Abgrenzen von Depressiven Verwandten

Hallo Leute!
Ich habe einen Schwager der seit 15 Jahren an schweren Depressionen leidet. Er hat mehrere Aufenthalte in Tageskliniken und Stationären Kliniken hinter sich mit Therapien. Er feiert z.Z. krank und schläft teilweise bei seiner Mutter weil er nichts mehr geregelt bekommt(37 J.). Wir haben uns jetzt als Familie versucht abzugrenzen, indem wir ihm deutlich gemacht haben das er krank ist und ärztliche Hilfe braucht, die wir nicht mehr leisten können. Jetzt haben wir natürlich den schwarzen Peter weil wir uns "weigern"zu helfen-dabei tragen wir seit Jahren diese „Bürde“ mit stundenlangen Gesprächen, Telefonaten mit Kliniken, Psychologen etc. Das führt in der Familie natürlich zu ständigen Diskusionen über diese Problematik was auch uns an die Grenzen bringt. Kann man sich so Abgrenzen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen? Oder ist es auch weiterhin unsere Pflicht uns ohne wenn und aber zur Verfügung zu stellen ? Hinzu kommt das er viele Leute mit seinen Problemen bombadiert, die wiederrum uns als Ansprechpartner sehen weil sie nicht mehr mit ihm klarkommen !
Wir hatten/haben das Gefühl das er sich innerhalb der Therapien völlig verstellt und den Leuten etwas vorgaukelt,weil er bis heute nicht verstanden hat das es um ihn geht und nicht um die Leute die vor ihm sitzen und ihm sein „Problem“ nicht lösen können.

Michael

Hallo Michael,
wenn ich mich so umschaue, dann gibt es leider schon viel zu viele Familien, die vor dem gleichen Problem stehen wie Ihr.

Hallo Leute!
Ich habe einen Schwager der seit 15 Jahren an schweren
Depressionen leidet. Er hat mehrere Aufenthalte in
Tageskliniken und Stationären Kliniken hinter sich mit
Therapien. Er feiert z.Z. krank und schläft teilweise bei
seiner Mutter weil er nichts mehr geregelt bekommt(37 J.). Wir
haben uns jetzt als Familie versucht abzugrenzen, indem wir
ihm deutlich gemacht haben das er krank ist und ärztliche
Hilfe braucht, die wir nicht mehr leisten können.

Das ist ein guter Schritt, der sicherlich sehr viel Mut erfordert hat. Dieser Schritt ist aber wichtig, weil, wie du richtig schreibst, ist hier Hilfe vonnöten, die Ihr nicht mehr leisten könnt. Können im Sinne von fachlicher Qualifikation aber auch können im Sinne von, dass es Eure menschliche Kraft eines Tages überschreiten kann.

Jetzt haben
wir natürlich den schwarzen Peter weil wir uns "weigern"zu
helfen-dabei tragen wir seit Jahren diese „Bürde“ mit
stundenlangen Gesprächen, Telefonaten mit Kliniken,
Psychologen etc. Das führt in der Familie natürlich zu
ständigen Diskusionen über diese Problematik was auch uns an
die Grenzen bringt. Kann man sich so Abgrenzen ohne ein
schlechtes Gewissen haben zu müssen?

Ja, ohne schlechtes Gewissen! Ich habe - und das klingt jetzt vielleicht roh und „unmenschlich“ - am meisten Probleme und Arbeit mit den Angehörigen, die langsam aber sicher „krank“ werden, weil sie an ihren vermeintlichen Pflichten so schwer tragen.
Es gibt sogar Fälle, wo es den Depressiven phasenweise wieder gut geht und zwar genau dann, wenn die Kraft der Angehörigen am Ende ist.

Hierfür habe ich zwei Erklärungsmodelle: Erstens schöpfen die Depressiven Mut und Kraft, wenn sie sehen, dass es auch Menschen in ihrer näheren Umgebung plötzlich schlecht geht (weil die D. ja grundsätzlich niemandem zur Last fallen wollen) und zweitens (und das läuft aber unbewusst), wenn die D. merken, es ist an Hilfe nichts mehr zu „holen“, sind sie plötzlich sehr wohl in der Lage, sich woanders professionelle Hilfe zu suchen.

