Schon lustig, daß mich jemand dazu auffordert, seinen Artikel
besser zu lesen (mit drei Ausrufzeichen, daher auch „blöde
Anmache“) und selber gar nicht begreift, daß ich ihm überhaupt
nicht widerspreche.
Hallo Christian,
ich darf mich mal da einklinken. Du hattest geschrieben, Sozialhilfeschnorrer hätten ein besseres Ansehen als ein Müllmann (dieser Terminus soll fortan für alle vergleichbaren Arbeiten stehen, also auch Kanalreiniger, Straßenkehrer, etc.). Da Du dies nach der Zitatwiederholung von Jens’ Text und mit den Worten „Die Aussage muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.“ schriebst, wird jeder davon ausgehen, daß das eine sinngemäße Zusammenfassung oder Fortsetzung von Jens’ Ausführung sein soll. Zumindest ging es mir und offensichtlich auch Jens so.
Insofern ist es völlig verständlich, daß auf die Unterschiede zwischen Jens’ Aussage (der eine sei nicht besser respektiert als der andere) und Deiner Aussage (der eine ist niedriger angesehen als der andere) hingewiesen wird.
Weiter behauptest Du, hier nicht widersprochen zu haben; tatsächlich aber sprichst Du bei der Müllarbeitertätigkeit von „Schund“ und widersprichst damit durchaus, denn Jens stellte auf das unverdient niedrige Ansehen von Müllmännern ab, und wer wollte bestreiten, daß genau solche Formulierungen dazu beitragen, daß sich daran auch ja nix ändert?
Man könnte es jedoch auch so formulieren:
Du stimmst der Beurteilung der Situation (also Jens’ Ausführung) zu, handelst aber nicht so, daß sich an jener etwas ändert! Solange man glauben konnte, Du hättest den Text nur nicht aufmerksam gelesen, warst Du aber besser bedient.
Video meliora proboque, deteriora sequor. (Ovid)
Ob nun jemand als Kanalarbeiter nicht besser oder schlechter
oder genauso gut gelitten ist, als jemand, der sich zu schade
dafür ist, für ein paar Kröten Spargel stechen zu gehen, ist
eine uninterssante Marginalie. Entscheidend ist, daß der
Kanalarbeiter nicht mit einem himmelweiten Abstand vor
letzterem durch das Ziel läuft. Inzwischen ist es zu einer
Selbstverständlichkeit geworden, vom Staat zu leben und bei
unwesentlichen Leistungskürzungen auf die Barrikaden zu gehen.
Da möchte ich auch einhaken!
Es gibt viele die wie Du hysterisch gegen die Windmühlen der Heerscharen von Sozialschmarotzern ankämpfen und die glauben, die Ursache vieler Volkskrankheiten hier gefunden zu haben. Verstehe mich nicht falsch: ich heiße es durchaus nicht gut, wenn einer lächelnd mit den Schultern zuckt und feststellt „warum soll ich denn was tun, ich hab’ doch alles“. Aber diese hyperventilierende Empörung hierüber ist einfach völlig unverhältnismäßig. Die folgende Milchmädchenrechnung zeigt schon mal einen Aspekt auf:
Würden alle Arbeitslosen (die könnten) sich nun um Arbeit bemühen, so würden die, die dann auch Arbeit bekämen, nicht etwa jahrelang leerstehende Stellen besetzen, sondern es würde größtenteils ein Austausch der Arbeitnehmer stattfinden. Vereinfacht gesagt: es ist ja nicht so, daß der großen Zahl von Arbeitslosen eine auch nur annähernd große Zahl von unbesetzten Stellen gegenübersteht. Wenn man dann noch bedenkt, daß viele - wie Du sagst - "Schund-"arbeitsplätze kaum mehr Geld bringen als die Sozialhilfe, dann ist klar, daß auch keine signifikante Steigerung des BIP zu erwarten wäre. Daraus wiederum folgt, daß durch die bisherige Praxis das Lohnniveau höher bleibt. Alles Zusammenhänge, die die meisten Deiner lautstark gröhlenden Kombattanten nicht kennen.
Kurz:
Die Sozialschmarotzer sind für unsere (Deutschlands) wirtschaftlichen Probleme nicht verantwortlich. Das rechtfertigt ihre Faulheit und Ignoranz nicht, aber mit dem Sachwissen darüber könnte man die an diesem Stammtisch entfesselte Energie mal auf die tatsächlichen Ursachen lenken und die Lyncherei auf später verschieben.
