Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zustande?

Von: , Frage gestellt am Fr, 6. Feb 2004

Hallo,

ich wüßte gern, wie das Phänomen "Persönlichkeitsspaltung" zustandekommt. Wenn ich recht informiert bin, gibt es keine vom Körper trennbare "Seele", sondern nur einen im Laufe einer Sozialisation in einem Gehirn heranreifenden Geist.

Wenn es nun aber psychische Störungen gibt, bei denen zwei oder mehrere verschiedene Persönlichkeiten innerhalb ein und desselben Körpers "wohnen" können, dann wäre obige Theorie schlicht "hinfällig".

Wie kann es sein, daß mehrere "Seelen" ein und denselben Körper "bewohnen"?

Wie schaffen "Seelen" es, sich eines schon besetzten Körpers zu bemächtigen?

Ich möchte Antworten von Wissenschaftlern, bitte nicht von Esoterikern! Danke!

Gruß
Uwe

14 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 37 Minuten 2 hilfreich
    Re: Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zusta

    Hallo:Uwe,
    das Problem fängt ja schon damit an, dass es sich bei dem Wort "Persönlichkeits-Spaltung" nicht gerade um einen wissenschaftlichen Begriff handelt, sondern um einen älteren Begriff aus dem Volk, so ähnlich wie "Kopfgrippe" oder "der hats mit den Drüsen" (wenn er dick ist). Sicherlich gibt es eine direkte Verbindung zu der Diagnose "Schizophrenie"="Spaltungs-Irre-Sein", welche die alte Diagnose "Dementia praecox" ablöste, weil dieser Begriff auch nicht gerade treffend war, denn bei den psychotischen Menschen handelt es sich ja keineswegs um Demente, also Schwachsinnige. Schizophrenie sagt noch nichts über die Intelligenz aus, weder im positiven noch im negativen Hinblick. Die Volksmeinung "Genie und Wahnsinn" träfen fast immer zusammen, kann man auch getrost mal vergessen.
    Du sprichst neben der SPALTUNG noch die MULTIPLE PERSÖNLICHKEIT an, das ist eine spezielle Unterform der Schizophrenie, bei der der Betroffene abwechselnd "glaubt" jemand "Anderes" zu sein, um es mal vereinfacht auszudrücken.
    Gruss , Branden

    • Antwort von nach 54 Minuten 0 hilfreich
      Re^2: Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zus

      Hi,

      kleine Korrektur, es gehört nicht zur Schizophrenie, es ist keine Psychose, es ist eine Frühstörung, also kein somatischer Anteil. Dissoziative Störung. Als Diagnose sehr umstritten.


      Gruß


      Yoyi [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

    • Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
      Re^2: Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zus

      hallo,

      diese diagnose gibt es nicht mehr.
      in den usa werden gegen therapeuten verfahren eingeleitet, die diese diagnose stellen.
      es laufen hunderte schadenersatzforderungsklagen gegen erwähnte therapeuten in den usa.
      nachforschungen des fbi ergaben, daß in nicht einem einzigen falle diese diagnose begründet war. vielmehr handelt es sich um eine vom therapeuten hervorgerufene suggestion.


      strubbel

      • Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zus

        Hi, diese diagnose gibt es nicht mehr.
        Doch, natürlich, sie ist aber umstritten. in den usa werden gegen therapeuten verfahren eingeleitet, die
        diese diagnose stellen.
        es laufen hunderte schadenersatzforderungsklagen gegen
        erwähnte therapeuten in den usa.
        nachforschungen des fbi ergaben, daß in nicht einem einzigen
        falle diese diagnose begründet war. vielmehr handelt es sich
        um eine vom therapeuten hervorgerufene suggestion.
        Problematisch ist, daß es häufig mit straf- und zivilrechtlichen Verfahren verknüpft wird, da es eben um Schwersttraumatisierungen geht. Das sind sehr häufig eben Fälle von langjährigem Kindesmißbrauch. Entsprechend brisant ist der Erinnerungsinhalt, er kann zu erheblichen Zahlungsverpflichtunegn z.B. nach dem Opferentschädigungsgesetz oder auch - seltener, wegen Verjährung - zu strafrechtlichen Konsequenzen führen.