Oder ist es auch
weiterhin unsere Pflicht uns ohne wenn und aber zur Verfügung
zu stellen ? Hinzu kommt das er viele Leute mit seinen
Problemen bombadiert, die wiederrum uns als Ansprechpartner
sehen weil sie nicht mehr mit ihm klarkommen !
Wir hatten/haben das Gefühl das er sich innerhalb der
Therapien völlig verstellt und den Leuten etwas
vorgaukelt,weil er bis heute nicht verstanden hat das es um
ihn geht

Auch diese Beobachtung konnte ich schon oft machen. Das sind die D., die glauben, sie müssen ihrem Umfeld zuliebe eine Therapie machen, um ihr Freunde, Verwandten etc. „zu beruhigen“ oder um sagen zu können „ich habe ja eh etwas getan“.

und nicht um die Leute die vor ihm sitzen und ihm
sein „Problem“ nicht lösen können.

Ich habe einmal von einem Supervisor ein schönes, hilfreiches Gleichnis gehört: Depressive (vor allem D., aber auch andere) soll man sich wie einen Druckkochtopf vorstellen. Es brodelt da drinnen, der Leidensdruck wird immer stärker und stärker.

Kommt jetzt eine nahestehende Person und betätigt das Ventil, um ein wenig Druck abzulassen, brodelt es weiter, aber ohne Gefahr, in die Luft zu gehen. Dies kann man bis in alle Unendlichkeit fortsetzen.

Lässt man allerdings den Druck ansteigen, bis es das Ventil fetzt, dann merkt auch der Betroffene - hoppla, jetzt ist es so weit.

Und abschließend gebe ich noch eines zu bedenken: viele helfen und die meisten helfen gerne. Wenn allerdings das eigene Leben und das eigene Familienglück auf dem Spiel steht, sollte man sich die Frage stellen: wem bin ich mehr verpflichtet? Was will die Situation von mir? Weiter meine Hilfe und Kraft in eine (scheinbar) auswegslose Situation hineinbuttern oder das Gute, Gesunde in meinem eigenen engsten Umfeld erhalten?

Michael

Angesichts der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage, die u.U. die Situation noch einmal verschärfen könnten,

mitfühlende Grüße von
Irene

Hallo,

Hierfür habe ich zwei Erklärungsmodelle: Erstens schöpfen die
Depressiven Mut und Kraft, wenn sie sehen, dass es auch
Menschen in ihrer näheren Umgebung plötzlich schlecht geht
(weil die D. ja grundsätzlich niemandem zur Last fallen
wollen) und zweitens (und das läuft aber unbewusst), wenn die
D. merken, es ist an Hilfe nichts mehr zu „holen“, sind sie
plötzlich sehr wohl in der Lage, sich woanders professionelle
Hilfe zu suchen.

m.M. kommt hinzu, daß der Depressive sich umso mehr schlecht fühlt, je mehr ihm seine Unfähigkeit zur Lebensfreude in Form anderer Menschen vor Augen geführt wird. Das Ausnutzen ist evtl. auch auf Neid zurückzuführen („ihr habt ja alles“). Geht es den Helfenden dann irgendwann schlecht, fühlt er eine innerliche Verbundenheit und seine Situation scheint „normaler“.

Gruss
Enno

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Hallo Leute!
Ich habe einen Schwager der seit 15 Jahren an schweren
Depressionen leidet. Er hat mehrere Aufenthalte in
Tageskliniken und Stationären Kliniken hinter sich mit
Therapien. Er feiert z.Z. krank und schläft teilweise bei
seiner Mutter weil er nichts mehr geregelt bekommt(37 J.). Wir
haben uns jetzt als Familie versucht abzugrenzen, indem wir
ihm deutlich gemacht haben das er krank ist und ärztliche
Hilfe braucht, die wir nicht mehr leisten können.

hallo michael, Es hat sich leider in der letzten Zeit in Fachkreisen
eingebürgert von einer Erkrankung „Depression“ zu sprechen und diese Erkrankung
nicht weiter zu differenzieren. Dies hat meiner Meinung viel Elend für die
Erkrankten und auch für die Angehörigen gebracht. Es gibt aber verschiedene
formen einer Depression und entsprechend auch ein unterschiedliches Vorgehen im
Umgang mit den Betroffenen und in der Therapie durch die Helfer. Bei einer
sogenannten endogenen Depression, die ohne erkennbare äußere Ursache mit einer
bstimmten Symptomkombination auftritt ist eine psychopharmakologische Therapie
mit antidepressiven Medikamenten notwendig. Eine Psychotherapie ist hier nicht
angebracht, weder verhaltenstherapie noch tiefenpsychologische Therapie.
Gespräche sollten stützenden Charakter haben und eine Entlastung der
Angehörigen von Schuldvorwürfen bewirken. Es ist wirklich niemand „Schuld“ an
dieser Erkrankung, niemand weiß die Ursache der endogenen Depression. Sie ist
aber sehr gut mit antidepressivben Medikamenten behandelbar, natürlich nur
durch einen Psychiater oder Nervenarzt. Die Hilfe der Angehörigen beschränkt
sich darin den Patienten aufzufordern und zu unterstützen sich behandeln zu
lassen , mehr ist nicht nötig und möglich.

