Ärzte oder Psychologen als Psychoanalytiker

MOD: Artikel durch Titeländerung archivtauglich gemacht. Der ursprüngliche Titel war „@Oliver Walter“.

Hallo Oliver

Ich erinnere mich, dass Du gern die Ärzte und die Psychoanalytiker in einen Topf verbringst (nicht zu wörtlich nehmen, bitte, sondern nur als herausgelesene Tendenz) und die Diplom-Psychologen eher mit der akademischen, sich von der Psychoanalyse abgrenzenden, Psychologie verbindest. (Einmal gingst Du so weit, Freud, Jung und Adler nicht als Psychologen zu bezeichnen, Du erinnerst Dich wohl.)

So weit, so gut. Nun machen aber inzwischen mehr Diplom-Psychologen als Ärzte eine psychoanalytische Ausbildung (jedenfalls in den großen Städten wie Berlin; die Provinz kann ich zugegebenermaßen nicht beurteilen*g*).
Das Verhältnis Ärzte - Dipl.-Psychologen an den Psychoanalytischen Ausbildungs-Instituten hat sich, wie Du vielleicht ja weißt, drastisch geändert. Zu meiner Ausbildungs-Zeit kamen da 2 Psychologen auf 200 Ärzte, heute ist es etwa umgekehrt.

Jetzt meine Frage an Dich: Wie geht es Dir damit ? Was löst das bei Dir aus - vor dem Hintergrund Deiner oben zitierten Vorstellungen?

fragt
Branden
neugierig-interessiert

Jetzt meine Frage an Dich: Wie geht es Dir damit ? Was löst
das bei Dir aus - vor dem Hintergrund Deiner oben zitierten
Vorstellungen?

Branden,
zwei Fragen stellen sich mir ob dieses Postings:

  1. Ist diese Frage wirklich von öffentlichem Interesse im Sinne dieses Forums? Oder dient sie eher dazu private Unstimmigkeiten zu klären?
  2. Wäre es nicht sinnvoller diese Unstimmigkeiten in einem direkten Mailaustausch zu klären?

Das ist natürlich eine Frage des persönlichen Stils …

E.

Im Gegenteil
Hallo Eckard

  1. Ist diese Frage wirklich von öffentlichem Interesse im
    Sinne dieses Forums?

Absolut! Wenn Du den gegenwärtigen Stand der Diskussion berücksichtigst, sind wir mitten in einem Thema, welches viele hier anzusprechen scheint.

Oder dient sie eher dazu private
Unstimmigkeiten zu klären?

Im Gegenteil! Hier geht es nicht um private Unstimmigkeiten, sndern vielmehr um den interessanten Duskurs, der viele inteessiert (siehe oben).

  1. Wäre es nicht sinnvoller diese Unstimmigkeiten in einem
    direkten Mailaustausch zu klären?

Eben nicht, s.o.

Das ist natürlich eine Frage des persönlichen Stils …

Ich habe eher den Eindruck, Du machst aus DEINER persönlichen Vor- oder Un-Liebe hier ein kleines Vetolein :wink:
Gruß,
Branden

2 „Gefällt mir“

Eckard hat natürlich Recht. Weil ich das weiß, möchte ich nur kurz Brandens „Beschreibung“ meines Standpunktes richtigstellen.

Ich erinnere mich, dass Du gern die Ärzte und die
Psychoanalytiker in einen Topf verbringst (nicht zu wörtlich
nehmen, bitte, sondern nur als herausgelesene Tendenz)

So formuliert ist das nicht meine Meinung.

Es ist vielmehr so gewesen, daß die Psychoanalyse v.a. durch Ärzte begründet und lange Zeit v.a. von dieser Berufsgruppe betrieben wurde.

und die
Diplom-Psychologen eher mit der akademischen, sich von der
Psychoanalyse abgrenzenden, Psychologie verbindest. (Einmal
gingst Du so weit, Freud, Jung und Adler nicht als Psychologen
zu bezeichnen, Du erinnerst Dich wohl.)

  1. Freud, Jung und Adler waren selbstverständlich keine Psychologen, sondern Ärzte.

  2. Die Psychologie ist in der Tat von der Psychoanalyse verschieden - jetzt und früher.

  3. Trotzdem gab und gibt es natürlich immer Diplom-Psychologen, die Psychoanalye betrieben haben bzw. betreiben, sowie es auch Analytiker bzw. Ärzte gab, die zur Psychologie oder zur Verhaltenstherapie „konvertiert“ sind. Das sind persönliche Lebensentscheidungen. Ich bin selbst ein Beispiel für eine solche „Konvertierung“.

Grüße,

Oliver Walter

Hic Rhodos, hic salta!

  1. Trotzdem gab und gibt es natürlich immer
    Diplom-Psychologen, die Psychoanalye betrieben haben bzw.
    betreiben, sowie es auch Analytiker bzw. Ärzte gab, die zur
    Psychologie oder zur Verhaltenstherapie „konvertiert“ sind.
    Das sind persönliche Lebensentscheidungen. Ich bin selbst ein
    Beispiel für eine solche "Konvertierung.

Aber, Oliver, das wissen wir doch sowieso. Meine Frage ging dioch dahin, was Du mitz der VERÄNDERUNG der Zusammensetzung der beruflichen Spezialitäten anfängst.
Natürlich kannst Du lapidar antworten im Sinne von „Damit fange ich garnix an“ usw., aber mich interessierte, wie Du diese Veränderung aufnimmst und wie Du Dir sie erklärst.
Gruß,
Branden

Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Hallo Branden,

wie ich mir dachte, kommt man zu einem anderen Bild, als Du es zeichnest, wenn man sich die Statistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ansieht:

Psychotherapeuten insgesamt

Es gab 2001 23.871 Psychotherapeuten.

Davon waren 9.381 ärztliche Psychotherapeuten und 12.646 psychologische Psychotherapeuten. 1.834 waren KJPler.

Ärztliche Psychotherapeuten

Alle 9.381 (100%) ärztlichen Psychotherapeuten konnten analytische oder tiefenpsychologische Psychotherapie abrechnen.
Nur 1.727 (18,39%) ärztliche Psychotherapeuten konnten Verhaltenstherapie abrechnen.

Psychologische Psychotherapeuten

6.422 (50,78%) psychologische Psychotherapeuten konnten analytische oder tiefenpsychologische Psychotherapie abrechnen.
6.224 (49,22%) psychologische Psychotherapeuten konnten Verhaltenstherapie abrechnen.


Unter den Analytikern und Tiefenpsychologen sind die Ärzte also in der Mehrheit mit 9.381 zu 6.422.

Unter den VTlern sind die Psychologen in der Mehrheit mit 6.224 zu 1.727.

Unter den APlern und TPlern hat es von 1992 bis 2001 einen Zuwachs an PPlern von 1.903 auf 6.422 gegeben. Der Anstieg beträgt also 4.520.

Unter den VTlern hat es von 1992 bis 2001 einen Zuwachs an PPlern von 2.591 auf 6.224 gegeben. Der Anstieg beträgt also 3.633.

Das heißt, der Anstieg unter den APlern und den TPlern ist gerademal um 887 größer.

Ich denke, daß das auf die begrenzten Möglichkeiten der VT-Ausbildungsinstitute zurückzuführen ist, bei dem Wachstum der Bewerber für alle Interessierten einen Ausbildungsplatz zu schaffen, sowie auf die begrenzte Möglichkeit, allen VTlern anschließend eine Aussicht auf eine Anstellung zu verschaffen bzw. eine Niederlassung zu ermöglichen. Unter den Ärzten überwiegen (wie die obige Statistik eindeutig zeigt) bei weitem die Analytiker und Tiefenpsychologen. Und die hocken in den Kliniken und werden tendenziell eher analytisch bzw. tiefenpsychologisch ausgebildete Bewerber auswählen.

Außerdem gibt es sicherlich Kolleginnen und Kollegen, die lieber eine andere als eine AP-, TP- oder VT-Ausbildung gemacht hätten, wenn das PsychThG ihnen keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Ich denke, daß solche Kolleginnen und Kollegen eher eine AP- oder TP-Ausbildung machen als eine VT-Ausbildung.