        Deswegen streiten hierbei die Parteien mit ihren jeweiligen Gutachtern erbittert. Häufig werden dann False-Memory-Syndrom vs. Multiple Persönlichkeitsstörung Kämpfe geführt, die aus medizinischer Sicht unsinnig sind.

        Gruß


        Yoyi

        • Antwort von nach 3 Tagen 0 hilfreich
          nein

          hallo yogi,

          du irrst, letztens lief auch eine große ard-reportage dazu: die erfundene krankheit oder so. alle falsch behandelten bekommen schadenersatz.

          strubbel

          • Antwort von nach 3 Tagen 0 hilfreich
            Re: nein

            Hi,

            ich irre nicht, denn, obwohl ich besagte ARD-Reportage nicht gesehen habe, ich lese Fachzeitschriften.

            Sachlich bin ich nahestehend, ich neige auch dazu, diese Diagnose als "zweifelhaft" abzulehnen, trotzdem würde ich keinen Kollegen als "Scharlatan" bezeichnen, der diese Krankheit diagnostiziert.

            Es ist auch sehr schwierig, ich hatte einmal eine Patientin, die diese Diagnose wollte, und ich kenne privat eine Frau, die behauptet, multipel zu sein, man kann es nicht wirklich überprüfen. Es handelt sich dabei im wesentlichen um sehr frühe Erinnerungen und Erinnerungsreste, die durch die verschiedensten therapeutischen Eingriffe und durch Bewertungen aus dem therapeutischen und auch aus anderen Bereichen verfälscht und unbrauchbar werden.

            Wir müssen auf weitere Forschungsergebnisse warten, ich habe jedenfalls die Patientin an einen in diesem Gebiet erfahreneren Kollegen weitergereicht, denn ich glaube, Kompetenz zeigt sich dann am deutlichsten, wenn du erkennst, wo deine eigene endet.

            Gruß


            Yoyi [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

          • Antwort von nach 3 Tagen 0 hilfreich
            nein ?

            Hallo Strubbel,

            ich habe die Sendung gesehen und bin der Meinung, dass man sich über die Existenz dieser Krankheit aufgrund dieser Sendung jedenfalls kein Urteil erlauben kann. Damit will ich keineswegs sagen, dass es das gibt, aber eben auch nicht, dass es das nicht gibt - ich weiß es einfach nicht. Diese Sendung aber war überaus tendenziös, jedenfalls weit entfernt davon, ausgewogen zu sein. Die Interviews sahen aus wie abgesprochen. Jedenfalls hatte ich eher den Eindruck, dass der Film von in irgendeiner Weise Betroffenen gemacht wurde.

            Herzliche Grüße

            Thomas Miller

  2. Antwort von nach 49 Minuten 2 hilfreich
    Re: Gespaltene Persönlichkeit, wie kommt das zusta

    Hi, ich wüßte gern, wie das Phänomen "Persönlichkeitsspaltung"
    zustandekommt. Wenn ich recht informiert bin, gibt es keine
    vom Körper trennbare "Seele", sondern nur einen im Laufe einer
    Sozialisation in einem Gehirn heranreifenden Geist.
    Man spricht heute nicht mehr von "Persönlichkeitsspaltung", höchstens noch bei der sogenannten "multiplen Persönlichkeit", das ist aber in Fachkreisen höchst umstritten. Das Phänomen kommt also gar nicht zustande. Wenn es nun aber psychische Störungen gibt, bei denen zwei
    oder mehrere verschiedene Persönlichkeiten innerhalb ein und
    desselben Körpers "wohnen" können, dann wäre obige Theorie
    schlicht "hinfällig".
    Dazu gibt es wie gesagt eigentlich nur den Begriff der "Multiplen Persönlichkeitsstörung", aber wie gesagt, es ist in höchstem Maße umstritten, ob es das überhaupt gibt oder ob es nicht einfach von hysterischen Personen vorgespielt wird. Wie kann es sein, daß mehrere "Seelen" ein und denselben
    Körper "bewohnen"?#
    Vereinfach gesagt, bei schwersten Traumatisierungen in der Kindheit werden bestimmte Persönlichkeitsanteile komplett abgespalten. Es kommt aber, vor allem bei einem antriggern bestimmter Erinnerungen zu einem "switchen", d.h. der abgespaltene Teil übernimmt die Kontrolle. Dem Patienten ist dabei dann nur jeweils die Erinnerung zugänglich, die sich auf Erlebnisse des gerade "aktiven" Teils bezieht. Über Mechanismen der Identifikation und Projektion übernehmen die verschiedenen Teilpersönlichkeiten sehr unterschiedliche Rollen und können sich deswegen auch hinsichtlich Geschlecht, Alter, Bildung und Charakter stark unterscheiden. Dies erscheint so, als wären unterschiedliche Personen in einem Körper beheimatet.

