Warum ließ die DDR-Führung nicht schießen?

Hallo,

anläßlich des Mielke-Films kam mir erneut die Frage, warum die DDR-Führung 1989 die Proteste nicht gewaltsam hat niederschlagen lassen. Eine Antwort ist, dass die Unterstützung der UdSSR nicht mehr gegeben war. Aber warum brauchte man die überhaupt? Stasi und NVA wären doch sicher stark genug gewesen, mit Waffengewalt die Bevölkerung einzuschüchtern, wenn man nur skrupellos genug gewesen wäre. Was können unbewaffnete Bürger denn schon gegen Gewehre ausrichten?

Anders gefragt: Was wäre weiter passiert, wenn der Staat mit harter Gewalt reagiert hätte?

Mit dem Beginn von Glasnost und Peristroika in Russland hatten sich die meisten Staaten zunehmend Richtung Westen geöffnet. Die DDR-Führung ging aber eigene Wege und verweigerte sich dieser Öffnung in den Westen und brach offen mit der russischen Führung. Das führte zu erheblichen internen Spannungen innerhalb der SED und dazu, dass die Reformer innerhalb der SED an Einfluss gewinnen konnten.

Spätestens seit dem Paneuropäischen Frühstück im August 1989 war der Fall der Mauer nicht mehr aufzuhalten und das war auch innerhalb von weiten Teilen der SED erkannt worden. Die Montagsdemos waren nur ein weiteres Symptom einer weit fortgeschrittenen Entwicklung und als solche haben sie kaum einen Beitrag zum Fall der Mauer geleistet.

Kurzum - Als die Montagsdemos begannen, war den meisten klar, dass Reformen nicht mehr aufzuhalten waren und niemand hatte irgendein Interesse daran, noch auf Leute zu schiessen.

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Wie schon erwähnt war 1989 eigentlich jedem klar, welches Ende die DDR nehmen würde. Klar gab es ideologische Hardliner, aber in Summe konnte man davor die Augen nicht mehr verschließen.

Es ist imho sehr fraglich, ob die NVA 1989 auf die eigene Bevölkerung geschossen hätte und im (für die Regierung) schlimmsten Fall hätte sie sich sogar solidarisiert. Wenn man sich ähnliche Situation wie den Prager Frühling oder den Ungarischen Volksaufstand anschaut, sieht man ja, dass hier ausländische Truppen des Warschauer Pakts gegen die Bevölkerung vorging.

Die NVA wurde 1989 zwar im Inneren eingesetzt, aber nur zum Schutz von Objekten und ähnlichem. Man kann also vermuten, dass sich die DDR der Risiken bewusst waren. Ein Fall, in dem Soldanten der NVA ein mögliches Vorgehen verweigerte, ist mir aus Leipzig bekannt:

Nachdem die Sicherheitskräfte an diesem Tag in der Leipziger Innenstadt nicht gegen die Demonstration eingriffen (sie hatten lediglich den Befehl zur Eigensicherung im Falle gewaltsamer Angriffe erhalten), konnte sich der Demonstrationszug um den Leipziger Innenstadtring friedlich entwickeln.

Die Entscheidung war allerdings auf Leipziger Ebene gefallen und hing wohl auch mit Fällen von Gehorsamsverweigerung bei den verschiedenen Sicherheitskräften zusammen: Der amtierende 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung und Vorsitzende der Bezirkseinsatzleitung Helmut Hackenberg hatte sich mit einer Lagebeschreibung nach Berlin gewandt, erhielt aber erst lange nachdem sich die Demonstration aufgelöst hatte, eine hinhaltende Antwort von Egon Krenz. Da sie nicht die Verantwortung für das drohende Blutbad übernehmen wollten, trafen zwischenzeitlich Hackenberg als politisch Verantwortlicher und der Leipziger Polizeipräsident (zugleich zuständig für die Kampfgruppen der Arbeiterklasse) BDVP Generalmajor Gerhard Straßenburg als Einsatzleiter die Entscheidung zum Rückzug der Kräfte, unter dem Vorbehalt der Eigensicherung.

Ein großer Teil dieser ca. 1.200 Unteroffiziersschüler weigerte sich, gegen Bürger der DDR vorzugehen, und machte den Unwillen sogar mit Transparenten aus Bettlaken deutlich. Der Marschbefehl wurde daraufhin nicht erteilt.

