298 Jahre Haft

Ich möchte hier keine Diskussion beginnen, sondern nur eine Begründung hören.

Im neuen SPIEGEL habe ich gelesen, dass in den USA jemand, der zu 298 Jahrn Haft verurteilt worden war, wegen erwiesener Unschuld freigelassen worden ist.

Mich interessiert nicht der Fall an sich sondern die Frage: warum bekommt jemand 298 Jahre Haft? Oder klarer: macht es irgendeinen Unterschied in den USA, ob jemand zu 149 oder zu 298 Jahren Haft verurteilt wird?

Im Artikel steht z.B., dass eine Strafmilderung bekommen hätte, wenn er gestanden hätte (was er natürlich nicht getan hat, da er unschuldig war). Was bedeutet Strafmilderung? Irgendetwas im Strafvollzug oder sozusagen eine Halbierung der Strafe? Aber selbst das wäre praktisch irrelevant. Denn ein Anreiz von 149 auf 78,5 Jahre zu kommen ist genauso uninteressant wie von 298 auf 149 Jahre.

Auch wenn ich weiß, dass Salesch’ Fälle von Autoren geschrieben werden, so stimmt doch wohl folgendes: jemand werden mehrere Sachen vorgeworfen. Macht meinetwegen 3 Monate plus 3 Monate und wird zu einer Gesamtstrafe zu 5 Monaten verurteilt (jedenfalls so ungefähr).

Gibt es diesen „Rabatt“ in den USA nicht? Und eben welchen Sinn macht eine Strafe von 298 Jahren? Das war ja sicherlich nicht einmal die höchste Strafe. In den Schlagzeilen war dies in Deutschland ja nur, weil der Mann unschuldig war.

Lebenslang ist ja ok, aber warum 298 Jahre (oder mehr)?

Hi Ralf,

Ich möchte hier keine Diskussion beginnen, sondern nur eine
Begründung hören.

Ich auch nicht, deswegen nur ganz kurz:

In Deutschland läuft es so, daß Du z. B. nicht wegen einer Straftat verfolgt wirst, die eine geringere Strafe erwarten läßt, als die, zu der Du bereits verurteilt worden bist. Beispiel: Du bist wegen XX zu 10 Jahren verurteilt worden und sitzt diese ab; während eines Hafturlaubs klaust Du 'ner Oma die Handtasche. Das Verfahren wird eingestellt, weil selbst, wenn Du wegen Diebstahls verurteilt werden solltest, die Strafe dafür nicht höher ausfallen wird, als die, für die Du einsitzt.

Du hast sicher recht, wenn Du sagst, daß niemand zu mehrfach lebenslänglich verurteilt werden kann. Brutal ausgedrückt: der Typ kann nur einmal im Knast krepieren. Die USA haben in dieser Hinsicht allerdings auch ein völlig anderes Rechtssystem. Die Richter in den Staaten können Dich - wenn Du zehn Morde begangen hast auch wegen zehn Morden verknacken. Zehnmal lebenslänglich! Vor einigen Jahren ging eine US-Richterin durch die Presse, die die Angeklagten zu z. B. 960 Jahren (und mehr) verdonnert hat…

Mich interessiert nicht der Fall an sich sondern die Frage:
warum bekommt jemand 298 Jahre Haft? Oder klarer: macht es
irgendeinen Unterschied in den USA, ob jemand zu 149 oder zu
298 Jahren Haft verurteilt wird?

Siehe oben. Verschiedene Schwere der Straftaten (Mord ersten Grades/zweiten Grades, niedere Beweggründe, etc.). In den USA wird es halt alles summiert.

Im Artikel steht z.B., dass eine Strafmilderung bekommen
hätte, wenn er gestanden hätte (was er natürlich nicht getan
hat, da er unschuldig war).

Das gibt es auch in Deutschland. D. h. ein Schuldeingeständnis wirkt sich meistens strafmildernd aus. Ich kenne übrigens auch Anwälte, die ihren völlig unschuldigen Mandanten raten haben, sich schuldig zu bekennen, weil mit der StA bereits ein Deal (z. B. eine Bewährungsstrafe) ausgehandelt wurde.

Was bedeutet Strafmilderung?

Meines Wissens gibt es in Deutschland keine Strafmilderung an sich sondern lediglich strafmildernde Umstände (Geständnis, Reue, günstige Prognose). Hey Strafrechtler, helft mir mal!!!

