Inquisition - Dichtung und Wahrheit
Hallo Caspar,
1492-98 wurden in Spanien durch die „Heilige Iquisition“ in
Spanien und Portugal ungefähr 220,000 bis 300,000 Juden durch
die kath. Kirche ermordet.
Wäre ja nett, wenn du für derartige Behauptungen auch eine Quellenangabe mitliefern könntest, damit man den Wahrheitsgehalt auch überprüfen kann.
Das folgende Zitat ist aus:
W. Krämer/G. Trenkler/D. Krämer: Das neue Lexikon der populären Irrtümer. München/Zürich: Pieper, 2000. pp. 145-148. ISBN:349222797X Buch anschauen
" Inquisition
Wohl zu keine Aspekt der menschlichen Geschichte klaffen Wahrheit und Folklore so weit auseinander wie in Religions- und Glaubensdingen. Und wohl keine Epoche der Menschheitsgeschichte hat eine derart konzentrierte Falschberichterstattung angezogen wie das Mittelalter.
Bei dem Stichwort »Inquisition« treffen beide Fehlerquellen - das aufgeklärte Schablonendenken in allen Dingen, die Religion betreffen, und die moderne Geringschätzung des Mittelalters - sich verstärkend aufeinander. Und sie produzieren eine geradezu groteske Fehleinschätzung. Denn anders als uns Hunderte von Buchern oder Filmen glauben machen wollen, waren die Inquisitoren des Mittelalters vergleichsweise warmherzige, ernsthaft um Gerechtigkeit und Recht bemühte Leute (»among their contemporaries, the inquisitors generally had a reputation for justice and mercy« - MS Microsoft Enzyklopädie Encarta); zumindest in den Anfangsjahren sahen sie ihre Hauptaufgabe eher darin, nicht die Menschen mit Gewalt zu ihrem Seelenheil zu zwingen, sondern die Menschen vor Gewalt zu schützen.
Vor der Einsetzung der Inquisition durch Papst Innozenz III. regierte in Glaubensdingen das gesunde Volksempfinden - aufgebrachte Gläubige pflegten als Ketzer verdächtige Personen kurzerhand zu lynchen, an geordnete Verfahren war in solchen Fällen nicht zu denken: »Daraufhin reisten wir zum Konzil in Beauvais um die Bischöfe zu befragen, was zu tun sei«, berichtet der als »unbequemer, selbständig denkender Kritiker« bekannte Guibert von Nogent, als mehrere seiner Schutzbefohlenen wegen Ketzerei verleumdet worden waren. »Inzwischen aber fürchtete das gläubige Volk die Nachgiebigkeit der Kleriker, lief beim Gefängnis zusammen, riß die Häretiker heraus, legte ihnen draußen vor der Stadt Feuer unter und verbrannte sie.«
Um dergleichen Übergriffe zu verhindern, verlangte Papst Innozenz III. Anfang des 13. Jahrhunderts vor jeder Verurteilung eine genaue Untersuchung (eben eine »Inquisition«). Mindestens zwei Zeugen waren beizubringen, die Beschuldigten waren zu hören und wurden, wenn sie bereuten, ohne großen Schaden wieder freigelassen - verglichen mit der Willkür und der Lynchjustiz davor ein großer Schritt in Richtung aufgeklärtes Rechtsverständnis Todesurteile wurden nur sehr selten, vor allem gegen »Mehrfachtäter« ausgesprochen: Von den insgesamt 930 Urteilen, die der bekannte Inquisitor Bernard Gui zwischen 1308 und 1332 gegen Ketzer fällte, lauteten 9 auf Wallfahrt, 22 auf Wüstung des Hauses, 69 auf Ausgrabung schon verstorbener Ketzer, 132 auf das Tragen von Bußgewändern, 143 auf Dienst im Heiligen Land, 307 auf Kerker- haft und 132 auf Freispruch; nur in 42 Fällen erkannte Gui auf Verbrennen. Von den insgesamt 114 Angeklagten, gegen die der Inquisitor und Bischof von Pamiers, Jacques Fournier, verhandelte (der spätere Papst Benedikt XII.), dessen Wirken Emmanuel LeRoy Ladurie in seinem Klassiker »Montaillou« so plastisch nachgezeichnet hat, landeten nur fünf auf einem Scheiterhaufen, und Folterungen hat es in den von Fournier geleiteten Prozessen anders als in weltlichen Verfahren nicht gegeben: »Im übrigen ließ Jacques Fournier seine Gefangenen nicht foltern, um Geständnisse zu erpressen. Er verstand es, im Gespräch vor Gericht hinter die Geheimnisse der Vorgeladenen zu kommen: mit viel Spursinn und viel Geduld. Wo er Widersprüche in der Aussage eines Zeugen entdeckte, oder zwischen den Aussagen verschiedener Zeugen Widersprüche fand, ruhte er nicht, bis er sich diese Widersprüche zu seiner Zufriedenheit erklärt hatte; und er war anspruchsvoll, denn er wollte die Wahrheit wissen« (LeRoy Ladurie).
Selbst die vielgeschmähte spanische Inquisition hob sich in vielfacher Weise positiv von ihrem Umfeld ab; die meisten spanischen Inquisitoren, »unter ihnen feinsinnige, beredte, weltkluge Juristen« widmeten sich der von der Krone gestellten Aufgabe, die Religion und die religiöse Praxis zu schützen, »mit dem gebührenden Ernst auch mit dem dafür notwendigen Eifer, doch bekümmert darüber, daß ihre Tätigkeit dringend erforderlich sei« (E. Straub). Hexenprozesse, im »freien« England oder Holland an der Tagesordnung, waren für die spanische Inquisition kein Thema, genausowenig wie sexuell abweichendes Verhalten, und auch die Zensur gefährlicher Schriften wurde von der Inquisition nur kurzfristig aus Angst vor protestantischen Einflüssen energisch betrieben. »Schon unter Philipp II. begnügte man sich mit harmlosen Eingriffen. Wer irrige Meinungen widerlegen mochte, mußte sich mit ihnen vertraut machen können. Das war der aufgeklärte Standpunkt der [spanischen] Inquisition, den nur wenige m Europa teilten. Die Bibliothek des Escorial verfügte über eine stattliche Sammlung verbotener Schriften für den wissenschaftlichen Gebrauch. Höchst kontroverse Erörterungen, etwa über das Recht, sich die Neue Welt anzueignen, konnten damals nur in Spanien geführt werden.«
Im damaligen England hätte man solche Dissidenten einfach aufgeknüpft.
Lit.: 0. Pfister: Calvins Eingreifen in die Hexer- und Hexenprozesse in Peney, Zürich 1947; J. Duvernoy: Le registre d’inquisition de Jacques Fournier, Toulouse 1965; A. Miller: Hexenjagd, Frankfurt a. M. 1997; E. LeRoy Ladurie: Montaillou - Ein Dorf vor dem Inquisitor, Frankfurt a. M. 1989; Stichwort ‚Inquisition‘ in der MS Microsoft Enzyklopädie Encarta, 1994; A. Zimmermann: „Finsteres Mittelalter - Bemerkungen zu einem Schlagwort“, Miscellanea Medievala 23, 1995, S. 1-19; R. Lemm: Die Spanische Inquisition - Geschichte und Legende, München 1996; E. Straub: „Gnade! Robert Lemm rettet die Inquisition“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, l. 10. 1996; A. Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997."
Grüße
Wolfgang