Grundsätzliches
Hallo Oliver,
zunächst einmal etwas Grundsätzliches: Alle Informationen, die wir hier austauschen, erheben freilich nicht den Anspruch der absoluten Wahrheit, zumal in der Medizin, wie auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, häufig Modellvorstellungen Vorgänge zu verdeutlichen suchen, die so in Wahrheit nicht existieren bzw noch gar nicht bekannt sind.
In diesem Zusammenhang finde ich es müßig, sich Lehr- und Fachbücher als Ganzes als Quellenangabe um die Ohren zu schlagen. Da wir im Internet sind, können wir allenfalls Quellen dort nennen, oder aber aus Printquellen Stellen mit Angaben des Autors, des Titels, ggf Seite, Artikel-# usw. Aber das wirst Du ja aus der Studentenzeit selber wissen.
Aha, die Kontaktinfektion gibt’s also nicht mehr.
Gibts schon, aber sie läuft nach anderen Gesetzmäßigkeiten ab,
als bisher vermutet. Bisher betrachtete man nur den Keim
isoliert, mittlerweile versucht man sich am ganzheitlichen
Verständnis der Interaktion von Mikroorganismus, Umwelt und
Immunsystem. Das ganze ist eine Gleichgewicht, wie immer in
der Natur.
Das ist wohl richtig. Nur daß diese Erkenntnisse neu sein sollten, ist mir wiederum neu. Ein jedes Lebewesen lebt in einem Umfeld, an dessen Bedingungen es sich anzupassen versucht, was ja in der Evolution sich manifestiert. Gerade Mikroben werden wohl immer und ewig überleben, weil sie infolge des raschen Generationswechsels dem langsameren Organismus (hier der Mensch) überlegen sind und der Zellverband (bzw Zelle selbst bei Einzellern) auch nicht so komplex ist wie bei den höheren Tierarten. Also versuchen spezialierte Zellen im Organismus, quasi als Task-Force durch ebensoschnelle Anpassung den Angreifer (invasor) zu killen. Wenn aber diese Abwehrfront bei Kranken (Immunsystem) geschwächt und obendrein in Krankenhäusern durch erhöhte Expositionsdauer und -zahl (Keimzahl) sowohl in der Atemluft als auch durch direkte Kontakte ( z.B. Schmiereninfektion) überfordert ist, hat der Kranke verloren. Die Frage ist nur, soll ich es darauf ankommen lassen und präventiv durch die richtige Desinfektion handeln, oder erst mal zuschauen, um das Kind aus dem Brunnen zu holen, nachdem es reingefallen ist. Ich bin für einen Zaun um den Brunnen, was nicht heißt, daß die Feuerwehr das rictige Rüstzeug dabeihaben soll, um dennoch Kinder aus Brunnenlöchern zu holen.
Der Ignaz
Semmelsweis (Retter der Mütter) hat sich also geirrt, weil die
Mütter sowieso durch endogene Infektion gestorben wären.
Die ersten Brustkrebsoperateure hatten auch dadurch Erfolg,
indem sie die ganze Brust samt allen Lymphknoten entfernt
haben. Inzwischen geht man da dank des wissenschaftlichen
Fortschritts etwas gezielter vor, mit noch größerem Erfolg.
Das läßt sich direkt auf die Mikrobiologie übertragen.
Hier mußt Du mir mal den Zusammenhang klarmachen. Was hat verbesserte Chirurgie mit Mikrobiologie zu tun?
Nenne mir mal mit Deinem Pschyrembel-Wissen nur eine einzige
Kontaktinfektion, die sich durch Händeschütteln übertragen
läßt. Ich nenne Dir dafür zehn Beispiele für negative
Auswirkungen von Desinfektionsmitteln auf die Flora der Haut.
