Das entscheidende Kriterium für den
Beginn einer Alkoholkrankheit ist IMHO
nicht die Menge oder die Dauer, sondern
die Frage, ob der/die Betroffene ohne den
Alkohol auskommen würde, d.h. ob er
irgendwelche Entzugserscheinungen
physischer oder psychischer Art zeigen
würde, wenn man ihm den Alkohol radikal
entziehen würde.
Leider nicht ganz so einfach. Alkoholeinnahme ist häufig auch ein „Ritual“. Wenn man einem Kind sein gewohntes Einschlafritual verändert, wird es zumindest vorübergehend schlechter einschlafen und oft auch Alpträume haben.
Die Tendenz zur Entwicklung eines
Suchtreflexes ist ja bei den Menschen
sehr verschieden ausgeprägt.
Möglicherweise wahr, aber was ist ein Suchtreflex? Es wäre vielleicht auch sinn- voll, nicht jeden „bedingten Reflex“ gleich unter Krankheit einzuordnen.
Die meisten Menschen, die regelmäßig
Alkohol trinken, sind davon überzeugt,
daß sie es jederzeit lassen könnten, auch
die, die es schon nicht mehr können.
Noch einmal: Betroffene erzählen solchen Unsinn, wissen aber sehr genau, was sie können oder nicht.
Nach meiner Erfahrung (ich habe als
Jugendlicher und „junger Erwachsener“ in
der Suchtgefährdetenhilfe gearbeitet) ist
es der schwierigste Schritt, einem
Abhängigen klarzumachen, daß er abhängig
ist.
Genau das ist es nicht. Es geht nicht darum, ihm etwas klarzumachen -er weiß es ganz genau-,sondern ihn dazu zu bringen, sich zu öffnen einem ihm vertrauten Menschen gegenüber, der nicht unbedingt ein professioneller, wie immer geschulter (??) Helfer sein muß. Ich war immer erstaunt, wie leicht sich die „Professionellen“ von ihren Patienten verschaukeln ließen.
Leider stellt sich die Einsicht in vielen
Fällen erst nach dem totalen Absturz ein.
Nicht die Einsicht stellt sich ein, sondern die Bereitschaft, gegen die bekannte Sucht anzukämpfen in der Regel mit negativem Ergebnis. Relativ gute Ergebnisse haben stationäre Einrichtungen,die z.B.zuvor verlangen,der Kranke müsse mindestens 6 Wochen „trocken“ sein vor Beginn der Behandlung. Die Erfolgsquote liegt dann bis zu 60%. Hierunter sind allerdings versteckt ein hoher Prozentsatz nicht Süchtiger, sondern „stinknormaler“ (soll hier nicht verteidigt werden) Säufer. Insgesamt liegt die registrierte langfristige Erfolgsquote in unserem Land bei 10%. Diese Zahl sollte eigentlich die beruflich mit „Alkohol-Sucht“ Beschäftigten veranlassen, über ihre Denkweise und Methoden gründlich nachzudenken.
Rüdiger Dierkesmann