Finanz- und Anlageberater

Hallo

Du bist ja nicht neu hier (schon viel länger als ich) und hast bestimmt mitbekommen, dass diese Frage sehr oft hier gestellt wird (verständlicher Weise ist sie ja auch jetzt brennender denn je) und die Antworten manchmal sehr kontrovers diskutiert werden.

Denke, was hier schon von Andreas gesagt wurde, ist zwar nicht die ganze Miete, aber dennoch der erste entscheidende Punkt, den man auch objektiv erkennen kann, also:

  1. Analyse: Hört der (oder die – „der Berater“ geschlechtsneutral damit es ja keinen Ärger hier gibt, zumal Frauen ja vielleicht im Schnitt sogar besser zuhören können? ) mir überhaupt zu und analysiert er meine individuelle Situation mit gezielten Fragen zu Einkommen (nach Belastungen), Vermögen, Liquidität, Anlagebetrag, Schulden, Familienstand, beruflicher Werdegang, meine Wünsche, Zukunftspläne, Unsicherheiten, konkreten Vorstellungen, anstehende Anschaffungen und auch zu meiner Mentalität, die man bei etwas privatem Geplauder ja erfahren kann. Diesen Teil der Beraterqualität kannst Du sehr gut erkennen.

Jetzt wird’s schon schwieriger

  1. Die Neutralität: Dazu könnte man jetzt vieles ausführen. Ob nun die angeblich Finanzinstitut unabhängigen Berater die besseren sind oder die hier genannten Honorarberater oder die Bankberater kann man so nicht sagen, weil Du nicht immer weißt, was im Hintergrund läuft (also Provisionen, Zielvereinbarungen/Ergebnisdruck, Bonizahlungen oder sonstige „Zuwendungen“, vielleicht sogar neben Deinem Fixhonorar…).

Klar hängt das auch vom Charakter des Beraters ab, den Du ja nach 1. (siehe oben) schon etwas kennst. Hier kann man nur generell sagen, je höher der Ergebnisdruck und/oder je höher die Abschlussbelohnung, desto weniger Objektiv wird der Berater sein. Die Banken haben sich da in den letzten Jahrzehnten sehr zu ihrem und (Ihrem/Deinem) Nachteil verändert. Trotzdem gibt es immer auch rühmliche Ausnahmen, die entgegen allem Druck bzw aller Verlockung objektiv bleiben können – eben Charakter haben (die Grenzen zu unbewusstem Handeln sind fließend…).

Ehrlicher Weise muss man auch sagen, dass große Banken/Sparkassenorganisationen/Genossenschaftsorganisationen eigentlich für jeden etwas passendes im Portfolio haben und die Qualität ist bei den namhaften Banken in der Regel auch nicht schlecht (klar haben wir viele traurige Ausnahmen erfahren müssen). Es gibt nach wie vor gute Fonds dieser Organisationen und die Empfehlung individueller Aktien, Schuldverschreibungen sind auch sehr von der persönlichen Präferenz der Berater geprägt. Ich finde es auch ok, dass dann der Berater ein passendes gutes Produkt aus seiner Organisation empfiehlt. Das finde ich legitim und vertretbar, wenn es passt und Kosten/Nutzen stimmt (nicht immer leicht nachzuprüfen).

  1. Professionalität: – ist nicht leicht zu erkennen, fängt aber bei 1. (siehe oben) an. Wenns da schon nicht stimmt…Ansonsten muss es auch individuell passen: die Großmutter mit dem Sparstrumpf braucht eine andere Beratung, als der Chemiker, der Bauarbeiter wieder eine andere (der baut vielleicht 60% seines Hauses in Eigenleistung) und der Versicherungsvertreter oder der vermögende Architekt etc etc. Schließlich ist man aber wie so oft auch hier was die Qualität seiner Beratung betrifft nur hinterher schlauer und ein Berater, der mal daneben liegt, ist per se noch kein schlechter Berater, wenn er auf das Chancen/Risiko-Verhältnis ausführlich hingewiesen hat und Du Dich bewusst für diese Chance MIT dem Risiko entschieden hast (abgesehen von den ohnehin bestehenden gesetzlichen Vorschriften zur Aufklärung).

4.Chemie: Schließlich, die Chemie muss stimmen. Da spielen die obengenannten Punkte alle mit rein. Wenn Du allumfassend ein gutes Gefühl hast, ist das schon viel Wert.

Fazit:

Lass Dich mal vergleichsweise von mehreren Beratern informieren und vergleiche dann alles. Da sind die Kosten ein Aspekt, aber nicht immer der entscheidende. Letztlich musst Du Dich nach Abwägung aller Fakten auf Dein Bauchgefühl verlassen. Das alles sind Kriterien, die zeitlos gelten. Klar stellen sich aktuell ganz grundlegende Fragen, wem/was man überhaupt noch vertrauen kann. Ein guter Berater wird auch das berücksichtigen.

Allerdings: sollte sich aufgrund Deiner Situation und/oder des aktuellen Marktumfeldes ergeben, dass das Beste für Dich wäre, etwas zu tun, was eben nicht zu Provisionsertrag bei einer Bank oder einem Berater führt (zum Beispiel einfach Schuldenabbau), dann wird es spannend: wird der Berater das erkennen und Dir das richtige raten, obwohl er keinen Nutzen daraus hat (Fixhonorar ausgenommen)? Sehr gute Berater tun das - es gibt sie, auch bei Banken… (aber man bekommt den Verdacht, als seien das die Dinosaurier der Branche - eine aussterbende Spezies aufgrund eines Kometen, der sich Boni nennt…).

Viel Spaß beim suchen und

viel Glück (gehört auch dazu) wünscht

ikarusfly