Es wäre 1989 auch unmöglich gewesen, ein blutiges Niederschlagen im großen Stil zu verheimlichen und im allerbesten Fall wäre es wohl nur zu einem zeitlichen begrenzen Aufschub gekommen.

Erstens sind die Bürger in solchen Situation oft gar nicht so unbewaffnet und zweitens ist die Geschichte voll von Beispielen wie zB die Rumänische Revolution (ebenfalls 1989), wo ein totalitäres Regime von der eigenen Bevölkerung abgesetzt wurde. Natürlich gibt es auch Beispiele für das Gegenteil wie zB das Tian’anmen-Massaker. Aktuell lohnt sich ein Blick nach Hong Kong, wo sich eine ähnliche Situation anbahnen könnte.

LG

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Hi!

Bzw. vom 12. bis 17. Juni 1953 in der DDR.

Grüße,
Tomh

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Hallo!

Sie waren nicht so skrupellos wie beispielsweise die Chinesen am Tian’anmen. Das halte ich der DDR-Führung immer noch hoch, trotz der Verbrechen und Morde, die sie begangen haben…

Ein gewisser Rest-Idealismus scheint noch vorhanden gewesen zu sein. Nicht das eigene Volk zusammenschießen. Wenigstens das.

Schöne Grüße!

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In der Le Monde wurde kürzlich als Hauptgrund angeführt, dass die DDR pleite gewesen sei und es darum für die SED nichts gab, was man hätte verteidigen können.

In den meisten Fällen gibt es in der Geschichte ja ein Zusammenfallen von mehreren Gründen. Der fehlende Rückhalt durch die UdSSR spielte bestimmt eine große Rolle, damit war ja auch der russisch erzwungene Schulterschluss mit den anderen “Bruderrepubliken“ weg.

Immer mehr Menschen verließen die DDR, aber die Schlupflöcher ließen sich nicht mehr schließen. Die DDR hätte eine Mauer rund ums ganze Terretorium bauen müssen!

Und ich würde die gewaltigen Montagsdemonstrationen nicht zu gering schätzen. Irgend wann kommen nämlich in Krisensituationen diese Kipp-Punkte: Immer größere Massen begehren auf, und in Regierung, Polizei etc. fangen immer mehr Personen an, sich zu fragen: Sollte ich vielleicht doch die Seite wechseln…
Die Gesamtpsychologie so einer Gesellschaft ist freilich schwer für den einzelnen zu erkennen.

Schade, dass in der ehemaligen DDR kaum jemand stolz darauf ist, dass 1989 etwas vielleicht einmaliges geschah: eine tiefgreifende, glückende Revolution ohne einen einzigen Toten!

Karl

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Welche -außer NVA- bzw. Ministerium-für-Verteidigungs-eigene - waren das ?

Natürlich gibt es eine Art kollektiven Stolz darauf. Nur weil er nicht immer und immer wieder zitiert wird, heißt nicht, dass er nicht vorhanden ist.

Die Medien neigen immer dazu, von negativem zu berichten, wie z.b. die schon in der „DDR“ gesäte Ausländerfeindlichkeit.

Da überfragst du mich jetzt. Ich könnte mir die Klassiker wie Kraft- und Umspannwerke, Telekommunikationseinrichtungen usw. vorstellen.

Die Bewachung außermiltärischer, also ziviler Objekte unterstand dem Ministerium des Innern, solche des MfS demselbst und zwar ausgeführt durch Einheiten des Wachregiments.

Ich glaube leider, dass du dich irrst. Die Menschen, die zu recht stolz auf diese Zeit zurückblicken, dürfte sehr gering sein. Das Gefühl, ungerecht, unfair behandelt worden zu sein ist (nicht bei allen Menschen, aber bei vielen) zu stark.
Karl

Das kann ein Eindruck sein, den ein persönlicher Erfahrungshintergrund gebiert und die Wahrnehmung davon deshalb von Mensch zu Mensch variiert. Bzw. nehme ich Jammerer auch nicht so ernst.

Heißt es nicht immer, dass der Westen - inklusive seiner Geheimdienste - von der Entwicklung völlig überrascht worden sei?

Das würde mich wundern. ICH wusste, dass sich bald einiges ändern würde und ich war 12!

Menschen, die persönlich betroffen sind, wissen oft mehr als die angeblichen Experten. Hab ich schon öfters bemerkt.