Grüße,

Oliver Walter

3 „Gefällt mir“

Hallo Branden,

verzeih mir, dass ich mich hier einmische, aber da der von Dir Angesprochene nicht Willens oder nicht in der Lage ist, Dir auf Deine Frage zu antworten (sondern einfach andere Zahlen präsentiert, die Deinen widersprechen sollen, es aber bestenfalls teilweise tun, weil sie Deiner Fragestellung nicht entsprechen), werde ich eine Antwort wagen: (Ich hätte den Angesprochenen gerne mit Namen genannt, aber dieser hat mir jeden Kontakt zu ihm untersagt, weil ich von falschen Positionen beeinflusst wäre; das akzeptiere ich natürlich, weil das in einer wissenschaftlichen Diskussionsgruppe das gute Argument vollständig ersetzt)

  1. Vorab ist natürlich sehr wohl zu berücksichtigen, dass die Psychoanalyse jahrzehntelang eine geschlossene Gesellschaft von Ärzten bleiben wollte, Psychologen erst vor vergleichsweise kurzer Zeit (im Vergleich zu 110 Jahren) die psychoanalytische Ausbildung ermöglicht hat, und dass die Psychoanalyse ebenfalls erst seit vergleichsweise kurzer Zeit als „Psychologie“ an den Universitäten vertreten ist (noch!). Dies ist grundsätzlich als ganz großer Erklärungsfaktor anzusehen.

  2. Mein Versuch, auf Deine Frage zu antworten, ist in gewisser Weise als ein soziologischer zu werten (Entschuldigung, das ist nun mal mein Fachgebiet).

a) Wenn der Angesprochene beteuert, Freud, Jung, Adler wären „natürlich“ Ärzte gewesen, keine Psychologen, dann übersieht er, dass er hier nur Worthülsen benutzt, die sicherlich denjenigen interessieren, der die Geschichte der Berufsbezeichnungen studiert, nicht aber denjenigen, der sich für die Geschichte von Medizin und Psychologie interessiert, weil der davon ausgeht, dass sich Psychologie und Medizin zu dieser Zeit noch in der Phase der Ausdifferenzierung befanden, es schlicht noch keine „Psychologie“ im heutigen Sinne gab.

b) Wenn der Angesprochene die Unterschiedlichkeit von Psychologie und Psychoanalyse in Verbund mit der „Konvertierung“ betont, dann trifft er einen entscheidenden Punkt. (die Psychoanalyse selbst geht diese Beteuerung in einigen ihrer Strömungen mit)

Die folgende kurze Analyse ist eine vulgär-soziologische und bestenfalls eine oberflächliche Annäherung, aber:

die Frage der „Konvertierung“ hängt meines Erachtens an der Frage der „Heilung“, also an der Frage, was Heilung ist, warum Heilung sein soll, und cui bono, wessen Gut Heilung ist; nun lässt sich holzschnittartig sagen, dass in der Medizin noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts Heilung das Gut einer abstrakten Allgemeinheit (damit meine ich nicht „Gesellschaft“) war; es galt die Allgemeinheit vor Individuen zu schützen, die dieser eine Bedrohung waren, weil sie Krankheiten trugen bzw. potentiell trugen, welche, vermittelt durch Mechanismen von Vererbung und Ansteckung, damit „allgemeine“ Krankheiten waren; in der Heilung des Individuums wurde so tatsächlich die Allgemeinheit geheilt; der Heilungsbegriff der Psychologie war ein umgekehrter, hier galt es eher, die Individuen von den Mängeln des Allgemeinen zu „heilen“ (was absolut nicht heißt: die "Gesellschaft zu verändern), an der Hysterie exemplifiziert: das Individuum zu heilen, indem sein Leidensdruck, der auch Resultat gesellschaftlicher Moralvorstellungen war, abgebaut wurde; hier also war „Heilung“ die Heilung des Individuums;

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Lage; durch die zunehmende Ausrottung von hoch-ansteckenden Krankheiten infolge von a) besserer hygienischer Verhältnisse, b) besserer Impf-möglichkeiten, c) Ausrottung von medizinischen Dogmen wie der Degenereszenzthese, veränderte sich der Heilungs-Begriff der Medizin; nun wurde das Individuum geheilt, ohne dabei direkt das Bonum des Allgemeinen im Auge zu haben (man vergleiche auch hier die zunehmende Metamorphose des Krankenhauses von Quarantänestationen zu Genesungszentren); die Psychologie aber nimmt ihrerseits mehr und mehr den alten Heilungs-Begriff der Medizin an; sie heilt die Allgemeinheit indem sie Individuen heilt, nicht mehr vermittelt aber durch Vererbung und Ansteckung, sondern vermittelt durch bloße physische Gewalt; es gilt das Gewaltniveau im Allgemeinen zu senken, indem es Gewalt (aktualiter oder potentialiter) im Individuum aufstöbert und ausmerzt; (nun ist es polemisch, als Beleg dafür die Postings des Angesprochenen in den vergangenen Threads zu nennen, falsch aber ist es nicht);

Meine bescheidene und ihre Schwächen durchaus sehende Antwort auf Deine Frage wäre nun die, dass die Psychoanalyse anders als die Psychologie (wobei hier natürlich die Grenzen verschwimmen) am alten Heilungs-Begriff festgehalten hat, den Heilungs-Begriff der „Allgemein-Heilung“ auf Grund ihrer Struktur erst gar nicht annehmen kann; wenn man nun davon ausgeht, dass die „Konversion“ auf dieser fundamentalen Ebene dessen, was „Heilung“ sein soll, angesiedelt ist, dann scheint die eben skizzierte Entwicklung ein Faktor der Erklärung des von Dir herangezogenen Phänomens zu sein, bei weitem freilich nicht die alleinige Erklärung; Ärzte praktizieren ohnehin „Individual-Heilung“, müssen nicht zur Psychoanalyse „konvertieren“, Psychologen aber schon; (um meine These nicht falsch zu verstehen, muss gesehen werden, dass die beiden Heilungs-Typen einander nicht als Entweder-Oder ausschließen, dass aber jeweils ein Primat des einen Typs besteht)

Mein Beitrag mag Dir als viel zu theoretisch erscheinen, aber suche seine Motivierung in dem Versuch, die hier stattfindende Diskussion um die Psychoanalyse aus dem Feld der „Methodenfrage“ zu ziehen, weil die Psychoanalyse auf diesem Feld immer nur als Zerrbild auftreten kann. (weil der „Methodenfrage“ die Struktur des „Allgemein-Heilens“ eingeschrieben ist, die Psychoanalyse damit a priori unterlegen sein muss; sollte der Angesprochene darauf sein „Pseudo“ begründen, dann ist er damit(!) nicht ernst zu nehmen)

Viele Grüße
franz

Hallo Oliver
Danke für die Statistik. Das war immerhin auch für mich interessant.
Ich hatte ja hauptsächlich nur von meinem ehemaligen „Heimat“-Institut Informationen. Deine sind natürlich zugegebenermaßen objektiver.
Gruß,
Branden

Hallo Ben

  1. Mein Versuch, auf Deine Frage zu antworten, ist in gewisser
    Weise als ein soziologischer zu werten (Entschuldigung, das
    ist nun mal mein Fachgebiet).

Ein sehr ehrenwertes und interessantes Fachgebiet. Hat die besten Köpfe hervorgebracht, nicht zuletzt die Frankfurter Schule durch Horkheimer und Co initiiert. :wink:

a) Wenn der Angesprochene beteuert, Freud, Jung, Adler wären
„natürlich“ Ärzte gewesen, keine Psychologen, dann übersieht
er, dass er hier nur Worthülsen benutzt, die sicherlich
denjenigen interessieren, der die Geschichte der
Berufsbezeichnungen studiert, nicht aber denjenigen, der sich
für die Geschichte von Medizin und Psychologie interessiert,
weil der davon ausgeht, dass sich Psychologie und Medizin zu
dieser Zeit noch in der Phase der Ausdifferenzierung befanden,
es schlicht noch keine „Psychologie“ im heutigen Sinne gab.

Das sehe ich auch so.

hier also war „Heilung“ die Heilung des Individuums;

Meine bescheidene und ihre Schwächen durchaus sehende Antwort
auf Deine Frage wäre nun die, dass die Psychoanalyse anders
als die Psychologie (wobei hier natürlich die Grenzen
verschwimmen) am alten Heilungs-Begriff festgehalten hat…
Ärzte praktizieren ohnehin
„Individual-Heilung“, müssen nicht zur Psychoanalyse
„konvertieren“, Psychologen aber schon; (um meine These nicht
falsch zu verstehen, muss gesehen werden, dass die beiden
Heilungs-Typen einander nicht als Entweder-Oder ausschließen,
dass aber jeweils ein Primat des einen Typs besteht)

Das finde ich eine gute Analyse, Ben!

Mein Beitrag mag Dir als viel zu theoretisch erscheinen, aber
suche seine Motivierung in dem Versuch, die hier stattfindende
Diskussion um die Psychoanalyse aus dem Feld der
„Methodenfrage“ zu ziehen, weil die Psychoanalyse auf diesem
Feld immer nur als Zerrbild auftreten kann.

Das finde ich einen wertvollen Gedankengang; und ich bin gespannt, was Andere dazu sagen.
Es grüßt Dich
Branden

Hallo Branden,

entschuldige auch, dass ich mich hier einmische und auch meiner Verwunderung Ausdruck verleihe, dass du das nicht mit Oliver per Email diskutierst. Aber das ist vielleicht eine Geschmacksfrage.