Das ist exakt dieses Wissensabfragen wie in der Quizshow, das ich meinte. Ich gebe Dir gerne ein paar Beispiele:
Kontaktinfektion oder direkte Infektion durch Keimträger und Keimempfänger bei Hautberührung von Gegenständen z.B… Fußpilz, Nagelpilz, Herpes simplex und Zoster, HIV, eitrige Entzündungen aller Art etc.- Erstaunlich nur, daß Du das mit den Auswirkungen auf die Flora der wertvollen Medizinerhand aufrechnen willst. Der Arzt hat diesen Beruf gewählt und lebt mit dem Risiko der Eigenerkrankung. Der Patient kommt ins Krankenhaus, um zu gesunden. Schon der Name „Krankenhaus“ weist wohl die Richtung auf krank bleiben bzw noch kranker werden. Müßte es nicht Gesundheitshaus heißen? Das wäre doch mal ein werbewirksamer Gag? Bloß wer glaubt’s?
Kannst Du mir dafür auch Quellen nennen?
Empfehlenswert: Mims, Playfair, Roitt, Waikelin, Williams:
Medical Mikrobiology, Mosby, 1998.
s.o.: Ich hatte kein Lehrbuch gemeint, sondern etwas gezieltere Quellenangaben, am liebsten aus dem Internet, gerne auch in Englisch.
Ich denke ich gebe hier in erster Linie nicht nur angelerntes
Wissen wieder, sondern dessen sinnvolle Interpretation bzw.
eine Verknüpfung im Gesamtkontext.
Dein Anspruch ist edel, erfülle ihn bitte auch, soweit es Dir möglich ist. Ich bin ja nur ein dummer ehemals abgebrochener Psychologiestudent (mit medizinischer Vorbildung in den Nebenfächern Physiologie, Anatomie, Neurologie und Zoologie), Du aber bist ausgebildeter Mediziner. Von Dir erwarte ich deftiges Wissenslückenschließen. 
Ach so, die ganzen Internet-Seiten sind also fehlerhaft und
veraltet, die sich mit Krankenhaushygiene befassen. Ist
offenbar nicht Deine Stärke.
Guck mal oben, was Nike so für „hilfreiche“ Sachen zum Thema
„Lupus erythematodes“ gefunden hat. Schau in der Medline,
nicht im Net!
Schau ich mir gleich an.
Neu ist das Verständnis der Interaktion Mensch-Mikrobe.
Für mich ist der Psyrembel tatsächlich recht angestaubt. Ist
doch auch klar: Wie soll man denn so einen Wälzer bitteschön
redaktionell vollständig up-to-date halten? Für mich ganz
persönlich ist es nur ein Wörterbuch, um die pathetische
lateinische Krankheitssymptomatik der Ärzte des letzten
Jahrhunderts nachschlagen zu können. Zu einem
Krankheitsverständnis irgendeiner Art trägt er nicht bei.
Höchstens zu multiple-choice Wissen, mehr nicht. Aber, wie
gesagt, nur meine persönliche Meinung.
Ohne für die CD-Rom aus dem Verlag de Gruyter Werbung machen zu wollen (dank Umzugs z.Zt. bei mir verschollen), kann man dort zumindest jährlich ein Update erhalten. Was die Interaktion zwischen Organismen angeht, so sind diese doch spätestens seit Bekanntwerden von Symbiosen bekannt, also sollte man durchaus auch Schlüsse auf Mikroorganismen ziehen können. Die Natur kann ja nicht so perfide sein, den Tod des geenterten Organismus zum Ziel zu haben, wohl aber der Selektion (durch evolutionäres Ausmisten) und damit der Verbesserung.
Die lernen jetzt Akkupunktur oder befassen sich mit
Bioresonanz. Wenn das deren Doktorvater wüßte, au-weia.
Also, viele sagen von sich selbst, sie würden damit nur eine
show-Medizin der Patientenunterhaltung wegen machen *ggg*
Naja, ich habe Dein *ggg* durchaus entdeckt, aber ein wenig Wehmut steckt doch dahinter, daß die Schulmedizin nicht immer greift, oder? Aber tröste Dich: Nicht nur die Natur greift in einander, auch die Wissenschaften sind enger verzahnt als manchen Anhängern der Zentrenlehre (z.B. beim Hirn) lieb ist. Ich erwarte ja nicht, daß Du als Jungmediziner irgendwelchem Okkultismus anhängst und Deine Patienten bei Mitternacht unter eine Eiche zerrst, aber ein souveräner Blick über den statischen Tellerrand der Schulmedizin tut Dir sicher gut.
Gruß Richard