Grüß Dich Branden,
ich würde nicht so groß tönen über Dein geliebtes Abitur-West.
Der Weg, den die alten Länder seit den 50er Jahren gegangen sind, ist maßgeblich verantwortlich für die Geringschätzung von Mathematik, Naturwissenschaften und Technik in der gegenwärtigen Gesellschaft. Stichwort Tutzinger Maturitätskatalog, wo der geisteswissenschaftliche Lehrstoff einseitig zuungunsten von MNT-Fächern hervorgehoben wurden. Und spätestens mit dem Kurssystem und dem Abwählen von vielen Fächern verlor das Abitur-West das Recht, sich „allgemeinbildender Abschluß“ nennen zu dürfen.
Der Maturitätskatalog ist bis ins Jetzt tief im gegliederten Schulsystem verankert und ist massiv am Fachkräftemangel in den MNT-Fächern schuld. Abiturientenquoten von 30% sorgten dann dafür, daß euer Abitur im Vergleich gar nichts wert sein kann. Laß Dir das auf der Zunge zergehen: Spaziere durch Deine Stadt und zähle eins, zwei drei, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei - statistisch hätte jeder dritte Abitur. Was ist denn das bitte? Wie kann da irgendein Gefühl von Überlegenheit gegenüber anderen Hochschulzugangsberechtigungen aufkommen, wenn hier sichtbar ein höherer (!) Abschluß bzw. der höchste Abschluß überhaupt (!) in den Dreck geschmissen wird.
Wenn Du das mit dem früheren Abitur-Ost vergleichtest, verginge Dir das Hören und Sehen. Ignorieren wir die politisch-ideologischen Verzerrungen, war Leistungsprinzip angesagt; nur die knapp 10% Prozent besten und fähigsten Kinder durften das Abitur ablegen. Und nun zähle noch einmal: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehen. Das sieht schon ganz anders aus - statistisch jeder Zehnte, der den Reifeabschluß hätte. Da sieht die Welt gleich anders aus, wenn nicht Unmengen von Kindern zum Abitur geprügelt werden dürfen, die eigentlich nicht das geistige Format für das Reifezeugnis haben. Bienenfleißiges, stumpfes Pauken sollte niemals echten Intellekt und wahre Fähigkeiten schlagen, doch das passiert im deutschen Bildungssystems.
Hier in der Gegend wurde man groß mit der Sicherheit, daß die Schule kompromißlos auf stark MNT-betonte Allgemeinbildung dimensioniert war. Wer Mathematik, Physik, Chemie oder Polytechnik nicht konnte, der bekam schlichtweg kein Reifezeugnis. Nicht so wie heute, wo katastrophal schlechte Kenntnisse in Mathe, Physik, Chemie usw. spontan zu sinnfreiem Lachen, tollkühner Freude, Coolsein oder groteske Koketterie führen.
Dein geliebtes Abitur ist aber kein solch allgemeinbildender Abschluß, wie es ihn hier im Osten gab. Ich sehe daher kein Rechtfertigung, die anderen Hochschulzugangsberechtigungen abschätzig zu betrachten, denn die „allgemeine Hochschulreife“ ist keinen Scheiß besser.
Da muß ich Sachsen in der Tat Lob aussprechen; dort hat die Oberstufenreform (Ende des Kurssystems) zu einer Art „DDR light“ geführt: nahezu keine Ausnahmen, alle Fächer müssen belegt werden, kein Abwählen mehr von Chemie, Physik et cetera. Der Gedanke der Allgemeinbildung ist sozusagen zurückgekehrt und im Kampf gegen Schmalspurgymnasiasten, die ihr Abitur mit reiner Dünnbrettbohrerei ergattern, ist zumindest ein erster Schritt getan.
Viele Grüße