    Ich habe ernsthafte Zweifel an diesem Konzept.
    Wie schaffen "Seelen" es, sich eines schon besetzten Körpers
    zu bemächtigen?
    Seele ist kein in den Naturwissenschaften gebräuchlicher Begriff.
    Ich möchte Antworten von Wissenschaftlern, bitte nicht von
    Esoterikern! Danke!

    Gruß
    Uwe
    Für weitere Recherchen suche nach dissoziativen Störungen, Frühstörung, histrionische Persönlichkeit.

    Gruß


    Yoyi

  3. Antwort von nach einer Stunde 5 hilfreich
    Re: Dissoziative Identitätsstörung

    Hallo Uwe,

    Du meinst das, was heute als Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bekannt ist. Zu dieser Störung habe ich ein Skriptum angefertigt, in dem ich viele Informationen aus der Literatur zusammengefaßt habe und das ich Dir im folgenden zur Verfügung stelle (5 Seiten).

    Gruß,

    Oliver Walter

    Die Dissoziative Identitätsstörung

    Klinisches Erscheinungsbild

    Die Dissoziative Identitätsstörung zeichnet sich durch die Existenz von zwei oder mehreren Subpersönlichkeiten mit eigenen Erinnerungen, Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühlen aus. Zu einer bestimmten Zeit dominiert eine Subpersönlichkeit das Verhalten des Betroffenen. Gewöhnlich zeigt sich eine der Subpersönlichkeiten, die primäre oder Gastgeberpersönlichkeit, häufiger als die anderen. Die primäre Identität, die den Namen der Person trägt, ist oft passiv, abhängig, schuldig oder depressiv. Andere Identitäten sind oft gegensätzlich (z.B. feindselig). Sie werden so erlebt, als ob sie auf Kosten der anderen die Kontrolle übernehmen (die Identitäten haben Beziehungen untereinander, gelegentlich teilt eine mächtige Identität die aktive Zeit ein). Der Zeitverlust ist gewöhnlich das Symptom, aufgrund dessen sich die Patienten in Therapie begeben. Die Anzahl der Subpersönlichkeiten kann von 2 bis mehr als 100 reichen. Die Hälfte der berichteten Fälle beziehen sich auf Personen mit 10 oder weniger Identitäten. Die Subpersönlichkeiten können auch jeweils in Zweier- oder Dreiergruppen auftreten.

    Der Übergang von einer Subpersönlichkeit zu anderen erfolgt gewöhnlich plötzlich und ist oft dramatisch (meist nach belastendem Ereignis oder künstlich induziert, z.B. durch Hypnose).

    Drei Arten von Beziehungen der Subpersönlichkeiten

    1. wechselseitige Amnesie: keine Kenntnis der einzelnen Subpersönlichkeiten voneinander
    2. wechselseitiges Wissen: Kenntnis der einzelnen Subpersönlichkeiten voneinander (Gegenseitiges Hören, Miteinander Sprechen etc.)
    3. einseitig amnestische Beziehung: Dies ist das häufigste Muster. Es existitieren einige Subpersönlichkeiten mit Kenntnisen über die anderen (ko-bewußte Subpersönlichkeiten), die als "stille Beobachter" die Handlungen und Gedanken der anderen Supersönlichkeiten beobachten, aber nicht mit diesen interagieren. Sie können sich manchmal, während eine andere Subpersönlichkeit dominiert, durch indirekte Mittel bemerkbar machen, z.B. durch akustische Halluzinationen (Stimme spricht) oder "automatisches Schreiben".

