Alles nur Theater?

Erziehung oder Unterhaltung? Im großen Polit-Theater sind nur noch Quoten die Währung, und die Inszenierung ist alles - bedeutet die Sache gar nichts mehr? / Von Herfried Münkler

Entscheidend sei, was in der Glotze und in der „Bild“-Zeitung vor sich gehe, alles andere interessiere ihn nicht - als Gerhard Schröder zu Beginn seiner Kanzlerschaft mit diesem Bekenntnis aufwartete, hatte das noch etwas Frivoles. Inzwischen hat unser Medienkanzler der Erkenntnis, daß es in der Politik mehr und mehr oder, wie einige glauben: sogar ausschließlich auf die Inszenierung ankomme, zum Durchbruch verholfen. Daß Politik Theater sei, ist dabei keine bahnbrechend neue These, aber das Theaterhafte hat sich in der Politik in einer Weise verfestigt, die aus dem mündigen Wähler einen Gebührenzahler zu machen droht, der sich schon in der ersten Reihe wähnt, wenn er sonntags bei Sabine Christiansen zuschaltet. „Die Fähigkeit einer geschliffenen Rhetorik“, schreibt der Berliner Politologe Herfried Münkler, „ist längst durch smarte Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb von dreißig Sekunden vor laufenden Kameras eine politische Botschaft zu pointieren, ist wichtiger als die mitreißende Entwicklung einer politischen Idee in einer längeren Rede.“ Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Vielleicht hat die Politik den Zugriff auf den Gang der Dinge gar nicht abgegeben, und das große Polit-Theater erzieht zu mehr Urteilskraft.

F.A.Z. Einige Beobachter des politischen Geschehens schlagen Alarm: Politik, und zwar keineswegs bloß deren Darstellung in den Medien, sondern auch die Entscheidungsabläufe selbst, verkomme zu einer Veranstaltung, die unter dem Diktat der audiovisuellen Medien steht, die, wenn sie beim Publikum Erfolg haben solle, Unterhaltungswert haben müsse.

Dementsprechend würden Konflikte inszeniert und Personen präsentiert, ohne daß dies mit der Sachlogik des politischen Entscheidungsgangs irgend etwas zu tun habe; es gehe bloß darum, auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeiten gegenüber anderen Unterhaltungsangeboten nicht ins Hintertreffen zu geraten. Eine Politikberichterstattung, die bei der allabendlichen Programmauswahl nicht sogleich weggezappt werden will, muß entsprechend durchgestylt sein. Um in die Nachrichten zu kommen, hätten sich die Politiker inzwischen entsprechend designt. Das alles habe, so die Kritik, mit sachlicher Politik nur noch wenig zu tun.

Tatsächlich läßt sich eine Fülle von Einzelbeobachtungen zusammenstellen, die diese These bestätigen und womöglich als Bedrohung für die repräsentative Demokratie anzusehen sind. In zunehmendem Maße haben die Parlamente die Funktion der konkurrierenden Präsentation von Interessen und Wertorientierungen, deren argumentativer Vermittlung, schließlich der Ermittlung von Kompromißlinien und Gemeinsamkeiten an politische Talkshows verloren. Fast durchweg haben politische Talkshows höhere Einschaltquoten als die Parlamentsberichterstattung auf Phoenix, und damit haben sie, wenn Quoten die Währung auf dem Markt der Aufmerksamkeiten darstellen, auch eine höhere politische Relevanz.

Fragen der medialen Vermittlung sind dem Politikprozeß schon lange nicht mehr äußerlich - und wahrscheinlich sind sie es auch nie gewesen. Im Falle der Relevanzverschiebung vom Parlament zur Talkshow zeigt sich dies unter anderem darin, daß es für einen aufstrebenden Politiker ein größerer Karriereschritt ist, zu Sabine Christiansen oder Maybrit Illner eingeladen zu werden, als von seiner Fraktion im Rahmen einer Parlamentsdebatte ans Rednerpult geschickt zu werden. Parlamentsauftritte sind in der Regel nur noch relevant für das Ranking innerhalb der Fraktionen; Talkshoweinladungen bieten die Chance, die Meinungsführerschaft in bestimmten Fragen zu erlangen. Wer in einer Talkshow brilliert, bietet sich damit für höhere politische Aufgaben an.

Der parlamentarischen Beschlußfassung sind Prozesse vorgeschaltet, in denen Dissens markiert und Konsens hergestellt wird; diese haben sich im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts und seiner tiefgreifenden medialen Veränderungen aus dem Parlament herausverlagert. Nun hat es in der Verfassung nicht vorgesehene informelle Strukturen von jeher gegeben. Aber sie hatten ihren Platz innerhalb des Parlaments und der in ihm vertretenen Parteien. Die Informalität von Meinungsbildungs- und -aushandlungsprozessen hat eine andere Qualität bekommen.

Wie auch immer man deren Bedeutung und Folgen gewichtet - eines ist sicher: Die klassischen Politikvermittlungsfunktionen des Parlaments und damit über weite Strecken auch seine Kontrollfunktion gegenüber der Regierung sind auf außerparlamentarische Formen medialer Inszenierung übergegangen, und immer häufiger sind parlamentarische Behandlungsformen politischer Fragen, von den großen Plenardebatten bis zu den Untersuchungsausschüssen, nur noch Nachbearbeitungen dessen, was in den Medien zuvor breit behandelt und hinsichtlich möglicher Positionen auch vorentschieden worden ist.

Die Selbstermächtigungsphantasien, wie sie die außerparlamentarische Opposition der späten sechziger Jahre geprägt haben, nehmen sich bescheiden aus neben der Realität einer außerparlamentarischen Politikvermittlung, von der die Talkshows nur ein kleinerer und sicherlich nicht der problematischste Bestandteil sind.

Die Theatralisierung der Politik, wie sie von den Auftritten der Politiker vor den Kameras über die auf das Fernsehen zugeschnittene Inszenierung von Parteitagen bis hin zur Terminierung von Entscheidungen nach den Sendezeiten der großen Fernsehsender zu beobachten ist, ist längst kein bloßes Problem der Politikvermittlung mehr, sondern rührt an die Grundfragen der politischen Ordnung, in erster Linie des Parlamentarismus und wohl auch der Demokratie überhaupt.

Die um sich greifende Politiktheatralisierung ist als Bestandteil einer grundlegenden Transformation der Demokratie zu begreifen, als Element einer neuen Metamorphose der Demokratie, die allmählich jenen Typus der parlamentarischen Demokratie ablösen wird, den wir uns angewöhnt haben, mit der Demokratie als solcher zu identifizieren. Zunächst legt die Semantik einer Politiktheatralisierung freilich andere Vermutungen nahe als die der Herausbildung eines neuen Typus der Demokratie: Wo Theater gespielt wird, sich also ein Publikum versammelt, um sich durch die Leistungen von Schauspielern unterhalten zu lassen, gibt es Grund zu der Vermutung, daß sich im uneinsehbaren Hintergrund der Bühne ein Autor, ein Regisseur sowie Souffleure und Maskenbildner verbergen, die die Fäden ziehen und über das entscheiden, was das Publikum zu sehen bekommt.