Jetzt haben

wir natürlich den schwarzen Peter weil wir uns "weigern"zu
helfen-dabei tragen wir seit Jahren diese „Bürde“ mit
stundenlangen Gesprächen, Telefonaten mit Kliniken,
Psychologen etc. Das führt in der Familie natürlich zu
ständigen Diskusionen über diese Problematik was auch uns an
die Grenzen bringt. Kann man sich so Abgrenzen ohne ein
schlechtes Gewissen haben zu müssen? Oder ist es auch
weiterhin unsere Pflicht uns ohne wenn und aber zur Verfügung
zu stellen ? Hinzu kommt das er viele Leute mit seinen
Problemen bombadiert, die wiederrum uns als Ansprechpartner
sehen weil sie nicht mehr mit ihm klarkommen !
Wir hatten/haben das Gefühl das er sich innerhalb der
Therapien völlig verstellt und den Leuten etwas
vorgaukelt,weil er bis heute nicht verstanden hat das es um
ihn geht und nicht um die Leute die vor ihm sitzen und ihm
sein „Problem“ nicht lösen können.

Wenn dein Schwager nun eine solche Form der Depression hat dann könnt ihr sein
Problem der Depression nicht lösen sondern habt einfach die Aufgabe euch zu
distanzieren und Ihn einer ärztlichen Therapie zuzuführen. Wie gesagt ich weiß
nicht welche Form der Depression vorliegt, aber es hört sich ja so an als ob es
sich um einen sog. phasischen Verlauf handelt, d. h. daß die Depression in
bestimmten Abständen wiederkommt.
Es gibt aber noch mehrere verschiedene Depressionsformen die alle ein
unterschiedliches Vorgehen vom Patienten dem Arzt und den Angehörigen
erfordern. Ich halte dies für sehr wichtig und glaube daß eine genaue Diagnose
und Therapieabsprache viel leid von Patienten und Angehörigen abwenden könnte.
Wenn es dich interessiert kann ich später noch mehr über die anderen
Depressionsformen und deren Behandlung schreiben jetzt muß ich aber leider
erstmal weg.

viele Grüße Nashorn

Unfähigkeit zur Abgrenzung
Hi Michael

in deinem Posting mutet manches erstaunlich an, wenn auch unter dem Thema „Familienkommunikation“ und „Familenkonflikt“ wiederum recht interessant.

Leider läßt deine Darstellung einige wesentliche Fragen offen, so daß es auf den ersten Blick schwierig ist, diese eure Lage zu durchschauen. Was du beschreibst über euren Umgang mit dem „Kranken“ scheint mir ein wenig in ein ähnliches Thema zu fallen, wie es hier schon einmal diskutiert wurde. Aus meiner damaligen Antwort könnte vielleicht für dich/euch etwas Brauchbares zu entnehmen sein (lies aber den Hauptartikel mit):

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Mein alllererster Eindruck aus deinem Posting: Ihr seid mit der ganzen Familie an der Aufrechterhaltung des Zustandes deines Schwagers aktiv beteiligt (es entspricht dem, was man bei Partnern von Suchtkranken Ko-Abhängigkeit nennt).

Im Einzelnen:

Ich habe einen Schwager der seit 15 Jahren an schweren Depressionen leidet.

Wer hat diese Diagnose gestellt? Depression nennt man vieles (Nashorn hat es ja genauer differenziert) und manchen Arten von „Depression“ liegt gescheitertes Machtbedürfnis und unterdrückte Aggression zugrunde. Das zu wissen ist für den Umgang damit nicht ganz unwichtig.

Er hat mehrere Aufenthalte in Tageskliniken und Stationären Kliniken hinter sich mit Therapien.

Natürlich alles erfolglos.

