Adjektive in Form des Partizip II von nicht

vorhandenen Verben.

Hallo,

die Diskussion um „verbrannt“ hat mich weiter beschäftigt.

Vor allem das hier:

_Ich nannte schon „berüchtigt“. Ein Verb „berüchtigen“ gibt es nicht (mehr). Dies gilt auch für „berühmt“; „berühmen“ gibts nicht (mehr).

Gab es solche Verben je? Sie sehen der Form nach zwar aus wie Partizipien, aber wenn es solche Verben nie gab, können die Adjektive ja auch nicht deverbal oder „departizipial“ sein. _

Wenn es keine Verben „berüchtigen“ und „berühmen“ gab, wieso hat man dann diese Adjektive in die Form des Partizip II gegossen, statt einfach „rüchtig“ und „rühmig“ zu gebrauchen?

Mir ist nun ein Beispiel aufgefallen, wo ich erklären zu können glaube, wie das geht.

Das Verb „verflixen“ oder bloß „flixen“ gibt es nicht, also ist „verflixt“ nicht vom Verb abgeleitet.

Es gibt aber „verfluchen“ und davon abgeleitet „verflucht“.

„verflixt“ ist meiner Meinung nach eine euphemistische Parallelbildung zu „verflucht“ unter Beibehaltung der Partizip II-Form.

Findet das Zustimmung?

Und kommt man von hieraus weiter für die Adjektive „bedripst, bescheuert, bedeppert, etc.“, die unten schon genannt wurden?

Gruß Fritz
.

zu ‚berüchtigt‘
Bisweilen sind Verben untergegangen und vergessen worden.

Beispiel nach Kluge:

_ berüchtigt

Partizip Standardwortschatz (16. Jh.)Stammwort.
Ursprünglich Partizip zu dem heute untergegangenen berüchtigen „ins Gerede bringen“, erweitert aus älterem berüchten, das aus mndd. beruchten, berochten entlehnt wurde (bzw. gebildet aus mndd. rüchtig „ruchbar“).
Es bedeutet ursprünglich „das Gerüft/Geschrei (erstes Stadium der Anklage) über jmd. erheben“ und zeigt mit -cht- aus -ft- (zu rufen) niederdeutsche/niederländische Lautform. Zur gleichen Sippe gehören anrüchig, Gerücht und ruchbar. deutsch s. anrüchig_

Gruß Fritz

Hallo Fritz,
‚berühmen‘ / beriehmen ist mir aus dem Jiddischen bekannt. Und als ich da gerade am googeln bin, um das zu verifizieren, stoße ich auf diese Seite: http://ulblin01.thulb.uni-jena.de/indogermanistik/in… - der zu entnehmen ist, dass ‚berühmen‘ auch zum Wortschatz Friedrich Schillers gehörte.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo, Ralf,

das bestätigt meine Vermutung, dass viele der Partizip II-Adjektive auf ausgestorbene Verben zurückgehen.

Man muss also diese von den von mir als Parallelbildungen vermuteten Formen unterscheiden.

Mir ist inzwischen auch noch das aufgefallen:

„verarschen, verscheißern“ haben als euphemistische Formen meines Erachtens gezeitigt:

vergackeiern, genauer wohl von „verkackeiern“

veräppeln, man denkt da wohl an Pferdeäpfel.

„bescheißen“ ruft zuerst ein „beschummeln“ hervor und dies ruft ein „behumpsen“ hervor.

Das bedeutet, dass die hier gemeinten Adjektive in Form eines Partizips II entweder auf verschwundene Verben zurückgehen oder Parallelbildungen sind.

Gruß Fritz

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Adjektive als Pseudopartizipien
Hallo Fritz,

Ich nannte schon „berüchtigt“. Ein Verb „berüchtigen“ gibt
es nicht (mehr). Dies gilt auch für „berühmt“; „berühmen“
gibts nicht (mehr).

Gab es solche Verben je? Sie sehen der Form nach zwar aus
wie Partizipien, aber wenn es solche Verben nie gab, können
die Adjektive ja auch nicht deverbal oder „departizipial“
sein.

Wenn es keine Verben „berüchtigen“ und „berühmen“ gab, wieso
hat man dann diese Adjektive in die Form des Partizip II
gegossen, statt einfach „rüchtig“ und „rühmig“ zu gebrauchen?

Du hast ja selbst in dem anderen Thread schon festgestellt, dass die Vorsilbe „be-“ bei der Bildung solcher Adjektive, bei denen man nicht weiß, ob es sich ehemals um Partizipien handelt, sehr produktiv zu sein scheint.

Ich will da mal zwei weitere zur Diskussion stellen: „behütet“ und „behaart“.

„Behütet“ ist das Partizip des Verbs „behüten“, selbst abgeleitet von dem Substantiv „Hut (f)“ im Sinne von „Vorsicht“, „sei auf der Hut!“. Kann aber „behütet“ nicht auch heißen „mit Hut“, „einen Hut tragend“. Ich bin mir nicht sicher, ob Bildungen wie die folgende nur neumodische Wortspiele von Werbefuzzis sind oder ob diese Bedeutung von „behütet“ nicht sogar eine originäre ist: http://www.welt.de/lifestyle/article1355211/Gut_behu…

Adjektivbildung nach Partizipialmuster, auch ohne Vorhandensein eines entsprechenden Verbs ist im Englischen ja auch ganz normal.
Vgl. analog: hatted http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0…

Wie ist es beim Adjektiv „behaart“ im Deutschen? Gibt es/gab es je ein Verb „jemanden behaaren“?

Normalerweise ist einem die „Behaarung“ ja einfach gegeben, oder man ist eben eine „Nacktschnecke“, wie wir bei uns in der „Bärenszene“ sagen. http://www.bearparty.de/

Ich vermute, sogar in der Kostüm- und Maskenbildnerei ist ein solches Verb ungebräuchlich und selbst wenn es dieses Verb dort als Fachterminus geben sollte, so würde ich eher dieses für eine Rückbildung zum Adjektiv „behaart“ halten, als umgekehrt „behaart“ für vom Verb „behaaren“ abgeleitet. http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckbildung_%28Lin…

„verflixt“ ist meiner Meinung nach eine euphemistische
Parallelbildung zu „verflucht“ unter Beibehaltung der Partizip
II-Form.

Findet das Zustimmung?

Euphemisierung halte ich eher für einen Sonderfall. Wie gesagt, im Englischen sind Pseudopartizipien eine sehr produktive Form der Adjektivbildung, wenn nicht die produktivste überhaupt. Auch in der Germanistik findet der Begriff „Pseudopartizip“ Verwendung.

http://cat.inist.fr/?aModele=afficheN&cpsidt=2020116

Gruß Gernot