In den Medien ist der Jahretag des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 sehr präsent.
So weit mir bekannt ist, hat es aber viele Attentate gegeben.
Warum wird ausgerechnet DIESER Attentatsversuch so herausgehoben?
Die Täter waren verantwortkliche Generäle haben dem Regime ziemlich lange gedient. Mit dem Attattat und einer Regierungsübernahme haben sie gewartet, bis der Niedergang der Militärmacht und die Niederlage offensichtlich waren.
Es gibt durchaus viele lobenswerte Beispiele für Widerstand. Warum konzentrieren sich dann die politischen Organe und Medien auf diesen Personenkreis?
Warum konzentrieren sich dann die politischen Organe und
Medien auf diesen Personenkreis?
Hi,
wir hatten diese Diskussion schon einmal relativ ausführlich entweder in diesem Channel oder unter „Politik“, schau mal im Archiv nach.
Um meine Ansicht aber kurz zu fassen: Der militärische Widerstand des 20. Juli war der „kompatibelste“ zur neuen Bundesrepublik.
Der kommunistische/sozialistische Widerstand durfte nicht gewürdigt werden, da der neue Feind in der gleichen Tradition stand. „Einzeltäter“ wie Elser eigneten sich auch nicht so besonders, weil sie eben nur Einzelne waren, was implizit bedeutet, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen dem Regime gleichgültig oder zustimmend gegenüber stand (was imho auch die Realität widerspiegelt).
Die Männer des 20. Juli kamen dagegen aus der Elite der deutschen Gesellschaft (Adel, Militär, in weiterem Sinne auch Kirche) und waren noch dazu mehrere. Das impliziert wiederum, dass zumindest ein bedeutender Teil der Deutschen dem Regime eigentlich ablehnend gegenüber gestanden habe, noch dazu Deutsche innerhalb des Militärs. Diese (meiner Meinung nach falsche) Auffassung erleichterte die Integration gesellschaftlicher Eliten nach 1945, die dem NS-Staat gedient hatten (zum Beispiel in der Wehrmacht). Zusätzlich erleichterte eine aus dem Militär geborene Widerstands-Erinnerungstradition die Rehabilitierung des Militärischen und damit die Aufstellung der Bundeswehr.
Allerdings möchte ich unterstreichen, dass die Leistung des militärischen Widerstands des 20. Juli dennoch hoch zu würdigen ist. Diese Männer waren zwar keine Demokraten und mögen sich erst zu dem Attentat entschlossen haben, nachdem sie zuvor auf das NS-Regime gesetzt und erst dann mit der zunehmend aussichtloseren Kriegslage gemerkt hatten, dass die neuen Machthaber Deutschland nicht zu neuem Glanz sondern in den Untergang führen würden. Dennoch haben sie weit mehr Mut aufgebracht als viele andere und unter Einsatz ihres Lebens versucht, das Regime zu beseitigen, was bei Erfolg hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschenleben gerettet hätte.
Warum konzentrieren sich dann die politischen Organe und
Medien auf diesen Personenkreis?
Hallo !
Weil diese Leute (von Adel, hohe Offiziere!!) standesgemäß sind.
Standesgemäß, um von einem Staat (BRD) als Attentäter anerkannt zu werden.
Was waren schon die vielen anderen? Alle lt. Urteil, schwachsinnig, verrückt oder geistig zurückgeblieben.
Wo gibt es heute Attentäter, die normal sind? In den letzten jahren gab es so viele Attentate (Schäuble, Lafontaine usw), alle wurden als geistige Tiefflieger oder Verrückte eingestuft.
Diese hohen Attentäter machten sich dann zusätzlich noch Gedanken, wer denn diesen Staat und diesen Krieg weiter führt. Während die Einzelgänger vorher verantwortungslos nur den Hitler umbringen wollten und das Land damit in Anarchie gestürzt hätten. Goerdeler und Stauffenberg und und und hatten wenigsten für sich und das geliebte Vaterland eine neue Ordnung im Kopf. Jeder hatte für die Nachattentatsperiode seinen Posten und sein Einkommen. Hätte gehabt!!
mfgConrad
Hi,
neben dem bereits Gesagten scheint mir noch wichtig zu sein:
am 20.07.44 fand ja nicht nur ein Attentat auf Hitler statt, sondern es wurde ein Staatsstreich versucht, d.h. es sollte die Macht übernommen werden.
Attentate einzelner (Georg Eisner) hätten vielleicht Hitler getötet, aber es dann dem Zufall überlassen, wer aus der NS-Hierarche an die Macht gekommen wäre.
Die Vorstellungen der Männer vom 20. Juli zum polit. Nachkriegssystem Deutschlands waren offenbar auf Grund der Herkunft überwiegend (sehr) konservativ, aber der Versuch der Entmachtung der NS-Herrschaft ist im dt. Widerstand einzigartig und sollte m.E. auch auchreichend gewürdigt werden.