Ok, ich habe ja, wie wir noch in Emailkontakt standen, einmal meinen Standpunkt- eher Patientenorientiert- mitgeteilt. Ich finde, der müsste dann ob des höchst akademischen Palavers (vor allem von Ben) hier auch mal rein; wenn ich es überlesen habe und er schon hier ist, dann möge man mir verzeihen bzw. dann will ich nichts gesagt haben.

Als ehemaliger Patient will ich dazu folgendes sagen: Ich hatte in dieser Zeit vor allem das Bedürfnis, dass man mir HILFT. Das wiederum bedeutet, dass ich einem alteingesessenen Autoritätsbegriff wie ARZT eher vertraue als einem recht jungen wie PSYCHOLOGE, zumal ich die Erfahrung machen musste, dass ein Psychologe eher das Handtuch schmeißt und die Leute eher in eine Klinik haben will wie ein Arzt. Mir ist es zumindest so geschehen. Ich hasse deswegen keine Psychologen, sie haben ihre Daseinsberechtigung aber meines Erachtens nicht in der therapeutischen Medizin, schon gar nicht als frei niedergelassene Psychologen in ambulanten Praxen. Was wissen die Psychologen schon von Medizin? Will sagen- und drum zum zweiten Punkt, warum ich eher Ärzten vertraue- wie kann denn ein Psychologe z.B. eine endogene von einer exogenen Psychose unterscheiden? Er hat keine medizinische Ausbildung, muss also einen allopathisch ausgebildeten Med. erst um Rat fragen. Das wiederum verzögert doch erheblich für den Patienten die Hilfe, die er dringend braucht.

So, in aller KÜrze und hoffentlich unmissverständlich, wollte ich das doch mal zum Ausdruck gebracht haben bei allen theoretischen Überlegungen, die man hier anstellen und mit denen man sich selbst so wunderbar beweihräuchern kann.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit! Sorry, ein bisschen sticheln tut mir auch gerade ganz gut, nicht persönlich nehmen (ich schreibe das immerhin mit einem gewissen ERFAHRUNGShintergrund und nicht als theoretisch interessierter Mensch)!

Viele Grüße

Hermann

Hallo Hermann
Hab Dank für Deinen Erfahrungs-Bericht und Dein persönliches Statement. Ich denke auch, es ist gut, das alles hier nicht nur unter Ärzten, Psychologen und Soziologen zu disputieren.

Was wissen
die Psychologen schon von Medizin? Will sagen- und drum zum
zweiten Punkt, warum ich eher Ärzten vertraue- wie kann denn
ein Psychologe z.B. eine endogene von einer exogenen Psychose
unterscheiden? Er hat keine medizinische Ausbildung, muss also
einen allopathisch ausgebildeten Med. erst um Rat fragen. Das
wiederum verzögert doch erheblich für den Patienten die Hilfe,
die er dringend braucht.

Da ist natürlich was dran, und wir Ärzte haben auch ab und an darauf hingewiesen. Ich persönlich bin ja nicht ganz so einseitig identifiziert wie viele meiner ärztlichen Kollegen, vielleicht, weil ich zunächst Psychologie studierte, bevor ich mich der Medizin zuwendete. Mir geht es heute noch zuweilen so, dass ich in gewissen Fortbildungen je nach der Zusammensetzung entweder als „typisch Psychologe“ oder eben als „typisch Arzt“ bezeichnet werde. Da sind natürlich fast immer heftigste Projektionen der jeweils anderen Fachgruppe mit dabei. Inzwischen finde ich es fast amüsant und habe mich auf dem Grad dazwischen „gemütlich“ eingerichtet. Wie sagte schon Adorno seinerzeit? Man sollte sich vor dauerhaften blinden Identifikationen hüten. (So sagte er es nicht, das sind meine Worte. Er drückte sich viel kompromissloser aus. Aber ich bin nicht so kompromisslos wie Teddy Adorno.*g*)
Es grüßt Dich
Branden

So, in aller KÜrze und hoffentlich unmissverständlich, wollte
ich das doch mal zum Ausdruck gebracht haben bei allen
theoretischen Überlegungen, die man hier anstellen und mit
denen man sich selbst so wunderbar beweihräuchern kann.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit! Sorry, ein bisschen
sticheln tut mir auch gerade ganz gut, nicht persönlich nehmen
(ich schreibe das immerhin mit einem gewissen
ERFAHRUNGShintergrund und nicht als theoretisch interessierter
Mensch)!

Viele Grüße

Hermann

Du liebe Güte!
Hallo!

Es streuben sich mir die Nackenhaare ob solcher Aussagen.

Ich verstehe den Sinn und Zweck des ganzen Threads eigentlich nicht? Steckt dahinter eine Frage, oder dient das nur dazu, in diesem Forum eine Lobby für die Psychoanalyse zu begründen?

Zunächst einmal:

Warum schaffen es die Vertreter der Psychoanalyse nicht, Ihren Standpunkt etwas weniger kompliziert auszudrücken.

Ist das theoretisch-philosophische schon so prägnant in sämtlichen kognitiven Prozessen vertreten, dass eine relativ „simple“, dafür aber besser verständliche Ausdrucksweise ausgeschlossen ist?

Oder verbirgt sich dahinter die Hoffnung, auf der formal-rhetorischen Ebene den Eindruck von Allgemeingültigkeit zu erwecken?

Zur Sache:

Das Argument, Medizin habe heute das Individuum im Focus, früher die Allgemeinheit - mag ja eine zutreffende Beobachtung sein. Könnte das nicht aber auch mit der wissenschaftlichen Entwicklung der Fachrichtung zu tun haben? Muss nicht eine Krankheit erst einmal allgemein verstanden werden, ehe man sie dann im konkreten Zusammenhang verstehen oder sehen kann? Hatte die Medizin am Anfang des 20. Jahrhunderts überhaupt die Möglichkeit, Leiden gezielt und individuell zu Behandeln - dank innovativer Technik wie z.B. bildgebende Verfahren etc.?

Ich habe vielfach den Eindruck, dass die Verfechtung der „Psychoanalyse“ auch folgenden Motiven entspringen kann:

  1. Die Psychoanalyse suggeriert, dass der Geist über dem Körper herrschen kann. Diese Hypothese scheint verlockend, dieser Argumentation folgen zu wollen ebenfalls. Tut man es, so kann man daraus sicherlich „Gewinn“ ziehen, da der Glaube bekanntlich Berge versetzen kann. Innere Überzeugung von dieser Hypothese ist mit Sicherheit ein Garant für starke Placebo-Wirkungen. Unberücksichtigt blieben dann aber diejenigen, welche nicht an die Psychoanalyse zu glauben vermögen. Wenn dies ihr Geheimnis ist, ist die Psychoanalyse aber nicht Wissenschaft, sondern Religion.

  2. Der Inhalt der Psychoanalyse ist teilweise wandelbar und diskutierbar. Es ist verlockender, solchen Inhalten zu folgen. Mein Eindruck ist auch, dass die Auseinandersetzung mit „wissenschaftlichen“ Modellen i.d.R. sowohl qualitativ als auch quantitativ wesentlich anstrengender und fordernder ist. Auch vor diesem Hintergrund ist die Vertretung eines weniger intensiven Paradigmas mit Sicherheit verlockender.

Ich will die Psychoanalyse nicht generell verurteilen. Viele Erkenntnisse in diesem Bereich sind wertvoll und lassen sich auch methodisch überprüfen. Aber diejenigen, die von dem Ausgangsthread überhaupt angesprochen sind (nämlich Ärzte und Psychologen mit psychoanalytischer Zusatzausbildung) sind IN ERSTER LINIE Wissenschaftler.

Sie haben durch Ihr Studium eine wissenschaftliche Qualifikation geschaffen, auf deren Basis sie eben eine „Zusatzausbildung“ bauen können.

Die Kausalität, dass sich Ärtzte und Psychologen also wieder vermehrt einer geisteswissenschaftlichen Orientierung in der Heilung zuwenden, ist falsch interpretiert. Denn zunächst haben sie erst einmal einen wissenschaftlichen Studiengang abgeschlossen.

Die Psychoanalyse wird im Rahmen des wissenschaftlichen Studiums der Psychologie immer weniger berücksichtigt. An ihre Stelle sind längst andere Paradigmen getreten. Das Wissen ist kaum noch Prüfungsrelevant und für die Studenten in der Regel binnen weniger Wochen anzueignen (zum Vergleich: Prüfungsvorbereitung für Vordiplomsprüfung „Differenzielle Psychologie“ im Durchschnitt 2 Wochen; Prüfungsvorbereitungen für den Prüfungsnachweis „Neuroanatomie“ im Durchschnitt 4-6 Monate).

