau - als Hohe Minne zuerst, wo sie noch fast religiöse Dimensionen hat, dann, um die „Niedere Minne zu überspringen, als Ebene Minne - entwickelte.
Die Minnelyrik ist der Ort, wo der Europäer gelernt hat ICH zu sagen und zu denken. Das Individuum, wie wir es hier und heute kennen, wie es das nicht überall gab und gibt, fand in den Epen Hartmanns, Wolframs, Gottfrieds, um nur die drei zu nennen, erstmals beredten Ausdruck. Vielleicht sind die Helden, von Parzival vielleicht abgesehen, noch mehr Charakter- oder „Märchen“typen, aber an diesen Typen bildeten sich die Individualitäten. Am Ende des MA stehen dann Leute wie Oswald von Wolkenstein, Hans Sachs und als speziell deutsches Unglück Martin Luther, fassbare, ausdifferenzierte und komplexe Individuen.
Das ausgehende 18. Jhdt. hat dann die Möglichkeit ins Auge gefasst, dass Liebe auch etwas mit der Ehe zu tun haben könnte und die Ehe als Bund zweier gleichberechtigter Liebenden entdeckt. Ein Missgriff, wie ich meine. Ein völlige Überforderung von Mann und Frau.
Ich bin also mehr an den literarischen Zeugnissen, der Lyrik und den Epen, des MA interessiert. Zur Zeit lese ich - wieder einmal - Erec und Iwain parallel.
Über die Schwierigkeiten, den Alltag der Leute kennenzulernen, zu verstehen, hat eine Vorrednerin schon gesprochen.
Ich habe als Knabe begonnen, mich fürs MA zu interessieren durch die Lektüre einer für die Jugend bearbeiteten Fassung des Parzivals.
Ich wünsche allen anderen MA-Interessierten weiterhin viel Spaß dabei!
Fritz Ruppricht