'Alle wissen es' - Phänomen

Hallo Ihr lieben Leute,

Alle wissen es, … nur der, den es betrifft, erfährt als letzter Kenntnis von einem Sachverhalt.

Z.B. erwägt die Geschäftsleitung die Kündigung der Frau Schulze. Frau Schulze ist eine geschätzte und beliebte Kollegin.

Aber seither die gesicherte Information durchgesickert ist, dass sie in den nächsten Tagen die Kündigung bekommt, verhalten sich alle, die davon wissen, reserviert-behutsam zu ihr.

Keiner sagt zu ihr, was ihm da zu Ohren gekommen ist, hält es für nötig, sie einzuweihen.

Und Frau Schulze, die gleichzeitig mit der Kündigung erfährt, dass alle davon gewusst haben, nur sie nicht, empfindet sich damit der Reihe nach geohrfeigt.

Warum ist das so? Wie ist dieses Phänomen der Schweigemauer zu erklären? Verlässt sich einer auf den anderen („der wird´s ihr schon gesagt haben, sind ja enger in Kontakt“) oder denken die „Wisser“ einfach nicht so darüber nach?

Kann mich da gerade nicht reinversetzen.

Schönen Dank!

M

Selbstschutz des Boten - Antiker Ursprung
Hallo Herr Meyer,
ich kann mich da schon reinversetzen.
Glaube, das funktioniert einfach so:
Der Überbringer schlechter Nachrichten wird seit jeher häufig für den Inhalt seiner Botschaft verantwortlich gemacht.
Dem möchten sich viele Menschen entziehen, sonst müssten sie evtl. mit negativen Reaktionen rechnen ( und umgehen lernen!)
Sie hoffen darauf, das ein anderer diese Verantwortung und eventuelle Folgen auf sich nimmt.
Vielleicht interessant dazu:
http://www.assoziations-blaster.de/blast/Kassandra.1…
http://www.gavagai.de/zitat/HHC192.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Bote
http://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_(Mythologie)#…
http://de.wiktionary.org/wiki/Bote
http://plateaupress.com.au/wfw/pleasedo.htm

Gruß zum Wochenende :o)
Finjen

etwas off topic:
War vor ewigen Zeiten auf der Hochzeit des früheren Ehemannes meiner Freundin eingeladen und traute mich lange nicht, ihr überhaupt von dieser Hochzeit zu erzählen…
Fühlte mich mies und verräterisch, sein neues Glück sozusagen mit zu feiern. Als ich mir endlich ein Herz fasste und es ihr „gestand“, war sie einfach nur froh, es nicht von Fremden zu hören… Habe mich ziemlich geschämt damals. Tja, so läuft das leider manchmal…

Hallo Herr Meyer,

ich kann mir vorstellen, dass eine Reihe von Gründen dagegen sprechen, die betroffene Person einzuweihen.

Die einen werden sich denken, es ist nicht meine Aufgabe es der Person kundzutun, dass soll der Chef schon höchstpersönlich machen.

Die anderen werden denken, besser Frau Schulze als ich, fühlen sich vielleicht sogar solidarisch mit der Geschäftsführung, weil die sich entschieden hat jemand anderes rauszuwerfen, während man selber als potentieller Kündigungskandidat sozusagen „gesaved“ wurde.

Ein weiterer Aspekt könnte sein, dass es wohl in der Natur des Menschen liegt, unangenehme Dinge weitaus weniger schnell mitteilen zu wollen, als positive. Ich denke da an die vor einigen Jahrhunderte praktizierte Köpfung der Überbringer schlechter Nachrichten.

Zudem stellt sich oft wohl die Frage, wie gesichert diese Informationen wirklich sind. Du stimmst mir wohl zu, dass es sehr peinlich sein könnte, wenn man jemanden auf eine bevorstehende Kündigung hinweist, die sich im Nachhinein nur als Säbelrasseln der Geschäftsführung entpuppt oder sich gar als völlig falsch erweist.

Ein letzter Gedanke könnte sein, dass dieses Einweihen ja zwangsläufig auch eine Reaktion erfordert. So könnte Frau Schulze nach Entgegennahme der Information in Tränen aufgelöst zum Chef rennen und das Gespräch mit: „Sie Penner, wissen Sie was mir Herr Meyer gerade erzählt hat…“ beginnen. Würde dem Chef wahrscheinlich nicht so gut schmecken.

Also alles sehr komplex…ich persönlich würde nur Arbeitskollegen, mit denen ich sehr vertraut bin, vielleicht schon fast freundschaftliche Beziehungen pflege, von derart geplanten Aktionen erzählen und mich ansonsten auch zurückhalten.

Gruß,
Amorph…