Ganze Familien leben in der dritten Generatioin von der Stütze
und sorgen dafür, daß auch die nächste Generation keinerlei
Veranlassung sieht, das Leben bzw. dessen Finanzierung in die
eigene Hand zu nehmen. Sie erleben von frühester Jugend an,
daß Gardinen und kaputte Elektrogeräte ohne die Haushaltskasse
zu belasten, ausgetauscht werden und man sich wunderbar mit
dem Nichtstun arrangieren kann. In manchen Wohnblocks
schleichen sich die wenigen Arbeitnehmer morgens unauffällig
durch einen Seiteneingang, um von der am örtlichen Kiosk
lagernden Trinkerfrühschicht nicht angepöbelt zu werden.
Dieser demagogische Selbstläufer sollte immer mit Fakten belegt werden! Wenn es vereinzelte Wohnblocks sind, will ich davon in dieser Situation nichts hören (sonst zähle ich ruckzuck vereinzelte Gegenbesipiele auf und wir sind wieder am Anfang). Wenn es aber ein häufiges, regelmäßig zu beobachtendes Problem ist, wird es Dir nicht schwerfallen, Belege für diese Behauptung zu liefern. Ich warte.
Und wenn wir dann soweit sind kannst Du mir auch noch sagen, inwiefern die Dir ja offenbar gut bekannten Trinkerwohnblocks einen seriösen Diskurs zu bereichern geeignet sind.
Kurz: Wer sich besonders geschickt um Arbeit oder das Zahlen
von Steuern drückt, genießt in immer größer werdenden Gruppen
ein nicht unerhebliches Ansehen. Das schadet der Gesellschaft
im Allgemeinen und dem Einzelnen im besonderen (bzw. im
Portemonnaie). Die vereinzelten Berichte über faules und/oder
verweichlichtes Schmarotzergesindel ändern nichts daran, daß
der Ruf nach mehr Staat und mehr sozialer Gerechtigkeit an
jeder Ecke zu hören ist.
Diese verkürzte Denke ist ziemlich übel. Ich will jetzt noch gar nicht weiter darauf eingehen (hier, im Kino/TV-Brett :o), aber einen kleinen Hinweis kann ich mir nicht verkneifen: Wenn ein Manager oder Konzern es vermag, durch buchhalterische Tricks, Beugung des Steuerrechts, Abschreibungs- und Bauherrenmodelle die Ausgaben zu verringern, dann heißt es einmütig „Seht, wie sich das Unternehmen für den Wirtschaftsstandort und die Arbeitsplätze verdient macht!“
…und die großen läßt man laufen!
Daß soziale Gerechtigkeit im gemeinten Sinn bedeutet, daß
nichtarbeitende Menschen zu Lasten derjenigen mehr
erhalten, die die Show bezahlen (nämlich den paar Menschen in
diesem Land, die noch sozialversicherungspflichtig arbeiten
(immerhin gerade mal noch ein Drittel der Bevölkerung)),
scheint von Agitatoren und Brandstiftern in Politik und
Interessengruppen keiner zu begreifen.
Also ich weiß nicht, ob gerade Du von Brandstiftung sprechen solltest: „Gerade mal noch ein Drittel“… Was glaubst Du, wieviel es zu Zeiten der Vollbeschäftigung sind? Bedeutend mehr? Blödsinn! Kinder und Rentner zählen ohnehin nie dazu, und daß das Volk immer älter wird, kannst Du doch wohl nicht auch noch den Sozialschmarotzern anlasten. Gerade dieser Hinweis auf das „sozialversicherungspflichtige Drittel“ ist rethorische Taschenspielerei. Da muß ich an F.-J. Strauß denken, der zur variantenreichen Illustration der Staatsverschuldung das theoretische Bargeldvolumen auf unter Nennung der Maximal-Achslast auf Güterwaggons verteilte, als Pfennigstücke mehrmals bis zum Mond stapelte etc.
Nichts anderes wollte ich mit meinem Artikel noch etwas klarer
herausstellen, als Du es getan hast. Also: Locker bleiben!
Ich bleibe locker. Man kann mit Dir kontrovers reden und ich respektiere Deine Meinung (ich glaube, wir hatten auch schon mal zum Thema „Kundenfreundlichkeit von Banken“ die Klingen gekreuzt) Nur denke ich, daß Du bei aller Empörung manchmal einen verstellten Blick auf die Sachlage hast - mit Verlaub ;o)
Viele Grüße
-R o b.