    Die Subpersönlichkeiten haben üblicherweise ihren eigenen Namen, was der "Tatsache" gerecht wird, daß sich die Subpersönlichkeiten in verschiedenen Merkmalen voneinander unterscheiden.

    Vier Bereiche, in denen sich Subpersönlichkeiten voneinander unterscheiden:

    1. Persönlichkeitsmerkmale (brav, tugendhaft, religiös, witzig, frech)
    2. Sozialdaten (Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Familiengeschichte)
    3. Fähigkeiten und Vorlieben (Autofahren, Instrumente, Fremdsprachen, Handschriften)
    4. Physiologische Aktivität (Aktivität des vegetativen Nervensystems, Blutdruck, Menstruationszyklus, Hirnströme gemessen durch EEG)

    Häufigkeit der Störung

    Die Störung wird meistens zum ersten Mal in der Adoleszenz oder dem frühen Erwachsenenalter diagnostiziert. Allerdings wird angenommen, daß die Symptome sich bereits in der frühen Kindheit nach Mißbrauchserlebnissen ausbilden (üblicherweise vor einem Alter von 5 Jahren). Studien zufolge wurden 97% der Betroffenen in ihren ersten Lebensjahren körperlich, oft sexuell mißhandelt. Bei Frauen wird die Störung drei- bis neunmal so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Die durchschnittliche Anzahl der Subpersönlichkeiten beträgt bei Frauen 15, bei Männern 8.

    Die Störung ist selten, doch wird sie in neuerer Zeit v.a. in den USA häufiger als früher diagnostiziert (bis 1970: 100 Fälle publiziert; bis Mitte der 70er Jahre: 200 Fälle; Anfang der 80er Jahre: 400 Fälle). Man nimmt als Grund der häufigeren Diagnose an, daß die Störung für authentischer gehalten wird, während sie früher vielleicht häufiger als Schizophrenie diagnostiziert wurde (die Diagnose der Schizophrenie war früher eine übliche Restkategorie, wenn das Verhalten irgendwie seltsam war, man aber nicht so genau wußte, was man damit anfangen sollte).

    Dennoch gibt es erhebliche Zweifel an der Validität der Kategorie der Dissoziativen Identitätsstörung. Man nimmt zum einen eine unabsichtliche Verursachung der Störung durch den Therapeuten (Iatrogenität) an. Dabei soll der Therapeut unterschwellig von der Existenz verschiedener Persönlichkeiten ausgehen oder sie im Zustand der Hypnose sogar erzeugen. Eine dritte Möglichkeit besteht in der Verstärkung des Verhaltens gemäß der Störungsdefinition durch erhöhte Aufmerksamkeit beim Zeigen von entsprechenden Symptomen. Weitere Hinweisw auf eine mangelnde Validität der Kategorie sind die häufigen Zusatzdiagnosen (z.B. Schizophrenie, Depression) und der häufig anzutreffende längere Kontakt (7 Jahre) der Betroffenen zu Gesundheitsdiensten vor der Diagnosestellung.

    Erklärungsansätze für die dissoziativen Störungen

    1. Psychodynamische Ansicht
    2. Lerntheoretische Ansicht
    3. Zustandsabhängiges Lernen (state dependent learning)
    4. Selbsthypnose
    5. Autosuggestion

    1. Psychodynamischer Erklärungsansatz

    Dissoziative Störungen sind das Resultat extremer und dysfunktionaler Verdrängungsprozesse, die der Abwehr von Angst dienen.

