Der Reisende, Teil 6 und 7

Servus Michael,
vielleicht war das ganze ja ein Irrtum von mir. Man kann so keine Geschichte schreiben. Ich habe ja für jede meiner Kurzgeschichten mehr Zeit verwendet als für das ganze hier, und die sind lange nicht perfekt. Ich erzähle gerne Geschichten und das macht nicht nur mir Spaß. Aber da kann man auf Einwände eingehen, usw. Das muss auch nicht perfekt sein, da macht es nichts wenn ein wenig die Wiener Grammatik bzw. die Böhmische durchkommt (hab ich mitbekommen obwohl ich die Sprache gar nicht spreche.) Heute wieder was gelesen: (Dem Sinn nach wiedergegeben) Schreiben heißt etwas so lange neu zu schreiben bis es perfekt ist. An das werde ich mich in Zukunft halten.
Es soll ja Spaß machen. Mir auf jeden Fall, und ev. Lesern (wenn ich mich traue sie herzuzeigen).
In diesem Sinne
Servus
Herbert

Hi!

Sorry für diese Kritik. Falls du dich persönlich angegriffen
fühlen solltest und diese Kritik für nicht konstruktiv hältst,
dann sag mir bitte, was für dich eine konstruktive Kritik
ausmacht.

Davon kannst Du ausgehen. Geh Profis kritisieren! Ich geb’s
glaub ich auf.

Jeder Profi hat irgendwann angefangen und genau so wie alle anderen Anfänger (im eigentlichen Sinne, nicht als Qualitätsbegriff) Lehrgeld zahlen müssen.

Dass du jetzt aufgeben willst, ist m.E. eine falsche Entscheidung. Wenn dir das Schreiben/Erzählen von Geschichten wirklich etwas bedeutet, dann solltest du erstens weitermachen und zweitens an deiner Qualität arbeiten (in Qualität steckt nicht ohne Grund das Wort Qual).

Was mich aber wirklich an deiner Reaktion irritiert, ist deine Haltung gegenüber geäußerter Kritik (egal ob konstruktiv oder nicht). Wenn du mit deinen Texten in die Öffentlichkeit gehst - und das hier ist eine bestimmte Form von Öffentlichkeit -, dann setzt du dich automatisch jeder Form von Kritik aus. Darüber sollte man sich vor einer Veröffentlichung im Klaren sein. Öffentlichkeit heißt immer Kritik.

Das Zweite, worauf man (ich pauschaliere hier ganz bewusst) beim Schreiben von Geschichten eine Antwort haben sollte, ist die Frage: Für wen schreibt man eigentlich?

Schreibt man für sich, ist das völlig in Ordnung. Dann spielen weder Inhalt noch Qualität irgendeine Rolle. Hauptsache, es macht Spaß.

Schreibt man für seinen Verwandten-, Bekannten- und Freundeskreis, dann ist das auch in Ordnung. Wahrscheinlich erntet man viel Lob und wenig Kritik - wer will es sich schon mit einem Verwandten oder Freund verderben (vorwärts bringt es einen aber auch nicht so richtig).

Schreibt man für die Öffentlichkeit, so sollte man sich überlegen, ob man für die Kritiker und eine intellektuelle Elite schreibt oder die Leser per se im Auge hat. Es gibt Leute, die schreiben laut Kritik gut, werden aber kaum gelesen. Und andere, über die namhafte Literaturkritiker die Nase rümpfen, aber fünf- oder sechsstellige Auflagen verkaufen.

Wie gesagt, darüber sollte man sich vorher Gedanken machen.

Grüße
Heinrich

ach ja, wenn Du es wirklich besser machen kannst, wo bleibt
dann Deine Geschichte?

Hier.
Die Geschichte ist zwar schon zehn Jahre alt, aber strukturell ähnlich wie deine aufgebaut: ein Ich-Erzähler, viel Beschreibung und Gedanken des Ich-Erzählers (heute würde ich sie vermutlich anders schreiben, aber was soll’s. Damals war es eine Art „Fingerübung“)

Die Leute im Dorf hatten mich gewarnt. Es sei gefährlich, durch den Wald zu gehen, jetzt, zu dieser Jahreszeit, bei diesem Wetter. Aber ich hatte nur gelacht, die Leute als Angsthasen bezeichnet, und war, alle Warnungen ignorierend, fröhlich pfeifend davongestiefelt.

Inzwischen war mir das Lachen - und das Pfeifen - längst vergangen.

Irgendwo mußte ich im Wald eine Abzweigung, einen Pfad übersehen haben, oder ich war einfach dem falschen Weg gefolgt. Das wäre mir nie passiert, wenn da nicht plötzlich dieser Nebeldunst aufgestiegen wäre. Obwohl der Tag noch nicht vergangen war, konnte ich kaum mehr als zehn Schritte weit sehen. Und es war kalt geworden, irgendwie unnatürlich kalt. So kalt muß es in einem Grab sein, schoß es mir durch den Kopf. Unwillkürlich zog ich den Mantel enger um den Körper.

