Hallo Barbara,
zunächst sage ich Dankeschön dafür, daß Du noch mit mir diskutierst.
in der Bevölkerung hingenommen worden: Die antisemitische
Propaganda hatte gute Arbeit geleistet.
… und sollte nun verschwinden? Ich weiß nicht. Inzwischen habe ich ein Buch aus dem Jahre 1940 durchgesehen, das als äußerst übles Machwerk der Nazipropaganda gilt. Es berichtet „im Auftrage des Auswärtigen Amtes“ über „polnische Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen“. Das Buch ist absolut frei von Antisemitismus. Ein einziger, für mich jüdisch klingender Name kommt darin vor, nämlich Leon Blum als einer der Unterzeichner einer Protestnote französischer Politiker und Intellektueller gegen polnischen Polizeiterror im Jahre 1924.
so brennden interessiert, solltest du dich zunächst mit der
NS-Schul- und Jugendpolitik allgemein beschäftigen, um
wenigstens grob eine Idee von den Rahmenbedingungen zu haben.
Das wäre sicherlich gut, doch zunächst interessiert mich die Frage, inwieweit ideologische und antisemitische Propaganda die verschiedenen Lebensbereiche durchdrungen hat.
meine Lehrer hatten früher oft selbst Kopiertes verwendet und
in einigen Jahrgangsstufen haben wir damals gar nicht in den
vorgeschriebenen Bücher geguckt. Oft sind die Teile ja auch
Es gab damals noch keine Fotokopierer, wieviele Lehrer hatten wohl Schreibmaschinen für die Hektograph-Matrizen?
Es geht doch beim wissenschaftlichen Forschen nicht um ein
moralisches Verurteilen oder ein moralisches Rechtfertigen,
sondern um eine Bestandsaufnahme, eine Analyse. Am Ende kann
ich dann Urteile abgeben. Als Historikerin bin ich aber nicht
an moralischen Urteilen interessiert. Das ist dann Aufgabe der
Das mit dem Urteil am Ende halte ich für eine honorige Auffassung vom Historikerberuf. Als gelernter Soziologe weiß ich allerdings auch, daß das Urteil auch am Anfang der Forschung steht, und man mit dieser Tatsache umzugehen hat.
hat, wie der Faschismus die ganze Gesellschaft durchdrungen
hat. Eben auch die Schulen.
Ja, genau.
Es wäre mir neu, dass wir eine staatliche Jugendorganisation
haben, in der die verschiedenen christlichen und
konfessionlosen Pfadfinder, die evangelischen, katholischen
und parteilichen Jugendorganisationen aufgelöst wurden. Soweit
Touchez! „Gleichschaltung als institutioneller Vorgang“. Nachlässiger Wortgebrauch meinerseits.
mir bekannt ist, haben wir hier Pluralismus.
Vielleicht besser: „…haben wir hier heute mehr Pluralismus als damals“
Wer jedoch als BRDeutscher an einer ideologiekritischen
Würdigung des 3. Reiches arbeitet,
Was ist jetzt nochmal eine ideologiekritische Würdigung - sags
nochmal für Blondinen im Geiste ;-D,
Bei einem Wahlreklameplakat einer Partei handelt es sich um Propaganda, das ist klar. Wenn man nach Propaganda sucht, die versteckt vorkommt, braucht man Kriterien, um diese zu entdecken.
Mein ursprünglicher Ansatz der operationalen Definition von antisemitischem Inhalt war, das Vorkommnis irgendeines jüdischen Elements, z.B. eines jüdisch klingenden Namens als Indikator zu verwenden. Das hat für die Textaufgaben genügt, würde aber z.B. eine Sammlung der weisen und witzigen Geschichten der Chassidim als hoffnungslos antisemitisch werten.
Zum Auffinden von Propaganda, die sich auf subtilere Weise versteckt, benötigen wir den Begriff der Ideologie. Dieser aber ist wertend, und die Wertung muß der eigentlichen Forschungsarbeit vorausgehen. Wir haben also ein am Anfang einer historischen Forschungsarbeit liegendes Urteil. Dieses Urteil steht wiederum unter dem Einfluß der offen oder versteckt daherkommenden Propaganda in der eigenen Lebenswelt des Forschers.
Das bedeutet z.B. in der Praxis, daß man nicht jede in der NS-Zeit getane nationalistische Äußerung als ideologisch werten kann, wozu man jedoch verständlicherweise neigt, weil in der BRDeutschland generell eine antinationalistische Ideologie (?) herrscht.
Gruß
Wolfgang Berger *