    Bei der Dissoziativen Identitätsstörung soll es sich um eine lebenslange, übermäßige Verdrängung handeln, die durch extrem traumatische Kindheitserfahrungen (insbesondere Mißhandlungen durch die Eltern) ausgelöst werden. Dabei findet eine symbolische Flucht in "andere Personen" statt, die dem Geschehen aus sicherer Entfernung zusehen können. Dazu kommt die Furcht vor den Impulsen, die angeblich zu ihrer Mißhandlung führen, so daß sie sich bemühen immer "brav" und "anständig" zu sein. Immer wenn die verdrängten Impulse durchzubrechen drohen, werden sie anderen Persönlichkeiten zugeordnet. Dadurch soll es zu einer gehemmten, freudlosen Primärpersönlichkeit kommen, während die anderen Subpersönlichkeiten dreist und triebgesteuert sind.

    Der psychodynamische Ansatz bezieht seine Bestätigung aus Fallgeschichten, in denen sich meistens brutale Kindheitserfahrungen finden. Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen der Hintergrund nicht eindeutig auffällig zu sein scheint. Außerdem ist die Häufigkeit von Kindesmißhandlung viel größer als die der Dissoziativen Störungen. Es bleibt die Frage offen, warum nur ein kleiner Teil der mißhandelten Kinder dissoziative Symptome entwickeln.

    2. Lerntheoretischer Erklärungsansatz

    Bei diesem Ansatz wird die Dissoziation als eine durch operante Konditionierung erworbene Reaktion auf schmerzliche Erlebnisse angesehen, durch die Erleichterung aufgrund der Zuwendung zu anderen Dingen gefunden wurde (negative Verstärkung).

    Der lerntheoretische Ansatz weist Ähnlichkeiten und Unterschiede zum psychodynamischen Erklärungsansatz auf:

    Zum einen wird wie beim psychodynamischen Ansatz ein traumatisches Erlebnis als Ausgangspunkt angenommen und das Verhalten als Versuch der Angstreduzierung gesehen. Nach beiden Ansätzen besteht bei den Betroffenen keine Einsicht darin, daß die Reaktion der Angstreduzierung dient. Zum anderen sieht der lerntheoretische Ansatz das erste Auftreten der dissoziativen Symptome eher als zufällig an, während die Psychodynamiker sie bereits für zielgerichtete Versuche halten. Zudem ist der zugrundeliegende Prozeß für die Lerntheoretiker der der negativen Verstärkung und nicht der eines unbewußten Abwehrmechanismus.

    Der lerntheoretische Ansatz mußte sich ebenfalls stark auf Fallgeschichten beziehen, die zwar mit den lerntheoretischen Hypothesen übereinstimmen, aber auch mit anderen Erklärungsmöglichkeiten. Die lerntheoretische Erklärung beinhaltet auch keine Aussagen, wie genau der Prozeß der zeitweisen Ablenkung von schmerzlichen Erinnerungen geschehen soll und wie er zu einer erworbenen Reakion wird. Außerdem ist nicht klar, warum nicht mehr Menschen dissoziative Störungen entwickeln, wenn doch temporäres Vergessen im Leben oft verstärkt wird. Die komplizierten Wechselwirkungen der Subpersönlichkeiten kann der Ansatz ebenfalls nicht erklären.

    3. Erklärungsansatz durch das Konzept des Zustandsabhängigen Lernens

    Beim Konzept des Zustandsabhängigen Lernens (state dependent learning) wird auf die Befunde eingegangen, daß die beste Erinnerung an Lerninhalte in einer Situation stattfindet, die der Lernsituation stark ähnelt.

    Ausgangspunkt der Forschung zum Zustandsabhängigen Lernen waren Lernaufgaben von Tieren unter Einfluß von Drogen, wobei die beste Reproduktionsleistung dann gemessen wurde, wenn die Tiere unter Drogen waren (z.B. Pusakulich & Nielson, 1976). Forschungsarbeiten an Menschen zeigten später, daß das zustandsabhängige Lernen sowohl auf psychische als auch auf physiologische Zustände bezogen ist. Bei Menschen fand man z.B., daß die Stimmung auf das Lernen und die Reproduktion einen Einfluß hatte: Wenn unter fröhlicher Stimmung gelernt wurde, wurde unter fröhlicher Stimmung am besten reproduziert (Bower, 1981).