Die „Psychoanalyse“ ist vor dem Begriff der „Psychologie“ ein aussterbendes Paradigma; sie ist heute vielmehr Gegenstand einer darüber hinausgehender Spezialisierung, einer „Zusatzausbildung“.

Die Frage, welche ich mir vor diesem Hintergrund also zwangsläufig stelle, ist nicht ob die „Psychologie“ oder „Medizin“ als Naturwissenschaft, sondern vielmehr diejenigen Vertreter der „Psychoanalyse“ als Geisteswissenschaft mit dieser Entwicklung leben kann?

Lieben Gruß
Patrick

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Hallo Patrick,

nachdem Du mich recht direkt angesprochen hast, werde ich Dir selbstverständlich auch antworten:

Es streuben sich mir die Nackenhaare ob solcher Aussagen.

Bei allem Verständnis; das tut mir leid, aber ich kann es nicht ganz nachvollziehen

Ich verstehe den Sinn und Zweck des ganzen Threads eigentlich
nicht? Steckt dahinter eine Frage, oder dient das nur dazu, in
diesem Forum eine Lobby für die Psychoanalyse zu begründen?

Beides:

  1. Branden hat eine klare Frage gestellt; eigentlich an Oliver, der hat aber einfach andere Zahlen präsentiert, ohne auf die Frage einzugehen (weil die präsentierten Zahlen möglicherweise Brandens gewagte Einschätzung relativieren, aber ihr nicht widersprechen); Branden selbst hat gegen Eckhard geschrieben, dass seine Frage für die Allgemeinheit des Forums gelten soll.

  2. Das habe ich im letzten Absatz beantwortet; es geht mir darum, die Frage um die Psychoanalyse, die in diesem Forum nie ernsthaft genug diskutiert worden ist (was ich im Archiv gefunden habe, ist viel zu einseitig), zu öffnen; ich kann einfach nicht akzeptieren, dass vor allem Du und Oliver in diesem Forum ständig der Psychoanalyse die Wissenschaftlichkeit ohne akzeptable Begründung absprecht; die Vorwürfe, die Oliver der Psychoanalyse (in den Archiv-Beiträgen) gemacht hat, sind größtenteils richtig, aber gegen eine Variante der Psychoanalyse gerichtet, die ich eher für vulgär halte; also Lobby-Arbeit ja, aber als Reaktion auf eine absolut einseitige Darstellung; damit ist sie für mich gerechtfertigt, zumal sie ganz sicher nicht auf einem marktschreierischen Niveau stattfindet;

Zunächst einmal:

Warum schaffen es die Vertreter der Psychoanalyse nicht, Ihren
Standpunkt etwas weniger kompliziert auszudrücken.

Ich bin kein Vertreter der Psychoanalyse, ich möchte mich auch nicht „kompliziert“ ausdrücken, sondern exakt!; wenn Du in Deinem Studium einen solchen Vorwurf vorbringen würdest, würde man Dich dafür mit Recht zurechtweisen; nun ist aber dieses Forum auch (nicht nur) der richtige Ort für theoretische Fragestellungen, weshalb hast Du dann damit hier ein Problem?

Ist das theoretisch-philosophische schon so prägnant in
sämtlichen kognitiven Prozessen vertreten, dass eine relativ
„simple“, dafür aber besser verständliche Ausdrucksweise
ausgeschlossen ist?

Ich habe erstens meinen Blickwinkel erläutert, zweitens kann ich nicht einfach wie Oliver Zahlen in den Raum werfen, die angeblich für sich selbst sprechen sollen; tatsächlich halte ich die Interpretation seines Zahlen-Postings für weit schwieriger als die meines Postings. Drittens solltest Du als Akademiker bzw. angehender Akademiker in der Lage sein, solche Texte zu lesen; der Text ist ausdrücklich nicht an Laien gerichtet, warum also die Aufregung?

Oder verbirgt sich dahinter die Hoffnung, auf der
formal-rhetorischen Ebene den Eindruck von Allgemeingültigkeit
zu erwecken?

Nein!!! Wie oft hätte ich denn noch sagen sollen, dass dies ein „oberflächlicher Erklärungsversuch“ war? Dies habe ich wiederholt in meinem Posting gemacht.

Das Argument, Medizin habe heute das Individuum im Focus,
früher die Allgemeinheit - mag ja eine zutreffende Beobachtung
sein. Könnte das nicht aber auch mit der wissenschaftlichen
Entwicklung der Fachrichtung zu tun haben?

Ja klar, nichts anderes habe ich behauptet!

Muss nicht eine
Krankheit erst einmal allgemein verstanden werden, ehe man sie
dann im konkreten Zusammenhang verstehen oder sehen kann?

Das trifft nicht die Sache. Jede Krankheit muss „allgemein verstanden sein“, aber nicht jede muss/kann „allgemein“ (im dem Sinne meines Postings verstanden) bekämpft werden.

Hatte die Medizin am Anfang des 20. Jahrhunderts überhaupt die
Möglichkeit, Leiden gezielt und individuell zu Behandeln -
dank innovativer Technik wie z.B. bildgebende Verfahren etc.?

Nein, hatte sie nicht; ich habe der Medizin keinen Vorwurf gemacht, sondern lediglich ihre Funktionsweise betrachtet, das ist alles.

Ich habe vielfach den Eindruck, dass die Verfechtung der
„Psychoanalyse“ auch folgenden Motiven entspringen kann:

  1. Die Psychoanalyse suggeriert, dass der Geist über dem
    Körper herrschen kann.

Das Gegenteil ist der Fall; und dies würde auch Freud so sagen! Das meinte ich oben, dass die Psychoanalyse in diesem Forum nur in ihrer Vulgär-Variante diskutiert und abgelehnt wird.

Diese Hypothese scheint verlockend,

für mich wäre eine solche Hypothese nichts anderes als Gesundbeterei, also bestimmt nicht verlockend

dieser Argumentation folgen zu wollen ebenfalls. Tut man es,
so kann man daraus sicherlich „Gewinn“ ziehen, da der Glaube
bekanntlich Berge versetzen kann. Innere Überzeugung von
dieser Hypothese ist mit Sicherheit ein Garant für starke
Placebo-Wirkungen. Unberücksichtigt blieben dann aber
diejenigen, welche nicht an die Psychoanalyse zu glauben
vermögen. Wenn dies ihr Geheimnis ist, ist die Psychoanalyse
aber nicht Wissenschaft, sondern Religion.

Bei einer solch schwachen und auf falschen Voraussetzungen ruhenden Argumentation, welche die Psychoanalyse innerhalb von drei Teilsätzen zu bloßem Placebo und zu Religion macht, soll man nicht zu Gunsten der Psychoanalyse in diesem Forum auftreten dürfen? Ich würde an vielen Stellen viel lieber gegen die Psychoanalyse argumentieren, aber solange es sie in diesem Forum nur als Zerrbild gibt …

  1. Der Inhalt der Psychoanalyse ist teilweise wandelbar und
    diskutierbar. Es ist verlockender, solchen Inhalten zu folgen.
    Mein Eindruck ist auch, dass die Auseinandersetzung mit
    „wissenschaftlichen“ Modellen i.d.R. sowohl qualitativ als
    auch quantitativ wesentlich anstrengender und fordernder ist.
    Auch vor diesem Hintergrund ist die Vertretung eines weniger
    intensiven Paradigmas mit Sicherheit verlockender.

Das heißt doch nichts anderes als das, dass Du mich eben für zu blöd hältst, „wissenschaftliche“ Psychologie zu betreiben; sondern nur Psychoanalyse, für die man scheinbar nicht blöd genug sein kann („weniger intensives Paradigma“). Bei solchen Totschlag-Argumenten soll man einfach schweigen, und keine „Lobby-Arbeit“ verrichten dürfen?
Richtig an Deinem Punkt ist meines Erachtens, dass die Psychoanalyse dann von vorneherein verloren hat, wenn sie den Kampf auf dem Feld des Gegners führen muss; das liegt aber nicht an „Blödheit“, also an „weniger Intensität“, sondern an der Struktur gleichermaßen der Psychoanalyse wie der von Dir angeführten „wissenschaftlichen Modellen“ mit ihren Validitäts-Kriterien;

Ich will die Psychoanalyse nicht generell verurteilen. Viele
Erkenntnisse in diesem Bereich sind wertvoll und lassen sich
auch methodisch überprüfen.

Genau das meine ich mit dem „gegenerischen Feld“; Psychoanalyse lässt sich nicht als eine Therapie unter anderen konzipieren (wie Oliver das auch tut), die halt auch „ein paar wertvolle Erkenntnisse“ zu bieten hat, sondern sie möchte als ein grundlegend anderer Zugang zum Kranken verstanden werden; diesen anderen Zugang habe ich versucht zu skizzieren; natürlich kann man hier sehr gut darüber streiten, und ich höre mir gerne Gegenargumente an, aber ich bin nicht bereit, Deine Position als „selbstverständliche“ Voraussetzung anzunehmen; das ist alles, und was ist daran verwerflich?

