Hallo,
zunächst mal sollte man auf erste Tests nicht zuviel geben. Nicht unmsonst wird ja weiter getestet. Wenn ich mir überlege, was man uns alles zu unserem Sohnemann erzählt hat, dann weiß ich heute noch nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Eine Urlaubsvertretung war nicht mal in der Lage ein Ultraschallbild vernünftig auszumessen, und schickte uns mit dem unguten Gefühl, der Embryo sei zu klein, zum Fachmann. Der stellte dann fest, dass eher das Gegenteil der Fall sei, und Sohnemann aktuell eher an der Obergrenze liegen würde. Also zunächst mal versuchen, kühlen Kopf zu behalten, bis mehr Klarheit herrscht.
Sollte sich der Verdacht bestätigen, kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen, dass dies für meine Frau und mich sicher kein Grund für eine Abtreibung wäre. Ich habe staatlich verordnete 21 Monate mit geistig behinderten jungen Erwachsenen verbracht, und mir waren die Trisomie-Betroffenen immer die Liebsten. Einfach Pfundskerle, die ihr Leben in vollen Zügen genießen, sich über jeden Blödsinn freuen können, und unglaublich anhänglich und liebesbedürftig sind. Im Durchschnitt treudoof, kontaktfreudig, immer fröhlich und herzenzgut im besten Sinne. Und wenn Eltern „normaler“ Kinder sich ständig beklagen, dass die Zeit viel zu schnell vorbei geht, dann können Eltern von Trisomiekindern darüber nur lachen. Ihre Kleinen bleiben recht lang in kindlicher Gemütsverfassung.
Mit passender Förderung können viele ein selbständiges und erfülltes Leben führen, ein Bildungsniveau erreichen, was eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, und sind oft Mittelpunkt der Familie. Große berufliche Karriere ist nicht zu erwarten, aber wenn jemand damit glücklich ist eine Aufgabe zu haben, jeden Tag die Kollegen zu sehen, und darin aufgeht, z.B. Zeitschriften zu kommissionieren, dann ist das mehr, als viele „Normale“ erreichen. Aufpassen muss man nur mit dem oft nicht vorhandenen Sättigungsgefühl, was gerne mal zu Übergewicht führt. Und gelegentlich muss man ab einem bestimmten Alter auch mit dem Liebensbedürftnis etwas vorsichtig sein.
Natürlich bedeutet das Leben mit einem behinderten Kind auch eine besondere Herausforderung. Es ist nicht jeden Tag eitel Sonnenschein. Es gibt ggf. Begleiterkrankungen, die behandelt werden müssen. Aber machen wir uns nichts vor, auch ein genetisch gesund geborenes Kind kann von heute auf morgen ernsthaft erkranken und entsprechenden Aufwand bedeuten. D.h. dieses Risiko trägt man mit jedem Kind, und jedem Menschen für den man Verantwortung übernimmt. Ein befreundetes Ehepaar wurde vor ein paar Jahren mit der Diagnose MS bei der Frau konfrontiert, und auch die wurde nicht notgeschlachtet oder verlassen, sondern wird heute liebevoll von ihrem Mann umsorgt, der voll im Leben steht, und sicher auch ursprünglich eine andere Lebensplanung hatte.
Auch solltet Ihr bei einer ggf. anstehenden Entscheidung berücksichtigen, dass viele Partnerschaften nach einer Abtreibung zerbrechen, weil die damit einhergehende Belastung sich im Nachhinein doch als größer herausstellt, als ursprünglich gedacht. D.h. offenbar können viele Betroffene eben doch nicht mit dem Thema so leicht abschließen.
Gruß vom Wiz