Grüß Dich.
Das erlebe ich immer wieder und es ist grotesk:
Humanistische Bildung ist einseitige Bildung.
Eben nicht.
Doch, doch. Das zieht sich nachweisbar über Jahrhunderte hin.
Humanistische Bildung stand stets synonym für Einseitigkeit. Der Stundenplan kannte defacto nur alte Sprachen, die griechisch-römische Antike und Philosophie. Mathematik gab es auch, wurde aber sehr bescheiden und bezugnehmend auf die griechische Naturphilosophie unterrichtet. Für Sport, Mathematik, Physik, Chemie, Astronomie, Geographie, Biologie, Technik, Geschichte, Kunst, Musik war ausdrücklich und unverhohlen kein Raum vorgesehen.
Das läßt sich zurückverfolgen bis in die Lateinschulen des Mittelalters bzw. der Neuzeit. Humboldts Reform Anfang des 19. Jahrhundersts, der große Humboldt, baute die Einseitigkeit mehr oder weniger unbeabsichtigt sogar aus. Das führte dann nach dem Scheitern seiner Reform zur Entstehung des gegliederten Schulsystems, wie wir es heute kennen. Die äquivalente soziale Schichtung viel dummes Volk - ein bißchen Bürgertum - auserlesene Oberschicht gab es freilich schon eher, doch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts hieß das dann Elementarschule, Volksschule, Realschule, Gymnasium.
Und jetzt darfst Du dreimal raten, Branden.
Richtig, Volksschule als häßliche Notwendigkeit für die Bauerntrottel, die wenigstens irgendwas wissen mußten, Realschule für die abschätzig behandelten „Realien“ Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und moderne Fremdsprachen, und das Gymnasium mit sozialer Abschottung nach unten und Elitegehabe der Oberschicht, was sich - oh Wunder - zeigte in Latein, Altgriechisch, Philosophie. 
Was Du Dir als Allgemeinbildungsvision unter dem Schlagwort „humanistischer Bildung“ zurechtfummelst und wahnsinnig verklärst, hat es nie gegeben. Humanistische Bildung war stets das Gegenteil von guter Allgemeinbildung! Auf diese Weise war es nämlich überhaupt nur möglich, daß sich das gegliederte Schulsystem etablieren konnte. Das humanistische Bildungsideal (Altgriechisch, klassisches Latein, Philosophie, mathematische Naturphilosophie und die rhetorische Konversation darüber) machte es möglich, die Oberschicht vom Rest der Gesellschaft abschotten zu können. Dem Normalbürger war Latein und Griechisch vielfach nicht zugänglich und das war’s dann mit dem ewigen Ruhm für das Lexikon.
Da hast Du Dir ja ein tolles Vorbild für Deine Allgemeinbildungsphantasie ausgesucht.
Nur dem gewaltigen naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt und dem Zwang, sich damit wohl oder übel gesamtgesellschaftlich beschäftigen zu müssen, ist es zu verdanken, daß das gegliederte Schulsystem heute im Gymnasium mehr als das Herumreiten auf alten Sprachen kennt.
Zu Deiner allgemeinbildenden Information
sei noch angemerkt: Die Sozialisten in der DDR nannten die in dem Fall tätsächliche Allgemeinbildung, die ihr ideologisches Konstrukt der „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“ genießen sollte, „humanistisch“. Dieses „humanistisch“ war ganz anders zu verstehen als Dein „humanistisch“, da die zehnjährige/ zwölfjährige Oberschulbildung aller Kinder alle Fächer zur Pflicht für alle Kinder machte und sich niemand der Kunst, der Musik, der Mathematik, der Physik, der Chemie, der Astronomie, der Polytechnik, der Körpererziehung usw. entziehen konnte.
Eben gerade k e i n e Drosselung in Deutsch und Geschichte,
im Gegenteil. Humanistische Gymnasium haben hier gerade einen
Schwerpunkt. Drei von meinen vier Kindern gehen auf ein
humanistisches Gymnasium. (Die Älteste ist schon lange aus der
Schule raus.)
Richtig, weil das eigentlich keine humanistischen Gymnasien sind.
Humanistisches Gymnasium bedeutete viele Jahrhunderte lang Drosslung in deutscher Sprache, Drosslung bzw. Fortfallen der Realien, Drosslung in Kunst und Musik.
Davon abgesehen bleibt das Problem erhalten. MNT-Fächer werden viel, viel, viel, viel, viel zuwenig gelehrt. Allseitige Bildung ist erst hergestellt, wenn die Stundenzahlen von Geisteswissenschaften und MNT balanciert sind, und davon ist besonders das altsprachliche Gymnasium lichtjahreweit entfernt.
Nirgends in Deutschland existiert der von Dir effektvoll an die Wand gemalte Teufel von den übermäßig gelehrten MNT-Fächern. Die DDR, die Du ja als Gegenbeispiel heranziehen könntest, man beachte den Konjunktiv, kannte das übrigens auch nicht; dort waren die Fächergruppen Geisteswissenschaften und Mathematik-Naturwissenschaften-Polytechnik im Gleichgewicht miteinander.
Des weiteren: Wenn ich die Stundentafel des ehemaligen neunjährigen Gymnasiums anschaue, z.B. von Bayern, bezweifle ich Deine Aussagen, daß die Fächer Deutsch und Geschichte Schwerpunkte neben den alten Sprachen waren. Die Stundenzahlen sind nicht erhöht.
