Liebe & Partnerschaft
Von: Μеtарһеr, 25.7.2009 17:02 Uhr
Da der interessante Thread von Tokei-ihto
http://www.wer-weiss-was.de/liebe-partnerschaft/bezi...
leider bereits nach unten versunken ist, will ich die Frage bzw. das Thema ("was sind Beziehungsunfähigkeiten") hier nochmal aufgreifen.

Ich glaube, die Variante, wo "ich bin bezehungsunfähig" nur benutzt wird, um sich elegant (und mit dem Motiv, Verletzung zu vermeiden, oder einfach aus Feigheit, Stellung zu beziehen) im wahrsten Wortsinn "aus der Affäre zu ziehen", kann man sicher wirklich als Beitrag zum Thema abhaken.

Derweil gibt es tatsächlich eine Reihe von Persönlichkeitsstrukturen (und damit sind nicht nur (v)erlernbare Verhaltensmuster gemeint), die in eine Lebensgemeinschaft (das verstehe ich hier und jetzt unter "Beziehung") Sprengstoff eintragen. Sie sind meist anfangs nicht erkennbar, daher machen sie sich erst bemerkbar, wenn der gemeinsame Lebensalltag einen breiteren Raum eingenommen hat, und also die Lebensgemeinschaft bereits zur Faktizität geworden ist.

Grundsätzlich gilt aber: Beziehungs-Unfähigkeit sagt etwas aus über die Stabilität von Beziehungen, aber - so paradox das jetzt klingen mag - keineswegs über deren Dauer. So jedenfalls die Beobachtung aus vielen hundert Beziehungkonflikten bzw. Beziehungsbiographien.

Beziehungen setzen voraus, daß die Partner sich aufeinander zu beziehen imstande sind. Das wiederum setzt voraus, daß jeder in sich eine stabile Persönlichkeit ist, die dem Anderen auf Augenhöhe zu begegnen imstande ist, also weder submissiv-servil, noch dominierend-herabwürdigend. Das heißt: Keiner von beiden darf es nötig haben, den anderen für seine eigene (emotionale!) Stabilität emotional auszusaugen (zu vampirieren) und keiner darf sich entsprechend emotional aussaugen lassen.

Auch gegenseitige Bewunderung darf nicht dazu führen, als problematisch empfundene Eigenschaften des Partners (die gibt es in jeder Partnerschaft) blauäugig zu übersehen oder unreflektiert zu überspielen. Sie müssen auch dann und wann und bei Gelegenheit zum Gegenstand kreativer und einvernehmlicher Auseinanderstzung machbar sein. Dann erst kann sich jeder der beiden als "ganzer Mensch" in der Partnerschaft "aufgehoben" und vertrauensvoll anerkannt fühlen.

Es gibt bereits einige "grundsätzlich" formulierte Archiv-Artikel (meist aus dem Psycho-Brett) über damit zusammenhängende Inhalte:

[Beziehung - mal anders gesehen]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

[Bindungsangst = Verlustangst]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

[Beziehung und Vampirismus]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

[Beziehungsspiele]
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

Sowie eine der destruktivsten Beziehungs"techniken", die aber am schwersten zu durchschauen ist und daher oft von Außenstehenden schneller erkannt wird, als vom betroffenen Partner selbst (und auch meist vom handelnden Partner nicht!):

[Emotionale Erpessung]
http://www.wer-weiss-was.de/psychologie/krankheit-al...
http://www.wer-weiss-was.de/psychologie/vorwuerfe#28...

Der Grund, weshalb Beziehungsunfähigkeiten manchaml sehr langdauernde, aber unstabile Lebensgemeinschaften bilden. Dann nämlich, wenn auf beiden Seiten komplemantäre destruktive Verhaltensweisen vorliegen, die folglich passen wie Topf und Deckel:

http://www.wer-weiss-was.de/liebe-partnerschaft/schw...
http://www.wer-weiss-was.de/psychologie/narzistische...

sowie dies hier in einem ebenfalls von Tokei-ihto gestarteten Thread:
http://www.wer-weiss-was.de/psychologie/allgemeine-f...