Auf die Politik übertragen, heißt dies, daß, wo Theatralisierungen konstatiert werden, Manipulationsverdächte und Verschwörungsängste naheliegen. Nennen wir dies die mit der Theatralisierungsbeobachtung verbundene Manipulationsthese. Sie ist in der Geschichte des demokratischen Denkens, präziser: der Sorge des Republikanismus vor der Aushöhlung bürgerschaftlicher durch herrschaftliche Ordnungsmodelle immer wieder anzutreffen.

Die zunehmende Politiktheatralisierung, wie sie insbesondere durch das Fernsehen als Leitmedium moderner Gesellschaften forciert wird, ist Indikator einer neuen Form von Arkanpolitik, bei der alles Wichtige und Folgenreiche hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird, während für das allgemeine Publikum anschließend ein Theater in Szene gesetzt wird, das mit dem zuvor Verhandelten und Abgemachten nur wenig zu tun hat.

Die Entscheidungsprozesse auf europäischer Ebene zumal lassen sich leider häufig nach den Vorgaben dieses Modells beschreiben, und insbesondere der in kleineren Ländern der Europäischen Union auftretende Widerstand gegen diese Verhandlungs- und Entscheidungsprozeduren ist ein Anzeichen dafür, daß ein Teil der europäischen Bürgerschaft so ohne weiteres nicht bereit ist, sich auf den Status eines zahlenden Publikums zurückstufen zu lassen. Das Dilemma dieser Kritik besteht freilich darin, daß sie keine überzeugende und handhabbare Alternative anzubieten vermag.

Was in den letzten Jahren an Konzeptionen der Zivilgesellschaft entwickelt und in Umlauf gebracht worden ist, erweist sich nur auf lokaler, allenfalls regionaler Ebene als politisch praktikabel. Die Formel einer europäischen Zivilgesellschaft ist über eine bloße Floskel nie hinausgekommen; schon wo sie als politische Vision apostrophiert wird, ist dies ein Euphemismus. So steckt das Modell der Zivilgesellschaft als Alternative zur theatralen Politikkonzeption von Bühne und Publikum in demselben Kerker, in dem sich bereits der Republikanismus des 17. und 18. Jahrhunderts befunden hat: Es hat Plausibilität nur für kleinräumige und überschaubare Verhältnisse, und je stärker Politik in globalen Maßstäben agiert, desto weniger ist erkennbar, wie es gegen das Theatralitätsmodell ankommen kann.

Aber womöglich soll die Theatralisierung der Politik gar nicht verbergen, daß die wichtigen Fragen im verborgenen verhandelt und die Strippen im geheimen gezogen werden, sondern bloß überspielen, daß die Politik ihren Einfluß auf den Gang des Geschehens verloren hat. Mit der Erosion staatlicher Gestaltungsmacht im Gefolge von Deregulierung und Globalisierung haben die Politiker als Geschehensgestalter abgedankt. Weil sie dies sich und anderen jedoch nicht eingestehen wollen, haben sie politische Theater errichten lassen, auf denen sie sich weiterhin als Herren des Geschehens inszenieren lassen - Politik wird theatralisiert, damit ihr Relevanzverlust kaschiert wird. Nennen wir dies die Irrelevanzthese.

Sie ist der Manipulationsthese darin entgegengesetzt, daß für sie das politische Theater nicht Instrument der Allmacht von Politikern, sondern Indikator ihrer Ohnmacht ist. Heben die Manipulationstheoretiker darauf ab, die theatralen Politikinszenierungen durchschaubar zu machen und Einblick in das abgedunkelte Geschehen im Hintergrund zu gewinnen, so nehmen die Irrelevanztheoretiker das politische Theater bei seinem Nennwert auf dem Markt der Aufmerksamkeiten: seiner Unterhaltungsfunktion. An politischen Inszenierungen ist nichts anderes interessant und zu entdecken als das, was auf der Bühne gezeigt und gespielt wird; wer mehr zu finden meint, ist ein Opfer von Verschwörungsphantasien.

Halten die Manipulationstheoretiker am alten Anspruch der Aufklärung fest, daß die Geheimnisse der Macht durchschaut und offengelegt werden müßten, weil erst völlige Publizität des Politischen eine friedliche und gerechte Welt ermögliche, so wenden die Irrelevanztheoretiker dagegen ein, das einzige Geheimnis, das die Theatralisierung der Politik verberge, sei, daß die Politik kein Geheimnis mehr habe.

So wiederholt sich in der Debatte über die Theatralisierung der Politik der Streit zwischen den Verteidigern der Moderne, die deren Programm der Selbstaufklärung als Grundlage einer jeden freiheitlich-rechtsstaatlichen Ordnung bewahren und zu neuer Geltung bringen wollen, und den Theoretikern der Postmoderne, die darin eine Selbsttäuschung sehen, weil sich alles, auch die Politik, auf Oberflächen vollzieht, die vielfältig und vielgestaltig sind, aber nichts weniger als Tiefe und Hintergrund besitzen.

Für eine genauere politikwissenschaftliche Analyse dessen, was die unter dem Einfluß einer veränderten Medienstruktur der Gesellschaft sich vollziehende Politiktheatralisierung für die Ordnung des Politischen bedeutet und welche Folgen daraus für die Demokratie erwachsen, bringen beide Theorieparadigmen freilich wenig. Ihre vorweg gegebenen Antworten sind so prinzipiell, daß für eine nuancierte Detailbetrachtung weder Platz noch Interesse bleibt.

Tatsächlich nämlich haben sich Demokratie und Theater keineswegs immer und grundsätzlich ausgeschlossen, wie dies der Republikanismus unter dem Eindruck eines herrscherlichen Gebrauchs von Theatralität gemeint hat. Daß die Blütezeit der attischen Demokratie und die glanzvolle Periode von Tragödie und Komödie in Athen zusammengefallen sind, ist immer wieder mit Erstaunen bemerkt worden. Erklärungen für diese Gleichzeitigkeit sind freilich wenige angeboten worden.

Aus der Sicht der jüngsten Politiktheatralisierungen läßt sich das komplementäre Spannungsverhältnis zwischen einer partizipativen Ordnung des Politischen und der theatralen Darstellung politischen Handelns vor der versammelten Bürgerschaft womöglich genauer bestimmen, als dies einer politikfernen, nach grundsätzlichen Fragen und Antworten des Lebens Ausschau haltenden Herangehensweise möglich war. Immerhin hat die Bürgerschaft, die an dem einen Tag sich die dialogisch-kontroverse Behandlung von Grundfragen des Politischen im Theater angesehen hat, am nächsten Tag als politisch Handelnder in der Volksversammlung ganz ähnliche Probleme zu entscheiden gehabt.