Aber diejenigen, die von dem
Ausgangsthread überhaupt angesprochen sind (nämlich Ärzte und
Psychologen mit psychoanalytischer Zusatzausbildung) sind IN
ERSTER LINIE Wissenschaftler.
Sie haben durch Ihr Studium eine wissenschaftliche
Qualifikation geschaffen, auf deren Basis sie eben eine
„Zusatzausbildung“ bauen können.

ja! Und? Habe ich das bestritten? Falls Du es gegen mich richten möchtest: Auch ich habe ein wissenschaftliche Qualifikation!

Die Kausalität, dass sich Ärtzte und Psychologen also wieder
vermehrt einer geisteswissenschaftlichen Orientierung in der
Heilung zuwenden, ist falsch interpretiert.

Davon habe ich nicht mal andeutungsweise etwas gesagt! Du hast Recht, das wäre eine falsche Analyse

Denn zunächst
haben sie erst einmal einen wissenschaftlichen Studiengang
abgeschlossen.

Achso und dann kommt die Religion (Psychoanalyse)?

Die Psychoanalyse wird im Rahmen des wissenschaftlichen
Studiums der Psychologie immer weniger berücksichtigt. An ihre
Stelle sind längst andere Paradigmen getreten.

Psychoanalytiker bzw. Tiefenpsychologen haben nach wie vor wichtige Lehrstühle der klinischen Psychologie inne, auch an den großen Universitäten!!! Meine Behauptung ist ja eben, dass nicht andere Paradigmen an die Stelle der Psychoanalyse treten, sondern gar nichts mehr; dass die Psychologie Freud auslöscht, als wäre er gar nicht gewesen (ist sicher übertrieben ausgedrückt, ist aber nicht ganz falsch)

Das Wissen ist
kaum noch Prüfungsrelevant und für die Studenten in der Regel
binnen weniger Wochen anzueignen (zum Vergleich:
Prüfungsvorbereitung für Vordiplomsprüfung „Differenzielle
Psychologie“ im Durchschnitt 2 Wochen; Prüfungsvorbereitungen
für den Prüfungsnachweis „Neuroanatomie“ im Durchschnitt 4-6
Monate).

Was um Himmels Willen besagt denn die Prüfungsordnung von Universitäten über die Wissenachaftlichkeit der Psychoanalyse;

  1. bist Du nie auf die Idee gekommen, hier könnten auch Einflüsse wirken, die so gar nicht wissenschaftlicher Natur sind; glaubst Du nicht, z.B. das Krankenkassensystem sähe die Psychoanalyse gerne verdrängt, nicht weil sie unwissenschaftlich ist, sondern teuer? Wie könnte man als Wissenschaftler hier so mir nichts dir nichts die Effizienzkriterien der Krankenkassen übernehmen?
  2. Wie Du selbst betonst, ist die Psychoanalyse eine Zusatzausbildung; ist doch klar, dass sie dann in der ersten Ausbildung unterrepräsentiert ist;
  3. mit diesem Argument könnte man auch die Nicht-Wissenschaftlichkeit von z.B. Prigogines Theorie dissipativer Strukturen beweisen, auch sie ist nur ein kleiner Punkt der Prüfungsordnung bei den Chemikern; aber kein Chemiker würde auf so eine Idee kommen.

Die „Psychoanalyse“ ist vor dem Begriff der „Psychologie“ ein
aussterbendes Paradigma; sie ist heute vielmehr Gegenstand
einer darüber hinausgehender Spezialisierung, einer
„Zusatzausbildung“.

Ja das ist sie faktisch in Deutschland; in den romanischen Ländern herrschen etwas andere Verhältnisse; Psychoanalyse hat von vorneherein eine medizinische, später alternativ eine psychologische Grundausbildung vorgesehen? Spricht das einfach so gegen sie? Andere würden sagen, das spräche eher für sie.

Die Frage, welche ich mir vor diesem Hintergrund also
zwangsläufig stelle, ist nicht ob die „Psychologie“ oder
„Medizin“ als Naturwissenschaft, sondern vielmehr diejenigen
Vertreter der „Psychoanalyse“ als Geisteswissenschaft mit
dieser Entwicklung leben kann?

Erstens ist keineswegs in Fachkreisen anerkannt, dass die Psychologie einfach eine „Naturwissenschaft“ sei; wenn Du dir die einzelnen Lehrstühle der Psychologie an Deiner Uni anschaust, wirst Du das feststellen; warum also behauptest Du das in diesem Forum wider besseren Wissens (das ist zwar eine Unterstellung, aber immerhin eine Dir schmeichelnde, oder nicht?)? Zweitens mag es einzelne Vertreter der Psychoanalyse geben, die behaupten „Geisteswissenschaftler“ zu sein; allgemein aber ist es absolut falsch, die Psychoanalyse als eine solche anzusehen; drittens gibt es heutzutage genügend Wissenschaftler, die überzeugend aufzeigen, dass die Dichotomie von Natur- und Geisteswissenschaften heute 100 Jahre nach dem Neukantianismus endlich in den Orkus der Theoriegeschichte gehört;

Übrigens: Wenn ich in meinem Posting mich wiederholt über den große O. lustig gemacht haben sollte, dann kann man in anderen Threads nachlesen, warum sich das der O. selbst zuzuschreiben hat; ich vertrete meine Thesen sicherlich mit aller nötigen Entschiedenheit, anerkenne aber die Gegenargumente bzw. die Vertreter von Gegenpositionen ganz genauso; also habe ich kein Interesse an einer Polemik, die über die Sachdiskussion hinausreicht; dasselbe fordere ich auch von anderen ein.

In diesem Sinne
viele Grüße
franz

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Hallo Patrick

Obwohl ich nicht direkt von Dir angesprochen wurde, aber zum Teil dann doch, weil Du auf die Fragestellung recourriertest, antworte ich auch schonmal. :wink: Franz Ben kann und mag ja extra nochmal antworten.

Ich verstehe den Sinn und Zweck des ganzen Threads eigentlich
nicht? Steckt dahinter eine Frage, oder dient das nur dazu, in
diesem Forum eine Lobby für die Psychoanalyse zu begründen?

Es „steckt nicht nur eine Frage dahinter“, sondern die Frage wurde von mir explizit gefragt, undzwar in Form eines offenen BRiefes an Oliver. Dass der Brief offen und hier im Brett war, hatte natürlich einen Sinn (auch wenn einige das weniger verstanden als andere), weil mir nämlich ein immer wiederkehrendes Interesse aus versch. Richtungen an den unterschiedlichen Therapie-Schulen deutlich wurde. Undzwar hier im Brett. Deshalb der „offene Brief“.

Zunächst einmal:

Warum schaffen es die Vertreter der Psychoanalyse nicht, Ihren
Standpunkt etwas weniger kompliziert auszudrücken.

Die Frage impliziert ja schon eine Hypothese, die ich nicht teile.
Ich kenne viele psychoanalytisch ausgerichtete Therapeuten, die sich sehr klar, einfach und verständlich ausdrücken. Ich rechne mich im übrigen dazu. *g*
Selbstverständlich gibt es auch schwerer-Verständliche; das mag aber daran liegen, dass diese aus dem eher theoretischen Bereich (Soziologie, Pholosophie) stammen.

Ist das theoretisch-philosophische schon so prägnant in
sämtlichen kognitiven Prozessen vertreten, dass eine relativ
„simple“, dafür aber besser verständliche Ausdrucksweise
ausgeschlossen ist?

Hier berührst Du, wie ich finde, eine durchaus sehr interessante Fragestellung. Zum einen hat sich die Psychoanalyse im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte sehr mit den philosophischen und politischen Fachbereichen befreundet. Soziologen, Politologen und Philosophen konnten von Anfang an recht viel mit der Psychoanalyse anfangen, vielleicht mehr als die Psychologie und Medizin damals.

Oder verbirgt sich dahinter die Hoffnung, auf der
formal-rhetorischen Ebene den Eindruck von Allgemeingültigkeit
zu erwecken?

Nein, das wäre zu tief gestapelt. Wiegesagt, ich habe den Eindruck, die Psychoanalyse hat gerade auf die Intellekzuellen immer einen starken inspirierenden Eindruck gemacht, egal, ob sie aus dem Bereich der Philosophie kamen oder Schriftsteller waren.

Zur Sache:

Ach, waren wir nicht bei der Sache ? :wink:

Das Argument, Medizin habe heute das Individuum im Focus,
früher die Allgemeinheit - mag ja eine zutreffende Beobachtung
sein. Könnte das nicht aber auch mit der wissenschaftlichen
Entwicklung der Fachrichtung zu tun haben? Muss nicht eine
Krankheit erst einmal allgemein verstanden werden, ehe man sie
dann im konkreten Zusammenhang verstehen oder sehen kann?
Hatte die Medizin am Anfang des 20. Jahrhunderts überhaupt die
Möglichkeit, Leiden gezielt und individuell zu Behandeln -
dank innovativer Technik wie z.B. bildgebende Verfahren etc.?

