Hallo Anja
gestern hat mich ein Arzt angerufen und erklärt, dass im MRI vom letzten Mittwoch kein Tumor-Rezidiv ersichtlich sein. Mit anderen Worten: Ich bin selbst Krebspatient (Liposarkom), erste Ops 1992 (ohne Chemo, ohne Bestrahlung), Rezidiv (ohne Metastasen) Ende 2009 operiert mit anschliessender ausgiebiger Bestrahlung.
Vor der Ops 2009 wurde mir eine Chemo als Vorbereitung der Operation angeboten. Nach reiflicher Überlegung habe ich abgelehnt. Und ich werde nie wissen, ob mein Entscheid richtig oder falsch war. Ich werde auch nie wissen, ob meine Einwilligung in die Strahlentherapie richtig oder falsch war.
In den fast 20 Jahren habe ich mich intensiv mit Krebs und Medizin befasst, auch ich habe mehrere Menschen aus meiner Umgebung an Krebs verloren (vor 100 oder 200 Jahren wären sie wohl einiges früher an etwas anderem gestorben), als Seelsorger habe ich Krebskranke begleitet und schon mehrere Trauerfeiern für Krebs-Opfer gehalten.
Wir meinen immer, Medizin sei eine exakte Wissenschaft. Menschen sind aber so komplexe Wesen mit unendlich vielen Einflussfaktoren, dass die Medizin immer auf Wahrscheinlichkeiten beruht. Es werden Statistiken erstellt, die für den Einzelfall immer stimmen können oder eben auch nicht. Und wenn ich an einer seltenen Krankheit leide, ist die Seltenheit kein Trost, für mich bin ich zu 100 % betroffen und mein eigener Krankheitsverlauf ist relevant. Deshalb kann Dir niemand eine Garantie geben, wie Deine Krankheit mit diesen oder jenen Therapien resp. bei Verzicht darauf verlaufen wird.
Ich habe oft den Eindruck, dass für die Medizin Leben eine Quantität, für mich selber aber eine Qualität ist. Die Quantität (z.B. 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit) lässt sich messen, die Qualität ist immer etwas individuelles und nicht objektiv für Statistiken messbar. Du weisst, was für Dich Lebensqualität ist, nur Du kannst für Dich Lebensqualität und Lebensdauer gegeneinander abwägen.
Möglicherweise solltest Du mit den Medizinern die Ziele, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten des nächsten Behandlungsschrittes klären: Kurativ oder palliativ? Mit welchen Optionen, mit welchen Nebenwirkungen und mit welchen Wahrscheinlichkeiten? Und wenn kurativ: Was ist der Plan für Fall B (gewisse Therapien lassen sich nicht wiederholen)?
Mir ist aufgefallen, dass oft viele Nebenwirkungen von Chemo den Symptomen einer Krebserkrankung im Endstadium gleichen. Und so habe ich mich schon mehrmals gefragt, ob nun jemand am Krebs oder an der Chemo gestorben ist - möglicherweise war es aber auch die Kombination der beiden.
Ob Chemo (und auch welche Chemo) bei palliativer Behandlung zur Schmerzbekämpfung eingesetzt werden kann/soll, ist nur im konkreten Fall zu beantworten.
Anja, ich wünsche Dir viel Kraft, DEINEN Weg zu gehen!
Mit herzlichen Grüssen
Urs Peter Hinnen