Agora und Theater schlossen sich nicht aus oder konkurrierten um die größere Aufmerksamkeit, sondern ergänzten und stützten sich gegenseitig. Jene demokratischen Politiker, die dem Volk den Weg ins Theater erleichterten, indem sie ihm Aufwandsentschädigungen für den Besuch der Aufführungen auszahlten, scheinen sich dessen bewußt gewesen zu sein. Tragödie wie Komödie der Athener waren wesentliche Elemente bürgerschaftlicher Erziehung, die die Folgen von Entscheidungen wie Nichtentscheidungen vor Augen führten und so die Informationsverarbeitungskompetenz der Bürgerschaft ausbildeten und steigerten.

Das Theater war - zumindest funktional - eine Form politischer Erziehung in der Demokratie. Die Orestie, der Ödipus oder die Antigone waren auch Reflexionen auf die Risiken und Dilemmata der Politik, in denen der Bürgerschaft vor Augen geführt wurde, was alles zu bedenken war, wenn man politisch handelte. Das Theater stellte einen zur Agora komplementären Reflexionsraum der Politik dar, und dies war es nicht zuletzt darum, weil die Zeitverhältnisse des Theaters andere waren als die der Politik und das, was auf der Agora an Entscheidungen aus den Zwängen des Augenblicks heraus zu fällen war, hier in langfristiger Einbeziehung von Vor- und Nachgeschichte dargestellt und reflektiert werden konnte.

Politikreflektierendes Theater und eine partizipatorische Ordnung des Politischen haben sich so wechselseitig ergänzt und befördert: Das Publikum verblieb nicht in einer bloß kulinarischen Interessiertheit am Aufstieg und Sturz heroischer Gestalten, weil die hier behandelten Fragen und Probleme seine eigenen waren, mit denen es womöglich am nächsten Tag schon in der Volksversammlung konfrontiert werden konnte. Und die zur Beratung und Entscheidung versammelte Bürgerschaft gewann aus den Aufführungen der Tragödien Hinweise darauf, was alles zu bedenken war, wenn man über politische Fragen zu entscheiden hatte.

Das Volk entscheide nach der Gestimmtheit des Augenblicks und sei darum zu einer nachhaltigen Politik nicht fähig, haben ihre Kritiker der attischen Demokratie ein ums andere Mal vorgehalten. Diese Demokratiekritik war in der Regel die Vorrede zu einem Lob der Aristokratien, in denen Entscheidungen nicht nach der Gestimmtheit des Augenblicks erfolgten. Das politische Theater war die Antwort der attischen Demokratie auf die ganz anders gearteten Konzepte politischer Erziehung, wie sie Aristokratien zu bieten hatten. Es war - auch - Erziehung zu politischer Urteilskraft.

Die parlamentarische Demokratie der westlichen Gesellschaften hatte auf diese quasiinstitutionelle Form der Ausbildung politischer Urteilskraft verzichten können, weil sie in der Form von Repräsentativkörperschaften gleichsam aristokratische Elemente in den Prozeß der politischen Willensbildung inkorporiert hatten. Gerade diese aber werden durch die neuen Formen der Politiktheatralisierung unterlaufen und ausgehebelt. Die Theatralisierung der Politik ist gleichbedeutend mit einer Erhöhung der politischen Prämien auf Populismus.

Und das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Theater, wie es für die attische Demokratie charakteristisch war, wird durch die Politiktheatralisierung gerade aufgelöst; das Rollenrepertoire der Bühne wird zum Rollenrepertoire der Politik selbst. Das reicht von der Inszenierung des Privatlebens der Politiker, durch die ihre Wahlchancen erhöht werden sollen, bis zu jenen Formen umweltpolitischen Agenda-Settings, wie es von Greenpeace perfektioniert wurde. Die Initiativen der Bürger, die sich aus Sorge um die Bedrohung ihrer Umwelt politisch engagierten, sind abgelöst worden durch eine kleine Gruppe von Professionals, die in Form spektakulärer Aktionen Medienereignisse produzieren, um damit sowohl Aufmerksamkeit für spezifische Umweltfragen als auch neue Anreize für die Spendenwilligkeit des Publikums zu schaffen.

Der sich für die Erhaltung und Reproduktion kollektiver Güter engagierende Bürger ist ersetzt durch ein interessiertes Publikum, das seine politische Präferenzbildung in Form steuerabzugsfähiger Spenden artikuliert. Der Kampf um die knappe Ressource der Aufmerksamkeit des Publikums ist zum wichtigsten Betätigungsfeld der Umweltaktivisten geworden. Die Mittel, mit denen sie diesen Kampf führen, sind immer seltener solche der überzeugenden Argumentation und immer häufiger die einer gelungenen Inszenierung. Nicht viel anders ist es um die Rekrutierung des politischen Personals bestellt. Die Fähigkeit einer geschliffenen Rhetorik ist längst durch smarte Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb von dreißig Sekunden vor laufenden Kameras eine politische Botschaft zu pointieren, ist wichtiger als die mitreißende Entwicklung einer politischen Idee in einer längeren Rede.

Das Bedauern darüber mag man als Geschmacksfrage abtun; aber immerhin hat sich mit diesem Wandel eine Verengung des Reflexionsraums vollzogen, die durch die Vermehrung politischer Talkshows im Abendprogramm der Fernsehsender nicht kompensiert werden kann. Daß aus der Eloquenz im Fernsehen auf die Kompetenz zur Führung eines Ministeriums oder die Fähigkeit zur langfristigen Durchsetzung politischer Programme geschlußfolgert werden kann, wird man bezweifeln dürfen. Aber diesen Schluß hat man vielleicht auch aus gelungenen Parlamentsreden nicht ziehen können. Und doch wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß eine mediengerechte Oberfläche bei der Auswahl politischen Personals wichtiger geworden ist als Urteilskraft und Beharrungsvermögen. Während allenthalben von der Politik eine größere Nachhaltigkeit gefordert wird, ist für die Karrieren von Politikern die Präsentabilität im Augenblick entscheidend geworden.

Die an der attischen Demokratie einst geübte Kritik hat damit neue Aktualität bekommen. Und doch dürften die mit den skizzierten Politiktheatralisierungen verbundenen Untergangsszenarien der Demokratie unzutreffend sein. Richtig ist, daß im Gefolge der Theatralisierungen die klassischen Vermittlungsinstanzen der Demokratie, das Parlament und die Parteien, bereits heute an Gewicht und Bedeutung verloren haben und wohl weiterhin verlieren werden. Die meinungsstrukturierenden Diskussionen werden sich in den nächsten Jahren noch stärker aus den Parlamenten in mediengerechte Inszenierungsorte verlagern, von denen die Talkshows nur eine gegenwärtig prominente Form sind, und das Monopol über die Vorsortierung politischen Personals, das die Parteien lange Zeit besessen haben, ist durch ein Oligopol abgelöst worden, in dem die Parteien nur noch ein Akteur unter anderen sind.