    Das Zustandsabhängige Lernen wurde als Erklärung für die Dissoziative Identitätsstörung herangezogen: Unterschiedliche Erregungsniveaus rufen möglicherweise unterschiedliche Gruppen von Erinnerungen, Gedanken und Fertigkeiten hervor - also unterschiedliche Subpersönlichkeiten. Wenn die Erregungsniveaus sich stark ändern, können die während eines ähnlichen Zustands erworbenen Fähigkeiten hervortreten, während die unter einem anderen Zustand erworbenen verschwinden. Die abrupten Wechsel zwischen den Subpersönlichkeiten sprechen für diesen Ansatz.

    4. Erklärungsanstz durch das Konzept der Selbsthypnose

    Hypnose ist ein schlafähnlicher Zustad mit hohem Grad an Suggestibilität und verändertem Wahrnehmen, Denken und Handeln. Unter Hypnose ist es bei manchen Personen manchmal möglich, daß sie sich an scheinbar vergessene Ereignisse erinnern. Andererseits kann die Hypnose auch zum Vergessen von Tatsachen, Ereignissen und der persönlichen Identität führen, etwas, was als hypnotische Amnesie bezeichnet wird.

    Das Untersuchungsparadigma zur hypnotischen Amnesie besteht aus dem Lernen einer Wortliste und der hypnotischen Instruktion zum Vergessen des Gelernten bis zum Aufhebungssignal (z.B. Fingerschnalzen). Die Experimente nach diesem Schema zeigen eine starke Beeinträchtigung der Reproduktionsleistung bis zum Aufhebungssignal. Außerdem ist das episode Gedächtnis stärker hypnotisch beeinflußbar als das semantische.

    Die Parallele zu den dissoziativen Störungen ist leicht erkennbar: Es findet sich bei beiden ein vorübergehendes Vergessen mit späterer Erinnerung, ein Vergessen, das den Personen nicht bewußt ist, und ein leichteres Vergessen episodischer als semantischer Inhalte. Aufgrund dieser Parallelen wurde vermutet, daß Dissoziative Störungen durch Selbsthypnose zustande kommen: Die Betroffenen bringen sich unter Selbsthypnose dazu, negative Erinnerungen zu vergessen. Bei der dissoziativen Fugue soll sich das Vergessen durch Selbsthypnose auf die gesamte Vergangenheit und die Identität beziehen.

    Manche Formen der Dissoziativen Identitätsstörung lassen sich ebenfalls mit Selbsthypnose erklären: Nach einem Bericht von Bliss (1980) von 14 Frauen, die unter Dissoziativer Identitätsstörung litten, waren alle Frauen leicht empfänglich für Hypnose und hatten eine lange Vorgeschichte möglicher Selbsthypnosen, die bis ins 5. bis 7. Lebensjahr zurückreichte. Dieser Bericht wurde durch weitere Studien bestätigt. Aufgrund dieser Untersuchungen gehen viele Theoretiker heute davon aus, daß die Störung in der Regel mit 4 bis 6 Jahren beginnt, da die Kinder in diesem Lebensalter sehr suggestibel sind und gute Hypnoseprobanden abgeben. Danach gelingt es manchen traumatisierten oder mißbrauchten Kindern, ihrer bedrohlichen Welt durch Selbsthypnose zu entfliehen, sich psychisch von ihrem Körper und dessen Umgebung zu trennen und sich ihren Wunsch, eine oder mehrere andere Personen zu sein, zu erfüllen.

    Es gibt 2 Lehrmeinungen zur Hypnose, die jeweils unterschiedliche Implikationen für die dissoziativen Störungen haben.

    Annahme I besagt, daß die Hypnose ein besonderer Prozeß oder Trance mit veränderter psychischer und physiologischer Reaktionslage ist. Es wird behauptet, daß

    1. Menschen mit dissoziativen Störungen sich selbst in innere Trance versetzen, während der sich ihr bewußtes Erleben und Verhalten signifikant ändert,
    2. ihr Vergessen während der Selbsthypnose automatisch und vollständig ist,
    3. ihre Bereitschaft zur Entwicklung neuer Identitäten (Fugue) oder verschiedener Persönlichkeiten (dissoziative Identitätsstörung) durch die erhöhte Fähigkeit zu unlogischem Denken, wie sie unter Hypnose auftritt, gefördert wird.

