Hallo liebe Experten,
ich bereite gerade das Prüfungsthema „Bipolare-affektive Störungen im Kindes- und Jugendalter“ vor. Für die Prüfung soll ich in der Lage sein, die Unterschiede zwischen ICD-10 und DSM-IV (affektive Störungen) zu benennen. In der Literatur finde ich leider nur wenige Angaben. Ich habe zwar einen Artikel zu dem Thema gefunden (van Drimmelen-Krabbe, Bertelsen, Pull: Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen ICD-10 und DSM-IV. In: Psychiatrie der Gegenwart 2), die Angaben stimmen aber teilweise nicht und sind auch nicht sonderlich ausführlich. Könnt ihr mir einen Literaturtip geben?
Im Voraus vielen Dank, Jule*
Hallo Jule
Ich habe zwar einen
Artikel zu dem Thema gefunden (van Drimmelen-Krabbe,
Bertelsen, Pull: Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen
ICD-10 und DSM-IV. In: Psychiatrie der Gegenwart 2), die
Angaben stimmen aber teilweise nicht und sind auch nicht
sonderlich ausführlich.
Ich fürchte, du musst mit diesen letzten Unvereinbarkeiten leben. Nicht nur die beiden großen Diagnose-Katechismen sind unterschiedlich, sondern auch darüber hinaus fließ gerade in der Psychiatrie und der Psychotherapie immer die subjektive Sicht des Autors massiv mit ein.
Z.B. aus psychoanalytischer Sicht sind diese Diagnose-Schlüssel auch höchst unbefriedigend. Eine hysterische Persönlichkeitsstruktur soll nun z.B. durch das Wort „histrionisch“ ersetzt werden.
Eine Kapazität wie Otto Kernberg führt aber überzeugend aus, dass man zwischen einer hysterischen Persönlichkeitsstruktur und einer histrionischen unterscheiden sollte, weil letztere sich nicht auf demselben Niveau befindet usw. usf.
Könnt ihr mir einen Literaturtip
geben?
Könnre ich, würde aber in Anbetracht deiner bevorstehenden Prüfung nur noch mehr Verwirrung stiften. 
Geh einfach cool mit der Unveeinbarkeit und Unvollkommenheit dieser Diagbnose-Systeme in die Prüfung und vertrete z.B. diesen Standpunkt.
Gruß,
Branden
Hallo,
zunächst vielen Dank für die flotte Antwort! Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Klassifikationssysteme in mancher Hinsicht ungenügend sind. Ich denke, dass lässt sich bei einer kategorialen Betrachtung psychischer Störungen nicht vermeiden, da in der Realität ja oftmals nur einige Symptome eines (oder mehrerer) Störungsbildes/ Störungsbilder auftreten. Trotzdem haben die Systeme meiner Ansicht nach eine Existenzberechtigung, weil sie beispielweise in der Forschung oder bei der Planung günstiger Interventionsmaßnahmen sehr hilfreich sein können. Meine Frage bezieht sich jedoch eher auf eine andere Ebene: Wie sieht das DSM affektive Störungen und wie die ICD? Welche grundsätzlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich feststellen (z.B. in der Definition der Störung). Demnach beziehen sich die Fehler in dem Artikel auch weniger auf die subjektive Sicht der Autoren. Ich habe vielmehr „objektive“ Fehler festgestellt. Als Beispiel: Die Autoren beschreiben die Diagnose „Bipolar II, letzte Episode manisch“. Bei der Bipolar II Störung tritt aber per definitionem niemals eine Manie auf, sondern Symptome einer Hypomanie. Ein weiteres Beispiel ist, dass die Autoren im Bezug auf die Hypomanie psychotische Symptome erwähnen, bei einer Hypomanie treten aber sowohl nach ICD, als auch nach DSM niemals psychotische Symptome auf!! Ich suche also nach Unterschieden, die bei der Lektüre der Störungsdefinition „objektiv“ feststellbar sind. Nochmal ein Beispiel (einige Unterschiede habe ich bereits selber herausgefunden): Das DSM lässt alle psychotischen Symptome zu, die ICD jedoch nur psychotische Symptome, die nicht den typisch schizophrenen zugeordnet werden können (also keine Symptome 1. Ranges und keinen bizarren Wahn); ICD und DSM haben bezüglich der Symptome für eine Depressive Episode/Major Depression unterschiedliche diagnostische Schwellen usw.).
Ich hoffe, ich konnte meine Frage nun deutlicher formulieren.
Trotzdem vielen Dank für die Hilfe! Vielleicht finden sich ja weitere Experten, die mir einen Tip geben können.
Gruß, Jule*
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Hallo Jule
Das DSM
lässt alle psychotischen Symptome zu, die ICD jedoch nur
psychotische Symptome, die nicht den typisch schizophrenen
zugeordnet werden können (also keine Symptome 1. Ranges und
keinen bizarren Wahn)
Das finde ich überzeugend und auch ausgesprochen praktisch. Ich erinnere mich, wie wir damals auf Psychiatr. Abteilungen ab und an schwer zwicshen einem Maniker und einem Schizophrenen unterscheiden konnten. Ich selber hielt mich instinktiv an solche Unterscheidung, wie sie oben durch das ICD gesagt werden.
Weiterhin spricht für das ICD, dass es eben in Deutschland (und Europa?) das von den Kassenärztlichen Vereinigung anerkannte Diagnose-System ist. Das DSM ist, glaube ich, aus USA.
Im Zweifelsfall würde ich mich also eher nach dem ICD 10 richten.
Gruß,
Branden
Hallo,
Könnt ihr mir einen Literaturtip geben?
Essau, C. A. & Petermann, U. (2000). Depression. In F. Petermann (Hrsg.), Klinische Kinderpsychologie und -psychotherapie (S. 291-322). Göttingen: Hogrefe.
berücksichtigen auch bipolare Störungen und gehen auf Unterschiede zwischen DSM-IV und ICD-10 ein.
Grüße,
Oliver Walter