In demokratietheoretischer Hinsicht wird man dies nicht nur bedauern müssen, wenngleich die Gefahren neuerlicher Monopolbildungen, wie das Beispiel des Silvio Berlusconi zeigt, nicht zu unterschätzen sind. Aber gerade im Hinblick darauf dürfte es angeraten sein, weder den Untergangsszenarien der Manipulationstheoretiker noch den Beruhigungsformeln der Irrelevanztheoretiker zu folgen, sondern durch entsprechende Regelungen und Arrangements dafür Sorge zu tragen, daß möglichst viele Zugänge zu den neuen politischen Bühnen offengehalten werden. Solange die Chance gewahrt ist, daß einer, der bislang dem Publikum angehörte, aus eigenem Entschluß und unter Nachweis entsprechender Kompetenzen auf die Bühne überwechseln kann, sind die Mindestvoraussetzungen einer demokratischen Ordnung gewahrt.

Ob dies auf Dauer freilich ausreicht, wie eine am Modell liberaler Märkte orientierte Demokratietheorie glauben machen will, ist eine andere Frage. Wie sie beantwortet wird, hängt davon ab, an wie anspruchsvolle Voraussetzungen politischer Erziehung man die Demokratie gebunden sieht. Hält man die Bewährung im Kampf um die Macht für ausreichend, so hat man damit kein ernstes Problem. Hält man dies jedoch für nicht hinreichend, so gibt es Anlaß zur Sorge.

Denn wer die Aufgaben politischer Erziehung, der Ausbildung und Schärfung politischer Urteilskraft unter den neuen Bedingungen übernehmen wird und übernehmen kann, ist nicht zu erkennen. Unterhaltung zumindest ist das Gegenteil dessen, was mit Erziehung gemeint ist. Ob politisch unerzogene Bevölkerungen auf Dauer demokratiefähig sind, ist ein interessantes, im Falle des Mißlingens jedoch überaus teures Experiment.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2001, Nr. 171 / Seite 48

Setzt Du jetzt eigentlich täglich einen ellenlangen schwachsinnigen Artikel eines auf überraschend niedrigem Niveau angekommenen Käseblattes hier rein?

Entscheidend sei, was in der Glotze und in der „Bild“-Zeitung
vor sich gehe, alles andere interessiere ihn nicht -

Die Erkenntnis hat Schröder von Kohl, der sie von Adenauer hatte. Nichts neues also.

Inzwischen hat unser Medienkanzler der Erkenntnis, daß es in
der Politik mehr und mehr oder, wie einige glauben: sogar
ausschließlich auf die Inszenierung ankomme, zum Durchbruch
verholfen.

Wo gab es Inzenierungen bei der Steuerreform, der Homo-Ehe, der Einigung bei der Zwangsarbeiterentschädigung, dem Durchbruch beim Kyoto-Protokoll etc.? Alle wichtigen Beschlüsse fanden ohne Inzenierungen statt. Inzenierungen sind vielmehr bei Kohl in Erinnerung: mit Strickjacke bei Gorbi, Handschlag mit Reagan in Bitburg etc. Wird also durch dauerndes Behaupten nicht wahrer.

Daß Politik Theater sei, ist dabei keine
bahnbrechend neue These, aber das Theaterhafte hat sich in der
Politik in einer Weise verfestigt, die aus dem mündigen Wähler
einen Gebührenzahler zu machen droht, der sich schon in der
ersten Reihe wähnt, wenn er sonntags bei Sabine Christiansen
zuschaltet. „Die Fähigkeit einer geschliffenen Rhetorik“,
schreibt der Berliner Politologe Herfried Münkler, „ist längst
durch smarte Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb
von dreißig Sekunden vor laufenden Kameras eine politische
Botschaft zu pointieren, ist wichtiger als die mitreißende
Entwicklung einer politischen Idee in einer längeren Rede.“

War das mal anders? Hat man Kohl stundenlang zugehört? Dieses Kurzstatement für die Tagesschau gibt es seit Jahrzehnten. Ist sicherlich noch kürzer geworden, was mehr an den vielen Fernsehprogrammen liegt (Gefahr des Zappens bei drohender Langeweile) und den Videos (Gewöhnung an schnellen Schnitten). Dass Schröder zuzuschreiben, ist schlicht albern.

F.A.Z. Einige Beobachter des politischen Geschehens schlagen
Alarm: Politik, und zwar keineswegs bloß deren Darstellung in
den Medien, sondern auch die Entscheidungsabläufe selbst,
verkomme zu einer Veranstaltung, die unter dem Diktat der
audiovisuellen Medien steht, die, wenn sie beim Publikum
Erfolg haben solle, Unterhaltungswert haben müsse.

Dementsprechend würden Konflikte inszeniert und Personen
präsentiert, ohne daß dies mit der Sachlogik des politischen
Entscheidungsgangs irgend etwas zu tun habe; es gehe bloß
darum, auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeiten gegenüber
anderen Unterhaltungsangeboten nicht ins Hintertreffen zu
geraten.

Beispiel? Oder sollen bloße Behauptungen reichen, weil sie in de FAZ stehen?

Eine Politikberichterstattung, die bei der
allabendlichen Programmauswahl nicht sogleich weggezappt
werden will, muß entsprechend durchgestylt sein. Um in die
Nachrichten zu kommen, hätten sich die Politiker inzwischen
entsprechend designt. Das alles habe, so die Kritik, mit
sachlicher Politik nur noch wenig zu tun.

Diese Vorwürfe gab es schon bei Kennedy und Schmidt

Fast
durchweg haben politische Talkshows höhere Einschaltquoten als
die Parlamentsberichterstattung auf Phoenix, und damit haben
sie, wenn Quoten die Währung auf dem Markt der
Aufmerksamkeiten darstellen, auch eine höhere politische
Relevanz.

Geht es noch argumentativ schwächer? ARD und ZDF werden allgemein mehr gesehen als Phoenix. Die Talkshows sind zur besten Sendezeit, Parlamentsdebatten nicht. Seriös wäre ein Vergleich von Parlementsdabatten am Donnerstag um 15 Uhr auf Phoenix mit Polittalkshows um 15 Uhr auf Phoenix. Aber wer verlangt schon seriöse Argumentation bei der FAZ???

Außerdem: wieviel Leute haben vor 30 Jahren Parlamentsdebatten gesehen als es nur drei Sender gab? Ich vermute mal kaum mehr als heute (wenn überhaupt). Also ein uraltes Phänomen, mit dem die Gesellschaft schon immer gut leben konnte.

Fragen der medialen Vermittlung sind dem Politikprozeß schon
lange nicht mehr äußerlich - und wahrscheinlich sind sie es
auch nie gewesen.

Eben.