    Einige Forscher behaupten auch, daß Menschen mit hoher, stabiler Suggestibilität Vorzugskandidaten für dissoziative Störungen sind.

    Annahme II besagt, daß die Hypnose mit gewöhnlichen sozialpsychologischen Prozessen wie hoher Motivation, Aufmerksamkeit und Erwartung erklärt werden kann. Die Personen bemühen sich aktiv, die Anweisungen des Hypnotiseurs wörtlich auszuführen. Aufgrunf ihres Glaubens an die Hypnose erkennen sie ihren eigenen Beitrag nicht und geben statt dessen an, daß sie sich automatisch und ohne zielgerichtete Anstrengung verhielten. Danach sollen dissoziative Störungen darauf zurückgehen, daß sich die Betroffenen sehr wirkungsvoll selbst suggerieren, daß sie vergessen, phantasieren und diese Suggestionen ausführen müßten.

    Unter Annahme II wird z.B. vermutet, daß sich leicht hypnotisierbare Menschen in entscheidenden Augenblicken eines Tests selbst ablenken und später ihre Aufmerksamkeit wieder bündeln können. Dies wurde in mehreren Studien überprüft: Bei diesen lernten Probanden einer Gruppe Wortlisten, wurden dann hypnotisiert und angewiesen, die Liste zu vergessen. Eine zweite Gruppe von Probanden lernte ebenfalls die Wortliste, wurde dann aufgefordert, die Wörter wiederzugeben, während sie eine ablenkende Aufgabe ausführte (in Dreierschritten rückwärts zählen). Das Ergebnis war, daß die nichthypnotisierten Probanden dieselben Gedächtnisprobleme im gleichen Ausmaß wie die hypnotisierten hatte. Andere Studien ergaben, daß sich bei unterschiedlichen Experimenten mit Schmerzreduktion, Halluzinationen und Zeitverzerrung nichthypnotisierte, aufgabenmotivierte Probanden ebenfalls dazu bringen ließen, sich wie hypnotisierte Probanden zu verhalten.

    5. Autosuggestion

    Hierunter fällt die Neodissoziationstheorie nach HILGARD (1974). Sie nimmt an, daß durch eine starke Identifizierung mit einer anderer Person eine stark verankerte Gedächtnisspur entsteht. Suggestive Prozesse und Wünsche führen zur Annahme dieser Person als eine Subpersönlichkeit. Die parallele Verarbeitungsform des Gehirns könnte voneinander unabhängige Bewußtseinsströme möglich machen.

    Die Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung

    Spontanremissionen sind bei der Dissoziativen Identitätsstörung selten. Daher ist eine Therapie in fast jedem Fall notwendig. Das Therapiekonzept besteht darin, den Betroffenen zu helfen,

    1. die volle Tragweite ihrer Störung zu erkennen und zu verstehen,
    2. ihre Gedächtnislücken aufzufüllen,
    3. ihre Subpersönlichkeiten zu einer zu integrieren.

    Therapieelement I - Störung erkennen

    Zu Beginn wird ein therapeutisches Bündnis zwischen dem Therapeuten und jeder der Subpersönlichkeiten angestrebt. Es können auch Verträge geschlossen werden, um einem Abbruch der Therapie, Selbstschädigungen oder Suizid vorzubeugen. Oft sind diese Bündnisse nicht leicht herzustellen, was auf das durch den Mißbrauch zurückzuführende Mißtrauen der Subpersönlichkeiten gegenüber anderen zurückzuführen ist.

    Für die Patienten ist es meistens schwierig, die volle Tragweite ihrer Störung zu erkennen, weil sie sich oft niemals dem Umstand gestellt haben, daß sie in mehrere Subpersönlichkeiten zerfallen. Dies wird z.T. durch die gegenseitigen Amnesien der Subpersönlichkeiten untereinander zurückgeführt. Daher ist es wichtig, daß sich die Patienten bewußt werden, daß sie mehrere Subpersönlichkeiten beherbergen. Dies kann z.B. durch Vorstellen der Subpersönlichkeiten untereinander in der Hypnose oder auch durch Videovorführungen der Subpersönlichkeiten geschehen. Die Erkenntnisprozeß ist meistens mit starken emotionalen Belastungen für die Patienten verbunden.

