Herz & Schmerz (weit ausgeholt)
Hi Frank
herz pumpt blut, oder?
wenn du den begriff „herz“ metaphorisch auffassen solltest, mußt du dies schon klarstellen.
flora hat das aber doch klargestellt, daß sie es metaphorisch
meinte, eindeutiger ist es doch kaum möglich:
weniger kühle Wissenschaftlichkeit wirken im
zwischenmenschlichen Bereich manchmal Wunder …das kann man
freilich nirgends lernen, sondern es ist eine Frage des
Herzens…
Und auch, wenn es reiche Literaturen zu der Frage gibt, warum der in der Literaturepoche der sog. Romantik gebräuchliche Begriff der „Herzensbildung“ ausgestorben sein mag, so ist auch heute noch eindeutig verstehbar, was damit gemeint ist - vorausgesetzt, man ist bereitwillig und fähig, die ungeheuere Vielfalt menschlicher Denk- und Ausdrucksweisen zu ertragen und hat nicht die ideologische Verkrampfung, daß alle Denkweisen zu´euthanasieren seien, die auch mit dem umzugehen verstehen, was sich nicht kategorisieren läßt und nicht mit den Mitteln einfachster formaler Logik und Statistik erfassen läßt.
Daß diese Denkweise, die sich auch diesem Letzteren zu öffnen den Mut hat, sich vor der Proklamation ängstigt, daß ausschließlich diejenige (logischerweise beschränkte) Rationalität, die sich bis auf das Knochengerüst formaler Prinzipien selbst kastriert, das ist sicher jedem unmittelbar verständlich, der hinreichend reale Erfahrung hat im Umgang mit Menschen, die sich in Notlagen befanden, welche ihnen selbst zunächst unbegreiflich schienen und ihnen selbst daher schwer formulierbar waren.
Der klassische Begriff des Herzens ist heute subsumiert durch den - in fast allen therapeutischen Schulen problematisierten - Begriff der Empathie: Die Fähigkeit, vorübergehend oder partiell die Selbstbefindlichkeit eines anderen mit den Augen ebendieses anderen zu sehen. Diese Fähigkeit ist für jede therapeutische Methode unabdingbar, ihre Voraussetzung ist aber Mut und gründlichste Erfahrung mit sich selbst, nicht aber literarische Gelehrsamkeit. Sie ist zweifellos ebenfalls lernbar, aber nicht auf dem Wege des Lesens, Paukens und Referateschreibens und das Vermögen dazu kann nicht mit Intelligenztests und Klausuren erfaßt werden.
Das könnte flora mit „nicht lernbar“ gemeint und mißverständlich ausgedrückt haben.
Warum diese so verstandene Empathie für jedes psychotherapeutische Verfahren unabdingbar ist (besser: wäre),´das führt hier zu weit, es hat aber damit zu tun, daß Therapien im Wesentlichen ein dialogisches Szenarium sind …
Der metaphorisch verwendete Begriff des Herzens spielt bereits in der späthellenistischen (kardion) und jüdischen (leb oder lebab)Philosophie und Psychologie eine herausragende Rolle - da kommt er nämlich her. Er stand immer schon in friedlicher Koexistenz mit den Verstand bzw. der Vernunft (logos, nous).
Ich hatte es in einer philosophischen Auseinandersetzung mit flora (bei der sie mich, formal zwar mißverständlich, aber inhaltlich völlig zu Recht, kritisierte) schon einmal angedeutet: Es ist gerade ein Resultat aus der Blütezeit der Geschichte der formalen Logik(!) (zwischen Spätscholastik und Blaise Pascal), daß es neben der formalen Logik eine „zweite Logik“ geben müsse, damit sich neben dem Verstand auch die Vernunft entfalten könne. Diese deuxieme logique, die dann von Blaise Pascal (dem Entdecker der
Wahrscheinlichkeitsrechnung - ohne ihn gäbe es heute keine Statistik in den Wissenschaften), „Logik des Herzens“ (logique du coeur) genannt und entfaltet wurde, ist seitdem eins der bedeutendsten Nebenthemen in der Philosophie, Literatur und später in der Psychologie geblieben.
Daß der ebenfalls metaphorisch gebrauchte Begriff des Schmerzes (pathos, metaphoriert nämlich vom körperlichen auf den seelischen, sodaß er, in antiken Begriffen gesagt, überhaupt nur das „Herz“ betrifft) die Grundlage dafür ist, warum es überhaupt Psychopathologie und folglich Psychotherapie gibt, darüber braucht man in diesem Brett ganz sicher kein wieteres Wort zu verlieren.
Soviel zu deinem lapidaren:
darauf reimt sich dann auch „schmerz“.
und schon sind wir bei schlechter lyrik.
naja.

Danke dir für die Vorlage
)
Gruß
Metapher