Hallo,
nachdem ich nun von Muschg den „Parzival“ gelesen habe und mittendrin im Whites „König auf Camelot“ bin, stellt sich bei mir die Frage, wer denn nun den Gral gefunden hat. Ich vermute mal, dass es aufgrund verschiedener Sagens-Bereichen bzw. Niederschriften unterschiedliche Geschichten gebildet haben. Im Parzival war es ja er alleine, der eher zufällig zum Gral kam. Bei Artus waren die Ritter nach dem Gral ausgeschickt, wobei Percy und Galahad ja zusammen mit Bors den Gral gefunden haben.
Meine Frage: Stimmt meine Vermutung über unterschiedliche Erzählsträngen? Wieso dann derselbe Name?
Hinweis: Ich frage nicht, ob es eine Ursprungsquelle oder einen „geschichtlichen Percy“ gibt. Aber ich frage, ob die neuen Schriftsteller den ursprünglichen Text verändert haben.
wenn du vermutetest, dass es mehrere Erzähltraditionen gibt.
Ganz grob gesprochen:
eine kontinentale mit Chretien de Troyes und Wolfram von Eschenbach und
eine keltisch-britische mit dem Hauptsammler Malory - dessen Textsammlung zu Artus gibt es als Fischertaschenbuch, drei Bände, ISBN 3-458-31939-5 Buch anschauen - auf den sich z. B. White stützt.
Diese verschiedenen Traditionen bedingen die unterschiedlichen Familiengeschichten von Parzival und die Unterschiede beim Auffinden des Grals.
Die kontinentale ist genauer und konzentrierter erzählt, man merkt das dichterische Bemühen der Autoren.
Die insulare, da Malory alles zum Thema gehörige sammelte und unterbringen wollte, etwas wirrer, da es Dopplungen, ja Triplungen gibt.
Aber lies selber, ich will dir die weitere Lektüre nicht durch zu viel Verraten verderben.
Also nach White dann: Malory und zwischendurch immer mal wieder den Wolfram, der einfach die beste Gestaltung der Geschichte hat, im Original und in den verschiedenen „Nachdichtenden Übersetzungen“.
Wenn du dir noch einen Exzess erlauben willst, nimm noch Wagners Fassung hinzu. Aber das muss nicht sein.
eine gute quelle ist natürlich noch Robert de Boron, seine Grals-Geschichte.
einen „ursprünglichen“ Text gibt es nicht - bestenfalls als Fiktion der Philologen des 19. Jhs, die immer nach dem „unverdorbenen“ Text gefahndet haben.
Auch WvE spielt mit dem „Gral“, mal Kelch, mal Stein, mal Komet etc. - ich denke, er treibt es am weitesten, der Gral wird eher zum Inbegriff einer genealogischen Phantasie eines aggressionslos weitervererbten Rittertums, bei dem die Frauen nicht in den Wald flüchten müssen, weil ihre Kinder später als Männer und Ritter abgeschlachtet werden.
Am konsequentesten setzt dieses „kulturkritischen“ Blick tatsächlich T.H. White um.