Zur Rolle der Kindheit bei dieser Fragestellung
http://www.wer-weiss-was.de/psychologie/erziehungsfe...

wobei die gängigen "frühkindliche Störungen"-Theorien auch zurecht heftig kritisierbar sind:
Ursula Nuber: Der Mythos vom frühen Trauma
ISBN 3-10-051922-1 [Buch anschauen]

Generell entstehen langdauernde, aber extrem instabile Beziehungen, die bei passenden Trigger-Situationen entweder explosiv enden, oder in jahrlangen Quälereien dahinsiechen (besonders, wenn der Partner mit seinen Eigenschaften komplementär dazu paßt), bei folgenden Gegebenheiten, die letztlich alle auch irgendwie gekoppelt sind:

Die häufigste: Inner-persönliche Konflikte - Unvereinbare Idealvorstellungen von Beziehungstypen und/oder Partnern. Konflikte also, die nur zu bewältigen sind durch kognitive Entscheidungen, die aber irgendwann (Trigger-Situationen) zu Fall kommen bzw. nicht mehr eingehalten werden können. So z.B. Konflikt zwischen der Idee von Promiskuität oder Libertinage zugleich mit der Idee einer lebenslangen Treuebeziehung. Zwischen einem optimal fluktuierenden daily-life und geistigen, intellektuellen Bedürfnissen, die der Partner nicht teilen kann. Zwischen ungebundener Abenteuerlust und verantwortungsvollem family-life. Zwischen Kinderwunsch und entschlossener Kinderlosigkeit.

Maligne Persönlichkeitstörungen ganz allgemein (weil sie ja gerade in brisantem Beziehungsverhalten bestehen). Die "Paarung" von &rarr: Bordeline PS mit → Narzißtischer PS ist interesanterweise auffallend häufig. Auch oft langdauernd, aber tagtäglich an der Abbruchkante.

Zwanghaftes Kontrollverhalten - einhergehend mit extremer, als existenzbedrohlich erlebter und daher oft mit Aggression beantworteter Eifersucht<

Verschmelzungswahn - einhergehend mit extremer, als existenzbedrohlich erlebter und daher oft mit Aggression beantworteter Verlustangst, die die Ketten um die Beziehung immer enger zieht, was (insbesondere, wenn es beiderseitig vorliegt) zu regelrechten symbiotischen Beziehungen führt, die sich sukzessive nach außen isolieren, sich aber innerlich emotional aushöhlen.

Verlustangst ist jedoch zugleich eines der stärksten Bindemittel in Beziehungen. Aber eines, das sich eben nur auf die Dauer auswirkt, nicht auf die Stabilität. Sie ist Sprengstoff, weil sie dazu führt, daß bereits erkannte trennungsrelevante Unverträglichkeiten einbetoniert werden. Hierzu gehört btw. auch die Angst, ein Lebensideal (z.B. eine Ehe zu führen, als "verheirat" zu gelten, auch soziale Sicherheit usw.) aufgeben zu müssen. Das bindet, aber es ist Sprengstoff, weil es nur äußerlich-formell, nicht inhaltlich-emotional bindet.

Emotionale Erpressung - "wenn du dich anders verhältst, als ich will, muß ich leiden" (siehe die Links oben), fatalerweise meist gepaart mit der Partnereigenschaft der
Bereitschaft zur Opferrolle - wo nach und nach Eigenschaften, Vorlieben, Interessen, Begeisterungen usw. aufgegeben werden, weil sie in das engere Weltbild des Partners nicht hineinpassen

Konfliktunfähigkeit - insbesondere die Weigerung, Stellung zu beziehung, Verhalten zu begründen, Fehler einzugestehen, Unfähigkeit, Kritik anzuerkennen und Konsequenzen daraus zu ziehen, Unfähigkeit, problematische Gefühlslagen dialogisch auszuagieren, aber eben auch komplementär dazu - die Unfähigkeit bzw. fehlender Mut, Kritik zu äußern, "nein" zu sagen und "ich will das nicht!" zu sagen

Defizitäres dialogisches Verhalten generell - Unfähigkeit, sich dem Partner verstehbar zu äußern, sich (und seine Gefühle oder andere Anliegen) dem Partner zu vermitteln, Gesprächsblockaden, Verweigerung des problemorientierten, lösungsorientierten Gesprächs (der häufigste Trennungsgrund von Frauen von ihren Männern: "Er spricht nicht mit mir", "Er läßt nicht mit sich reden")

Gruß
Metapher



  1. Antwort von ΑΑdlеr (abgemeldet) 3
    Re: Liste der dramatischsten Beziehungunfähigkeite
    oder einfach so,
    lieber Metapher,
    (Dir habe ich das Zitat schon mal geschickt):

