Lieber Steffen
Grundsätzlich kann ich deine Wut sehr gut verstehen und stimme Dir grösstenteils zu. Auch ich habe von Berufs wegen (fast jeden Tag) mit (fremden) Hunden zu tun und tue alles Mögliche um den Leuten, die bei mir trainieren, beizubringen, dass sie die Kothaufen aufnehmen sollen. Vor jedem Training wird geprüft, ob auch wirklich jeder seine zwei Tüten dabei hat. Ausserdem machen wir oft Übungen, wo man die Dinger dann braucht. Irgendwann wirds auch dem Faulsten mal zu dumm. Auch ich nehme selbstverständlich die Haufen meiner drei Hunde auf. Ich kann dir wirklich nachfühlen, denn bei uns in der Schweiz ist es mit dem Hundekot genauso schlimm.
ABER: Jemand, der einen Hundeführerschein hat, könnte sich doch dann auch denken: „Ach, ich hab mir den Schein jetzt für teures Geld gekauft, da kann jetzt ja auch der Strassenputzdienst…“ oder „Ich WEISS, wie man mit Hunden umzugehen hat, schliesslich habe ich einen Schein - da muss ich mich doch nicht herablassen, noch den Kot meines Hundes aufzunehmen…“ Ein Schein ist also nicht der Garant für unverschmutzte Strassen und Wege.
Ausserdem gibt es z.B. auch ältere Hundehalter, die aus verschiedenen Gründen einen Hundeführerschein nicht absolvieren können (nicht mehr genug lernfähig lange Theorie einzubüffeln etc.) Es sind aber genau diese Hunde, die meiner Meinung nach eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt übernommen haben: einem alten Menschen helfen, seinen Lebensabend glücklich verbringen zu dürfen. Hunde, das wird für dich, Steffen, nichts Neues sein, helfen sehr, Kontakte zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen. Diese älteren Menschen wären noch isolierter und gingen dann womöglich nicht mal mehr ins Freie um zu spazieren.
Genau aus diesem Grund, weil man gewisse Menschen einer grossen, vielleicht sogar lebenserhaltenden Freude berauben würde, bin ich gegen einen Hundeführerschein.
Aber es gibt da durchaus auch noch andere Aspekte: Wenn eine Familie einen Hund hält, darf dann nur dasjenige Familienmitglied, das den Führerschein gemacht hat, den Hund ausführen? Wie ist das, wenn die Kinder Hundesport machen wollen, aber z.B. noch zu jung sind, einen Hundeführerschein absolvieren zu dürfen? Wer ist befähigt, einen solchen Führerschein überhaupt auszustellen? Das zuständige Amt? Und wenn da jetzt halt jemand sitzt, der z.B. eine grosse persönliche Abneigung gegen Rottweiler, Staffs oder vielleicht auch Labradore hat? Wenn man den Schein einmal gemacht hat, ist man dann in dessen Besitz für das ganze Leben? Was den Leuten vor 20, ja sogar vor 10 Jahren noch gelehrt wurde über Hunde gilt heute als völlig veraltet und z.T. auch als tierschutzwidrig (was auch ganz gut ist so). Aber Fortbildungen lassen sich sehr schlecht durchführen - es mangelt an Geld, Zeit und Motivation (nicht nur der Ämter).
Mit dem Schein würden nur noch mehr selbsternannte, die Weisheit-mit-Löffeln-gefressen-habende Gurus herumlaufen.
Mit dem Hundeführerschein ist es wie mit dem Kommunismus: In der Theorie eine wunderbare, geniale Idee - die aber leider in der Praxis überhaupt nicht funktioniert.
Lieber Gruss,
Semiramis