Teil akzeptiert
Hallo R o b.,
Mit diesem Totschlagargument kann man aber auch jede
TV-Berichterstattung, jede Spende, jede Einlassung auf jedes
Ereignis, auf jeden Unglücksfall etc. verketzern.
Ist ja nicht ganz falsch. Aber genau deshalb finde ich, man sollte sich die Aktionen sparen, die den Betroffenen nicht helfen.
Oder anders gesagt: Nicht die durchgeführten
sondern die unterbliebenen Gedenkminuten geben Anlaß zur
Diskussion. Soweit gehen wir vielleicht konform.
Jein. Ich teile Deine Ansicht über die „Mißachtung“ der bewußt Getöteten. Aber meine Konsequenz ist, die Gedenkminuten komplett wegzulassen.
Da habe ich mich vielleicht mißverständlich ausgedrückt. Ich
meinte natürlich: für diejenigen, die an Schweigeminuten
nicht teilnehmen, weil ihnen das Geschehen anderswo
egal ist, setzt gemeinschaftliches Gedenken ein Zeichen.
Meinst Du? Wenn ihnen das egal ist, werden sie die Gedenkminuten wohl kaum zum Nachdenken nutzen. Eher, um zu sagen: „Schaut Euch die Bekloppten an.“…
Diejenigen, die „heuchlerisch“ teilnehmen, werden zumindest
einem kleinen sozialen Druck ausgesetzt, über gewisse Dinge
nachzudenken.
Da bin ich genauso skeptisch wie oben.
Es ist wie mit Bio-Essen.
Nicht ganz. Mann kann ja Bio-Fleisch kaufen und prüfen, ob es besser ist als das normale. Aber wie prüft man, ob Gedenkminuten was bringen?
Aber apropos „zynisch“: zynisch ist es eher, jedes Zeichen von
sozialem Bewußtsein ausschließlich in einen Kontext zu
stellen, in welchem sich andere Dinge als „schlecht“ und
„heuchlerisch“ beschreiben lassen.
Falls Du das auf mich beziehst: ich habe mich ausdrücklich nicht auf jedes Zeichen von sozialem Bewußtsein bezogen. Es geht mir mehr um „Scheinzeichen“, die gut aussehen, aber nicht helfen. Wenn Du das als zymnisch betrachtest, gut, dann bin ich halt zynisch.
Ja, aber wenn man nicht solidarisch ist, ist die Geste nicht
nur heuchlerisch, sondern ebenfalls überflüssig. Ergo: Alle
Gesten sind überflüssig.
Alle ist ein großes Wort, aber ich bin tatsächlich der Meinung, daß viele Gesten unnötig sind.
Anders kann man Deine Haltung
nicht interpretieren. Was soll also die Unterscheidung? Das
ist reinster Rabulismus.
Schönes Wort, kannte ich noch gar nicht. Aber ich kann mich Deiner Ansicht anpassen. Ist es halt immer überflüssig.
Die Problematik in Deiner Haltung verdeutlicht sich, wenn man
diese weiterführt: „Die Leute spenden bloß und sonst bleibt
hier alles beim alten; da zeigt sich, daß sie sich mit ihren
Ablaßzahlungen nur ein reines Gewissen erkaufen wollen. Die
Menschen in Asien sind denen doch ganz egal.“ Das ist
zynisch, nimmt sich aber auch nicht mehr heraus als Deine
Argumentation.
Nein, hier liegt die Sache anders. Denn die Spenden helfen den Leuten vor Ort. Wenn sich damit jemand nur ein reines Gewissen kaufen will, bitte, aber jedenfalls bringt’s was.
Sicher, das wäre schön (und übrigens auch eine Geste :o)
Aber eine nützliche 
gewesen. Aber wir wissen, daß das nicht passieren wird. Soll
man deshalb auf jede andere Geste verzichten?
Nein, nur auf die überflüssigen
Zu denen zähle ich übrigens auch solche Spielchen wie Karneval ausfallen lassen und dergleichen.
Wenn Du Dich mit
all Deinen Dir zur Verfügung stehenden und zumutbaren Mitteln
dafür einsetzt, also Deinem Abgeordneten, dem
Bundespräsidenten, Wirtschaftsverbänden und Einzelfirmen
schreibst, Flugblätter verteilst, Aufrufe und Demonstrationen
startest etc., selber alles Spendest, was Du ansonsten für
Freizeitkram ausgeben würdest, dann wärst Du mit dieser Art
Kritik an Gesten glaubwürdig.
Mache ich nicht, zugegeben, und ich habe auch nicht die Absicht. Trotzdem nochmal kurz: ich unterscheide zwischen nützlichen und unnützen Gesten. Letztere sind meiner Meinung nach überflüssig, und Schweigeminuten zähle ich dazu.
Grüße Kubi