Er feiert z.Z. krank

Ich dachte, er sei seit 15 Jahren krank??

und schläft teilweise bei seiner Mutter weil er nichts mehr geregelt bekommt(37 J.).

… und die Mutter regelt auch schön alles für ihn?

Wir haben uns jetzt als Familie versucht abzugrenzen

d.h. ihr habt euch 15 Jahre lang nicht abzugrenzen vermocht!

indem wir ihm deutlich gemacht haben das er krank ist

nach mehreren Klinikaufenthalten und Therapieversuchen muß ihm das jetzt erst deutlich gemacht werden??

und ärztliche Hilfe braucht, die wir nicht mehr leisten können.

D.h. ihr habt versucht, seit 15 Jahren, ärztliche Hilfe zu leisten? Ihr habt geholfen und geholfen, was das Zeug hält und zusätzlich hatte er ärztliche (resp. therapeutische) Hilfe?

Wobei habt ihr ihm eigentlich geholfen? Vielleicht gerade bei seiner genüßlichen Einsicht, daß er es schafft, daß eine ganze Familie sich 15 Jahre lang bis zur Erschöpfung um ihn kümmert?

Warum sollte er etwas an diesem seinem Erfolg ändern wollen?

Jetzt haben wir natürlich den schwarzen Peter weil wir uns "weigern"zu helfen

Hier wird es spannend: Wer schiebt euch den schwarzen Peter zu? Ich wette, er selbst? Er macht euch Vorwürfe, daß ihr euch nicht kümmert?

Worin besteht denn eigentlich das, was er unter Hilfe versteht??

dabei tragen wir seit Jahren diese „Bürde“ mit stundenlangen Gesprächen, Telefonaten mit Kliniken, Psychologen etc.

Warum tut ihr das denn? Was soll das denn für einen Zweck haben? Wem nützt das? Über was führt ihr denn diese Gespräche? Was wird euch da gesagt?

Das führt in der Familie natürlich zu ständigen Diskusionen über diese :stuck_out_tongue:roblematik was auch uns an die Grenzen bringt.

Das führt dazu? Ist das die richtige Beschreibung?
Wer führt dazu? Doch wohl sicher der „Kranke“, oder?
Oder ist gar noch ein anderer beteiligt? Seine Mutter? die zuläßt, daß er bei ihr schläft?

Fest steht, daß ihr es vielmehr ständig zulaßt , daß darüber diskutiert wird!

Kann man sich so Abgrenzen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen?

Kann?? Ihr müßt!!
Im Gegenteil ist es doch gerade die Technik der Schlechtes-Gewissen-Erzeugung, die es solchen „Kranken“ ermöglicht, ganze Familien im Griff zu haben. Ihr werdet von ihm (oder vielleicht noch von anderen kooperativen Kräften) dazu erzogen, nicht auf eigenen Beinen zu stehen, eure Abgrenzung aufzugeben, abhängig gemacht zu werden, eure Souveränität aufzugeben. Wie wollt ihr denn dann in der Lage sein, einem „Kranken“ zu „helfen“, dessen krankheit genau das ist, nicht auf eigenen Beinen stehen zu können.

Ihr helft ihm so natürlich! Nämlich indem ihr es ihm 15 Jahre lang vormacht, wie man die eigene Souveränität an der Garderobe abgibt…
zur Verfügung steht … er genießt den vollen Erfolg seiner „Krankheit“, ohne Chance (nein: ohne Notwendigkeit), sich davon zu erholen.

Hinzu kommt das er viele Leute mit seinen Problemen bombadiert, die :wiederrum uns als Ansprechpartner sehen weil sie nicht mehr mit ihm :klarkommen !

Ein raffinierter Kerl, nicht wahr? Man manipuliert die Umgebung, ihrerseits Druck auf euch auszuüben - offenbar mit vollem Erfolg.

Macht euch seine Fähigkeit, zu „bombardieren“, und damit zu manipulieren, den Eindruck einer „Depression“?

Wir hatten/haben das Gefühl das er sich innerhalb der Therapien völlig :verstellt und den Leuten etwas vorgaukelt,

Vielleicht den Therapeuten, mag sein. Vor allem aber auch euch!

weil er bis heute nicht verstanden hat das es um ihn geht und nicht um :die Leute die vor ihm sitzen und ihm sein „Problem“ nicht lösen können.