Plötzlich schrie ein Kind, hell und hoch. Ich verharrte, lauschte, dann hob ich den Kopf. Nein, kein Kind, flüsterte ich mir zu, ein Vogel, nur ein Vogel, irgendwo da oben in den Bäumen.

Langsam ging ich weiter, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Waldboden war weich und federnd, gab unter meinem Gewicht leicht nach, um - kaum daß der Fuß fort war - die kleine Senke wieder zu schließen. Kein einziger meiner Schritte gab ein Geräusch von sich. Der Nebel schien jeden Klang zu schlucken, noch bevor er an mein Ohr drang.

Ich drehte mich um, blickte den Pfad entlang, der mich tief in diesen Wald geführt hatte. Nebelfetzen trieben über den Weg, fingen sich im tiefen Geäst der Bäume, versperrten mir den Blick. Ich schaute auf den Waldboden. Nichts, nicht die kleinste Spur verriet, daß ich dort vor wenigen Sekunden entlang gegangen war - kein Sohlenabdruck, kein geknickter Zweig, nicht einmal die kurze Schleifspur, die ansonsten immer der Absatz meines Schuhes hinterläßt, war zu sehen. Der Wald hatte alle Spuren getilgt.

Sollte ich umkehren, zurück ins Dorf? Hohn und Spott ertragen? Nein, sagte eine Stimme in mir, es gibt keine Geister, nur Aberglauben. Und mein Kopf bezwang meine Beine.

Der Nebel wandelte sich in Niesel. Feuchtigkeit stand wie glänzende Perlen auf meinem Mantel und schimmerte im letzten Licht der fahlen Sonne. Der Pfad wurde schmaler und feuchter. Das Gehen machte Mühe, und jedes Anheben der schmutzbespritzten Schuhe wurde von einem leisen Schmatzen begleitet, gerade so, als würde der Wald sich auf eine Mahlzeit freuen.

Der Regen nahm zu und tropfte auf meine Schultern. Ich kämpfte mich weiter, tiefer in den Wald hinein. Unter meinen Füßen quoll schwarzes Sumpfwasser hervor, schwappte hoch bis an die Knöchel und lief mir in die Schuhe. Es fühlte sich kalt und klebrig an. Und es stank. Es roch faulig, nach Schimmel, nach nassem, vergammeltem Holz - und nach Aas.

Der Regen rieselte von den Ästen und Zweigen auf mich herab. Im Unterholz raschelte es. Irgend etwas kroch und sprang da, vor mir, neben mir, überall. Ich fühlte, wie mir die Angst die Hosenbeine hoch kroch und sich in meinen Gedärmen breit machte. Meine Beine versagten den Gehorsam. Ich stand wie versteinert, lauschte den Geräuschen. Der Wind stöhnte hohl und heiser in den Bäumen. Da war noch etwas. Etwas wie ein Wispern.

„Wir kommen dich holen“, flüsterte es. „Wir werden dich jetzt holen.“

Aus dem Unterholz schienen mich plötzlich Dutzende gelber Augen anzustarren, kalt, flackernd und gierig. Dann knackte etwas. Laut und nah.

Ich rannte. Ich lief davon, ohne auf den Weg zu achten. Zweige peitschten mein Gesicht, rissen kleine Wunden in die Haut. Ich rannte durch den sumpfigen Wald. Der Matsch spritzte hoch. Irgendwann verlor ich einen Schuh. Ich achtete nicht darauf. Ich wollte nur weg, raus aus diesem Wald, in dem es um mich herum stöhnte, quakte, knackte. Und wie ich so davonrannte, verfolgte mich ein irres Gelächter.

Ich lief davon, ohne zu sehen wohin. Der Regen traf mich mit schweren Tropfen. Mein Atem ging keuchend, und mein Herz schlug schmerzhaft hoch im Hals. Erst als ich in der Ferne das Licht des mir wohlbekannten Dorfes erblickte, hatte meine Flucht ein Ziel. Mit schnellen, trommelnden Schritten lief ich darauf zu.

Am nächsten Tag, es war wieder später Nachmittag, saß ich in der Dorfschänke, den Rücken an den wohlig warmen Kachelofen gedrückt, und trank in kleinen Schlucken einen vorzüglichen Branntwein. Der scharfe Alkohol wärmte mich von innen und vertrieb langsam die Grabeskälte, die noch immer tief in mir saß. Ich blickte durch das Fenster hinaus zum Wald, der sich dunkel und nebelverhangen am Horizont erstreckte.

Auf der Straße unterhielt sich ein junger Wandersmann, der wohl fremd in der Gegend war, mit einem der Dorfbewohner. Der Bursche lachte, packte sein Bündel und seinen Stecken und marschierte mit festem Schritt den Weg hinunter auf den Wald zu. Ich sah zum Himmel hinauf. Es lag wieder Regen in der Luft.

Uhhh, DAS regt die Phantasie an … (OWT)
Manfred