Adler, Freud und die tabula rasa

Liebe Wissende,

es gibt ja seit Alters den (mitunter auch ideologisch ausgetragenen) Streit, ob Charaktereigenschaften erworben oder vererbt werden.

Weiß jemand, wie sich Adler und Freud dieser These gegenüber äußerten? Als Materialisten und Atheisten würde ich erwarten, dass beide sich gegen die Vererbung aussprachen. Ist das tatsächlich so?

Kennt jemand dazu Studien, die diese Streitfrage aus wissenschaftlicher Sicht beurteilen (z.B. durch Zwillingsforschung)?

Vielen Dank!

fshbb

Weiß jemand, wie sich Adler und Freud dieser These gegenüber
äußerten? Als Materialisten und Atheisten würde ich erwarten,
dass beide sich gegen die Vererbung aussprachen. Ist das
tatsächlich so?

…beide wußten natürlich, daß es angeborene und erworbene
eigenschaften gibt. ich glaube auch nicht daß man heute so viel mehr
weiß als zu der zeit als adler und freud gelebt haben. die faustformel
50% angeboren und 50% erworben stimmt meiner meinung nach immer noch.
es gibt aber interessante zwillingsstudien die nachweisen, daß die
genetik einen recht großen einfluß auf das spätere verhalten hat aber
das zu quantifizieren ist dann ja auch wieder schwierig.
viele grüße nashorn

Alder Freund isch mach tabula rasa
Hi fshbb,

es tut mir wirklich leid, aber meinen Freud’schen Verleser zum Titel mochte ich Euch nicht vorenthalten :wink:

*wink*

Petzi

Hallo,

Weiß jemand, wie sich Adler und Freud dieser These gegenüber
äußerten? Als Materialisten und Atheisten würde ich erwarten,
dass beide sich gegen die Vererbung aussprachen. Ist das
tatsächlich so?

Freud und Adler haben beide angenommen, daß Erbanlagen einen Beitrag bei der Entstehung von Personeneigenschaften und psychischen Störungen spielen. Die Erbanlagen erleichtern oder erschweren ihrer Meinung nach die Entstehung dieser Eigenschaften, sie bestimmen sie aber nicht vollständig.

Freud:

„Die Libidofixierung des Erwachsenen, die wir als Repräsentanten des konstitutionellen Faktors in die ätiologische Gleichung der Neurosen eingeführt haben, zerlegt sich also jetzt für uns in zwei weitere Momente, in die ererbte Anlage und in die in der frühen Kindheit erworbene Disposition“ (Freud, Die Wege der Symptombildung, 23. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, 1917).

Adler:

„Die Individualpsychologie leugnet die Vererbung von Neurosen und Psychosen. Die von ihr erwiesenen Tatsachen der ererbten Organminderwertigkeit und deren seelische Folgen, das Minderwertigkeitsgefühl, bedeuten keinen Zwang, keine Verpflichtung zur Neurose, wohl aber in unserer Machtkultur eine ungeheure Verlockung und Verführung zur seelischen Erkrankung“ (Adler, Über den nervösen Charakter, 1912).

Kennt jemand dazu Studien, die diese Streitfrage aus
wissenschaftlicher Sicht beurteilen (z.B. durch
Zwillingsforschung)?

Dazu gibt es zu viele Studien, um sie hier anführen zu können. Zusammengefaßt kann man sagen, daß Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. Intelligenz, Extraversion, Neurotizismus, Impulsivität oder auch psychischen Störungen mit genetischen Unterschieden tendenziell einhergehen. Empirische Studien weisen für Intelligenz auf eine Heritabilität zwischen 0,4 und 0,7 hin. Für Schizophrenie siehe die Übersicht auf meiner Seite

http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psy…

Diese Zahlen lassen abschätzen, wie groß der Anteil der Unterschiede in den Personeneigenschaften ist, der mit genetischen Unterschieden zwischen den Personen einhergeht. Sie bedeuten nicht, daß zwischen 40 und 70 Prozent einer Eigenschaft (hier Intelligenz) bei einer Person angeboren ist.

Grüße,

Oliver Walter