Dollfuß und Hitler (und anderes)
Das Dollfuß-Regime der 30er Jahre war sicher autoritär und totalitär, aber man kann es nicht als Vorläufer der NS-Herrschaft bezeichnen - immerhin wurde Dollfuß von illegalen Nazis erschossen - außer vielleicht in einem so allgemeinen Sinn, dass Österreich eine große Anfälligkeit für jede Art von Autoritarismus hatte. Das bringt aber auch wieder wenig.
Wie Michael schon schreibt, waren 105 % der Franzosen in der
Resistance, die Italiener hatten sich nach ihren Heldentaten
unter Mussolini zu veritablen Partisanen gemausert und der
Vatikan ist während dem Krieg allen Bedrängten zur Seite
gestanden. Meines Wissens haben die Oesterreicher als Volk
immerhin keine Legendenbildung betrieben. Und dies mit gutem
Grund. Wenn es opportun ist, war man Widerstandskämpfer und
hat trotz allem einen guten Draht zur FPÖ. Die Wahlen sind ja
geheim…
Naja. Die Legendenbildung ging in die Richtung, dass „wie alle Opfer waren“, deswegen auch kein schlechtes Gewissen gebraucht hätten, von Restitution und Entschädigung für die wirklcihen, die jüdischen Opfer ganz zu schweigen … es ist alles wirklich nicht ganz einfach. Viele derjenigen, die nach dem Krieg die Ausgrenzung der Opfer fortsetzten („ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, war die quasi offizielle Formel), waren - wie Leopold Figl - selbst im KZ. Den Opferstatus Österreichs hatte man auf der anderen Seite bereits 1943 von den Allierten bestätigt bekommen (Moskauer Deklaration), sicher aus ganz strategischen politischen Überlegungen heraus, aber das war nun einmal der öffentliche Sprachgebrauch.
Wenn es opportun ist, war man Widerstandskämpfer und
hat trotz allem einen guten Draht zur FPÖ. Die Wahlen sind ja
geheim…
Nur um das festzuhalten: die meisten Nazis kamen bequem in der ÖVP und mehr noch in der SPÖ unter ("Von der SA in den BSA), die dadurch ihre fehlende Verwurzelung in den Eliten auszugleichen hoffte (abgesehen von der halben Million wahleberechtigter „Ehemaliger“)
Ich hab sie trotzdem gern, diese liebenswürdigen
Opportunisten!
Wenn, dann nicht deswegen, sondern weil es eben doch Widerstand gegeben hat. In diesem Thread ist, was ich gelesen habe, die Gruppe O5 noch nicht erwähnt worden. Auch der sozialistische und kommunistische Widerstand und der passive Widerstand des ländlichen Katholizismus haben hier andere Traditionen.
lg
täubchen