Hallo Sylvia,
als Mutter von ADHS-Kindern und im übrigens selbst betroffene
Erwachsene (die gibt es wirklich)
würde ich auch nicht bestreiten 
Gerade Lehrkräfte scheinen dieses [die Annahme einer recht großen
Häufigkeit von ADS] als Grundwissen zu betrachten,
Vorsicht ist manchmal besser als Nachsicht, denn wenn man sich bei der Diagnose nur auf die Schulsituation stützen würde, dann kämen solche großen Häufigkeiten an ADS heraus, wie Frank sie berichtete.
denn ein elterlicher Erstverdacht ist besonders bei
der „Träumervariante“ natürlich nichts : als Überbesorgnis,
Das ist selbstverständlich problematisch, weil man damit von einem Extrem („alles ist ADS“) ins andere Extrem („Ach, die übertreiben nur“) gelangt. Ein Mittelweg scheint mir gerade bei ADS vonnöten zu sein. Daß er aber offensichtlich so schwer zu erreichen ist, zeigt wiederum, daß die Diagnose von ADS mit starker Unsicherheit behaftet ist.
eine Diagnose wird dann zwar offiziell nicht angezweifelt, da wir
eine bekannte ADS-Spezialistin in unmittelbarer Nähe haben,
andererseits, „bei DER haben ja immer alle Kinder ADHS“.
Wenn ADS tatsächlich eine erblich bedingte Störung ist, so wie es aussieht, dann ist es doch nicht seltsam, wenn es gehäuft in Familien auftritt. Die Leute, die sagen, „bei DER haben ja immer alle Kinder ADHS“ kennen sich offensichtlich nicht gut genug aus und schwätzen deshalb so dumm daher. Ärgere Dich nicht darüber.
Die Kinderärztin sagt ganz klar, im Rahmen einer normalen
Kinderarztpraxis sei eine seriöse ADHS-Diagnostik mangels Zeit und
Fachwissen nicht möglich.
Ja, das kann sein.
Woher kommen dann die angeblichen Fehldiagnosen ?
Weil anscheinend trotzdem Kinderärzte, die sich nicht gut genug auskennen, ADS-Diagnosen stellen.
Gibt es dazu Zahlenmaterial?
Ich kenne folgende Zahlen: 12,8% der Kindergartenkinder werden von Erzieherinnen global als hyperaktiv bezeichnet. In Studien, in denen die Beurteilung eines Kindes als unaufmerksam und hyperaktiv nur anhand einer Informationsquelle (Lehrer oder Eltern) in einer Situation (Schule oder Elternhaus) getroffen wurde, liegen die Häufigkeiten von „ADS“ bei bis zu 17%. Bei mehreren Informationsquellen (Lehrer und Eltern) in mehreren Situationen (Schule und Elternhaus) liegt die Häufigkeit der Diagnose bei ca. 5%.
Vielleicht wenigstens zu der Frage, wer Ritalin und Co.
verscheibt ? Angeblich bekommt man es in Einzelfällen sogar beim
Zahnarzt, wenn man gewissen Gazetten glaubt.
Ich habe dazu ein bißchen recherchiert, wobei es wirklich mühsam war, sich durch diesen Wald voller verschiedener Informationen zu kämpfen, die mir oftmals ziemlich einseitig, reißerisch und daher unseriös vorkamen:
Die Drogenbeauftrate der Bundesregierung, Frau Caspers-Merk, sagte kurz nach ihrem Amtsantritt wohl: „Ein großer Teil der Methylphenidat-Verordnungen wird nicht von Kinderärzten oder Kinderpsychiatern vorgenommen, sondern vor allem von Hausärzten, Laborärzten, HNO-Ärzten, Frauenärzten, Radiologen und sogar von Zahnärzten.“
Quelle: http://www.ritalin-kritik.de/Artikel/Artikel_5/artik…
Es gab daraufhin anscheinend eine Sitzung der Bundesärztekammer, auf der diese Behauptung nicht belegt werden konnte.
Quelle: http://www.ads-ev.de/archiv/bmg20020205.html
Prof. Glaeske, der ein Kritiker der Ritalin-Verordnungspraxis ist, schreibt, „daß nur 18% der Verordnungen von den zuständigen Fachärzten, nämlich den Nervenärzten und Psychiatern ausgestellt werden, 51,5% dagegen von Kinderärzten und immerhin 21,6% von allgemeinärztlichen tätigen Hausärzten. Ritalin-Verordnungen sind spezielle und unter Umständen auch problematische Verordnungen.“
Quelle: http://www.wernerschell.de/Rechtsalmanach/Arzneimitt…
Nach dem Deutschen Ärzteblatt wurden 1999 0,70 Millionen Tagesdosen Methylphenidat verordnet.
Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=2…
2001 sollen es nach einer anderen Quelle bereits 0,87 Millionen Tagesdosen gewesen sein:
Quelle: http://www.epsy.de/ritalin.htm
Oder ist das nicht, sorry, nur ein Eindruck, der entsteht durch den
momentanen Medienhype? Kommt ja auch gut, Kinder unter Drogen,
erziehungsunfähige Eltern, die eine Pseudokrankheit vorschieben
*grmpf*.
Genau, das scheint mir auch ein wichtiger Aspekt des Themas ADS zu sein. Journalisten können eine reißerische Geschichte aus der Sache machen und sie gut verkaufen, wenn sie schreiben, daß man heutzutage aufgrund von Zeitmangel die Vielfalt des kindlichen Verhaltens einschränken wolle, weil sie zu viel Mühe mache, und daher die Kinder, die ein bißchen lebhafter sind, ruhigstelle. Psycho-Gurus können auf dieser Welle schwimmen und mit ein paar salbungsvollen Worten den schnellen Euro machen.
Dann gibt es noch diese Übertreibung, als ob *alle* ADS-Kinder hochbegabt seien. So etwas schmeichelt Eltern natürlich besonders das Ego, wenn man ihnen erzählt, daß ihr Problemkind eigentlich nur so problematisch ist, weil es hochbegabt ist, und die Lehrer, Mitschüler und Freunde es einfach nicht schaffen, mit der Genialität des Kindes richtig umzugehen. Wobei es nicht heißen soll, daß es keine hochbegabten Kinder gibt, die unaufmerksam oder hyperaktiv sind, aber es sind halt nicht *alle* ADS-Kinder hochbegabt.
Übrigens kenne ich die Zahl von ca. 5 % AHDS-Kranken pro Jahrgang,
und das erscheint mir durchaus realistisch.
Ja, 5% ist die Häufigkeitsangabe, die sich auch im Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-IV) findet. Im DSM-IV werden vergleichsweise niedrige Kriterien für ADHD verwendet. ICD-10 verwendet strengere Kriterien, so daß die Häufigkeit danach nur 1,7% beträgt. Die hohen Zahlen von 10-15% kommen meinen Informationen eben dadurch zustande, daß nur eine Informationsquelle (Lehrer oder Eltern) bzgl. einer Situation (Schule oder Elternhaus) verwendet wird. ADS zeigt sich aber in mehreren Situationen.
Beste Grüße,
Oliver Walter