Im Falle der Relevanzverschiebung vom
Parlament zur Talkshow

Die in diesem Artikel nur behauptet nicht bewiesen wurde.

zeigt sich dies unter anderem darin,
daß es für einen aufstrebenden Politiker ein größerer
Karriereschritt ist, zu Sabine Christiansen oder Maybrit
Illner eingeladen zu werden, als von seiner Fraktion im Rahmen
einer Parlamentsdebatte ans Rednerpult geschickt zu werden.
Parlamentsauftritte sind in der Regel nur noch relevant für
das Ranking innerhalb der Fraktionen; Talkshoweinladungen
bieten die Chance, die Meinungsführerschaft in bestimmten
Fragen zu erlangen. Wer in einer Talkshow brilliert, bietet
sich damit für höhere politische Aufgaben an.

Ja, nur ist das nichts Neues.

Nun hat es in der
Verfassung nicht vorgesehene informelle Strukturen von jeher
gegeben.

Endlich mal eine richtige Erkenntnis! Die Verfassung von 1949 hat die Medienentwicklung (Kabel-, Satellitenfernsehen, Internet) nicht vorhergesehen und berücksichtigt! Was für ein Fehler unserer Verfassungsväter und -mütter! Schande über sie!

Ernsthaft: in der Verfassung steht, dass Parteien bei die politische Willensbildung MITgestalten, dass das Volk in Wahlen und ABSTIMMUNGEN frei entscheidet (oder so ähnlich, habe die Verfassung jetzt nicht neben mir liegen). Die Verfassungsväter waren also schon vor 50 Jahren moderner als es sich der verquaste FAZ-Autor heute vorstellen kann.

Aber sie hatten ihren Platz innerhalb des Parlaments
und der in ihm vertretenen Parteien.

Wenn dann war das von der Verfassung aber nicht so vorgesehen.

Wie auch immer man deren Bedeutung und Folgen gewichtet -
eines ist sicher: Die klassischen
Politikvermittlungsfunktionen des Parlaments und damit über
weite Strecken auch seine Kontrollfunktion gegenüber der
Regierung sind auf außerparlamentarische Formen medialer
Inszenierung übergegangen,

APO? Gründung der Grünen? Dieses Phänomen ist also mindestens 20, eher 40 Jahre alt. Wirklich eine neue Entwicklung…

und immer häufiger sind
parlamentarische Behandlungsformen politischer Fragen, von den
großen Plenardebatten bis zu den Untersuchungsausschüssen, nur
noch Nachbearbeitungen dessen, was in den Medien zuvor breit
behandelt und hinsichtlich möglicher Positionen auch
vorentschieden worden ist.

Ernst könnte ich den Autor nur nehmen, wenn er zumindest VERSUCHEN würde dies „immer häufiger“ zu belegen.

Die Selbstermächtigungsphantasien, wie sie die
außerparlamentarische Opposition der späten sechziger Jahre
geprägt haben, nehmen sich bescheiden aus neben der Realität
einer außerparlamentarischen Politikvermittlung, von der die
Talkshows nur ein kleinerer und sicherlich nicht der
problematischste Bestandteil sind.

Finde ich ja schön, wenn Deine Autoren irgendwann selbst merken, was sie für einen Unsinn schreiben. Leider merken sie es nicht wirklich. Es fehlt ja wieder der Beleg für „nahmen sich bescheiden aus“. Und was sind denn die grösseren und problematischeren Bestandteile? Kommt das noch weiter unten?

Die Theatralisierung der Politik, wie sie von den Auftritten
der Politiker vor den Kameras über die auf das Fernsehen
zugeschnittene Inszenierung von Parteitagen

Ok, da stimme ich ihm mal zu. Ist auch wirklich eine eher neue Entwicklung.

bis hin zur
Terminierung von Entscheidungen nach den Sendezeiten der
großen Fernsehsender zu beobachten ist, ist längst kein bloßes
Problem der Politikvermittlung mehr, sondern rührt an die
Grundfragen der politischen Ordnung, in erster Linie des
Parlamentarismus und wohl auch der Demokratie überhaupt.

Warum? Ist das demokratisch problematisch, wenn eine politische Entscheidung um 19 Uhr statt um 15 Uhr bekannt gegeben wird. Und auch hier: wie wäre es mit Belegen? Behaupten kann ich auch alles mögliche.

Die zunehmende Politiktheatralisierung,

BELEGE!!!

wie sie insbesondere
durch das Fernsehen als Leitmedium moderner Gesellschaften
forciert wird, ist Indikator einer neuen Form von
Arkanpolitik, bei der alles Wichtige und Folgenreiche hinter
verschlossenen Türen ausgehandelt wird, während für das
allgemeine Publikum anschließend ein Theater in Szene gesetzt
wird, das mit dem zuvor Verhandelten und Abgemachten nur wenig
zu tun hat.

O Gott! Darin war Kohl schon vor 20 Jahren ein Meister. Ausgehandelt wurde das Wichtigste im Küchenkabinett, bei seinen berühmten parteiinternen Hintergrundtelefonaten, vorne durften z.B. Blüm und Möllemann das Publikum amüsieren.

Aber wo wird denn ein Theater in Szene gesetzt? Der Autor kennt tolle Wörter (was ist z.B. Arkanpolitik?), weigert sich aber strikt konkret zu werden.

Die Entscheidungsprozesse auf europäischer Ebene zumal lassen
sich leider häufig nach den Vorgaben dieses Modells
beschreiben, und insbesondere der in kleineren Ländern der
Europäischen Union auftretende Widerstand gegen diese
Verhandlungs- und Entscheidungsprozeduren ist ein Anzeichen
dafür, daß ein Teil der europäischen Bürgerschaft so ohne
weiteres nicht bereit ist, sich auf den Status eines zahlenden
Publikums zurückstufen zu lassen. Das Dilemma dieser Kritik
besteht freilich darin, daß sie keine überzeugende und
handhabbare Alternative anzubieten vermag.

Jetzt redet er wirr! Vorher klagte er dauernd die Medieninzenierungen an, dass die Demokratie dadurch ausgehölt würde, man als Politiker besser in Talkshows als in Parlamentsarbeit Karriere machen kann. Die EU hat ein unbestreitbares Demokratiedefizit. Aber dort finden keine Medieninzenierungen statt. EU-Talkshows gibt es nicht, daher machen EU-Parlamentarier viel mehr durch gute Parlamentsarbeit als über Talkshows Karriere.

Mit der EU widerlegt er also seine eigene These, ohne es selbst zu merken.