Donnerwetter! Damit sagst du etwas wichtiges über euch aus!
Nein, daß es um ihn geht, hat er sehr wohl verstanden! Perfekt sogar! Und verstanden hat er auch, daß es ihm gelungen ist, euch ausschließlich als Leute zu sehen, denen es um ihn geht, und denen es nicht um sie selbst geht!

Was er nicht verstanden hat, ist vielmehr, daß es nicht um ihn geht! Er kann es auch nicht verstehen, weil ihr ihm nicht beibringen könnt (per Vorbild), wie man sich auf eigene Füße stellt.

Soweit meine Eindrücke aus deinen bisherigen Darstellungen.

Grüße

Metapher

Hallo Michael,

nachdem, was Du schreibst, ist Dein Schwager eine sehr große Belastung für Dich und Deine Familie. Dies hängt anscheinend mit seiner Depression zusammen, aber nicht nur. Ein weiterer wichtiger Grund für Eure Belastung scheint mir darin zu liegen, daß ihr viel zu spät angefangen habt, Grenzen zu setzen. Dieses Grenzensetzen ist eine schwierige, aber notwendige Sache. Das schlechte Gewissen, das ihr habt, ist zwar verständlich, aber leider der Sache nicht förderlich. Es ist zwar richtig, daß Depressionen einen biochemischen, manche auch einen erblichen Hintergrund haben. Das heißt aber nicht, daß in diesem Fall die gesamte Verantwortung auf den Schultern von Ärzten, Therapeuten und Angehörigen lastet. Es ist niemals eure Pflicht, bedingungslos für jemanden anderen da zu sein. Eine solche Sichtweise würde nämlich dazu führen und hat bei euch vermutlich dazu geführt, daß das Krankheitsverhalten des Betroffenen „belohnt“ wird. Die daraus entstandenen Probleme würden auch bestehen bleiben, wenn die Depression verschwände.

Wie das funktioniert, will ich kurz näher erläutern:

Wenn der Betroffene hilflos ist, er anderen die Verantwortung zuschiebt und von anderen die Lösung seiner Probleme erwartet sowie beklagt, daß ihm nicht geholfen wird, und die Angehörigen, Ärzte und Therapeuten das mit sich machen lassen, dann unterstützen sie diese Hilflosigkeit und dieses Anspruchsdenken und tragen - natürlich unabsichtlich - zur Aufrechterhaltung des gestörten Verhaltens bei. Denn der Betroffene zieht einen Vorteil aus seiner Krankheit - er gibt alle Verantwortung ab und richtet sich in der Rolle des „armen“ Kranken ein. Das wird von den Angehörigen sicher nicht gewollt, aber durch „bedingungsloses“ Helfen tragen sie zur Aufrechterhaltung dieses Verhaltens erheblich bei.

Depressionen verlaufen normalerweise in Phasen, d.h. viele Depressive haben auch längere Zeiten, in denen sie keine depressive Symptome zeigen. In solchen nicht-depressiven Phasen behält der „Kranke“ aber häufig die Rolle des „armen Kranken“ bei, weil er sich - genauso wie die Angehörigen - daran gewöhnt hat, der „Kranke“ zu sein, und es keinen Anlaß gibt, die Rolle dessen, um den sich alle kümmern und der im Mittelpunkt steht, aufzugeben. Wenn die Angehörigen mehr Selbständigkeit fordern, kann immer gesagt werden: „Ihr liebt mich nicht mehr“, „ihr seid so kaltherzig“ usw. Ein schlechtes Gewissen stellt sich ein und die Situation bleibt die alte.

Psychoanalytiker haben für dieses Phänomen den Begriff " sekundärer Krankheitsgewinn" geprägt, den auch Verhaltenstherapeuten anerkennen. Es ist gerade die Kunst der Therapie, solche „unbewußten“ Zusammenhänge (d.h. die Betroffenen wissen nicht, welche Zusammenhänge bestehen und was sie aufrechterhält, und sie verhalten sich auch nicht absichtlich so) zu erkennen, sie den Betroffenen zu vermitteln und Wege zu finden, den Betroffenen und seine Familie aus dieser Sackgasse herauszuführen. Medikamente allein können deshalb nicht weiterhelfen, da sie zwar die Symptome der Krankheit Depression beseitigen können, jedoch - wie man sich leicht denken kann - keine Wirkung auf die familiären Beziehungen haben. Bei Depression ist neben der medikamentösen Behandlung mit Antidepressiva auch immer Psychotherapie angezeigt - bei allen Formen der Depression. Das erkennen die meisten Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten heute an.

