Hallo,
In einer Chronik (Dorf in Oberbayern) werden alte Text zitiert mit Begriffen, die heute nicht mehr geläufig und mir unverständlich sind: Abgaben waren zu entrichten: Kirchtrachtlaibe - was besagt Kirchtracht?
Stockgarben - wie groß waren die Getreidebündel?
Gerstenmaden - wohl kein Ungeziefer.
Was, wie groß war ein 2/3 Sitz …dorf?
Welche Quelle(n) könnten ähnliche Begriffe in die heutige Sprache übersetzen? - Suche seit 4 Tagen ergebnislos.
Dank im Voraus Dank.
Gruß Grischbe
Hi,
Kirchtrachtlaibe - was besagt Kirchtracht?
Naturalabgabe (Brot, Fleisch, Eier) der Gemeindemitglieder an Kirche, Kloster, Geistlichen beziehungsweise Schullehrer, wohl zum Fest der Kirchweihe. (http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cd2/drw/e/ki/rc…)
Gruss,
Julia
Hallo,
Kirchtrachtlaibe - was besagt Kirchtracht?
_1Kirchtracht, Kirchentracht
Wortklasse: Femininum
Erklärung: Naturalabgabe (Brot, Fleisch, Eier) der Gemeindemitglieder an Kirche, Kloster, Geistlichen beziehungsweise Schullehrer, wohl zum Fest der Kirchweihe.
2Kirchtracht
Wortklasse: Femininum
Erklärung: nach Schmeller2 I 1290 Gemeindebezirk einer Vizinalkirche oder -kapelle.
Datierung: 1486 Fundstelle: Schmeller2 I 1290
Faksimile - digitalisiert im Rahmen von „austrian literature online (ALO)“
Laib, m.
vgl. laib (m.) im Deutschen Wörterbuch (DWB)
zur Etymologie vgl. Kluge20 419
das geformte Brot, hier als Abgabe uä._
Quelle: http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw/
Stockgarben - wie groß waren die Getreidebündel?
1. ‚die am Schluß der Ernte zuletzt gebundene oder zuletzt gedroschene Garbe‘, Stockgarb ('šdog,garb) [vereinzelt, WILDE 292]. »Auf den zuletzt heimkehrenden fruchtbeladenen Wagen wird ein junger, grünender Baum oder ein Ast aufgesteckt, oder hält ihn der Schnitter, welcher die letzte, die St., gebunden, hoch in der Hand« [SCHANDEIN Bav. IV,2 380]. –
2. ‚Ernteschluß mit Festessen‘, zum Schluß der Drescharbeit (mit Flegeln) [KU-Adb RO-Schiersf KB-Zell FR-Kindh], als Essen gibt es Salzfleisch, Speck, Sauerkraut, Dampfnudeln, Wein [FR-Kindh], -garwe zum Schluß der Kartoffelernte gibt es Fastnachtsküchelchen Konk]; vgl. Hahn 1 2 g β, Imbiß 2, Stockarbeit. Morgen kriegen wir St. [KU-Adb]. Wenn der Stock 7 gedroschen war, wurde die letzte Garbe mittels eines Seiles aus dem Barren oder Gerüst gezogen, der Besitzer gerufen und dann wurde Stockgarb gehall [KB-Zell]. – Rhein. VIII 726; CHRISTMANN Vk. 43 ff.; STOLL 71 ff., 180/81; CARL Pfalz im Jahr 301, 304.
Quelle: http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…
- ist aber hier aufgrund des Kontextes (Bayern) wohl nicht gemeint. Eher:
stockgarbe, f., eine vom gerodeten acker an den grundherrn zu zahlende abgabe, die zehnte garbe, census frumentarius, nach FRISCH 2, 337c als entschädigung für die geminderte jagdnutzung. gebildet zu 1stock, m., 1 truncus, caudex; sonst auch forstgarbe genannt (th. 3 sp. 6); vgl. auch allgem. haushalt. lexic. 1, 508a –
Quelle: http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…
Gerstenmaden - wohl kein Ungeziefer.
Vermutlich doch - ein Getreideschädling, und zwar die Larve der Fritfliege (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Fritfliege).
Was, wie groß war ein 2/3 Sitz …dorf?
Näherer Kontext? Ist gemeint „zweidrittel Sitz“ oder „zwei bzw. drei Sitze“?
Freundliche Grüße,
Ralf
Servus,
das meiste wurde bereits kompetent beantwortet. Hier kommt noch der hinkende Bote:
Gerstenmaden - wohl kein Ungeziefer.
woher die Vermutung? Wie heißt der Satz, der Kontext? Kann der Begriff mit „Mahd“ zusammenhängen?
Was, wie groß war ein 2/3 Sitz …dorf?
Das kann man ausschließlich aus lokalen heimatkundlichen Quellen eruieren. Der Hintergrund ist: Eine Bauernstelle, auch Sitz oder Hufe, ist so groß, daß eine Bauernfamilie (= drei bis vier Generationen nebst Gesinde) grad davon leben können. Die Größe einer Hufe hängt von der lokal vorherrschenden Kultur (Ackerbau vs. Grünlandwirtschaft), vom Boden und vom Klima ab. Sie schwankt von Gegend zu Gegend und von Ort zu Ort zwischen etwa fünf und etwa zwanzig Hektar, beides sind Extreme, im Alpenvorland dürfte die Größe eines Sitzes in der Gegend von zehn bis fünfzehn Hektar liegen.
Davon abgeleitet gibt es die halbe und eben auch die Zweidrittelstelle. Diese Klassifizierung spielt eine Rolle bei der Feststetzung von Steuern und Abgaben (eine Art „Steuerklassen“), weil Halb- und Zweidrittelbauern angesichts der Notwendigkeit, sich über die Bewirtschaftung der eigenen Stelle hinaus im Tagelohn zu verdingen oder einer häuslichen Arbeit oder einem Handwerk nachzugehen, und angesichts einer bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein dramatisch hohen Zahl von kirchlichen Feiertagen mit Arbeitsverbot kaum in der Lage waren, die Frondienste zu leisten, ohne dabei und dadurch gleichzeitig ihre Nachzucht an künftigen Untertanen zu verkaufen, zu ersäufen oder verhungern zu lassen - was nicht im Interesse der jeweiligen Grundherrschaft lag.
Schöne Grüße
MM