Kurze Frage: 20. Juli - Hitlerattentat
Dazu hätte ich eine Frage. Ich habe noch so im Hinterkopf daß es so 2 Dutzend Attentate auf Hitler gegeben haben soll - kann sie aber leider nicht belegen. Angefangen mit Gift, Pistole über Bomben usw. in- und ausländischer Extremisten. Sind diese 25 Attentate realistisch oder auch nur ein Gag eines Historikers?
Eine andere Frage: Einzelne Leute (es konnten nur Einzelpersonen sein wegen SD, Gestapo, Parteimitglieder usw.) die so was planen und ausführen ohne die weitreichenden Folgen zu erkennen, weil sie die Notwendigkeit sehen - so wie die Städte zerbombt werden auch die Soldaten an der Front umkommen können (es gab ja nur die Wochenschau und die glorifizierten Todesanzeigen in der Zeitung), sind diese Leute Zurechnungsfähig?
Dazu hätte ich eine Frage. Ich habe noch so im Hinterkopf daß
es so 2 Dutzend Attentate auf Hitler gegeben haben soll - kann
sie aber leider nicht belegen. Angefangen mit Gift, Pistole
über Bomben usw. in- und ausländischer Extremisten. Sind diese
25 Attentate realistisch oder auch nur ein Gag eines
Historikers?
Es waren in der Tat so viele Attentate.
Das aktuelle „G-Geschichte“ befasst sich ausführlich mit diesem Thema.
Viele Grüße
Erheblich zurechnungsfähiger als alle anderen. Immerhin haben sie erkannt, dass das Regime in den Abgrund steuerte und hatten außerdem den Mut, etwas dagegen zu tun. Wenn man auch darüber streiten mag, ob die Ermordung Hitlers den Kurs schwerwiegend geändert hätte.
Ja, es hätte aus einem „Hitler-Staat“ einen
„Himmler-Staat“ gemacht. Prima Perspektive.
Und Ausserdem. Der deutsche Militäradel eignete
sich aufgrund von Dünkel, Unprofessionalität
und ewigem halböffentlichem Umsturz-„Geplane“ eher
nicht für so eine Aufgabe. ‚no match‘ für SD oder SS,
imho.
Grüße
CMБ
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Diese Männer waren zwar keine Demokraten und
mögen sich erst zu dem Attentat entschlossen haben, nachdem
sie zuvor auf das NS-Regime gesetzt und erst dann mit der
zunehmend aussichtloseren Kriegslage gemerkt hatten, dass die
neuen Machthaber Deutschland nicht zu neuem Glanz sondern in
den Untergang führen würden. Dennoch haben sie weit mehr Mut
aufgebracht als viele andere und unter Einsatz ihres Lebens
versucht, das Regime zu beseitigen, was bei Erfolg
hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschenleben gerettet
hätte.
Nebenbei bemerkt:
Wenn ich mich nicht täusche sind NACH dem Attentatsversuch mehr Menschen im Krieg umgekommen als in den 5 Jahren davor!
Und Ausserdem. Der deutsche Militäradel eignete
sich aufgrund von Dünkel, Unprofessionalität
und ewigem halböffentlichem Umsturz-„Geplane“ eher
nicht für so eine Aufgabe. ‚no match‘ für SD oder SS,
imho.
Wie man ja in Paris gesehen hat, hihi. Ich finde, Du glorifizierst diese Pseudoelite etwas.
Und Ausserdem. Der deutsche Militäradel eignete
sich aufgrund von Dünkel, Unprofessionalität
und ewigem halböffentlichem Umsturz-„Geplane“ eher
nicht für so eine Aufgabe. ‚no match‘ für SD oder SS,
imho.
Wie man ja in Paris gesehen hat, hihi. Ich finde, Du
glorifizierst diese Pseudoelite etwas.
Paris? Meinst Du das Attentat von Grynszpan?
Andreas, Du weisst sicher, dass über die Jahre
bis 1944 *jeder* Stabsoffizier in Hitlers Um-
gebung seine (geladene) Dienstwaffe trug.
Mehr muss ich zur „Fähigkeit“ des Miitäradels
nicht sagen, oder?
Bevor und nachdem das Attentat vollzogen wurde,
hat es Deine Adelselite nicht geschafft, auch
nur im Entferntesten eine tatsächliche organi-
satorische Basis für einen „richtigen“ Machtwechsel
zu schaffen.
Dann wäre es nämlich egal gewesen, ob nun
Hitler tot oder nur verwundet gewesen sei.
Man hätte ihn verhaftet und fertig.
Auf der anderen Seite; es dauerte nur wenige
Tage und alle in das Attentat involvierten
„Umsturz-Experten“ waren tot und deren Familien
eingesperrt. Die Macht der SS wuchs *durch*
das Attentat ins Unermessliche.
Zweifel? Bin gespannt.
Grüße
CMБ
PS.1: es ist schon auffällig, dass hohe
Positionen in SS und überhaupt RSHA vor-
wiegend von (promovierten) Juristen oder
Wissenschaftlern gehalten wurden. *Das*
lässt sich nicht einfach wegerklären.