Was in den letzten Jahren an Konzeptionen der
Zivilgesellschaft entwickelt und in Umlauf gebracht worden
ist, erweist sich nur auf lokaler, allenfalls regionaler Ebene
als politisch praktikabel. Die Formel einer europäischen
Zivilgesellschaft ist über eine bloße Floskel nie
hinausgekommen;

Ist das jetzt ein Beweis, dass sie nicht praktikabel ist? Welche Konzeptionen der Zivilgesellschaft meint er eigentlich genau? Es gibt bei weitem mehr als eine.

schon wo sie als politische Vision
apostrophiert wird, ist dies ein Euphemismus. So steckt das
Modell der Zivilgesellschaft als Alternative zur theatralen
Politikkonzeption von Bühne und Publikum in demselben Kerker,
in dem sich bereits der Republikanismus des 17. und 18.
Jahrhunderts befunden hat: Es hat Plausibilität nur für
kleinräumige und überschaubare Verhältnisse, und je stärker
Politik in globalen Maßstäben agiert, desto weniger ist
erkennbar, wie es gegen das Theatralitätsmodell ankommen kann.

Noch mal: gerade auf EU-Ebene gibt es kein Theatralitätsmodell. Und vielleicht hätte der Autor sich mal in Genua rumtreiben sollen (nicht im Schwarzen Block sondern bei den vernünftigen Demonstranten), vielleicht hätte sein Artikel dann wenigstens etwas mehr Niveau bekommen.

Aber womöglich soll die Theatralisierung der Politik gar nicht
verbergen, daß die wichtigen Fragen im verborgenen verhandelt
und die Strippen im geheimen gezogen werden, sondern bloß
überspielen, daß die Politik ihren Einfluß auf den Gang des
Geschehens verloren hat. Mit der Erosion staatlicher
Gestaltungsmacht im Gefolge von Deregulierung und
Globalisierung haben die Politiker als Geschehensgestalter
abgedankt. Weil sie dies sich und anderen jedoch nicht
eingestehen wollen, haben sie politische Theater errichten
lassen, auf denen sie sich weiterhin als Herren des Geschehens
inszenieren lassen - Politik wird theatralisiert, damit ihr
Relevanzverlust kaschiert wird. Nennen wir dies die
Irrelevanzthese.

Naja, selbst wenn man diesen Thesen zustimmt, muß man wohl nach Genua sagen, dass die Politiker mit dieser Inzenierung nicht gerade sehr erfolgreich waren. Aber wie gesagt: ist nicht neu, den Einfluß der Wirtschaft auf die Politik (vorsichtig ausgedrückt) gab es schon immer. Es fehlt immer noch der Beweis, dass dieser zugenommen hat.

Sie ist der Manipulationsthese darin entgegengesetzt, daß für
sie das politische Theater nicht Instrument der Allmacht von
Politikern, sondern Indikator ihrer Ohnmacht ist. Heben die
Manipulationstheoretiker darauf ab, die theatralen
Politikinszenierungen durchschaubar zu machen und Einblick in
das abgedunkelte Geschehen im Hintergrund zu gewinnen, so
nehmen die Irrelevanztheoretiker das politische Theater bei
seinem Nennwert auf dem Markt der Aufmerksamkeiten: seiner
Unterhaltungsfunktion. An politischen Inszenierungen ist
nichts anderes interessant und zu entdecken als das, was auf
der Bühne gezeigt und gespielt wird; wer mehr zu finden meint,
ist ein Opfer von Verschwörungsphantasien.

Gähn!

Halten die Manipulationstheoretiker am alten Anspruch der
Aufklärung fest, daß die Geheimnisse der Macht durchschaut und
offengelegt werden müßten, weil erst völlige Publizität des
Politischen eine friedliche und gerechte Welt ermögliche, so
wenden die Irrelevanztheoretiker dagegen ein, das einzige
Geheimnis, das die Theatralisierung der Politik verberge, sei,
daß die Politik kein Geheimnis mehr habe.

So wiederholt sich in der Debatte über die Theatralisierung
der Politik der Streit zwischen den Verteidigern der Moderne,
die deren Programm der Selbstaufklärung als Grundlage einer
jeden freiheitlich-rechtsstaatlichen Ordnung bewahren und zu
neuer Geltung bringen wollen, und den Theoretikern der
Postmoderne, die darin eine Selbsttäuschung sehen, weil sich
alles, auch die Politik, auf Oberflächen vollzieht, die
vielfältig und vielgestaltig sind, aber nichts weniger als
Tiefe und Hintergrund besitzen.

Für eine genauere politikwissenschaftliche Analyse dessen, was
die unter dem Einfluß einer veränderten Medienstruktur der
Gesellschaft sich vollziehende Politiktheatralisierung für die
Ordnung des Politischen bedeutet und welche Folgen daraus für
die Demokratie erwachsen, bringen beide Theorieparadigmen
freilich wenig. Ihre vorweg gegebenen Antworten sind so
prinzipiell, daß für eine nuancierte Detailbetrachtung weder
Platz noch Interesse bleibt.

Naja, viel Interesse von diesem Autor noch an „nuancierter Detailbetrachtung“ kommt habe ich eigentlich auch nicht mehr. Aber jetzt bleibe ich dran.

Tatsächlich nämlich haben sich Demokratie und Theater
keineswegs immer und grundsätzlich ausgeschlossen, wie dies
der Republikanismus unter dem Eindruck eines herrscherlichen
Gebrauchs von Theatralität gemeint hat. Daß die Blütezeit der
attischen Demokratie und die glanzvolle Periode von Tragödie
und Komödie in Athen zusammengefallen sind, ist immer wieder
mit Erstaunen bemerkt worden. Erklärungen für diese
Gleichzeitigkeit sind freilich wenige angeboten worden.

Wenige? Hmm, selbst wenn: geht es bei sozialpolitischen Analysen Quantität vor Qualität? Was wären denn die „wenigen“ Erklärungen?

Im übrigen: das Zusammenfallen von guten Komödien mit demokratischer Politik kann auch Zufall sein. Die beste europäische Musik wurde wohl in Zeiten eines aufgeklärten Absolutismus komponiert. Wenn wir den wieder einführen, bekommen wir dann auch einen neuen Mozart? Oder: warum gab es zu Zeiten der großen römischen Demokratie kein so großes Theater?

Aus der Sicht der jüngsten Politiktheatralisierungen läßt sich
das komplementäre Spannungsverhältnis zwischen einer
partizipativen Ordnung des Politischen und der theatralen
Darstellung politischen Handelns vor der versammelten
Bürgerschaft womöglich genauer bestimmen, als dies einer
politikfernen, nach grundsätzlichen Fragen und Antworten des
Lebens Ausschau haltenden Herangehensweise möglich war.
Immerhin hat die Bürgerschaft, die an dem einen Tag sich die
dialogisch-kontroverse Behandlung von Grundfragen des
Politischen im Theater angesehen hat, am nächsten Tag als
politisch Handelnder in der Volksversammlung ganz ähnliche
Probleme zu entscheiden gehabt.

Agora und Theater schlossen sich nicht aus oder konkurrierten
um die größere Aufmerksamkeit, sondern ergänzten und stützten
sich gegenseitig. Jene demokratischen Politiker, die dem Volk
den Weg ins Theater erleichterten, indem sie ihm
Aufwandsentschädigungen für den Besuch der Aufführungen
auszahlten, scheinen sich dessen bewußt gewesen zu sein.
Tragödie wie Komödie der Athener waren wesentliche Elemente
bürgerschaftlicher Erziehung, die die Folgen von
Entscheidungen wie Nichtentscheidungen vor Augen führten und
so die Informationsverarbeitungskompetenz der Bürgerschaft
ausbildeten und steigerten.

