Hallo,
Was das Volk mehrheitlich denkt, weiß ich nicht. Ich weiß nur,
was bei Telefon- und Teletextumfragen herausgekommen ist.
Interessanterweise sind dort in der Tat die meisten Mitmacher
gegen seine Ablösung. Interessant deshalb, weil das die
gleichen Medien sind, in denen sich seinerzeit die Mehrheit
dahingehend äußerte, daß Sarrazins Aussagen zu Hartz
IV-Empfängern voll daneben sind.
Erst interessant ist das, weil die Umfragen in keinster Weise
repräsentativ sind, so daß ich einfach mal behaupte, daß sich
dort ein Phänomen widerspiegelt, das sich zu dem der
schweigenden Mehrheit konträr verhält, nämlich das der
schreienden Minderheit.
Nun ziehst du dich auf die fehlende Repräsentativität der Stimmungsbilder zurück und interpretierst das als Indiz dafür, dass sie falsch sein müssten. Das ist sehr verquer, weil auch wenn eine Umfrage nicht explizit repräsentativ ist kann sie durchaus die Tendenz der vorherrschenden Meinung wiedergeben. Gerade in diesem Fall sind die Werte „pro Sarrazin“ so deutlich, dass statistische Unschärfen wenig an der grundsätzlich richtigen Einschätzung der Stimmung ändern.
Wie stellst du dir das mit der „schreienden Minderheit“ denn überhaupt praktisch vor? Ich weiß, ohne mich ansonsten näher nach weiteren Umfragen umgesehen zu haben, von 95% Pro-Sarrazin-Zuschriften an die SPD, 9 von 10 Zuschriften an die CDU(!) in BaWü, wo demnächst gewählt wird, sind zugunsten Sarrazins, 85% Zustimmung bei „Hart aber fair“ und 70% bei Beckmann. Sollen dann deiner Meinung nach ein paar Aktivisten wie die Blöden Anrufe und Mails eingesendet haben um ein solches Ergebnis zu erzielen?
Das erscheint mir abwegig und ich halte die Ergebnisse der ARD (Beckmann und Hart aber fair) auch für glaubwürdig. Immerhin ist es ein öffentlich-rechtlicher Sender und die Zuschauer dieser Formate dürften auch eher zu den politisch und kulturell nicht komplett desinteressierten Schichten gehören.
Ja, die Unzufriedenheit, wenn es mal gerade nicht genauso
läuft, wie man es gerne hätte. Die schreiende Minderheit halt,
die nur Mißfallen, aber nicht Zustimmung äußert. Für eine
bereits getroffene politische Entscheidung habe ich jedenfalls
noch niemanden auf der Straße Transparente schwenken sehen.
Die zahlreichen Beispiele, die ich nannte, in denen sich die Politik in wesentlichen und grundsätzlichen Fragestellungen nicht mehr am Willen des Volkes orientiert, stammen allesamt aus der jüngsten Vergangenheit. Das ist kein „weil’s gerade mal nicht so läuft, wie man es gerne hätte“, dazu passiert es zu massiert und bei sehr elementaren Dingen.
Mir erscheinen die Initiativen und Proteste, anders als in früheren Jahren, auch nicht als Demos irgendwelcher „Berufsdemonstranten“. Die Ablehnung gegen Stuttgart 21 z. B. zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten, das gleiche gilt für das Rauchverbot in Bayern oder die AKW-Laufzeiten und wenn immer öfter Bürgerentscheide gefordert werden dürfte das auch weniger von politisch desinteressierten Menschen kommen, die sowieso keine Lust an Beteiligung haben.
Nein, die Ablösung über Bundesregierung und Bundespräsident
ist die einzige Lösung
Schon recht, nur die vorschnelle Festlegung - insbesondere des Bundespräsidenten - gegen Sarrazin war alles andere als glücklich. Es zeigt nämlich deutlich die Befangenheit oder besser, dass gewisse unbequeme Wahrheiten öffentlich nicht gerne gesehen werden und sofort abgeblockt werden, selbst um den Preis, sich damit selber in die Nesseln zu setzen. Prompt ruderte Wulff einen Tag später zurück und versuchte den Eindruck, dass er sich schon sehr eindeutig festgelegt hatte, zu verwischen.
