16. Jhd.: Sprache und Schriften

Hallo,
ich lese derzeit ein Buch über das 16. Jahrhundert. Ab und zu ist dies mit „Originalzitaten“ durchzogen.
Zum Beispiel: „(…)wy man dy worczel disser uffrur, als dy verdampt luterischen secten auß roden moge (…)“
Da würde mich interessieren, ob das damals einfach die gängige Rechtschreibung war, oder ob das Schreiben durchaus mal von Ort zu Ort unterschiedlich gewesen ist? Also quasi Dialekt in Schrift.
Zum anderen Frage ich mich, ob dies auch Wortlaut ist. Also kann man sagen, dass man früher auch so gesprochen hat und in wie weit sich die Sprache vom Text abgehoben hat.
Also bei dem Beispieltext: Hat man da wirklich „Uffrur“ gesagt, oder doch „Aufruhr“… Oder „Moge“ statt „Möge“.
Vielleicht kennt sich hier ja jemand mit so etwas aus, da mich das durchaus interessiert, ob man sich wohl als „heutiger Mensch“ in dieser Zeit verständigen könnte…?

Vielen Dank

Die Schriftsprache war damals weit deutlicher als heute dialektal gefärbt, eine Normierung setzte erst mit Luther und seiner Bibelübersetzung ein.

Das war ja im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, ist also schon für die Frage von Bedeutung.

Sicher nicht auf Anhieb, die meisten heutigen Menschen auch nach einer ganzen Weile noch nicht. Das „Vokabular“ war abweichend, viele damals gebräuchliche Wörter kennt heute niemand mehr, andere unserer Alltagswörter gab es damals noch nicht. Auch die Grammatik hat sich seither verändert, einige Konstrukte sind heute nicht mehr üblich.
In jeder Gegend wurde der eigene Dialekt gesprochen. Stell dir vor, du besuchst heute ein oberbairisches, südbadisches oder nordfriesisches Dorf. Das vermittelt schon mal einen Eindruck vom Grad der Verständlichkeit.

Hallo Takima,
so etwas wie eine halbwegs einheitliche („gängige“) Orthografie begann sich im 16. Jahrhundert erst zu entwickeln; das steckte da bestenfalls noch in den Kinderschuhen. Eine gewisse normierende Rolle spielte da die publizistische Tätigkeit Martin Luthers ab 1517, dessen Flugschriften und Bibelübersetzung eine beispiellose Verbreitung im deutschsprachigen Raum fanden. Wobei Luther nicht, wie gerne kolportiert, „dem Volk aufs Maul schaute“, sondern schlicht sächsisches Kanzleideutsch schrieb.

Ansonsten gab es zu Luthers Zeiten (und noch lange danach) keine regulierenden Vorgaben, sondern Jeder schrieb so, wie er es für richtig hielt - wobei das Ziel natürlich war, verstanden zu werden. Und das über den engeren Bekanntenkreis hinaus. Die Humanisten hatten den schriftlichen gesellschaftlichen Diskurs, der freilich notwendig auf den Kreis eben von Humanisten begrenzt war und vor allem über handschriftliche Korrespondenz (selbstredend in lateinischer Sprache als lingua franca, die ‚Gelehrtenrepublik‘ der Humanisten war nun einmal eine international angelegte) funktionierte, quasi erfunden. Ein (speziell ‚deutsches‘) Nationalgefühl begann sich gerade erst zu entwickeln - im deutschen Teil des Reichs zu einem guten Teil aus der Opposition zur römischen Kirchenbürokratie (konkret Papst und Kurie) heraus, die ihren Ausdruck in den immer wieder auf den Reichstagen diskutierten ‚gravamina nationis germanicae‘ fanden.

Das von den Humanisten angestoßene Paradigma eines öffentlichen Diskurses wurde jedenfalls in seiner popularisierten Form - d.h. in deutscher Sprache und massenhaft verbreitet durch den Buchdruck (eine Industrie, die im frühen 16. Jahrhundert geradezu explodierte) - zum Auslöser einer allmählichen Regulierung von Sprache (in Form einer ‚Hochsprache‘, die vor allem für eine möglichst große Zahl von Adressaten hinreichend verständlich sein musste) und in Form einer standardisierten Orthographie bis hin dann zum Projekt Duden. Da sind wir aber dann schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Wie schon geschrieben - im 16. Jahrhundert stand diese Entwicklung noch ganz am Anfang. Natürlich gab es auch schon im 15. Jahrhundert gewisse Vereinheitlichungsbestrebungen insbesondere an den fürstlichen Höfen - die schon angesprochenen Kanzleisprachen. Das waren jedoch immer allenfalls regionale Entwicklungen, bedingt durch den Ausbau der jeweiligen fürstlichen Verwaltung - eine im 16. Jahrhundert sich noch deutlich verstärkende Tendenz, aber regional (im Reich zumindest) sehr uneinheitlich und vielgestaltig.

Dass die zahllosen orthographischen (und grammatischen) Varianten deutscher Schriftsprache im 16. Jahrhundert in der Regel bestimmt waren durch die lokale Herkunft seines jeweiligen Autors, sollte nicht überraschen. Auch heute soll es ja beispielsweise in Deutschland noch gewisse Landschaften geben, wo man von „Uffrur“ spricht, wenn man „Aufruhr“ meint …

Ansonsten: so schreiben, ‚wie gesprochen wird‘ ist auch nicht immer konsensfähig - gesprochene Sprache in ein System von gerade mal dreißig Lauten (wenn man das heutige Alphabet nimmt) zu ‚übersetzen‘ und mit ebensoviel graphischen Zeichen wiederzugeben, erfordert einiges an Reduktion. Wo man solche Reduktionen nun ansetzt, ist eine Sache individueller Entscheidung - so lange man sich nicht um der Allgemeinverständlichkeit willen freiwillig einer allgemeinverbindlichen Norm unterwirft. Eine solche kam im 16. Jahrhundert gerade erstmals in Sichtweite. Für die Historiker späterer Jahrhunderte, wohlgemerkt, und nicht die Zeitgenossen.

Freundliche Grüße,
Ralf

3 Like

In kurz: Es gab noch keine gängige Rechtschreibung und teilweise haben die Autoren selbst innerhalb eines Buches Worte unterschiedlich geschrieben.

Da ich seit einiger Zeit aktiv HEMA betreibe befasse ich mich in letzter Zeit immer mal wieder mit entsprechenden Manuskripten und es ist schon interessant, wie sich nicht nur die Schreibweise sondern oft auch die Bedeutung mancher Worte geändert hat. :slight_smile:

An der Stelle vielleicht auch noch der Hinweis, dass manche Buchstaben auch anders ausgesprochen wurden. So ist das ‚w‘ manchmal als doppeltes ‚u‘ zu verstehen (zB ‚new‘ oder ‚Bawm‘) und das ‚y‘ ist eigentlich ein ‚ÿ‘ was eigentlich für ein doppeltes ii’ bzw. ‚ij‘ (zB Schwyz) steht.

Auch bei uns im Ländle :slight_smile:

bei uns auch :innocent: