Aberkennung des Heiligenstatus

Hallo zusammen!

Im Geschichtsbrett wurde in den letzten Tagen erörtert, dass sowohl Karl der Große als auch Christophorus aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr als Heilige angesehen werden. Bisher war ich immer von dem Grundsatz ausgegangen, dass wer von der katholischen Kirche einmal für heilig befunden wurde, diesen Status für immer behält. Wie bereits im Geschichtsbrett erwähnt können zum Beispiel Zweifel an der realen Existenz des/der Heiligen dazu führen, dass diese® aus dem Kanon der Heiligen gestrichen wird.

Da ich weiß, dass es für das Heiligsprechungsverfahren ein genau festgelegtes streng formalisiertes Verfahren gibt, würde mich interessieren, ob es für die Streichung eines/einer Heiligen aus dem Heiligenkanon ein ebenso klar geregeltes Verfahren gibt. Nach welchen Kriterien erfolgt die Entkanonisierung? Wer entscheidet darüber und welche Gründe können Auslöser für den Beginn eines solchen Verfahrens sein? Gibt es weitere bekannte Beispiele außer den oben genannten?

Für eventuelle Antworten von Euch bedanke ich mich schon einmal!

Gruß

Christoph

Hallo Christoph!
Im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es eine Kommission, die das „martyrologium romanum“, d.h. das Verzeichnis der in der katholischen Kirche liturgisch verehrten Christinnen und Christen zu durchforsten hatte. Ausgeschieden wurden dabei ausschließlich solche Namen, die lange vor Einführung des formalisierten Heiligsprechungsprozesses (im 12./13. Jh.) in die Liste aufgenommen worden waren, und zwar meistens wegen mangelnder historischer Greifbarkeit. Diese Kommission existiert jetzt nicht mehr.
Dein Namenspatron, Christophorus, wurde übrigens nicht aus der Liste gestrichen, sondern wird als kleinasiatischer Märtyrer weiterhin am 24. Juli gefeiert - wobei gern auch der tiefsinnigen Legende gedacht wird, die sich um seine Person und seinen Namen rankt.
Gruß,
Pietro

Hallo Pietro!

Danke für den Hinweis! Das bedeutet also, dass seit der Auflösung dieser Komission kein Heiliger mehr diesen Status verliert. In einem Punkt muss ich dir leider widersprechen: Der hl.Christophorus ist tatsächlich aus dem Heiligenkanon gestrichen worden. Im deutschen Regionalkalender wird sein Festtag aber noch - wohl aus Brauchtumsgründen - am 24.Juli verzeichnet. Wenn Du magst kannst Du es hier nachlesen:

http://heiligenlexikon.de/index

Weiß denn jemand hier in diesem Brett, warum gerade unter dem gegenwärtigen Papst so viele Menschen selig oder heilig gesprochen werden? Liegt es einfach daran, dass heute die Forschungsmöglichkeiten besser sind als früher oder steckt etwas anderes dahinter?

Nochmal vielen Dank!

Gruß

Christoph

Hallo Christoph

Du hast ja noch Glück gehabt. Dein Namenspatron wird zumindest im ganzen deutschsprachigen Raum noch gefeiert. Meiner ist ganz verschwunden. Denn seine Legende ist noch „legendärer“ - und seine Verehrung nie so verbreitet gewesen. (Seine Anrufung hat ja auch nicht in Zeiten vor „Versicherungen für und gegen alles“ vor plötzlichem Tod geschützt…) Aber ich meine, gerade da kommen wir zum zweiten Teil deiner Frage: Der Heiligenkalender ist für den heutigen Gläubigen einfach zu sehr mit Menschen gefüllt, deren Lebenswelt nicht mehr nachvollzogen werden kann.
Auch wenn diese „modernen“ Heiligen und Seligen dann (noch) nicht so populär sind wie ein Christophorus, so gibt das Beispiel ihres Lebens wohl einen anderen Impuls für unser (Glaubens-)Leben als eine legendäre Gestalt aus dem 1. Jahrtausend.
(Jetzt könnten wir über zwei Sachen weiterdiskutieren:
a) Was sind/wollen/sollen Heilige?
b) Ist das Bedürnis, neben unzähligen kurzlebigen Vorbildern und Idolen (wie dem Perücke-tragenden Michael Jackson), längergültige und für verschiedenste Menschen (kulturell, altersspezifisch etc.) bedeutende „Vorbilder“ zu haben, nicht verständlich?
Ich möchte da nur an das Bedürfnis der Verehrung von Königin Astrid, die bis zum Tod von Prinzessin Diana angehalten hat (ev. immer noch), erinnern… Schönen Sonntag!

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Gerade die Arbeit der damaligen Kommission hat deutlich gemacht, dass man für die frühe Zeit einfach keinen historischen Boden unter die Füße bekommt. Die Heiligen sind oft vielmehr „Typen“ als Individuen. Und Legenden und deren „Helden“ entwickeln eine so große Eigendynamik, dass man sie nicht einfach „abschaffen“ kann.
Die Kommission wollte u.a. auch die hl. Caecilia (22. 11.) abschaffen (mit guten historischen Gründen), aber Papst Paul VI. persönlich hat das verhindert.
Gruß,
Pietro

Hallo Pietro!

Ich habe auch schon manchmal gedacht, dass es sich bei vielen der ältesten Heiligen in Wirklichkeit nicht um historische Persönlichkeiten, sondern um idealisierte Typen handelt, vielleicht geschaffen, um den neuen Glauben noch populärer zu machen. Denn für viele der damals doch weitgehend ungebildeten Menschen mag die Bibel zwar eine frohe Botschaft enthalten haben. Gleichzeitig wird sie ihnen aber irgendwie theoretisch vorgekommen sein. Da könnte es nicht verkehrt gewesen sein, solche „Typen“, die den neuen Glauben auch bewusst leben, zu kreieren.

Ich glaube allerdings nicht, dass diese Heiligen von der Kirche vorsätzlich „erfunden“ wurden. Vielmehr denke ich, dass sich unter der des Lesens und des Schreibens unkundigen Bevölkerung Erzählungen immer weiter verbreitet haben und dabei immer weiter ausgeschmückt wurden. Möglicherweise sind dann ja auch alte Mythen aus vorchristlicher Zeit eingeflossen. Irgendwann hatte sich eine Legende dann so stabilisiert, dass sie für historisch gehalten wurde und die Kirche zum Heiligsprechungsprozess schritt. Aber das ist alles eine Spekulation meinerseits.

Gruß

Christoph

Hallo Alex!

Ja, ich glaube schon, dass auch heute noch viele Menschen das Bedürfnis haben, sich an Vorbildern zu orientieren, selbst dann, wenn sie keine gläubigen Christen sind. Jeder braucht das Gefühl, dass er ein ganz klein wenig in dieser Welt bewegen kann. Da sind Menschen, die wirklich etwas im positiven Sinne bewirkt haben, Mutmacher. Ob dies dann Heilige oder auch nur Christen sind, ist dann im Grunde genommen zweitrangig.

Gerade deshalb sollte die Kirche bei der Auswahl ihrer Heiligen besonders darauf achten, dass ihre Heiligen ihr Wirken, angenommen sie würden noch leben, in der heutigen Zeit fortsetzen könnten oder dieses Wirken zumindest, wenn man die geänderten und gesellschaftlichen und historischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, den Menschen auch heute noch etwas sagen würde. Denn mit Drachentötern kann ich persönlich heute nichts mehr anfangen. Alle Georgs mögen mir verzeihen.

Gruß

Christoph

Du hast völlig recht (mit Ausnahme des „Heiligsprechungsprozesses“; den hat es für die frühen Heiligen nie gegeben; sie wurden erst verehrt, bekamen Kirchen errichtet usw.; daraufhin wurden sie ohne Formalität ins Martyrologium aufgenommen.).
Übrigens ist ja auch unser Begriff von historischer Objektivität nicht frei von mythischen Elementen :wink:
P.

Denn mit Drachentötern kann ich persönlich
heute nichts mehr anfangen.

Warum? Ich hab sogar eine Ikone vom hl. Georg hinter meinem Schreibtisch hängen, direkt überm PC. Ich finde, da passt er gut hin…
Gruß,
Pietro

Warum? Ich hab sogar eine Ikone vom hl. Georg hinter meinem
Schreibtisch hängen, direkt überm PC. Ich finde, da passt er
gut hin…
Gruß,
Pietro

Hallo Pietro!

Das ist eben, wie so vieles in der Religion, eine Glaubensfrage.
Ich finde für mich persönlich einfach den Bezug dieser Legende zur heutigen Zeit nicht. Was bedeutet Dir der Hl. Georg persönlich? Oder ist es gar nicht die Person, die Dich fasziniert, oder wie oben dikutiert, der Typ, sondern diese Ikone als Kunstwerk? Aber abgesehen davon müsste man ja an dieser Stelle auch darüber dikutieren, ob der Bezug zur Gegenwart wirklich das entscheidende Kriterium bei der Auswahl der Heiligen, die einem etwas sagen, sein sollte. Welche Kriterien hast Du denn da entwickelt?

Gruß

Christoph

Hallo Christoph!
Tatsächlich noch so interessiert? Außer uns liest das sicher kein Mensch mehr…

Das ist eben, wie so vieles in der Religion, eine
Glaubensfrage.

Glaubensfrage ist nach meiner Überzeugung alles , das ganze Leben. Ich sehe, erfahre, verstehe nur das, woran ich (wenigstens ein bisschen) glaube.

Ich finde für mich persönlich einfach den Bezug dieser Legende
zur heutigen Zeit nicht. Was bedeutet Dir der Hl. Georg
persönlich? Oder ist es gar nicht die Person, die Dich
fasziniert, oder wie oben dikutiert, der Typ, sondern diese
Ikone als Kunstwerk?