Gibt es diesen „Rabatt“ in den USA nicht?

Nun vergiß mal Frau Salesch, Frau Herz und wie die alle heißen… Die Damen verhandeln Bagatellen.

Und eben welchen
Sinn macht eine Strafe von 298 Jahren?

Das wäre eine rein philosophische Frage…

In den Schlagzeilen war dies
in Deutschland ja nur, weil der Mann unschuldig war.

Apropo’s unschuldig: just am Wochenende habe ich kopfschüttelnd einen Bericht über einen Mann, der 22 Jahre unschuldig in der Todeszelle saß, gesehen. Auch die US-Justiz ist nicht perfekt, schon gar nicht, wenn die Good Boys aus Texas im Spiel sind. Der Staatsanwalt hat entlastende Beweise unterschlagen, den Gerichtsmediziner unter Druck gesetzt, und, und, und…

Lebenslang ist ja ok, aber warum 298 Jahre (oder mehr)?

Ohne jegliche Wertung: Damit ein solcher Mensch nie wieder rauskommt? Eine Einschränkung: wenn er denn wirklich schuldig ist!

Viele Grüße

Tessa

Mich interessiert nicht der Fall an sich sondern die Frage:
warum bekommt jemand 298 Jahre Haft? Oder klarer: macht es
irgendeinen Unterschied in den USA, ob jemand zu 149 oder zu
298 Jahren Haft verurteilt wird?

Für den Verurteilten macht es keinerlei Unterschied.
Meines Wissens ist die Rechtsprechung in den Staaten hinsichtlich des Strafmaßes grundsätzlich anders als in Deutschland. Dort gelten die Strafen kumulativ, während in Deutschland die Strafe für das schwerwiegendste der Vergehen vergeben wird (z.B. wird hier „nur“ der Mord bestraft, während in den Staaten noch Körperverletzung, Erpressung etc. hinzukommen können).

Aber vielleicht sollte ich eher Fachleute antworten lassen, da ich mein Wissen nur aus zweiter Hand beziehe (Ehemann = Anwalt und „The Practice“ auf Pro7, sowie diverse Literatur).

Ich hoffe, es kann jemand eine konkretere Antwort geben :wink:
Gruß, Bea

noch eine Ergänzung
Hallo,

über Sinn und Unsinn möchte ich gar nicht reden, und von der Summierung wurde ja schon gesprochen.

Einen gewissen „Sinn“ erhält das Ganze noch dadurch, dass man ja prinzipiell auch von Justizirrtümern freigesprochen werden kann. Kann also derjenige, der 200 Jahre bekommen hat, auf irgendeine Weise nachweisen, dass er davon 160 Jahre zu Unrecht bekommen hat, muss er nur noch 40 Jahre sitzen.

Naja, aber immerhin …

Herzliche Grüße

Thomas Miller

…zusammen mit Tessas Artikel.

Angenommen jemand wird wegen Mord verurteilt und hat gleichzeitig Steuerbetrug (oder irgendetwas, was nach z.B. 7 Jahre verjährt) begannen. In Deutschland bekommt er dann lebenslänglich. Der Steuerbetrug bleibt dann ohne Strafe (wenn ich Tessa richtig verstanden habe).

In den USA bekommt er 70 Jahre (für Mord) plus 10 Jahre (für Steuerbetrug). Insgesamt also 80 Jahre. Achtung: 70 und 10 Jahre habe ich jetzt willkürlich gewählt. Ich habe keine Ahnung, wieviel Jahre es für Mord und Steuerbetrug in den USA gibt. Ist aber für das Beispiel auch irrelevant.

Jetzt kommt nach 8 Jahren raus, dass er den Mord nicht begannen hat.
Folge Deutschland: Freilassung, da er für Steuerbetrug nicht verurteilt wurde und der Prozeß wegen Verjährung auch nicht wieder aufgenommen werden kann.

Folge USA: Er muß noch 2 Jahre in Haft sitzen.

Vieles dürfte mangels Rechtskenntnis falsch sein, was ich geschrieben habe. Aber ist dies vom Prinzip her richtig?

1 „Gefällt mir“

So war es gemeint! owT.

Eine Anmerkung
Hallo Ralf,

man muss gar nicht über den großen Teich schauen um so was zu sehen.
Beim Spanischen Olivenöl-Pansch-Skandal wurden gegen die Hauptschuldigen ebenfalls Urteile jenseits der 1000 Jahre verhängt.