    Viele Therapeuten meinen, daß eine Gruppentherapie in diesem Fall sinnvoll ist, weil die Betroffenen merken, daß sie nicht allein mit ihrer Störung sind. Außerdem wird häufig eine Familientherapie durchgeführt, um die Ehepartner, Kinder und Angehörigen über die Störung zu informieren. Die Angehörigen können außerdem oft wertvolle Informationen über die Subpersönlichkeiten beisteuern.

    Therapieelement II - Erinnerungen wiederfinden

    In diesem Therapieabschnitt werden viele der Techniken eingesetzt, die auch bei anderen dissoziativen Störungen angewendet werden (psychodynamische Therapie, Hypnotherapie und Barbiturate). Das besondere Problem bei der Dissoziativen Identitätsstörung besteht darin, daß die Erinnerungen nicht nur durch die eine Subpersönlichkeit vergessen wurden, sondern daß sie zu anderen Identitäten gehören. Es gibt oft "Beschützer"-Subpersönlichkeiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Primärpersönlichkeit vor den traumatischen Erfahrungen zu bewahren. Wenn sich die Primärpersönlichkeit an diese Erfahrungen erinnern soll, dann setzen besonders diese "Beschützer"-Subpersönlichkeiten dem therapeutischen Bemühen Widerstand entgegen. Es kommt manchmal vor, daß die Patienten selbstdestruktiv und gewalttätig werden, wenn in der Therapie Erinnerungen aufgedeckt werden, so daß eine stationäre Aufnahme notwendig wird.

    Therapieelement III - Integration der Subpersönlichkeiten

    Das endgültige Therapieziel besteht in der Integration der Subpersönlichkeiten in eine. Die Integration ist ein kontinuierlicher Prozeß, der sich während der Therapie nur dann vollzieht, wenn die Grenzen zwischen Subpersönlichkeiten durchlässig werden, so daß der Betroffene schließlich ständig die Kontrolle über seine Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken hat. Die letztendliche Verschmelzung aller Subpersönlichkeiten zu einer wird als Fusion bezeichnet (feindliche Übernahme?). Der Integration begegnen die Subpersönlichkeiten meistens mit Mißtrauen oder vollständiger Ablehnung, weil sie die Integration mit ihrem Tod gleichsetzen.

    Für die Integration wurden eine Reihe von Ansätzen vorgeschlagen, u.a. psychodynamische, unterstützende, kognitive und medikamentöse Therapie. Auch Selbstsicherheitstraining kann angewendet werden, so daß der Betroffene lernt, seine Wut auf eine funktionalere und befriedigendere Weise auszudrücken, was manchmal zu einem Verschwinden der aggressiven und feindseligen Subpersönlichkeiten führen kann. Manche Therapeuten nutzen aber auch Diskussionen und Interaktionen zwischen den Subpersönlichkeiten, so ähnlich wie in einer Gruppentherapie.

    Nach einer Fusion der Subpersönlichkeiten muß die Therapie fortgesetzt werden, um die integrierte Persönlichkeit zu festigen und die sozialen und Bewältigungsmechanismen zu entwickeln, damit keine weiteren Dissoziationen auftreten. Ohne die fortgesetzte Therapie besteht die Gefahr eine erneuten dissoziativen Reaktion auf zukünftige akute Belastungen.

    Evaluation der Therapie

    Die Therapie ist meistens langwierig, ihre Wirksamkeit umstritten. So berichten einige Therapeuten von hohen Erfolgsraten, während andere von Widerstand gegen eine vollständige Integration bei den meisten Betroffenen sprechen. Einige Therapeuten stellen die vollständige Integration der Subpersönlichkeiten zu einer Identität auch in Frage, weil sie meinen, daß die Patienten eine zufriedenstellende Anpassung erreichen, wenn nur die schwerer gestörten Subpersönlichkeiten integriert werden.



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