Da dieser Ansatz von Franz vorgebracht wurde, kann ich die Frage von Dir dazu auch nicht beantworten. Das muss Franz tun.

Ich habe vielfach den Eindruck, dass die Verfechtung der
„Psychoanalyse“ auch folgenden Motiven entspringen kann:

  1. Die Psychoanalyse suggeriert, dass der Geist über dem
    Körper herrschen kann.

Hier wird es imho zum ersten Mal „richtig falsch“, mit Verlaub. :wink:
Erstens suggeriert die Psychoanalyse nicht, das war ja das Neue im Gegensatz zu den davor stattgefundenen suggestiven Verfahren.
Zweitens hat sie gerade gezeigt, dass man den Körper und die Seele eben nicht einfach mit dem Geist zwingen kann bzw. mit dem Bewußtsein oder dem Willen.
Freud sagte nicht umsonst, dass das ICH nur den dummen August im Zirkus geben kann.

Diese Hypothese scheint verlockend,
dieser Argumentation folgen zu wollen ebenfalls. Tut man es,
so kann man daraus sicherlich „Gewinn“ ziehen, da der Glaube
bekanntlich Berge versetzen kann.

Wiegesagt, dies ist jetzt alles schon falsch hergeleitet, imho.

Innere Überzeugung von
dieser Hypothese ist mit Sicherheit ein Garant für starke
Placebo-Wirkungen. Unberücksichtigt blieben dann aber
diejenigen, welche nicht an die Psychoanalyse zu glauben
vermögen. Wenn dies ihr Geheimnis ist, ist die Psychoanalyse
aber nicht Wissenschaft, sondern Religion.

Das ist eben ein weiterer grndsätzlicher Irrtum. Die Psychoanalyse verlangt eben keinen Glauben und sie hat wenig mit Religion zu tun.

Die Kausalität, dass sich Ärtzte und Psychologen also wieder
vermehrt einer geisteswissenschaftlichen Orientierung in der
Heilung zuwenden, ist falsch interpretiert. Denn zunächst
haben sie erst einmal einen wissenschaftlichen Studiengang
abgeschlossen.

Ich würde hier nicht lünstlich eine Unterscheidung zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft machen. Als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sehe ich meine Arbeit genauso viel oder wenig naturwissenschaftlich wie die des Gynäkologen oder Hals-Nasen-Ohren-Kollegen.

Die Psychoanalyse wird im Rahmen des wissenschaftlichen
Studiums der Psychologie immer weniger berücksichtigt. An ihre
Stelle sind längst andere Paradigmen getreten. Das Wissen ist
kaum noch Prüfungsrelevant und für die Studenten in der Regel
binnen weniger Wochen anzueignen (zum Vergleich:
Prüfungsvorbereitung für Vordiplomsprüfung „Differenzielle
Psychologie“ im Durchschnitt 2 Wochen; Prüfungsvorbereitungen
für den Prüfungsnachweis „Neuroanatomie“ im Durchschnitt 4-6
Monate).

Das mag amn bedauern oder begrüßen; nur ist es kein Argument für unseren Diskurs hier.

Die Frage, welche ich mir vor diesem Hintergrund also
zwangsläufig stelle, ist nicht ob die „Psychologie“ oder
„Medizin“ als Naturwissenschaft, sondern vielmehr diejenigen
Vertreter der „Psychoanalyse“ als Geisteswissenschaft mit
dieser Entwicklung leben kann?

Wie ich schon sagte, ich sehe mich nicht als Vertreter einer Geisteswissenschaft, wenn ich psychoanalytisch-psychosomatisch arbeite. Insofern verstehe ich die Frage nicht bzw. empfinde sie als nicht relevant.

Es grüßt Dich
Branden

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Hallo Branden,

Hab Dank für Deinen Erfahrungs-Bericht und Dein persönliches
Statement. Ich denke auch, es ist gut, das alles hier nicht
nur unter Ärzten, Psychologen und Soziologen zu disputieren.

Nun ja, damit stellst du mich nun zwar als jemand hin, der gerade mal die Sonderschule absolviert hat, aber egal. So ganz unbedarft auf theoretischem Gebiet bin ich auch nicht- war sogar mal 2 Semester Psychologie Nebenfächler und mir fehlt der Empirieschein zum Vordipl. für Soziologie :smile:.

Was wissen
die Psychologen schon von Medizin? Will sagen- und drum zum
zweiten Punkt, warum ich eher Ärzten vertraue- wie kann denn
ein Psychologe z.B. eine endogene von einer exogenen Psychose
unterscheiden? Er hat keine medizinische Ausbildung, muss also
einen allopathisch ausgebildeten Med. erst um Rat fragen. Das
wiederum verzögert doch erheblich für den Patienten die Hilfe,
die er dringend braucht.

Da ist natürlich was dran, und wir Ärzte haben auch ab und an
darauf hingewiesen.

Gerne, wie ich mal vermute :wink:.

Ich persönlich bin ja nicht ganz so
einseitig identifiziert wie viele meiner ärztlichen Kollegen,
vielleicht, weil ich zunächst Psychologie studierte, bevor ich
mich der Medizin zuwendete.

Stimmt, ich entsinne mich…

Es grüßt dich

Hermann

Hallo!

Ich habe vor allem den Sinn des Ausgangsposting nicht ganz verstanden. Wolltest Du sagen, dass die Psychologie-Diplomanden sich immer mehr der Psychoanalyse zuwenden?

Wie willst DU das durch einen Vergleich mit Ärzten schaffen? Da sehe ich einen methodischen Mangel im Ansatz (woimit wir wieder beim Thema wären…). Und wozu soll dieser Vergleich relevant sein? Das waren die Hauptfragen in Bezug auf Dein Posting.

Was die Lehre der Psychologie anbelangt, so ist bei uns an den Instituten zumindestens zu beobachten, dass die Relevanz der Psychoanalyse immer mehr von dem Lehrplan von den Studenten verschwindet.

In der Einführungsveranstaltung „Einführung in die Psychologie“ sowie in einer Vorlesungsreihe „Geschichte der Psychologie“ ist uns gelehrt worden, dass es sich bei der Psychoanalyse um ein überholtes Paradigma handelt und dass die Neurowissenschaften immer mehr Gewicht in der Lehre gewinnen.

Persönlich begrüße ich natürlich diese Entwicklung. Ich glaube, eine Beobachtung von menschlichem Verhalten ist nicht von den zugrundeliegenden physikalischen Mechanismen zu trennen, genausowenig wie die Beurteilung dieser Mechanismen zwecks Beurteilung und Behandlung von Störungen.

Selbst wenn die „Analyse“ eine probate Behandlungsmethode sein kann, so fände ich es sehr gut, wenn diese Methodik auf einer biologischen Grundlage zu begründen ist.

Persönlich glaube ich auch, dass diese Trennung zwischen Analyse und anderen Therapieformen, aber auch der Analyse von der Psychologie als Wissenschaft eine rein statische ist; viele Modelle, ursprünglich in der Theorie der Psychoanalyse formuliert, werden in anderen Paradigmen auf andere Grundlage überprüft und werden so mit Berechtigung weiterexistieren. Parallelen existieren und sind auch meiner Einschätzung nach wichtig und wertvoll.

Lieben Gruß
Patrick

Hallo Franz!

Falls ich an der ein oder anderen Stelle in meinem Ausgangsposting „über das Ziel“ hinausgeschossen bin oder es so empfunden wird, dann entschuldige ich mich dafür.

Es hat teilweise etwas damit zu tun, wie ich die Studienarbeit der Studenten an unserer Universität erlebe. Es gibt sehr viele Studenten, die sich angesichts des Lehrplans fragen, was das eigentlich noch mit Psychologie zu tun hat.

Persönlich glaube ich schon, dass es Unterschiede in der Zugänglichkeit der einzelnen Fachbereiche gibt. Ich denke, die Neuroanatomischen Grundlagen sowie die Psychoendokrinologie, Physiologie und auch die biologische Psychologie sind von Ihrer Substanz her wesentlich „kantiger“ und „unzugänglicher“ als z.B. die Theorien der Psychoanalyse. Es setzt meiner Meinung nach wesentlich härte Arbeit voraus. Gleiches gilt natürlich auch für die Methodenlehre und - als wichtigsten Teil davon - die Testheorie sowie quantitative Methodenlehre.

Wenn Du glaubst, ich unterstelle denjenigen Dummheit, die sich damit nicht auseinandersetzen können/wollen/mögen, dann irrst Du, es hat m.E. nach mehr etwas mit Arbeit zu tun.

