Hallo Helena,
zunächst einmal eine Bemerkung vorneweg: Die Bewertung von Geschichte, meist auch unter Zuhilfenahme einseitiger Quellenauswahl, ist immer eine Frage der aktuellen politischen Trends. Von 1962 bis 2001 war Amerika aus deutscher Sicht immer der große Freund, aktuell ist Amerika der böse Cowboy. Man sollte solche Dinge nicht überbewerten sondern versuchen, sich ein Gesamtbild aufzubauen. Aber dann kommt meistens keiner gut dabei weg.
Schauen wir also mal ein Wenig rückwärts:
Die USA waren 1962 gerade einmal seit rund zehn Jahren aus der McCarthy Ära heraus. Kommunismus war immer noch das Schreckgespenst schlechthin. So war man damals in den USA tatsächlich weitgehend der Meinung, die Anzahl der Atomwaffen der UDSSR sei höher als die der amerikanischen. Genau wissen konnte man das aber nicht, denn selbst die westlichen Geheimdienste lieferten fleissig unterschiedliche Schätzungen.
Kuba war für die USA ein besonderes Problem. Es gab aus der Wirtschaft Druck, die Insel zu annektieren, denn dort waren amerikanische Investitionen enteignet worden. Es gab von Seiten der Exilkubaner Druck, die Insel zu annektieren, denn die wollten ihre Insel wieder und da sie in den USA lebten und zum Teil bereits US Staatsbürgerschaften hatten, waren das ja auch Wählerstimmen. Und, das ist die Masse des Drucks, da hausten die Kommunisten doch wirklich quasi vor der eigenen Haustür? Das war ja für den durchschnittlichen Amerikaner, geprägt noch aus der Zeit der Kommunistenjagd, völlig unakzeptabel. Und natürlich spiegelte sich das in Politik wie auch Geheimdienstaktionen wieder. So kam es zur Schweinebucht und so kam es zu einer weiteren, nicht mehr durchgeführten Invasionsplanung, von der man auf Kuba wusste.
Ein anderes Problem war Europa. Es war ja nicht nur so, dass Amerika die Westeuropäer vor den „bösen“ Kommunisten schützen wollte, sondern es waren ja auch die Westeuropäer, die geschützt werden wollten. 1958 beispielsweise begann die Wiederbewaffnung in Westdeutschland und man trat der NATO bei. Damit rückte die Ostgrenze der NATO rund vierhundert Kilometer näher aus Sicht der Russen. Die Türkei, die sich ja nie ganz sicher war, ob sie nicht doch europäisches Land sei, investierte selber und bot den Amerikanern großzügig Basen an. Die Amerikaner wollten den strategischen Vorteil, aber die Türken genauso. Folge: 1958 wurden amerikanische Atomsprengköpfe und Raketen in der Türkei installiert.
Werfen wir mal einen Blick auf Kuba:
Da hatte man fgerade erst die Sache mit der Schweinebucht erlebt. Man wusste, dass die Amerikaner so ziemlich alles versuchen würden, den Kommunismus auf Kuba zu beenden. Amerika wurde immer mehr „der große Feind“ und war es ja auch (siehe die amerkinasche Position).
Aus der Sicht von Kuba war es natürlich in dieser Situation sehr interessant, russische Raketen auf der Insel zu haben. Es war gewissermaßen eine Traumlösung. Nicht nur, dass es eine weitere Invasion, die vielleicht besser geplant und durchgeführt worden wäre zu einem Pokerspiel mit dem Dritten Weltkireg gemacht hätte, die Russen zahlten ja sogar noch in Wirtschaftshilfe für das Privileg. Und wenn Fidel etwas noch dringender brauchte als militärischen Schutz, dann war es Geld.
Aus dieser ganzen Sache wird auch klar, warum es „plötzlich“ 1962 zu dieser Situation kam. 1961 mit der Schweinebucht, hatte Amerika die Grenzen des passiv zum aktiv überschritten. Die Erkenntnis das die Amerikaner die kubanischen Kommunisten nicht nur nicht mochten sondern auch bereit waren, aktiv vorzugehen, brachte Kuba natürlich in eine Art latenten Kriegszustand und machte so den Weg auch für risikoreichere Verteidigungsstrategien frei.
Und nun noch einen Blick in die UDSSR:
Seit 1958 standen amerikanische Raketen in der Türkei, die mit minimaler Vorwarnfrist russische Städte erreichen konnten. Das einzige Gegengewicht in dieser Situation stellten die damals in Dienst gestellten ersten russischen Atom-U-Boote mit ballistischen Raketen dar. Aber niemnd wusste besser als die Russen, dass die Dinger einfach Schrott waren. Die Russen verloren mehrere Boote durch technische Probleme und es war klar, dass die Amerikaner diese Bedrohung nicht ernst nahmen.
