Re^2: Hauptperson festlegen
Hi!
ich habe "wie man einen verdammt guten roman schreibt" nicht
gelesen. weder teil 1 noch 2.
Ich habe sie gelesen. Beide. Und ich halte sie für nur eingeschränkt brauchbar.
die sache mit diesen wie-schreibe-ich-richtig-büchern ist, daß
zum einen tausende davon gibt, und - wie horoskope - meist ein
bißchen was davon immer stimmt. aber welches bißchen?
Das ist die Kunst des Herausfilterns. Ich weiß nicht, welche der Tausende von Wie-schreibe-ich-richtig-Bücher du gelesen hast. Das Problem dabei ist, dass es kein vernünftiges Buch gibt, mit dem ein "Anfänger" wirklich das Schreiben anfangen kann. Entweder sind die Bücher zu pauschal und selbstverliebt (dazu zähle ich z.B. die beiden oben genannten) oder sie sind - zumindest für Anfänger - viel zu spezifisch. Andererseits gibt es aber Wahrheiten beim Schreiben, die sind derart banal, dass man sich schämen müsste, sie in ein Wie-schreibe-ich-richtig-Buch zu setzen.
wenn man weiterhin darüber reflektiert, daß es einem großteil
dieser schreibratgeber-autoren noch nie gelungen ist, ihre
eigenen erkenntnisse erfolgreich einzusetzen (sprich: von
denen hat man noch nie einen roman gelesen!), läßt das doch
einige berechtigte skepsis zu.
Das ist das altbekannte Problem des von-außen-Betrachtens. Wie viele Lektoren kennst du, die ihren Beruf an den Nagel gehängt und einen solchen Megaseller geschrieben haben, durch den sie ihren Wohnsitz nach Monaco verlegen oder sich eine eigene Insel in der Karibik leisten konnten? Vermutlich nicht sehr viele (wenn überhaupt). Trotzdem sind es Lektoren, die entscheiden, was gut und was schlecht ist, was von den eingereichten Manuskripten in den Mülleimer oder in die Druckerei geht. Sie entscheiden letztlich, was auf dem Markt erscheint und was nach ihrer Meinung ein guter Roman ist.
allenfalls könnte es in ansätzen sinn machen, wenn man
erfolgreiche autoren ausquetscht und nach ihrem erfolgsrezept
fragt. und während man dann die erkenntnisse des erlauchten
autors von dessen lippen trinkt wie nektar, wird man
vielleicht merken, daß es aber diese rezepte nicht gibt und
ein erfolg auch schon mal von parametern wie dem
luftdruck, der laune des vertriebschefs im verlag oder ob der
mann der lektorin mal wieder den geschirrspüler nicht
ausgeräumt hat, abhängt.
Das ist richtig. Erfolg ist ein Zufallsfaktor. Patrick Süßkind hat seinen Erfolgsroman "Das Parfüm" etwa 100 Mal erfolglos eingereicht. Dass das Buch erschienen ist - reiner Zufall.
Joanne K. Rowlings "Harry Potter" brauchte ein Jahr, bis sich ein Agent für das Buch interessierte. Der wiederum musste bei einigen Verlagen Klinken putzen, ehe Bloomsbury sich erbarmte, das Buch in einer Auflage von 500 Stück herauszubringen (mit der Empfehlung an die Autorin, sich einen Job zu suchen, weil sie von diesem Buch niemals würde leben können). Was aber gerade bei Rowling besonders auffällt: Der erste "Harry Potter" hat noch sehr stark die Schreibe der "Anfängerin Rowling". Mit jedem Band wird ihre handwerkliche Profssionalität besser - und entspricht dabei weitgehend dem, was in den Wie-schreibe-ich-richtig-Büchern propagiert wird. Gleiches kann ich von einem Bekannten berichten, der ein entschiedener Gegner des erlernbaren Schreibhandwerks war. Er hielt auch nichts von diesen Handwerk-Schreib-Ratgebern, fand Plotten, Charakterentwicklung, strukturiertem Handlungsaufbau, klare Zielsetzung der Romanhandlung nur blöd. Dann bekam er seinen ersten Verlagsvertrag. Sein zuständiger Lektor hat sein Manuskript von vorne bis hinten auseinander genommen. Heute sagt mein Bekannter, das Wichtigste sei plotten, plotten plotten. Und eine vernünftige Charakterentwicklung. Sauberes Handwerk eben.
So kann's passieren.
also sollte man dieser art von ratgeberliteratur nicht
allzuviel bedeutung beimessen. das wollte ich nur damit sagen.
Das hängt davon ab, was für eine Art von Literatur man schreiben will. Wer scharf auf den Georg-Büchner-Preis oder auf einen Erfolg beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ist, der sollte diese Ratgeberbücher mit einer möglichst langen Kneifzange anfassen und sie verbrennen (deutsche Edel-Literatur lebt bekanntlich seit Goethe und Schiller vom Gedanken des Genies: Wenn der Autor nicht mehr versteht, was er schreibt, so meint er, der Genius spräche aus ihm).
Wer aber "nur" handlungsorientierte Unterhaltungsromane schreiben will, der sollte sich durchaus mit den handwerklichen Aspekten des Schreibens befassen.
hauptperson eines roman ist der, der denkt.
Sorry, aber das ist purer Unsinn. In einem Roman können viele Leute denken. In den Romanen des 19. Jahrhunderts denken sogar alle Leute, und das mitunter gleichzeitig (okay, ich übertreibe, aber die Romane des 19.Jahrhunderts sind größtenteils auktorial). In den heutigen Romanen denken ebenfalls mehrere Leute, allerdings nicht mehr gleichzeitig, sondern nach Kapiteln getrennt. Richtig ist, dass in heutigen Romanen eine eindeutige Erzählperspektive innerhalb eines Kapitels als anstrebenswert gilt. Gestattet man nur der Hauptperson das Denken, dann müsste sie zwangsläufig in jedem Kapitel des Romans vorkommen - was aber nicht der Realität entspricht.
Nach meiner Auffassung sollte die Hauptperson eines Romans immer derjenige Romancharakter sein, für den am meisten auf dem Spiel steht und der die stärkste Wandlung im Roman durchläuft, weil dadurch diese Figur für den Leser am interessantesten ist. Eine Romanfigur, die sich durch die Ereignisse der Romanhandlung nicht wandelt, ist eine Schablone (für bestimmte Genres sind schablonenhafte Hauptfiguren durchaus von Vorteil, siehe James Bond, oder die bekannten Agatha-Christie-Hauptfiguren wie Hercule Poirot oder Miss Marple, aber auch Figuren wie Sherlock Holmes und Dr. Watson - hier kommt es nicht auf die Wandlung der Hauptfiguren an, sondern auf den Wettstreit zwischen den Hauptfiguren und dem Leser: Wer bekommt früher heraus, wer der Täter ist?).
Grüße
Heinrich