1-Euro-casa (1€Haus) Italien gibt's das auch in F o-a.?

Hallo,
in Italien - ganz unten: Sizilien, Kalabrien, Umbrien und so kommen immer mehr kleine Orte auf den Trichter leerstehende Häuser, nicht nur solche, denen Verfall droht, für einen € (nicht zu vergessen plus Gebühren, Steuer etc.) mit ein paar Auflagen (z. B. Renovierung in x Jahren) zu verkaufen oder zu versteigern, um die Orte am Leben zu erhalten und die Bevölkerung wieder wachsen zu lassen.
Mussomeli, Sambuca werden oft genannt. Un Euro Casa nennt sich das dort.

Gibt es ähnliche Programme in F oder anderen Ländern, die ja unter der gleichen Landflucht leiden?

Mich würde zu Italien auch interessieren, ob es da Überraschungen wie beim Vererben in Frankreich gibt (da geht ein großer Teil an den Staat)
Danke&Grüße ynot

nun in Deutschland kenne ich so was nicht, meist wird da was mit den Steuern gemacht um den Ort attraktiver zu machen, bzw es gibt bonis wenn man dort hinzieht. Allerdings habe ich von solchen Aktionen in der letzten Zeit wenig gehört.

Nun ja, wenn man 20% Erbschaftssteuer mit 100.000 Euro Freibetrag pro Erbe als „grossen Teil“ bezeichnen will… Dafür, dass der Staat dabei überhaupt etwas bekommt, müsstest du deine 1-Euro-Hütte erst mal auf einen Verkehrswert von mehr als 100.000€ aufpäppeln. Viel Spass dabei.

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Servus,

nein, in Frankreich werden nicht mehr benötigte Dörfer sukzessiv aufgegeben, übrigens schon eine ganze Weile. - ein recht instruktives (aber beileibe nicht das einzige Exempel dafür) ist Oppède-le-Vieux, dessen letzte bewohnte Häuser erst im letzten Jahrhundert aufgegeben worden sind. Es gibt dort übrigens einen Platz, an dem unter freiem Himmel und ohne dass ein bewohntes Haus in der Nähe wäre, haufenweise Briefkästen hängen - in F braucht man eine zustellfähige Adresse, um Sozialhilfe oder allocations irgendwelcher Art zu bekommen.

In Frankreich wird in den letzten Jahren versucht, in ländlichen Orten in relativ dicht besiedelten Gebieten, die früher die Funktion von Zentren hatten, die Verwahrlosung etwas zu bremsen, indem man den sterbenden Einzelhandel mit zinsverbilligtem Geld und wohl auch direkten Subventionen für irgendwas versorgt. Da geht es dann aber bereits um Orte von der Größenordung von Saverne, und auch in Städten wie Belfort macht sich bereits Mottenfraß und Untergang bemerkbar: Wenn man dort vom Bahnhof durch den Faubourg de France zum Zentrum marschiert, kommt man durch eine blitzblank herausgeputzte, mit Konjunktur- und Strukturfördermitteln richtig teuer ausgestattete und dekorierte Fußgängerzone, die an lauter leeren Schaufensterhöhlen vorbeiführt, bei denen man an manchen noch sehen kann, dass zuletzt 1-Euro-Asia-Läden und sowas drinne waren, die dann aber zuletzt auch das Licht ausgemacht haben.

Ich hab es schonmal hier erzählt, aber an dieser Stelle nochmal ein ziemlich gruseliges Erlebnis in Métzéral: Der Ort ist nicht besonders groß, knapp 1.100 Einwohner, hatte aber alle Funktionen eines Zentrums für das obere Fechttal und die Umgebung bis zu den Crêtes und den Ballons hinauf. Wir saßen abends noch ein bissele nach dem Essen auf der Terrasse vom Soleil d’Or, gegenüber ist die Mairie, das Feuerwehrhaus und die ehemalige Schule, als Alarm für die Freiwillige Feuerwehr gegeben wurde. Nach ziemlich kurzer Zeit kamen eine junge Frau, ein junger Mann und ein älterer Mann zum Feuerwehrhaus, und die Freiwillige Feuerwehr Metzeral rückte mit einem Land Rover Defender aus. Die nächstgelegene Berufsfeuerwehr sitzt übrigens in Colmar, und sie braucht alleine für die Anfahrt mindestens eine halbe Stunde.

Ich sagte zu dem Wirt, der auch herausgekommen war: „Voilà un village moribond!“ - der fuhr zuerst auf, man sah, dass er etwas erwidern wollte, dann sank sein Gesicht herunter und er meinte: „Oui - c’est dommage, mais vous avez raison!“

Wenn man in Frankreich irgendwas gegen den Verfall einzelner Häuser auf dem Land unternehmen wollte, wäre das nicht einmal bezahlbar, wenn man zu diesem Zweck Zürich im Handstreich nähme und die dortigen Banken und Privatvermögen der Regie des französischen Staates zuführte.

Schöne Grüße

MM

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Leider ist ja mehr oder weniger, wie du schreibst, tout le pays moribond - so erlebe ich Frankreich leider auch.
Schade, schade

ist andererseits nichts ganz Neues - bereits zur „Ölkrise“ 1974 hieß die Parole bei Nachbars „On n’a pas d’essence, mais on a des idées!“, und seither hat man sich ziemlich durchgehend im „Krisenmodus“ durchgewurstelt - durchaus auch mit Vorteilen für einen erklecklichen Anteil der Bevölkerung, und vor allem mit einer annähernd national verbreiteten Eigenschaft, die dem deutschen Michel weitgehend fehlt und daher unübersetzbar ist: „On se débrouille, on est des débrouillards.“

Die Zeit ca. 1950 bis ca. 1980, als es zwischen diesen beiden Ländern Kern-Europas einen richtigen Austausch in vielerlei Hinsicht gegeben hat, war für beide Seiten erquicklich. Ich wünschte, uns wäre mehr davon bis heute und weiterhin geblieben.

Eine kleine anekdotische Zutat noch: Ich habe, bezeichnenderweise beim jährlichen Treffen eines Vereins, der sich mit der Geschichte des Prämonstratenserordens beschäftigt, einen Ingenieur kennengelernt, der für St. Gobain eine Technik mit entwickelt hat, mit der es möglich wurde, PKW-Frontscheiben nicht mit entsprechenden Dichtungen einzusetzen, sondern die Dichtungen unmittelbar beim Einsetzen zu spritzen. Der erste Hersteller, bei dem dieses Verfahrens eingesetzt werden sollte, war BMW. Man hatte sich wie immer mit diesem und jenem Winkelzug beholfen, und es kam, wie es kommen musste: Am Tag, bevor die neue Anlage den Halbgöttern aus dem Vorstand vorgeführt werden sollte, machte diese Anlage ungefähr ein Drittel der Scheiben beim Einsetzen kaputt.

Der für das Projekt Verantwortliche von BMW-Seite kam am Abend zu dem Projektleiter von St Gobain und berichtete von der Misere, fragte am Ende: Was sollen wir denn nun machen?

Darauf kreischte der Mann von St Gobain: 'Was ‚eißt, was Sie sollen maken? DEMERDIEREN SIE SISCH!‘

Irgendwie, wie auch immer, kam die große Vorführung dann doch zu einem guten Ende, und wann immer sich die Beteiligten irgendwann später nochmal zusammen trafen, gab es immer einen, der sein Glas hob, mit den Worten „Demerdieren Sie sisch!“, und für diesen Abend war volle convivialité gewährleistet…

Schöne Grüße

MM

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