Was es bringt? Keine Ahnung.

Gruß Ivo

Hi Ralf,

Vieles dürfte mangels Rechtskenntnis falsch sein, was ich
geschrieben habe.

*grins* OK, die Kombination Mord und Steuerbetrug ist ein wenig an den Haaren herbeigezogen…

Aber ist dies vom Prinzip her
richtig?

Ja!

Folge Deutschland: Freilassung, da er für Steuerbetrug nicht
verurteilt wurde und der Prozeß wegen Verjährung auch nicht
wieder aufgenommen werden kann.

In dem hypothetischen Fall ‚Mord ( rechtskräftige Verurteilung zu lebenslänglicher Haftstrafe) + Steuerhinterziehung (nach § 369 AO bis zu 10 Jahren Haft in besonders schweren Fällen)‘ würde der Täter nach acht Jahren freikommen. Wichtig (habe das habe ich gestern vergessen): die höhere Strafe muß rechtskräftig verhängt sein. Wegen des - selbst, wenn die Schuld erwiesen ist - würde folgender Beschluß ergehen:

‚In der Strafsache gegen … wegen … wird das Verfahren auf Antrag der Staatsanwaltschaft gemäß § 154 Abs. 2 StPO*** eingestellt, weil die Strafe, zu der die Verfolgung führen kann, neben der Strafe, die in dem Verfahren … rechtskräftig verhängt worden ist, nicht ins Gewicht fällt.
Die Kosten des Verfahren trägt die Landeskasse.‘

*** § 154 StPO spricht von ‚unwesentlichen Nebentaten‘.

Folge USA: Er muß noch 2 Jahre in Haft sitzen.

So ist es.

Ciao

Tessa

noch „schöner“ sindmehrfach lebenslängliche haftstrafen. ich habe mich immer gefragt, was mit den leichnamen der häftlinge nach dem 1. mal lebenslänglich passiert (offener sarg in zelle, bis die zeit, die einem vielfachen der lebensdauer entspräche, verstrichen ist? )

gruß nach magdeburg (eyh! am sa. hätten wir euch bald überfallen!)

astrid

offtopic!
Hi,

gruß nach magdeburg (eyh! am sa. hätten wir euch bald
überfallen!)

warum? Um mich zum „Literaturbesorgen“ in den Keller zu sperren? *grins*

Aber im Ernst: Samstags ist unser Einkaufstag. Im Zweifel hättet ihr uns gar nicht angetroffen. Vorher ankündigen ist daher immer gut. Wenn wir allerdings da gewesen wären, hätten wir euch sicher gern empfangen!

Ostern sind wir in Berlin, aber die gesamte Zeit ist leider schon verplant (— meine Frau ist schuld! —). Ich habe im Angesicht meines schlechten Gewissens mal im Stadtplan nachgesehen: TMRP wohnt ja in Wannsee, fast schon in Potsdam. Wir sind Ostersonntag in Kladow - nicht weit. Aber ein Treffen wird sich kaum arrangieren lassen. Schade eigentlich - aber ihr habt sicher auch zu tun …

Und mein schlechtes Gewissen ist inzwischen so schlecht - schlechter gehts wohl kaum … Als Entschuldigung habe ich nur anzugeben, dass unser Keller so FURCHTBAR UNGEMÜTLICH ist!

Ich werde mich bessern - bestimmt und demnächst!

Liebe Grüße

Thomas

hast poscht :smile:

Ohne Gewähr
Hallo,

Auch in Deutschland gibt es Urteile auf z.B. „3 x lebenslänglich“. Soweit ich gehört habe, geschieht dies wegen der Möglichkeit einer Begnadigung nach Verbüßung von 2/3 der Zeit. Lebenslänglich wird dann (soviel ich weiß) als 30 Jahre gerechnet und Begnadigung wäre damit prinzipiell nach 20 Jahren möglich. Bei 3 x lebenslänglich wäre aber Begnadigung erst nach 60 Jahren möglich (2/3 von 90) und wenn ein Richter verhindern möchte, daß jemand irgendwann aus dem Gefängnis entlassen wird, erreicht er es auf diese Weise.

Viele grüße, Stefanie

falls er/sie mal begnadigt werden sollte in einem oder mehreren faellen, dann bleibt dennoch alles bei alten: festungshaft.
gruss - digi