Re: gemeint ist wohl ambulant
Hi,
vielleicht könnte man im vorfeld mal
überlegen, warum man säuft und das einem therapeuten sagen,
dass man diesen grund besprechen will. ob das sinn macht?
Das macht - bezogen auf die Sucht - keinen Sinn. Die "Gründe" zum Saufen z.B. ändern sich im Laufe der Suchtentwicklung und irgendwann verselbständigt sich die Sucht, dass es überhaupt keines "Grundes" mehr bedarf, zu trinken, denn man trinkt schlicht aus dem Grund, weil man abhängig ist. (Netter Witz: Es gibt nur sieben Gründe zu trinken; Montag, Dienstag ....).
ich fänd es einen unterschied zum normalen blick auf sucht.
Was ist ein "normaler" Blick auf Sucht?
Stoffgebundene Süchte sind eine dreifache Krankheit: seelisch, geistig, körperlich und das Problem bei Sucht im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen ist wohl das, dass das "Ausüben" einen befriedigenden Charakter hat. Während der Angst- oder Depressionspatient nichts mehr anstrebt, als diese unangenehmen Gefühlszustände loszuwerden, strebt der Abhängige eben diesen „kranken“ Gefühlszustand an und es müssen schon gravierende Dinge im Umfeld (familiär, Arbeitsplatz) oder gesundheitlich (Leberzirrhose, Ösophagus Varizen, Bauchspeicheldrüse, Polyneuropathie) oder geistig (Unkonzentriertheit in hohem Maße, Gedächtnisstörungen bis hin zum Korsakov-Syndrom) etc. eintreten, um zur Einsicht zu gelangen, das ein Leben ohne Suchtmittel erstrebenswerter ist.
Und wenn es dann soweit ist, bedarf es oft keiner Therapie mehr, denn es genügt, „das erste Glas stehen zu lassen“ und damit die Krankheit zu Stillstand zu bringen. Nicht umsonst sind die Selbsthilfegruppen langfristig gesehen insgesamt erfolgreicher als jede andere Form der Therapie, denn „Heilung“, das Ziel einer jeden Therapie, gibt es in der Sucht nicht. In diesen Gruppen werden unter „Fachleuten“, den Betroffenen, durch Spiegelungen die Erinnerungen an die negativen Auswirkungen der Sucht wach gehalten und damit die Gefahr eines Rückfalls drastisch gesenkt. Und es ist nahezu unmöglich, den Mitbetroffenen in der Gruppe etwas vorzumachen. Der Alkoholiker ist ein perfekter Lügner, äußerst geschickt im Verdrehen von Tatsachen, geschickt darin, zu verharmlosen, zu beschönigen und er weiß genau, was er zu sagen hat, um nach Außen hin im guten Licht zu stehen, nach Verständnis zu heischen und seine erneuten Versprechungen aufzuhören z.B. glaubhaft zu machen. Aber nicht nur nach Außen, denn der Alkoholiker ist gleichzeitig Meister des Selbstbetruges: er glaubt es selbst, was er sagt und er will es wohl auch, aber die Sucht ist dann irgendwann wieder stärker und alle guten Vorsätze und Versprechungen werden wieder über den Haufen geworfen. Diese Lügen werden von anderen Betroffenen als ihre eigenen erkannt und damit entlarvt, etwas, was einem nicht-süchtigen und in Sachen Sucht unzureichend ausgebildeter Arzt, Psychotherapeut etc. nur schwer gelingen kann.
Gruß,
Anja