Gleiches läßt sich in den Stundentafeln für das achtjährige Gymnasium ablesen. Zwar besteht das gegliederte Schulsystem keinen Leistungsvergleich mit einer guten Einheitsschule, aber Bayern hat im innerdeutschen Vergleich wenigstens das beste gegliederte Schulsystem. Deswegen werden die Maßgaben der Stundentafeln dort, in den anderen Bundesländern ähnlich gelten.
Für einen gebildeten Menschen ist es wohl die mindeste
Anforderung, die man an den höchsten allgemeinbildenden
Abschuß stellen kann, daß genau diesen niemand bekommt, der
nicht profunde Kenntnisse auf allen Gebieten nachweisen kann.
Und dazu gehören vor allem MNT-Fächer.
Die sind ja sowieso vorhanden. Was fehlt, ist oft das
Geisteswissenschaftliche, Humanistische.
Diese Kenntnisse sind eben nicht vorhanden! Die Schülerschaft zeichnet sich durch große Unkenntnis in MNT aus, was sich extrem an der schlechten Nachwuchssituation in diesen Fächern zeigt und langsam aber sicher zu strukturellem Fachkräftemangel auf Jahrzehnte hinaus führt.
Das Fachidiotentum, was Du beklagst, existiert einerseits gar nicht und andererseits würde man im Gespräch mit Leuten, die Du für Fachidioten hälst, schnell herausfiltern können, daß es Deine Vorstellungen von Abitur sind, die sowas hervorbringen.
Außerdem muß kritisch gefragt werden, wie denn ein altsprachliches Gymnasium überhaupt die „allgemeine Hochschulreife“ erteilen darf, wenn gar keine echte Allgemeinbildung stattfindet. Ähnliches gilt für die anderen Vertiefungen.
Nein, das Kurssystem hat aus den Gymnasiasten Dünnbrettbohrer gemacht, die alle Chancen nutzen, um sich den intellektuell anspruchsvollen Fächern Mathematik, Physik, Chemie etc. so gut es nur geht entziehen zu können. Dein romantischer Blick auf Geisteswissenschaften ist da grotesk, vor allem da auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern, besonders in Geschichte, das Niveau bergab geht.
Es ist bemerkenswert, wie ignorant Du sein kannst: Tagtäglich
profitierst Du ausschließlich - ausschließlich! - von
Jahrzehnten und Jahrehunderten
mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts.
Das nun ist in menen Augen völliger Unsinn. Fast nicht
steigerbar.
Dummerweise ist es die Wahrheit und die alltägliche Situation in der Gesellschaft. Die Schieflage des Bildungssystems, die Du am liebsten noch steigern wölltest, siehe Abwählen von Mathe oder Physik oder Chemie, die ist schuld am Fachkräftemangel und an der Geringschätzung aller der Fächer, die überhaupt erst den Wohlstand unseres Landes erzeugen und sichern.
Du kannst Dich da bis ins Letzte verweigern, aber mit Deinen alten Sprachen und der Philosophie kommst Du nicht weit.
Wissenschaftssprache ist Englisch.
Als bestes Weltbild kristallisiert sich seit Jahrzehnten ein streng mathematisches, naturwissenschaftliches Weltbild heraus.
Die Gesellschaft und des Wandeln des Menschen auf Erden funktioniert nur noch mit Ingenieurwissenschaften, mit Technik.
Körperliche Gesundheit gewinnt in Form von Sport große Bedeutung, da der Mensch älter und älter wird und gute Körpererziehung der Garant für Beweglichkeit im Alter ist.
Anscheinend ist der alte Opa mit Rauschebart, der den ganzen liebenlangen Tag im Himmel herumlungert, erklärter Fan von Mathematik, Naturwissenschaften und Technik, denn die Welt scheint sich auch ohne Latein und Griechisch zu drehen. Schwierig stelle ich es mir dagegen für uns vor, wenn plötzlich die Sonne keine Lust mehr auf Kernverschmelzung hätte und lieber Altgriechisch rezitieren wöllte…
Erstens, Fachabitur gibt es nicht.
Das heißt Fachhochschulreife oder fachgebundene
Hochschulreife.
Mit solcherlei Formalismen und Spitzfindigkeiten kannst du
keine inhaltliche Argumentation ersetzen.
-)
Die Frage ist: Wo ist also die Rechtfertigung zu finden, einseitig humanistische Bildung bzw. altsprachliche Bildung als genügend oder gar als überlegen einzuschätzen? Das ist Anachronismus par excellence.
Wer die fachgebundene Hochschulreife erwirbt, kann bestimmte Fächer an allen Hochschulen, auch an Universitäten, studieren. Wer die Fachhochschulreife erwirbt, kann an Fachhochschulen studieren. Wer das Vordiplom schafft, bekommt nachträglich die allgemeine Hochschulreife anerkannt. Wer den Bachelor abschließt, auch vom „Fachabi“ kommend, hat den ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschluß und kann als Chemieingenieur in Literaturwissenschaften über die Bedeutungsebenenoszillation des Mephistopheles im Faust promovieren. Wenn er möchte. Oder er macht mit Herzenslust den Master in klinischer Psychologie und eräschert sich über Erörterung dissoziativer Störungen bei Asperger-Autismus mit Hilfe des Diathese-Stress-Modells. 
Wir sollten froh sein, daß das Monopol der humanistischen Bildung in den alten Ländern endlich am Aufbrechen ist. Lange genug hat es Europa gebremst. Der Weg zur Chancengleichheit und zur allseitigen Bildung ist aber noch weit.
Viele Grüße