    „Nur eine Hoffnung durfte und wollte sie sich nicht offen lassen, denn wenn sie in fast dreißig Jahren keinen Mann getroffen hatte, einfach keinen, der von einer ausschließlichen Bedeutung für sie war, jemand, der stark war und ihr das Mysterium brachte, auf das sie gewartet hatte, keinen, der wirklich ein Mann war und nicht ein Sonderling, Verlorener, ein Schwächling oder einer dieser Hilfebedürftigen, von denen die Welt so voll war, dann gab es den Mann eben nicht, und so lange es diesen neuen Mann nicht gab, konnte man nur freundlich sein und gut zueinander, eine Weile. Mehr war nicht daraus zu machen, und es sollten die Frauen von Männern am besten Abstand halten, nicht zu tun haben miteinander, bis beide herausgefunden hatten aus einer Verwirrung und der Verstörung, der Unstimmigkeit aller Beziehungen. Eines Tages würde dann etwas anderes kommen, aber nur dann, und es würde stark und mysteriös sein und wirklich Größe haben, etwas, dem jeder sich wieder unterwerfen konnte.

    Gruß,

    Anja
    1 Kommentare
    • Neid der Götter :-)
      Liebe Anja,

      stimmt, wer sollte es gründlicher gewußt haben als Ingeborg Bachmann ...

      Aus einem leicht resignativen Abstandnehmen von den Ansprüchen "mysteriöser" Grenzüberschreitung ... und so lange es diesen neuen Mann nicht gab, konnte man nur freundlich sein und gut zueinander, eine Weile. Mehr war nicht daraus zu machen
      ... zu einem neuen kraftspendenden Aufschwung von Hoffnung ... Eines Tages würde dann etwas anderes kommen, aber nur dann, und es würde stark und mysteriös sein und wirklich Größe haben, etwas, dem jeder sich wieder unterwerfen konnte.
      ... auch wenn meist dann, sobald es handgreiflich in der Tür steht, dem Schicksal irgendein Trick einfällt, seine Realität zu verhindern.

      Anders als Platon meinte, sind die Götter wohl doch neidisch :-)

      Gruß
      Metapher
  2. Antwort von Dіnе 1
    Einfach nur klasse! owT
    Gruß
    Dine
    • Antwort von Μаrtіn 0
      Re: Liste der dramatischsten Beziehungunfähigkeite
      Hallo Metapher!

      Danke für den ausführlichen Bericht!

      Du schriebst auch, dass sich die Kindheit auswirkt, es aber auch Meinungen gibt, dass sich die Kindheit nicht auf die Beziehung auswirkt.

      Wie ist hier Deine Persönliche Meinung?

      Was kann der Partner / die Partnerin tun, wenn es in der Kindheit des Partners dramatische Ereignisse gegeben hat?

      Zum Beispiel:

      Was oft vor kommt: Wenn die Erwachsene Person ein ungewolltes Kind war: Also zum Beispiel, dass ein Elternteil dem Kind immer wieder gesagt hatte, dass es eigentlich nicht auf der Welt sein sollte, nicht geplant war und unnütz ist. Was so weit geht, dass das Kind im Volksschulalter Selbstmordversuche macht. (muß dann schon sehr Heftig sein)

      Zweites Beispiel:
      Wenn der Erwachsene als Kind regelmäßig sexuell Missbraucht wurde

      drittes Beispiel:
      Wenn der Erwachsene als jugendlicher, Sexuell vergewaltigt wurde

      Was kann hier der Partner dieses Erwachsenen tun? Wenn der Erwachsene in Psychologischer Behandlung ist und wenn er es nicht ist?

      Liebe Grüße

      Martin
      3 Kommentare
      • Folgen von Kindheitserlebnissen
        Hi Martin, Du schriebst auch, dass sich die Kindheit auswirkt, es aber auch Meinungen gibt, dass sich die Kindheit nicht auf die Beziehung auswirkt.
        Wie ist hier Deine Persönliche Meinung?
        Nein, daß es eine Auswirkung gibt, steht außer Zweifel. Opponiert wird dagegen (wie z.B. von Ursula Huber, der ich allerdings keineswegs komplett zustimme), eine Art Kausalgesetz vorauszusetzen. So etwa:

        Wenn traumatisch belastete Kindheit, dann → schwere Störung im erwachsenen Beziehungserleben und -verhalten

        und zwar 1:1, grundsätzlich, immer.