*Das* muss auch eine reale Widerspieglung
in den tatsächlichen Verhältnissen
finden.
PS.2: ich möchte wirklich keine
*Pseudoelite* „glorifizieren“.
Ich möchte aber verstehen und
möchte ein Gefühl für die tat-
sächlichen Verhältnisse in einem
totalitären Staat entwickeln …
Wäre Hitler bei dem Attentat ums Leben gekommen, wäre das gesamte System wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Den Himmler bezog seine Macht nicht aus der SS, sondern aus dem Vertrauen Hitlers. Himmler selbst war eine derartig uncharismatische Person, dass er niemals auf den Platz von Hitler nachrücken hätte können.
Die Verschwörer saßen in der SS auch ziemlich weit oben.
Nebe war einer, die Stellung Schellenbergs war sehr zweifelhaft.
Nebe hatte bereits Polizeitruppen zusammengezogen um Himmler und Konsorten unschädlich zu machen, doch da Hitler nicht tot war, war alles zum Scheitern verurteilt.
Auch in der Waffen-SS war die Stellung einiger Generäle mehr als wohlwollend gegenüber dem Umsturz (Bittrich z.B.)
Als der Umsturz begann, saßen in Paris die gesamten SS-Oberen ziemlich fix auf Nummer Sicher, die SS in Frankreich war zu diesem Zeitpunkt führungslos. Insgesamt wurden 1200 (!!!) SS und NS Funktionäre festgesetzt… aber als die meldung kam, dass Hitler leben würde, war alles aus, denn die masse des Heeres stand treu zu Hitler (!!!) nicht treu zur SS und nicht treu zur NSDAP.
Die Crux war, dass sich viele Offiziere und Mannschaften an ihren Eid gebunden fühlten, und ein Hauptzweck des Attentates war es ja auch, das Heer „Eidfrei“ zu machen.
Die Niederschlagung des Umsturzen war klar, denn während des Umsturzes hatten sich alle Vertreter exponiert, die namen waren bekabnnt und das wars dann.
Diese „Leistung“ der SS hätte auch ein Kriminalwachtmeister zustande gebracht.
Gruß
Mike
P.S. für deine Versuche, ein totalitäres Regime zu verstehen, würde ich dir gerne etwas allgemeinverständliche Fachliteratur ans Herz legen, unter anderem von den Autoren Haffner, Bullock und Kershaw.
PS.2: ich möchte wirklich keine
*Pseudoelite* „glorifizieren“.
Ich möchte aber verstehen und
möchte ein Gefühl für die tat-
sächlichen Verhältnisse in einem
totalitären Staat entwickeln …
Für die allermeisten Deutschen ist das Deutschland der Zeit vor 1945 (und vermutlich bis weit in die 50er hinein) befremdlicher und schwerer zu verstehen, als es für uns Spanien, Griechenland oder Italien der heutigen Zeit sind:
Man diskutierte nicht mit einem Streifenpolizisten über das Strafmandat wegen „Falsch Parken“. Wer einen akademischen Titel trug, schwebte weit über den Massen. Beamte waren Autoritätspersonen. Man hatte feste Arbeitszeiten, erschien pünktlich an der Arbeitsstelle und war Eiden und Versprechen absolut verpflichtet. Lehrer waren für Schüler und Eltern gleichermaßen unantastbar. Zuhause war das Wort des Vaters Gesetz. Füße auf dem Tisch, Kaugummi kauen, beim Essen Radio hören (oder später fernsehen), ungebührlichen Haarschnitt tragen - das sind alles Verhaltensmuster der späten 50er und folgender Jahrzehnte.
Würde man heute Filme über das alltägliche gesellschaftliche und familiäre Leben der 20er oder 30er Jahre machen, sie kämen uns lächerlich und unglaubwürdig vor, weil das Leben in D so ganz anders strukturiert war als unser heutiges in D.
Es war ein gänzlich anderes Land mit Einwohnern, deren Verhalten wir nur sehr, sehr schwer verstehen können. Jedenfalls deutlich schwerer als die heutigen Einwohner Spaniens, Griechenlands oder Italiens.
Als der Umsturz begann, saßen in Paris die gesamten
SS-Oberen ziemlich fix auf Nummer Sicher, die SS in Frankreich
war zu diesem Zeitpunkt führungslos. Insgesamt wurden 1200
(!!!) SS und NS Funktionäre festgesetzt… aber als die
meldung kam, dass Hitler leben würde, war alles aus, denn die
masse des Heeres stand treu zu Hitler (!!!) nicht treu zur SS
und nicht treu zur NSDAP.
DAS meinte ich mit Paris. Und den wahren Charakter der SS liest man besser in E. Kogons Standardwerk „Der SS-Staat“ nach.
Andreas
P.S. Geburtsadel ist allerdings auch pseudoelitär. Zugegeben.