Ich glaube, diese Einschätzung wird auch von den meisten anderen Studenten an unserer Universität geteilt; zudem gibt es auf Grund dessen viele Ortswechsler und Studienabbrecher - eben wegen den Fächern „Physiologie“ und „Methodenlehre“.

Das schlimmste Argument, welches ich an unserer Universität seitens einiger Studierender höre, ist: wozu man diese Inhalte überhaupt lernen muss - man möchte doch schliesslich nur Menschen behandeln. Einige fühlen sich bereits vor Abschluss des Grundstudiums dazu berufen und bereit. Eine Auffassung, die ich zugegebener Maßen etwas kritisch finde.

Zum Kernpunkt: Wer Menschen behandeln möchte, sollte wissen, was er tut bzw. wovon er redet. Dazu gehört meiner Meinung nach auch ein fundiertes Wissen der biologischen Grundlagen. Zum Verständnis und zur Bewertung von Forschung und Forschungsleistungen ist es darüber hinaus absolut notwendig, dass man sowohl Statistische als auch methodische Kenntnisse hat. Wenn man einen methodischen Fehler im Design oder der Auswertung entdeckt, dann weiss man, dass man die Ergebnisse nicht verwerten kann. Dies ist meiner Meinung nach gar nicht so selten.

Natürlich können sich Leute auch mittels anderen (unbewiesenen, theoretischen) Ansätzen an die Behandlung machen. Nur wird dies dann - wie ich finde - zu Recht nicht von der Gesellschaft getragen.

Übrigens ist die Anmerkung, dass es an unserer Universität noch viele „Psychoanalytische“ Lehrstühle gibt, ist falsch. Es gibt ein relativ kleines Institut, welches der klinischen Psychologie untergeordnet ist, welches noch auf Ihrer Grundlage funktioniert.

Es hat bis zu 10 Mitarbeiter (schätze ich), das wohl größte Institut mit mehreren hundert Mitarbeitern ist jedoch das für biologische Psychologie. An diesem Institut bin ich auch Mitarbeiter, und so glaube ich, dass mein Eindruck des Umfanges der Psychoanalyse an Lehre aber auch Forschung für unsere Universität einigermaßen fundiert ist.

Persönlich hoffe ich, dass es in naher Zukunft sowohl in der Diagnostik als auch in der Behandlung wesentlich mehr medizinische Standarts geben wird. Da sich z.B. Depressionen auch durch hormonelle Reaktionen sichtbar machen lassen und bei weiteren biometrischen Testverfahren relativ verlässliche Angaben zur Ursache machen lassen (also kein Stochern im Dunkeln mehr), könnte man so optimale Behandlungsmethoden abstimmen.

Dies ist eine der Forderungen der modernen Psychologie, hierbei geht es erstmalig um die individuelle Betrachtung des Patienten unter Berücksichtigung gleich mehrer Faktoren (Physisch, Psychisch, Psychosozial).

Persönlich habe ich auch überhaupt nicht den Eindruck, dass „Psychologie heute“ die „Psychoanalyse“ grundsätzlich ausschliesst, mich deucht nur ab und an, dass umgekehrt ein Schuh daraus werden könnte.

Lieben Gruß
Patrick

Hallo Patrick,

Falls ich an der ein oder anderen Stelle in meinem
Ausgangsposting „über das Ziel“ hinausgeschossen bin oder es
so empfunden wird, dann entschuldige ich mich dafür.

Ich habe es in der Tat so empfunden, gerade wegen des Titels, aber die Entschuldigung akzeptiere ich selbstverständlich.
Im Gegensatz zu Deinem ersten Posting finde ich dieses nun sehr fundiert und ausgewogen; inhaltlich kann ich an vielen Punkten zustimmen, dennoch möchte ich einige Punkte kommentieren, um Dir meine Haltung klar zu machen:

Es hat teilweise etwas damit zu tun, wie ich die Studienarbeit
der Studenten an unserer Universität erlebe. Es gibt sehr
viele Studenten, die sich angesichts des Lehrplans fragen, was
das eigentlich noch mit Psychologie zu tun hat.

Das kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen.

Persönlich glaube ich schon, dass es Unterschiede in der
Zugänglichkeit der einzelnen Fachbereiche gibt. Ich denke, die
Neuroanatomischen Grundlagen sowie die Psychoendokrinologie,
Physiologie und auch die biologische Psychologie sind von
Ihrer Substanz her wesentlich „kantiger“ und „unzugänglicher“
als z.B. die Theorien der Psychoanalyse. Es setzt meiner
Meinung nach wesentlich härte Arbeit voraus. Gleiches gilt
natürlich auch für die Methodenlehre und - als wichtigsten
Teil davon - die Testheorie sowie quantitative Methodenlehre.

Wenn Du glaubst, ich unterstelle denjenigen Dummheit, die sich
damit nicht auseinandersetzen können/wollen/mögen, dann irrst
Du, es hat m.E. nach mehr etwas mit Arbeit zu tun.

Ja, da stimme ich -auch aus persönlicher Erfahrung- voll und ganz zu, aber:
Gerade die Methodenlehre erscheint natürlich leicht als überaus obskur, weil sie viele vorangehende Kenntnisse erfordert: Differentialrechnung, Statistik, Philosophie des Empirismus; das alles sind Dinge, die der „normale“ Student noch nicht beherrscht, wenn er im Studium mit der Methodenlehre konfrontiert wird (das ist halt ein Mangel des Abiturstoffes); ich habe das selbst erlebt, weil die Hälfte meines Grundstudiums in Soziologie aus Statistik und Methodenlehre bestand (also ca. 30 Semesterwochenstunden); darum ist die Methodenlehre das Gebiet, woran die meisten Studenten scheitern.

Dies hat aber alles nichts mit der Schwierigkeit eines Fachgebietes zu tun; weil die Psychoanalyse Begriffe verwendet, die -anders als die der Methodenlehre- gleichlautend (aber nicht gleich!!!) mit der Umgangssprache sind, erscheint sie einfach als zugänglicher; dazu kommt noch, dass die Psychoanalyse von Studenten als Vertiefungsgebiet gewählt werden muss, die Methodenlehre aber unter Belegungszwang steht: ist doch klar, dass dann die Psychoanalytiker nicht Prüfungsanforderungen stellen, die abschrecken; hier greift einfach das Gesetz von Angebot und Nachfrage! Ich möchte also ganz entschieden darauf bestehen, dass Psychoanalyse nicht etwas „Weiches“ wäre, was jeder gleich gut begreifen würde; dass dem nicht so ist, sehe ich in diesem Forum zur Genüge

Ich glaube, diese Einschätzung wird auch von den meisten
anderen Studenten an unserer Universität geteilt; zudem gibt
es auf Grund dessen viele Ortswechsler und Studienabbrecher -
eben wegen den Fächern „Physiologie“ und „Methodenlehre“.

siehe oben!

Das schlimmste Argument, welches ich an unserer Universität
seitens einiger Studierender höre, ist: wozu man diese Inhalte
überhaupt lernen muss - man möchte doch schliesslich nur
Menschen behandeln. Einige fühlen sich bereits vor Abschluss
des Grundstudiums dazu berufen und bereit. Eine Auffassung,
die ich zugegebener Maßen etwas kritisch finde.

Eine Auffassung, die ich ebenfalls ablehne; genauso aber gilt für den VTler, etc. die Pflicht, Psychoanalyse erst dann zu attackieren, wenn er weiß, was er attackiert; das ist einfach eine Grundvoraussetzung!
Ansonsten bin ich aber tatsächlich der Meinung, dass man sehr wohl die Studienordung der Psychologie kritisieren kann und muss, freilich nicht auf der Basis eines Argumentes wie „Das ist doch nicht Psychologie“, wohl aber mit einem Argument wie: „Das bringt die Psychologie in eine Richtung, die ich aus bestimmten (begründeten) Haltungen heraus, falsch finde“. Denn man kann meines Erachtens absolut nicht behaupten, dass die zunehmende Ausweitung der Methodenlehre im Studienfach Psychologie die Richtung, die die Psychologie insgesamt einschlägt, nicht tangieren würde; Methodenlehre bringt eine Vorentscheidung mit sich in Bezug auf die Theorierichtung, die man einschlagen wird, weil die unterschiedlichen Richtungen auch unterschiedlich in ihrem Verhältnis zur Methodenlehre sind. Darüberhinaus ist es kein Naturgesetz, dass die Methodenlehre so dermaßen quantitativ ausgerichtet sein muss, wie sie das derzeit ist.

Zum Kernpunkt: Wer Menschen behandeln möchte, sollte wissen,
was er tut bzw. wovon er redet. Dazu gehört meiner Meinung
nach auch ein fundiertes Wissen der biologischen Grundlagen.
Zum Verständnis und zur Bewertung von Forschung und
Forschungsleistungen ist es darüber hinaus absolut notwendig,
dass man sowohl Statistische als auch methodische Kenntnisse
hat.