Deshalb würde ich empfehlen, daß Du als Angehöriger Dir klar machst, wo für Dich die Grenzen dessen sind, was Du an Hilfe zu leisten bereit bist und was Du in der Verantwortlichkeit Deines Schwagers liegend ansiehst. Hilfreich ist bei diesem Klärungsprozeß sicher auch ein Gespräch mit dem Therapeuten und anderen Angehörigen Deines Schwagers. Nachdem Du Dir darüber klar geworden bist, solltest Du Deine Entscheidung konsequent umsetzen, auch wenn Dein Schwager sicherlich mit Vorwürden und Klagen darauf reagieren wird.

Viel Erfolg!

Gruß,

Oliver Walter

Hallo Metapher,

während ich am Schreiben meines Postings war, hast Du Deines fertiggestellt. Freut mich, daß wir in diesem Fall einer Meinung sind. Es sieht wirklich wie ein Fall von „sekundärem Krankheitsgewinn“ aus.

Schönes Wochenende!

Gruß,

Oliver Walter

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Lieber Michael,
die Fachleute haben Dir ja schon geantwortet.
Ich kann Dir nur als Betroffene von meiner Erfahrung aus 35 Jahren Depression berichten. Ich habe die einzelnen Phasen z.T. mit Partner, z.T. als Single durchlebt.
Mit den depressiven Phasen als Single konnte ich besser umgehen. Ich war froh, allein zu sein, froh, dass ich nicht befragt, bedrängt, mit stillem Vorwurf bedacht wurde und dem zwanghaften Versuch, „aufgemuntert“ zu werden, ausgesetzt war. Ich habe mich in Momenten der Aufhellung der Stimmung verantwortlich fühlen können und mit - wenn auch schwacher - Kraft dazu durchringen können, das Eine oder Andere in meinem Leben wieder in die Hand zu nehmen.
Mit Partner kam ein ständiges Schuldgefühl hinzu, was mich immer tiefer in das Gefühl hoffnungslos krank, unverstanden und unwert zu sein sinken ließ. Gleichzeitig förderte die (versuchte) Hilfe meine Bereitschaft zur völligen Selbstaufgabe…

Das Phänomen, was Du von Deinem Schwager im Gegenüber mit Therapeuten beschreibst, kenne ich von meiner ebenfalls depressionskranken Mutter. Wenn wir, die Töchter, sie endlich überredet hatten, mal einen Therapeuten/Psychologen oder was auch immer aufzusuchen, um etwas gegen die Krankheit zu unternehmen, erschien sie dort, war total begeistert, dass sich da jemand kümmerte, für sie interessierte… Sie blühte auf in dem Gefühl im Mittelpunkt zu stehen, wurde lebhaft, erzählte Anekdötchen und plauderte mit „dem Herrn Doktor“ über Kammerkonzerte, in denen sie früher mal mitgewirkt hatte… Und wurde als „gesund“ nach Hause geschickt, wo sie wieder in den Kissen ihrer Depression versank.

Zum Schluss: Dennoch glaube ich, dass da bei Deinem Schwager noch etwas anderes gespielt wird, das mit Depression selbst nichts zu tun hat. Immerhin entwickelt er ja doch gewaltige Aktivitäten, um seinen Zustand aufrecht zu erhalten - und Ihr spielt mit. Deshalb kann ich den von den Vor-Postern geäußerten Verdacht der Co-Abhängigkeit nur bestätigen.
Stellt Euch mal vor, er wäre nicht mehr depressiv, also gesund - was würdet Ihr denn dann mit Eurem Leben machen??
LG, Anja
(seit einiger Zeit depressionsfrei und in Allem nur von dem einen Wunsch beseelt, nie wieder in diese Abgründe zu gehen)

Hey, Eure Ausführungen sind echt klasse!
Meine Freundin ist seit ihrem sechsten Lebensjahr wegen ihrer Depressionen (u.a.) in therapeutischer Behandlung, und ich habe wirklich das Gefühl, dass ihr in diesen Behandlungen die selbständige Lebensfähigkeit genommen wird.

An ihr haben sich schon so manche Leute ihr Wochenendhaus in der Toskana verdient.

Ist das dumm, oder habe ich den richtigen Eindruck, dass die Therapeuten und Psychiater sich da die Baustellen erhalten?

(Bitte nicht falsch verstehen-kein Pauschalurteil!)

Mira (die den offenen Austausch auf diesem Forum sehr schätzt)