Also arbeiteten die Russen zu Beginn der Sechziger (das endete auch nicht mit der Raketenkrise) an drei Dingen: Eine Flotte, Basen und direkte Bedrohungsszenarien. Natürlich beeinflussten diese Ziele einander. Im Grunde hatten, genau wie die Amerikaner umgekehrt, die Russen ein Gefühl der Unterlegenheit. Das wurde bestärkt dadurch, dass auch die russischne Geheimdienste unterschiedliche Zahlen die aber alle im Allgmeinen zu hoch lagen, über das amerikanische Atomwaffenpotential lieferten. Hinzu kam, dass die Raketen in der Türkei ein Fakt waren.
Aus russischer Sicht kam ein weiterer Faktor hinzu. Chrushtshov hielt den neuen US Präsidenten Kennedy (Demokrat, bekannt für seine eher liberalen Ansichten) nach Eisenhower (General, Republikaner, bekannt aus inzwischen zwei Kriegen) fälschlicherweise für einen schwächeren Sparringspartner. Schließlich waren ja alle Dinge, die Russland (und auch Kuba) so unter Druck gebracht hatten aus russischer Sicht unter Eisenhowers Präsidentschaft entstanden und es war Kennedy gewesen, der angeordnet hatte, die Schweinebucht ohne amerikanischen Luftschutz durchführen zu lassen. Also hatte er sich ja gleich zu Beginn bei den Russen in den Ruf gesetzt, halbherzig zu agieren.
Damit wird klar, dass es hier (völlig ohne Ermordung und Verschwörung) schon einmal bis zu diesem Zeitpunkt kausale Zusammenhänge gegeben hatte. Und der Zeitrahmen ist auch klar. Nach der Schweinebucht waren Kuba und Russland beide bereit, so etwas zu riskieren. Es dauerte Monate, einen geeigneten Platz zu finden und da eine Raketenbasis zu bauen. Und die konnte natürlich von einem Spionageflugzeug erst entdeckt werden, als sie bereits ein gewisses Baustadium erreicht hatte. Darauf hin suchte man genauer und wurde auf die russischen Schiffe aufmerksam. Der Rest ist Geschichte. Man bedrohte einander ein paar Tage mit gegenseitiger Vernichtung, dann setzten sich Russen und Amerikaner miteinander in Verbindung. Das Ergebnis: Nicht nur die russischen Raketen verschwanden von Kuba, auch die amerkanischen aus der Türkei. Und weil man gerade so schön miteinander sprach, machte Kennedy auch gleich mal klar, dass er Jugoslawien nicht als amerikanische Einflußsphäre sehen würde (ein anderer Knackpunkt dieser Zeit) und Chrushtshov wiederum verlagerte seine Aktivitäten von der europäischen Blockgrenze mehr nach Afrika.
Kuba hingegen hatte die Wirtschaftshilfe der Russen und es hatte klar gemacht, dass eine Invasion unmöglich sein würde, weil das die Russen sofort mit involvieren würde. Also hatten im Grunde alle Beteiligten gewonnen. Selbst Kennedy, dessen diplomatische Reputation natürlich ebenfalls gewonnen hatte.
Und was den Mord an Kennedy angeht: Es gab viele Gründe, warum der eine oder andere ihn nicht mochte. Die Liste seiner Gegner war lang. Das jemand speziell wegen Kuba auf ihn losgegangen wäre, halte ich für mehr oder weniger ausgeschlossen. Da war das Theman Vietnam, da waren die Militärbudgets, andere sahen eine Gefahr, als Kennedy ernsthaft versuchte mit den Russen bei der Erforschung des Weltraums zusammenzuarbeiten (bei seinem Tod lag ein ausgearbeiteter Joint-Venture-Vertrag vor, es kam aber nicht mehr zur Unterzeichnung). Andere wiederum warfen ihm vor, dass sein Vorschlag eines Atomwaffenteststopps nur den Russen nützen würde (was natürlich falsch war, aber am Vorwurf nichts änderte). Die Liste war endlos, die Gründe komplex. Und selbst wenn Oswald ein Einzeltäter gewesen sein sollte, er hatte sicher seine Motive und die hatten nichts mit Kuba zu tun. 1963 war die Sache mit Kuba gegessen.
Peter B.
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