Alexithymia

Hallo Ihr!

Kann mir jemand erklären, was Alexithymia genau ist und wie sich das auf die Beziehungen der betroffenen Person auswirkt?

Mr.Check sagt mir gerade, ein Alexithymiker sei jemand, der seine Gefühle nicht richtig beschreiben kann. Mich interessiert, ob der A. seine Gefühle denn überhaupt fühlen kann, ob er sie überhaupt richtig wahrnimmt.
Was heisst schon „richtig“ wahrnehmen?
Sehr verwirrend, ihr merkt schon.
Wie kommuniziert man denn mit so jemandem, wenn man per Definitionem keine gemeinsame Sprache hat? Hat man vielleicht trotzdem gemeinsame Erlebnisse und Gefühle?

Danke schon mal und Gruß,
pascale

Alexithymie
Hallo!

Als Alexithymie oder Alexithymia wird das bei psychosomatischen Störungen auftretende Symptom bezeichnet, eigene Gefühlszustände nicht in Worte fassen zu können, obwohl die entsprechenden physiologischen Erregungszustände vorhanden sind und vom Patienten / von der Patientin wahrgenommen werden. Es handelt sich dem Wort nach also um eine „Benennungsstörung“, d.h. die Patienten finden keinen Namen für das, was sie empfinden.

Wenn ich Stanley Schachters kognitive Theorie der Emotion zugrundelege, kann ich diese Störung der 2. Stufe des Emotionsprozesses zuordnen: Auf der 1. Stufe wird eine unspezifische physiologische Erregung wahrgenommen (ich „fühle“ irgendetwas) und auf der 2. Stufe wird diese physiologische Erregung kognitiv bewertet (das „Gefühl“ erhält einen Namen), z.B. durch Attribution (was hat das Gefühl ausgelöst? Nadel hat mich gepiekst --> Schmerz). Die Prozesse laufen natürlich meistens automatisch und unbewußt ab.

Nach B.F. Skinner kann man die Benennung von physiologischen Erregungszuständen als Ergebnis eines Sozialisations- / Lernprozesses ansehen. In der Kindheit wird einem gesagt, daß ein bestimmter Zustand (physiologische Erregung + Mimik + Gestik) z.B. Freude heißt, so daß wir als Erwachsene „wissen“, was wir fühlen. Wenn ich nun psychosomatische Störungen mit Erregungszuständen verbunden ansehe, deren Benennung nicht erlernt wurde (weil die Erregungszustände in der Kindheit oder generell selten vorkommen), dann fehlt der Name für den Erregungszustand.

Daß die Benennungsschwierigkeiten auch bei gesunden Personen vorkommen, überrascht mich nicht. Denn wer ein hohes Maß an Selbstbeobachtung seiner Körperfunktionen und seiner „Psyche“ hat, der wird manchmal feststellen, daß die sprachlichen Begriffe nicht immer genau das wiedergeben, was man wirklich fühlt (z.B. bei ambivalenten Gefühlen: „Irgendwie mag ich ihn, irgendwie auch nicht. Es ist so ein seltsames Gefühl, das ich nicht richtig in Worte fassen kann.“) Insofern tritt das Problem in abgeschwächter, nicht klinischer Form also auch bei „gesunden“ Personen auf.

Unterhalten kann man sich sicher mit den Leuten, es ist aber nur schwierig, sich über Dinge zu unterhalten, die man schlecht beschreiben kann. Aber wie Skinner anmerkte, ist es nicht verwunderlich, weil nur jeder selbst Zugang zu seinen körperinternen Reizen hat und deshalb keine soziale Überprüfung stattfinden kann, ob die Empfindungen „richtig“ oder „falsch“ (im Sinne von sozialer Norm) sind. Persönlich finde ich es auch gut so, denn damit sind Gefühle einzigartiger Bestandteil jedes Menschen.

Gruß,

Oliver