        Und besonders die Umkehrung

        Wenn schwere Störung im erwachsenen Beziehungserleben und -verhalten, dann ← traumatisch belastete Kindheit

        So etwa: Alle Menschen, die ihre Kinder verprügeln, sind selbst als Kind verprügelt worden
        Oder: Alle Kinder, die verprügelt werden, werden später auch ihre Kinder verprügeln

        Oder: Jeder Verlustangstgeplagte wurde von seiner Mutter nicht vertrauensvoll geliebt

        Dem widersprechen die Biografien, denen man real begegnen kann. Eine All-Aussage ist ja bekanntlich bereits durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegt.

        Ahnlichen gefährlichen Unsinn - etwa bezüglich sexueller Übergriffe - kann man sich selbst konstruieren. Spätere Folgen von Traumata hängen sehr deutlich von der darauffolgenden Biografie ab, von der Art, wie sie bewältigt wurden und vor allem, wie und ob sie mit Vertrauenspersonen zeitnah genug kommuniziert wurden.

        Eine erpresserische Bedrohung durch einen Schweigebefehl des Täters, der aus Angst befolgt und nicht aufgelöst wird, ja, der wird ganz sicher erhebliche Folgen haben. In solchen Fällen wird das Erlebte oft erst Jahrzehnte später überhaupt wieder bewußt und dann oft sehr brisant. Solche Entwicklungen sind ja hinreichend dokumentiert.

        Ebenso richten z.B. Mütter, die dem sich outenden Kind das Erlebte leugnen ("Das kann nicht sein. Das kann XY nicht getan haben"), mit Sicherheit Schaden an. Denn dies ist dann oft die noch schwererwiegende Verletzung, die das gesamte System der emotionalen Selbstorganisation zerstört. Was kann der Partner / die Partnerin tun, wenn es in der Kindheit des Partners dramatische Ereignisse gegeben hat?
        Was kann hier der Partner dieses Erwachsenen tun? Wenn der Erwachsene in Psychologischer Behandlung ist und wenn er es nicht ist?
        Der Partner kann und sollte sich darauf verlassen, daß der Andere seine Sensibilitäten schon am besten selbst reguliert. Und darin sollte er nicht eingreifen. Vorausgesetzt, daß der, der die Traumafolgen mit sich schleppt, sich entsprechend auch bemerkbar macht.

        Das Letztere ist aber leider oft nicht der Fall und aus sekundären Gründen, die in seiner späteren Biografie verankert sind, auch nicht möglich. Das zu beheben sollte dann mindestens und unter anderem zu den Aufgaben einer fachkundigen Therapie gehören.

        Wenn eine Therapie im Gange ist, dann wäre es sinnvoll, wenn sich der Partner aus dem Prozess ganz raushält. Auch hier wird der Betroffene schon selbst Wege der partnerschaftlichen Konfliktbewältigung aus der Therapie mitbringen.

        Gruß
        Metapher
      • von Μаrtіn 0
        Re: Folgen von Kindheitserlebnissen
        Hi methapher!

        Vielen Dank!

        Auch für die Aufklärung wie es gemeint war. Aus meiner Sicht ist es wie aus Deiner Sicht so, dass immer die Kindheit eine Rolle spielt.

        Die Frage ist wie.

        Ich hatte mal mit einer Psychologin gesprochen, die auch meinte, dass Personen, die als Kind verprügelt wurden, immer ihre eigenen Kinder schlagen werden.

        Dem Wiederspreche ich entschieden. Das kann auch bewirken, dass diese verprügelten Kinder als Erwachsene sagen: Ich schlage mein Kind sicherlich nie und sich daran auch halten. Ich kenne solche Fälle. Oder: Jeder Verlustangstgeplagte wurde von seiner Mutter nicht
        vertrauensvoll geliebt
        Hoffentlich schreibt jetzt nicht jemand, warum nur der Mutter so viel Bedeutung zugemessen wird.

        Beim Verhalten in der Beziehung selbst glaube ich, dass von der Kindheit eher der Elternteil des anderen Geschlechts wichtig ist. Also bei der Frau ist vor allem in der Kindheit die Beziehung zum Vater wichtig. Und umgekehrt, der Mann, wie in der Kindheit die Mutter zu ihm war.

        Nochmal Danke!

        MfG Martin
      • von Βіrtе 1
        [Team] Ursprungsartikel liegt als FAQ vor
        Hallo,

        Metaphers ursprünglicher Artikel liegt jetzt in einer überarbeiteten Version als FAQ:3166 "Top 10 der besten Beziehungskiller" vor.

        Viele Grüße
        Birte