Der Typ und die Ikone, das ist für mich eins. (Die historische Person des Märtyrers Georgos ist sozusagen das Sandkorn in der Muschel, um die die Perle sich bilden konnte.) Ich gehöre nicht zu denen, die Ikonen nur „schön“ finden; sie sind Einladungen zur Meditation, zum Gebet. In der Gestalt des Drachens finde ich unzählige Bedrohungen meines Lebens wieder, äußere und innere. Und der Drachentöter Georg unterstützt meine Hoffnung, dass ich sie besiegen kann, dass ich „stärker“ bin, wenn ich Vertrauen (=Glauben) habe wie er.

Aber abgesehen davon müsste man ja an
dieser Stelle auch darüber dikutieren, ob der Bezug zur
Gegenwart wirklich das entscheidende Kriterium bei der Auswahl
der Heiligen, die einem etwas sagen, sein sollte. Welche
Kriterien hast Du denn da entwickelt?

Die Frage finde ich wirklich gut. „Bezug zur Gegenwart“ kann ja nicht heißen: Bestätigung des Zeitgeistes. Andererseits transportiert ein Heiliger immer auch viel Geist aus seiner Zeit, der für heute nicht unbedingt hilfreich sein muss. Klare Kriterien habe ich da nicht. Meine Lieblinge sind Thomas Morus, Philipp Neri, Edith Stein, natürlich auch Petrus, mein Namenspatron, in seiner ganzen Ambivalenz - und trotzdem, bzw. gerade wegen der Integration seines Schattens - „Fels“…

Hast du denn Lieblingsheilige?

Grüße,
Pietro

Hallo Christoph!
Tatsächlich noch so interessiert? Außer uns liest das sicher
kein Mensch mehr…

Warum eigentlich nicht?

Das ist eben, wie so vieles in der Religion, eine
Glaubensfrage.

Glaubensfrage ist nach meiner Überzeugung alles , das
ganze Leben. Ich sehe, erfahre, verstehe nur das, woran ich
(wenigstens ein bisschen) glaube.

Ich finde für mich persönlich einfach den Bezug dieser Legende
zur heutigen Zeit nicht. Was bedeutet Dir der Hl. Georg
persönlich? Oder ist es gar nicht die Person, die Dich
fasziniert, oder wie oben dikutiert, der Typ, sondern diese
Ikone als Kunstwerk?

Der Typ und die Ikone, das ist für mich eins. (Die historische
Person des Märtyrers Georgos ist sozusagen das Sandkorn in der
Muschel, um die die Perle sich bilden konnte.) Ich gehöre
nicht zu denen, die Ikonen nur „schön“ finden; sie sind
Einladungen zur Meditation, zum Gebet. In der Gestalt des
Drachens finde ich unzählige Bedrohungen meines Lebens wieder,
äußere und innere. Und der Drachentöter Georg unterstützt
meine Hoffnung, dass ich sie besiegen kann, dass ich „stärker“
bin, wenn ich Vertrauen (=Glauben) habe wie er.
Die Metapher gefällt mir.

Aber abgesehen davon müsste man ja an
dieser Stelle auch darüber dikutieren, ob der Bezug zur
Gegenwart wirklich das entscheidende Kriterium bei der Auswahl
der Heiligen, die einem etwas sagen, sein sollte. Welche
Kriterien hast Du denn da entwickelt?

Die Frage finde ich wirklich gut. „Bezug zur Gegenwart“ kann
ja nicht heißen: Bestätigung des Zeitgeistes.

Das sollte es wirklich nicht sein. Nein, ich finde Persönlichkeiten wesentlich faszinierender, die gegen den Strich bürsten. Menschen, die die Botschaft von Jesus, da wo sie vergessen zu werden droht, wieder ins Gedächtnis rufen, sind interessant, aber nur dann, wenn sie es durch Taten und nicht nur durch Worte tun.

Andererseits transportiert ein Heiliger immer auch viel Geist aus

seiner Zeit, der für heute nicht unbedingt hilfreich
sein muss.

Das kann ja auch gar nicht anders sein. Viele Heilige kannten nur den Ort, an dem sie geboren wurden, konnten deshalb nicht mit Gedanken, die wir heute der Aufklärung zurechnen würden, in Berührung kommen. Die meisten Heiligen werden wohl keine glühenden Demokraten gewesen sein. Aber wer war das schon damals?

Klare Kriterien habe ich da nicht. Meine Lieblinge

sind Thomas Morus, Philipp Neri, Edith Stein, natürlich auch
Petrus, mein Namenspatron, in seiner ganzen Ambivalenz - und
trotzdem, bzw. gerade wegen der Integration seines Schattens -
„Fels“…

Hast du denn Lieblingsheilige?

Direkte Lieblingsheilige habe ich nicht. Aber Franz von Assisi gefällt mir zum Beispiel wegen seiner Naturliebe sehr gut. Auch alle Heiligen, die sich um Arme und Kranke gekümmert haben, faszinieren mich. Wenn es einen Menschen in heutiger Zeit gibt, über dessen Kanonisierung man nach seinem Tod vielleicht nachdenken sollte, dann ist es Karl-Heinz Böhm; ein Mensch, der ein Leben, wie es angenehmer nicht sein könnte, aufgegeben hat, um den vielleicht ärmsten Menschen auf dieser Erde vor Ort zu helfen und unermüdlich auf deren Elend aufmerksam zu machen. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

Grüße von

Christoph