Das Theater war - zumindest funktional - eine Form politischer
Erziehung in der Demokratie. Die Orestie, der Ödipus oder die
Antigone waren auch Reflexionen auf die Risiken und Dilemmata
der Politik, in denen der Bürgerschaft vor Augen geführt
wurde, was alles zu bedenken war, wenn man politisch handelte.
Das Theater stellte einen zur Agora komplementären
Reflexionsraum der Politik dar, und dies war es nicht zuletzt
darum, weil die Zeitverhältnisse des Theaters andere waren als
die der Politik und das, was auf der Agora an Entscheidungen
aus den Zwängen des Augenblicks heraus zu fällen war, hier in
langfristiger Einbeziehung von Vor- und Nachgeschichte
dargestellt und reflektiert werden konnte.

Politikreflektierendes Theater und eine partizipatorische
Ordnung des Politischen haben sich so wechselseitig ergänzt
und befördert: Das Publikum verblieb nicht in einer bloß
kulinarischen Interessiertheit am Aufstieg und Sturz
heroischer Gestalten, weil die hier behandelten Fragen und
Probleme seine eigenen waren, mit denen es womöglich am
nächsten Tag schon in der Volksversammlung konfrontiert werden
konnte. Und die zur Beratung und Entscheidung versammelte
Bürgerschaft gewann aus den Aufführungen der Tragödien
Hinweise darauf, was alles zu bedenken war, wenn man über
politische Fragen zu entscheiden hatte.

Typisch: Behauptungen, nichts als Behauptungen. Belege hierfür liefert er nicht (wäre zugegeben auch sehr schwer, aber dann soll seine Argumentation so gestalten, dass er sie auch belegen kann. So ist das nicht besonders ernst zu nehmen).

Das Volk entscheide nach der Gestimmtheit des Augenblicks und
sei darum zu einer nachhaltigen Politik nicht fähig, haben
ihre Kritiker der attischen Demokratie ein ums andere Mal
vorgehalten. Diese Demokratiekritik war in der Regel die
Vorrede zu einem Lob der Aristokratien, in denen
Entscheidungen nicht nach der Gestimmtheit des Augenblicks
erfolgten. Das politische Theater war die Antwort der
attischen Demokratie auf die ganz anders gearteten Konzepte
politischer Erziehung, wie sie Aristokratien zu bieten hatten.
Es war - auch - Erziehung zu politischer Urteilskraft.

Wie sie z.B. beim Scherbengericht über Aristides, dem Gerechten, deutlich wurde.

Die parlamentarische Demokratie der westlichen Gesellschaften
hatte auf diese quasiinstitutionelle Form der Ausbildung
politischer Urteilskraft verzichten können, weil sie in der
Form von Repräsentativkörperschaften gleichsam aristokratische
Elemente in den Prozeß der politischen Willensbildung
inkorporiert hatten.

LOL! Glaubt er das wirklich, dass in den westlichen Parlamenten jemals „die Besten und Edelsten“ saßen?

Gerade diese aber werden durch die neuen
Formen der Politiktheatralisierung unterlaufen und
ausgehebelt. Die Theatralisierung der Politik ist
gleichbedeutend mit einer Erhöhung der politischen Prämien auf
Populismus.

War Hitler nicht populistisch? Oder Kennedy? Oder Strauß? Oder Brandt? Um mal sehr verschiedene Politiker zu nehnnen. Ist der Drang nach Populismus in den letzten Jahren wirklich gestiegen oder wird das nur behauptet?

Und das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Theater, wie
es für die attische Demokratie charakteristisch war, wird
durch die Politiktheatralisierung gerade aufgelöst; das
Rollenrepertoire der Bühne wird zum Rollenrepertoire der
Politik selbst. Das reicht von der Inszenierung des
Privatlebens der Politiker, durch die ihre Wahlchancen erhöht
werden sollen,

Gerade das - die Fotos mit Kind und Ehefrau - gibt es schon seit Jahrzehnten. Und was wäre Kennedy ohne Jacky oder MM gewesen?

bis zu jenen Formen umweltpolitischen
Agenda-Settings, wie es von Greenpeace perfektioniert wurde.
Die Initiativen der Bürger, die sich aus Sorge um die
Bedrohung ihrer Umwelt politisch engagierten, sind abgelöst
worden durch eine kleine Gruppe von Professionals, die in Form
spektakulärer Aktionen Medienereignisse produzieren, um damit
sowohl Aufmerksamkeit für spezifische Umweltfragen als auch
neue Anreize für die Spendenwilligkeit des Publikums zu
schaffen.

Abgelöst gewiß nicht, allenfalls ergänzt (siehe NABU, BUND, die sehr viel anders als Greenpeace arbeiten und gewiß nicht schlechter; oder die vielen kleine Umweltbewegungen). Denn diese Bürger, die sich auf eigene Faust engagieren gibt es immer noch. Im übrigen gibt es bei Greenpeace Deutschland mehr als zehn mal mehr Ehrenamtliche als Professionals. Allerdings arbeiten die Ehrenamtlichen teilweise auch schon sehr professionell.

Der sich für die Erhaltung und Reproduktion kollektiver Güter
engagierende Bürger ist ersetzt durch ein interessiertes
Publikum, das seine politische Präferenzbildung in Form
steuerabzugsfähiger Spenden artikuliert.

Was nur beweist, dass sich der Autor mit der sehr heterogenen Struktur der Umweltbewegung nicht näher beschäftigt hat. Ich bin seit über 10 Jahre ehrenamtlich bei Greenpeace und sage dennoch (oder gerade deshalb?): Greenpeace ist nicht alles in der deutschen Umweltbewegung.

Der Kampf um die
knappe Ressource der Aufmerksamkeit des Publikums ist zum
wichtigsten Betätigungsfeld der Umweltaktivisten geworden.

Diese Kritik will ich gar nicht ganz abstreiten, wenn ich sie auch als sehr überspitzt ansehe. Nur wird mir langsam die Argumentation etwas wirr: erst Parlamentarismus, dann Athen, jetzt Greenpeace. Schlaglichter, aber keine Struktur in den Gedankengängen des Autors.

Die
Mittel, mit denen sie diesen Kampf führen, sind immer seltener
solche der überzeugenden Argumentation und immer häufiger die
einer gelungenen Inszenierung.

Ohne erstes sind die Aktionen nicht wirklich erfolgreich. Im übrigen unterschätzt er gewaltig die Hintergrund- und Lobbytätigkeit von Greenpeace. Offensichtlich weil er sich mit dem Thema nicht wirklich beschäftigt hat. Und die inzenierten Greenpeace-Aktionen gibt es mittlerweile seit 30 Jahren. Also auch kein neues Phänomen. Neu ist eher, dass sich Greenpeace davon abzuwenden beginnt, weil sich diese Aktionen todzulaufen beginnen.

