Adoptivkinder

Hallo,

weiter unten ist eine Frage mit einer langen Diskussion über Adoption
von homosexuellen Paaren - dabei ist mir eine Frage gekommen, die
nichts mit der Debatte zu tun hat, wer adoptieren darf.

Vielleicht bekomme ich auch Antworten von Menschen, die selber
Adoptivkinder sind.

Wie beeinflußt der Umstand, dass man adoptiert worden ist die eigenen
Beziehungen im Erwachsenenalter?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer, die in der Kindheit
adoptiert worden sind zwar einerseits die Nähe und Beziehung suchen,
aber nur zu einem bestimmten Punkt. Die Unabhängigkeit scheint dabei
eine wichtige Rolle zu spielen. Wenn es darum geht eine Entscheidung
zu treffen, ziehen sie sich zurück (zusammen wohnen, Heirat, Kinder).
Welche Emotionen spielen dabei eine Rolle, wenn ein Mann, der von der
ersten Frau in seinem Leben (Mutter) verlassen worden ist und sich
die Frage stellt, ob er ein Kind bekommen möchte?

Gibt es Literatur (Sachbuch oder Dipl. / Dr. Arbeit) darüber?

Viele Grüße
Isabella

Hallo Isabella,

zwar bin ich kein Mann, dafür ber adoptiert. Zunächst denke ich, daß Deine Frage nicht pauschal beantwortet werden kann, da die Verhaltensweisen und Reaktionsmuster, die Du beschrieben hast, durchaus mehr als eine Ursache haben werden. Die Adoption könnte eine von ihnen sein. Außerdem gibt es sicherlich große Unterschiede im Hinblick auf die Spuren innerhalb der Entwicklung die eine Adoption hinterlassen kann, wenn man die verschiedenen Lebensalter der Adoptierten bei der Adoption berücksichtigt und das Alter/die Situation, in der sie erfahren haben, daß sie nicht das leibliche Kind sind. Als nächstes sind da die vielen Einflüsse innerhalb der Adoptionsfamilie, wie in jeder anderen Familie auch, die Auswirkungen auf die Persönlichkeit, die innere Struktur und mögliche seelische „Probleme“ haben können. Kurz gesagt, ich glaube nicht so recht daran, daß Deine Beobachtungen auf die Adoption zurückzuführen sind. Um das behaupten zu können, müßtest Du schon reihenweise Adoptivkinder miteinander vergleichen und würdest selbst dann wohl feststellen, daß es durchaus solche von Dir beschriebenen Kandidaten gibt, aber auch völlig andere, die sich in jeder Hinsicht normal oder in vollkommen anderen Bereichen problembehaftet verhalten.

Ich selbst habe die Tatsache von der ersten Frau in meinem Leben, denn das gilt ja gleichermaßen für Jungen wie für Mädchen, verlassen worden zu sein, mit fünf Jahren mehr zufällig erfahren. Meine leibliche Mutter hatte mich sofort nach der Geburt abgegeben und die Adoption war schon vor meiner Geburt avisiert und meine Adoptiveltern standen quasi bereits vor der Tür. Als ich dies erfuhr war das für mich absolut in Ordnung, schließlich hatte ich ja meine Adoptivmutter, die bis dahin die einzge Mutter war, die ich kannte. Jahrzehnte später entwickelte sich sich erst ein Problem daraus für mich, daß aber damit zusammenhing, nie mehr mit ihr sprechen zu können, weil meine leibliche Mutter starb, als ich 15 war. Nach wie vor bin ich irgendwie „sauer“, daß sie sich mir nie gestellt hat, ich nie Gelegenheit hatte, ihre Motive zu erfahren und somit auch keine Gelegenheit, sie zu verstehen.

Meine persönlichen Probleme Unzulänglichkeiten, aber auch meine Stärken und Fähigkeiten, glaube ich mir in meiner Adoptivfamilie erworben zu haben. Wie auch immer bin ich jedenfalls davon überzeugt, daß man bindungsängstliche Verhaltensweisen bei Männern jedenfalls nicht nur auf diesen einen Faktor als Ursache reduzieren kann.

Liebe Grüße

Avera