Eudaimonia

Glück
Hi Birgit

In dem erwähnten Artikel scheint die N.E. des Aristoteles tatsächlich nur einer von vielen angesprochenen Glückskonzeptionen der Antike zu sein. Denn zu dieser Zeit wurde das Wort (eu-daimonia) nicht mehr aus seinem etymologischen Hintergrund verwendet. Eudaimonia ist nicht mehr das „gute Daimonion“, jedenfalls nicht im Sinne eines vom Menschen abgesonderten externen immateriellen Wesens, sondern Glück (im Sinne angenehmer Lebensumstände) und Glückseligkeit (im Sinne eine Wohlgestimmtheit, also mit euthymia, Wohlgemutheit, verwandt).

Beide, Glück und Glückseligkeit, wurden dann in verschiedenen Schulen verschieden interpretiert. Das, was du weiter zitierst, hört sich eigentlich zunächst eher nach Platon an, bei dem Glück soetwas wie ein transzendenter Bezug auf die „Idee des Guten“ ist (die oberste der Ideen, sofern man bei Platon eine Vielheit von Ideen annehmen kann, ansonsten wäre es überhaupt „die“ Idee).

Aristoteles faßt in der N.E. das Glück vielmehr im Kontext einer Untersuchung der verschiedenen „Tüchtigkeiten“, die als auf das Zusammenleben in der „Polis“ bezogene praxis (die damit die ethische Valenz von Tugenden hat) gesehen werden. Bei ihm hat das also weder etwas mit der Ideenwelt zu tun, noch mit dem Menschen wohlgesonnenen Geistern, noch mit einer Wohlgestimmtheit.

Deine Andeutung der Heiterkeit („Eine gelassene Wohlgestimmtheit, eine abgründige Heiterkeit“) könnte sich nun beziehen auf zwei nicht ganz unähnliche Konzeptionen von Glück (und dann auch von Glückseligkeit), die sich später in der Stoa und bei Epikur finden: Die apathia (ungefähr = Leidenschaftslosigkeit) der Stoa meint eine durch Lebenswandel erreichbare Freiheit von Affekten (Trauer, Wut, Lust, Furcht), und die ataraxia (ungefähr = Gelassenheit, Ruhe) der Epikureer, die vor allem Freiheit von Angst vor Tod, Krankheit usw. beinhaltet.

Dein Zitat:

und davon, dass ? wenn man diesem Prinzip Raum in sich selbst gibt ? das
endliche Wesen an der Erfahrung der Unendlichkeit teilhaben kann, dass sein
Leben durchdrungen wird von einer Kraft, die umfassender ist als die
des´Individuums …

bezieht sich ganz sicher nicht auf antike Glückskonzeptionen, da dabei kaum eine individuelle innerpsychische Verfassung eine Rolle spielt. Es klingt darin vielmehr eher eine Haltung bestimmter Strömungen in der christlichen Mystik an (ich denke an Teresa de Avila oder auch Therese de Lisieux). Damit wäre allerdings die eudaimonia als vermittelnder „guter Dämon“ nicht vereinbar, da dieser wieder eine andere Richtung von Glücksbegriffen andeutet, und zwar einen mythologischen, bei dem Glück auf den rechten Umgang mit guten und schadenden Dämonen beruht.

Der ganze Artikel scheint mir also so etwas wie eine Kurzfassung der Geschichte von Glücksbegriffen in der europäischen Philosophie zu sein?

Grüße

Metapher