Moin, moin, Stucki,
seltsam, zu dem Thema habe ich überhaupt keine Literatur; das habe ich aber erst festgestellt, als ich nach Quellen suchte, mit deren Hilfe ich Deine Frage beantworten wollte. Ich muß also in den Fundus meiner Erinnerung hinabsteigen.
Natürlich gab es „die“ Kirche, mindestens auf evangelische Seite: die einzelnen Landeskirchen waren nämlich derart geordnet, daß sie mit den Grenzen der jeweiligen Landesherrschaft übereinstimmten. Am deutlichsten wird das in Preußen; da gab es die preußische Landeskirche, die in verschiedene Kirchenprovinzen unterteilt war. Oberhaupt der preußischen Landeskirche war der peußische König, und in dieser Eigenschaft hat z.B. Wilhelm II. jährlich einmal in der Garnisonskirche in Potsdam gepredigt. Bis 1852 gab es in Preußen nicht einmal eine eigene kirchliche oberste Leitungsinstanz, sondern die preußische Landeskirche wurde verwaltet vom Kultus-, vom Finanz- und vom Justizministerium. Die Pfarrer waren preußische Staatsbeamte, und erst 1852 wurde der Evangelische Oberkirchenrat gegründet. Das alles geht zurück auf Luther, der zwar der Meinung war, eine christliche Gemeinde habe das Recht, „alle Lehre zu beurteilen, Lehrer ein- und abzusetzen“, der ihr aber die Reife und Selbständigkeit dafür nicht zutraute und deswegen die Landesherren als „Notbischöfe“ einsetzte. Hinzu kommt, daß Römer 13 (Alle Obrigkeit kommt von Gott etc.) als metaphysische Begründung des Staates verstanden wurde. Insofern kann man also eine ganz enge Affinität von Staat und Kirche voraussetzen.
Der 1. WK wurde von der evangelischen Kirche natürlich bejubelt; die Predigten waren vaterländisch, der Segen Gottes wurde auf die Soldaten herabgefleht. (Übrigens: Für die gern vorgetragene Behauptung, die Kirche habe Waffen gesegnet, gibt es nicht einen einzigen Beleg!) Die Kirche hat sich ganz selbstverständlich in den Dienst der politischen Führung gestellt. (Sicher gab es auch Ausnahmen: Friedrich von Bodelschwingh z. B. oder Blumhardt d.J. aus Württemberg (mir fällt grad der Vorname nicht ein) waren Reichstagsabgeordnete für die Sozialdemokraten.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Aufschrift auf den Koppelschlössern „Gott mit uns“ verständlich.
Selbstverständlich werden wir dies heute als Gotteslästerung empfinden - aber wir sind ja auch (hoffe ich wenigstens) etwas klüger geworden.
Aber als Beispiel dafür, wie noch nach dem 1. WK über die gefallenen Soldaten gedacht wurde, zitiere ich den Spruch, der auf unserem Bad Sassendorfer Kriegerdenkmal steht (ursprünglich wurde es errichtet für die Soldaten, die im Krieg 1870/71 gefallen waren):
Sie zogen aus der Erde Schmerzen zur obern Heimat siegreich ein.
Auf ewig soll in unsern Herzen ihr Name unvergessen sein.
Übrigens hat irgendein Veteranenverein vor wenigen Jahren einen neuen Adler gestiftet, der mal, um eingeschmolzen zu werden, entfernt worden war. (Aber das nur - kopfschüttelnd - am Rande)
D as soll erst mal genügen. Wenn Du weiteres Interesse hast, kann ich ja noch tiefer graben.
Bis dann - Rolf
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