mediale Lynchjustiz
Hallo,
lies Dir doch bitte mal die Diskussionen in Ruhe durch. Ich habe nicht die Meinungen und Standpunkte an sich kritisiert, sondern die Art ihres Zustandekommens. Darüber hinaus wurde mir gegenüber nicht nur einmal die Sachebene verlassen, nur weil ich erwähnte, daß auch andere Erklärungen als Täuschungsabsicht denkbar sind und daß nicht jedes unzitierte Übernehmen von fremden Texten einen Verstoß gegen die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens darstellt.
Hauptthema war für mich immer die vorschnelle Verurteilung und diese be- und getrieben durch die Medien, die eigentlich in erster Linie berichten und nicht kommentieren sollten.
Für mich ist die ganze Diskussion der vorläufige Höhepunkt einer aus meiner Sicht sehr gefährlichen gesellschaftlichen Tendenz, nämlich die der Entsachlichung und Entmenschlichung der öffentlichen Diskussion. Es wird immer weniger recherchiert und analysiert, sondern vielmehr die Eigendynamik, die solche Vorgänge entwickeln, gezielt und bewußt gesteigert. Die Medien stacheln sich gegenseitig an. Stellt ein Sender die Frage, ob es möglicherweise zu einem Rücktritt kommt, berichtet der nächste, daß der Rücktritt gefordert würde und der übernächste, daß XY (betrifft ja nicht nur zu Guttenberg) massiven Rücktrittsforderungen ausgesetzt ist.
Maßstäbe gehen völlig verloren, das Leben, die Persönlichkeit, der Werdegang, die bisherigen Leistungen und die Würde des Betroffenen werden vollkommen ignoriert und es geht nur noch darum, schnell zu einem abschließenden Urteil zu kommen und es baldmöglichst zu vollstrecken.
Nicht umsonst erwähnte ich das Beispiel Kachelmann. Die Unterschiede im Ablauf sind marginal, das Ergebnis ist das gleiche: das berufliche und private Leben des Mannes ist weitestgehend zerstört, ohne daß die Schuld bisher tatsächlich festgestellt wurde.
Natürlich kann man der Ansicht sein, daß zu Guttenbergs Schuld bewiesen wurde. Ich bin da weiterhin anderer Ansicht, weil der Hauptbeweis (Guttenplag) in meinen Augen innerhalb kürzester Zeit zu einem schlechten Witz mutierte. Ich habe bereits Stellen erwähnt, die die ganze Veranstaltung in einem eher zweifelhaften Licht erscheinen lassen.
Die Uni Bayreuth hat entschieden, daß die Arbeit gegen die Prüfungsordnung verstieß, weil nicht alle fremden Texte als solche gekennzeichnet waren. Soweit waren wir auch schon vorher. Damit ist aber immer noch nicht festgestellt, daß ein Täuschungsversuch vorliegt.
Wie auch: in knapp zwei Tagen war eine vollständige, gründliche Prüfung nicht darzustellen. Eine endgültige Aufklärung wird es also nicht geben und in der Folge wird an zu Guttenberg immer etwas von der Affäre hängenbleiben. Vielleicht zu recht, vielleicht zu unrecht.
So oder so ist das Urteil gesprochen und vollstreckt. Von den Medien und der Öffentlichkeit.
Gruß
Christian