Ok, das akzeptiere ich, wenn Du meine Hinzufügung akzeptierst:
… oder dieses Wissen kritisch reflektieren und gegebenenfalls begründet zurückweisen kann; dies setzt klarerweise dessen Kenntnis voraus.

Wenn man einen methodischen Fehler im Design oder der
Auswertung entdeckt, dann weiss man, dass man die Ergebnisse
nicht verwerten kann. Dies ist meiner Meinung nach gar nicht
so selten.

Ja, man muss aber genauso wissen, auf dem Grund welcher philosophischer Vorannahmen diese Designs bzw. die Methoden ruhen, wie sie sich tatsächlich auf die „wirkliche Welt“ beziehen; und dieser Bezug ist heute äußerst problematisch geworden; die Philosophie und auch die Einzelwissenschaften diskutieren dies seit den 60er Jahren unter dem Stichpunkt einer „Krise der Repräsentation“; und derjenige, der die philosophischen Grundannahmen dieser quantitativen Methodenlehre ablehnt (und dies erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch begründen kann), lehnt damit nicht die Empirie ab, sondern fordert eine „bessere“ Konzeption von Empirie; (dies missversteht Oliver z.B. grundsätzlich); die Frage ist also nicht: Empirie oder Theorie-Spekulation?, sondern: welche Empirie? bzw. was ist Empirie?

Natürlich können sich Leute auch mittels anderen
(unbewiesenen, theoretischen) Ansätzen an die Behandlung
machen. Nur wird dies dann - wie ich finde - zu Recht nicht
von der Gesellschaft getragen.

1.) die Beweisbarkeit einer Theorie hängt nicht allein von der Theorie ab, die ich beweisen möchte, sondern ganz genauso von dem Instrumentarium, mit dem ich beweisen möchte; beispielshaft gesagt: nur weil ich mit einem falsifikationistischen Ansatz die Psychoanalyse ablehnen muss, kann ich nicht erwarten, dass diejenigen sie auch ablehnen, die nicht falsifikationistisch denken; Popper ist nicht der liebe Gott oder dessen Engel, der uns die Wahrheit überbringt. Das muss eine Kritik der Wissenschaftlichkeit berücksichtigen, will sie nicht selbst bloßer Dogmatismus werden.

2.) Als Soziologe muss ich natürlich ganz klar widersprechen, dass sich in der Gesellschaft diejenigen Theorien durchsetzen, die am „wahrsten“ sind; hier wirken viele andere Faktoren mit, oder glaubst Du, z.B. das Krankenkassensystem würde wahr/unwahr denken? Eher doch wohl effizient/ineffizient; damit aber kommt die Kostenfrage mit ins Spiel (dies war nur ein Beispiel für tausend andere, die zu nennen wären)

Übrigens ist die Anmerkung, dass es an unserer Universität
noch viele „Psychoanalytische“ Lehrstühle gibt, ist falsch. Es
gibt ein relativ kleines Institut, welches der klinischen
Psychologie untergeordnet ist, welches noch auf Ihrer
Grundlage funktioniert.

Ja, ok. Das stimmt, aber besagt meines Erachtens nichts über die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse, zumal die psychoanalytische Ausbildung eben der psychologischen bzw. der medizinischen nachgelagert ist.

Persönlich hoffe ich, dass es in naher Zukunft sowohl in der
Diagnostik als auch in der Behandlung wesentlich mehr
medizinische Standarts geben wird. Da sich z.B. Depressionen
auch durch hormonelle Reaktionen sichtbar machen lassen und
bei weiteren biometrischen Testverfahren relativ verlässliche
Angaben zur Ursache machen lassen (also kein Stochern im
Dunkeln mehr), könnte man so optimale Behandlungsmethoden
abstimmen.

OK, das ist eine ehrenwerte Hoffnung;
1)ich persönlich glaube nicht daran, weil etwa die Depression meines Erachtens ein zu komplexes Phänomen ist, als dass es jemals auf wenige Urachen zurückgeführt werden könnte, die noch dazu rein „somatisch“ wären; hier geht die Psychoanalyse einfach einen anderen Weg, hoffen aber tut sie genauso.

  1. Man darf nicht vernachlässigen, welche gesellschaftlichen „Nebenwirkungen“ eine solche „Optimierung von Behandlungsmöglichkeiten“ mit sich bringt (Im Falle der Depression sicher eher geringe). Gerade die Psychologie hängt in ihrem Wirken stärker als alle anderen Wissenschaften am Tropf gesellschaftlicher Erfolgskriterien, lässt sich stärker als alle anderen Wissenschaften von irgendwelchen Staatsideologien einspannen (man vergleiche den Nationalsozialismus genauso wie den Stalinismus oder die lateinamerikanischen Militärdiktaturen; Garcias Buch „Micropoliticas del Cuerpo“ z.B. singt ein trauriges Lied davon), für die Psychoanalyse gilt dies nicht so sehr, weil sie anders strukturiert ist, nicht so „effizient“ in Bezug auf diese Aufgabe ist; Du wirst mir sicher darin widersprechen, ich könnte diese These wohl auch nicht ganz verteidigen, aber zu bedenken ist sie meines Erachtens sehr wohl, und zwar nicht nur für den Soziologen, sondern ganz genauso für den Psychologen (am interdisziplinären Blick kann auch dieser heute nicht mehr vorbei)

Persönlich habe ich auch überhaupt nicht den Eindruck, dass
„Psychologie heute“ die „Psychoanalyse“ grundsätzlich
ausschliesst, mich deucht nur ab und an, dass umgekehrt ein
Schuh daraus werden könnte.

Meines Erachtens wird tatsächlich die Psychoanalyse massiv zurückgedrängt, dies ist schon an der Begriffs-Entwicklung der Diagnostik-Systeme ersichtlich (genuin psychoanalytische Nosologeme wie die Hysterie werden ersetzt; siehe Brandens Beitrag zur Kriterienfrage); umgekehrt ist es tatsächlich richtig, dass bestimmte Strömungen der Psychoanalyse (besonders die wenigen in Deutschland, die auf Lacan aufbauen) aus dem Gebäude der Psychologie ausscheren möchten, für den Mainstream der Psychoanalyse lässt sich das aber wohl eher nicht sagen. (Dass ich persönlich der Ansicht bin, dass Psychoanalyse und Psychologie tatsächlich grundsätzlich unvereinbar sind, möchte ich nicht verschweigen, kann es freilich hier nicht ausführlich begründen).

Wo wir gerade bei persönlicher Meinung sind: Ich bin weder Psychoanalytiker, noch sehe ich die Psychoanalyse (soweit man sie überhaupt im Singular nennen kann) unkritisch, wohl aber liegt mir etwas daran, die Psychoanalyse der Kritik ausgesetzt zu sehen, nicht ein Phantasma, auf das man leicht einschlagen kann, und das man dann „Psychoanalyse“ nennt. Schreib diesen Wunsch einer persönlichen Verliebtheit zu.

Viele Grüße
franz

P.S. Sorry, dass es so lang geworden ist!

Am Rande
Hallo Franz,

nett dich zu lesen in diesem Posting.

Bei einer solch schwachen und auf falschen Voraussetzungen
ruhenden Argumentation, welche die Psychoanalyse innerhalb von
drei Teilsätzen zu bloßem Placebo und zu Religion macht, soll
man nicht zu Gunsten der Psychoanalyse in diesem Forum
auftreten dürfen? Ich würde an vielen Stellen viel lieber
gegen die Psychoanalyse argumentieren, aber solange es sie in
diesem Forum nur als Zerrbild gibt …

In diesem Forum gibt es verschiedene Meinungen, und manche wissenschaftliche Schulen sind vertreten, Eitelkeiten auch. Also nur eine kleine Korrektur meinerseits - es gibt kein einheitliches Bild „in diesem Forum“. Es ist nicht Olivers Forum, mit anderen Worten. Ok? :smile:

Gruß

Hallo Peet,

nett dich zu lesen in diesem Posting.

Danke! Gleichfalls.

In diesem Forum gibt es verschiedene Meinungen, und manche
wissenschaftliche Schulen sind vertreten, Eitelkeiten auch.
Also nur eine kleine Korrektur meinerseits - es gibt kein
einheitliches Bild „in diesem Forum“. Es ist nicht Olivers
Forum, mit anderen Worten. Ok? :smile:

Das freut mich ehrlich zu hören; aber bisher hatte ich diesen Eindruck halt; es kann sein, dass er in Bezug auf das Forum falsch war, in Bezug auf die Richtung, die die universitäre Psychologie eingeschlagen hat, leider wohl eher nicht.

Viele grüße
franz