Mit „not amused“ hat das übrigens nichts zu tun. Mitarbeiter
sind generell gehalten, ihre privaten Meinungsäußerung
gegenüber Medien nicht mit dem Namen ihres Arbeitgebers zu
verknüpfen oder aber die Aussagen vorher mit den zuständigen
Abteilungen abzuklären.
Sarrazin hat es ja nicht verknüpft. Er hat ein Buch geschrieben und immer wieder betont, dass er das als Privatmann getan habe und nicht in seiner Funktion als Bundesbankvorstand. Der Zusammenhang ist von seinen Kritikern hergestellt worden, nicht von ihm.
Bei Sarrazin ist eine Abgrenzung aufgrund seiner Prominenz
nicht möglich, so daß er ganz besonders darauf zu achten hat,
wie er sich äußert. Man sollte auch meinen, daß sich ein
Vorstand der Bundesbank darüber im Klaren ist, welche
Außenwirkung er erzielt - für sich und sein Unternehmen.
Das stimmt. Sarrazin ist aber kein unbeschriebenes Blatt, sondern der Mann war bekannt als er Bundesbank-Vorstand wurde. Wenn er jetzt erneut das tut, was er auch früher immer wieder gemacht hat, nämlich unbequem und „poltisch unkorrekt“ sein, kann man nicht so tun als fiele man aus allen Wolken weil damit nicht zu rechnen war…
Jetzt ist er ein Querdenker, vor gar nicht langer Zeit
sprachst Du so darüber:
Ich sehe da keinen Widerspruch. Der - folgerichtige - Ärger, wenn ein Arbeitnehmer über die Stränge schlägt, ist erwartungsgemäß eingetreten. Ich nehme Sarrazin in dieser Hinsicht auch nicht in Schutz weil er sich in der Tat darüber klar sein musste, dass sich die privat geäußerte Meinung nicht von der beruflichen Existenz abspalten lässt und gerade ein Mensch in exponierter Position zurückhaltend sein sollte.
Seine Aussagen werden aber, wie ich oben dargestellt habe, von weiten Teilen der Bevölkerung gar nicht als skandalös oder ehrenrührig betrachtet. Diese Bewertung und der nachfolgende Skandal ist keine Empörung der Bevölkerung, sondern eine der politischen Klasse und der Medien.
Insofern ist der aktuelle Diskurs nicht einer der Bevölkerung, sondern einer der Politik und der Medien und die Behauptung, Sarrazin sei jetzt untragbar geworden (was er bisher trotz provokanter Äußerungen nie war) wird auch nicht von den Bürgern so gesehen, sondern von Politikern und Bundesbankern.
Da ging es um genau das gleiche Thema, nämlich die Integration
von Ausländern. Nur daß damals die Sache mit dem Judengen
nicht zur Sprache kam und nun findest Du in Ordnung, was er
sagt und bist der Ansicht, der Arbeitgeber müßte die Aussagen
tolerieren?
Das Judengen können wir schnell abfrühstücken, in diesem Punkt redet Sarrazin Unsinn, den ohne Witz jeder gymnasiale Zehntklässler besser weiß. Da verrennt er sich in sachlich falsche Dinge und lässt sich auch auf einen Nebenkriegsschauplatz führen, der zweitrangig ist.
Der Arbeitgeber hat natürlich Recht wenn er skandalöse Aussagen eines Mitarbeiters nicht ohne Reaktion duldet. Nur: sind Sarrazins Aussagen denn wirklich skandalös? Zumindest in der großen Mehrheit der Bevölkerung wird das nicht so gesehen, im Gegenteil - man gibt ihm in dieser Diskussion Recht.
Die Bewertung als „Skandal“ durch die Bundesbank ist doch eine willkürliche Festlegung, für die es gar keine Belege gibt…
Es gibt kein Meinungsbild in der Bevölkerung, sondern deren
viele. Interessanterweise bist Du nicht zum ersten mal der
Ansicht, daß Deine Meinung der Meinung der Mehrheit der
Bevölkerung entspricht.
Es gibt sehr wohl Strömungen - und die sind dieses Mal so eindeutig wie selten.
Gruß
MecFleih