Nicht viel anders ist es um die
Rekrutierung des politischen Personals bestellt. Die Fähigkeit
einer geschliffenen Rhetorik ist längst durch smarte
Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb von dreißig
Sekunden vor laufenden Kameras eine politische Botschaft zu
pointieren, ist wichtiger als die mitreißende Entwicklung
einer politischen Idee in einer längeren Rede.

Konnte das Adenauer? Oder Kohl? Waren beides keine guten, langen Redner, aber erstaunlich telegen. Und pointieren könnte schon Wehner gut und Strauß. Also, auch nichts Neues. Allenfalls wenn die Entwicklung zunimmt, aber da bleibt er jeden Beweis schuldig.

Das Bedauern darüber mag man als Geschmacksfrage abtun; aber
immerhin hat sich mit diesem Wandel eine Verengung des
Reflexionsraums vollzogen, die durch die Vermehrung
politischer Talkshows im Abendprogramm der Fernsehsender nicht
kompensiert werden kann.

Vermehrung ist gut. Ich kenne bei den Hauptsendern zwei. Vielleicht noch Maischberger, aber n-tv ist kaum Hauptsender. Oder drei mit Presseclub, aber den gibt es ja schon seit Ewigkeiten und eben ohne Politiker.

Daß aus der Eloquenz im Fernsehen auf
die Kompetenz zur Führung eines Ministeriums oder die
Fähigkeit zur langfristigen Durchsetzung politischer Programme
geschlußfolgert werden kann, wird man bezweifeln dürfen.

Ok. Aber wenn man rhetorisch gute Reden im Parlament hält, dann kann man das?

Aber
diesen Schluß hat man vielleicht auch aus gelungenen
Parlamentsreden nicht ziehen können.

Ok, ziehe obigen Einwand zurück. :smile:

Und doch wird man sich
des Eindrucks nicht erwehren können, daß eine mediengerechte
Oberfläche bei der Auswahl politischen Personals wichtiger
geworden ist als Urteilskraft und Beharrungsvermögen.

Dass er den Eindruck hat, ist mir klar geworden. Ob dieser Eindruck stimmt, nicht. Hat sich zu sehr zwischen Athen und Greenpeace verhaspelt. Wäre besser beim Thema geblieben und hätte wenigstens ein paar Belege gebracht anstatt nur heiße Luft.

Während
allenthalben von der Politik eine größere Nachhaltigkeit
gefordert wird, ist für die Karrieren von Politikern die
Präsentabilität im Augenblick entscheidend geworden.

Unsinn mal wieder! Koch war in einigen Augenblicken nicht präsentabel und ist immer noch da. Trittin war es nie wirklich (stets unterste Werte auf der Sympathieskala). Aber vielleicht ist Trittin ja sein Vorbild. Glaube ich aber nicht wirklich. Und ist Merkel wirklich präsentabel? Aber immerhin CDU-Vorsitzende. Oder Tehfel, Diepgen? Haben aber mehrmals die Wahlen gewonnen.

Die an der attischen Demokratie einst geübte Kritik hat damit
neue Aktualität bekommen. Und doch dürften die mit den
skizzierten Politiktheatralisierungen verbundenen
Untergangsszenarien der Demokratie unzutreffend sein. Richtig
ist, daß im Gefolge der Theatralisierungen die klassischen
Vermittlungsinstanzen der Demokratie, das Parlament und die
Parteien,

Wie gesagt: das Parlament zumindest hat nie wirklich die Demokratie vermittelt. Parlamentsdebatten wurden nie wirklich verfolgt von der Bevölkerung. Bei den Parteien mag es stimmen. Dies liegt aber viel mehr am Schwund von großen Organisationen an sich (Gewerkschaften, Sportvereine, Kirchen etc.). Hat mit demokratischen Problemen wenig zu tun.

bereits heute an Gewicht und Bedeutung verloren
haben und wohl weiterhin verlieren werden. Die
meinungsstrukturierenden Diskussionen werden sich in den
nächsten Jahren noch stärker aus den Parlamenten in
mediengerechte Inszenierungsorte verlagern, von denen die
Talkshows nur eine gegenwärtig prominente Form sind, und das
Monopol über die Vorsortierung politischen Personals, das die
Parteien lange Zeit besessen haben, ist durch ein Oligopol
abgelöst worden, in dem die Parteien nur noch ein Akteur unter
anderen sind.

Wie von den Verfassungsvätern und -müttern vorgesehen. Also alles in Butter.

In demokratietheoretischer Hinsicht wird man dies nicht nur
bedauern müssen, wenngleich die Gefahren neuerlicher
Monopolbildungen, wie das Beispiel des Silvio Berlusconi
zeigt, nicht zu unterschätzen sind.

Oder Springer und Adenauer bzw. Kohl und Kirch. Also wieder mal: nichts Neues.

Aber gerade im Hinblick
darauf dürfte es angeraten sein, weder den Untergangsszenarien
der Manipulationstheoretiker noch den Beruhigungsformeln der
Irrelevanztheoretiker zu folgen, sondern durch entsprechende
Regelungen und Arrangements dafür Sorge zu tragen, daß
möglichst viele Zugänge zu den neuen politischen Bühnen
offengehalten werden. Solange die Chance gewahrt ist, daß
einer, der bislang dem Publikum angehörte, aus eigenem
Entschluß und unter Nachweis entsprechender Kompetenzen auf
die Bühne überwechseln kann, sind die Mindestvoraussetzungen
einer demokratischen Ordnung gewahrt.

Was heißt „gewahrt ist“? Sie nimmt zu. Der Druck der Öffentlichkeit nicht nur Parteipolitiker auf die Sessel zu heben sondern Leute „von außen“ wird doch immer stärker. Gerade Schröder weiß das. Zu Beginn in Niedersachsen hat er die damals noch parteilose Griefahn zur Umweltministerin gemacht (kam von Greenpeace und die Grünen hatten plötzlich starke Argumentationsschwierigkeiten auf ihrem Hauptgebiet der Ökologie) im Bund den parteilosen Müller.

Ob dies auf Dauer freilich ausreicht, wie eine am Modell
liberaler Märkte orientierte Demokratietheorie glauben machen
will, ist eine andere Frage. Wie sie beantwortet wird, hängt
davon ab, an wie anspruchsvolle Voraussetzungen politischer
Erziehung man die Demokratie gebunden sieht. Hält man die
Bewährung im Kampf um die Macht für ausreichend, so hat man
damit kein ernstes Problem. Hält man dies jedoch für nicht
hinreichend, so gibt es Anlaß zur Sorge.

Denn wer die Aufgaben politischer Erziehung, der Ausbildung
und Schärfung politischer Urteilskraft unter den neuen
Bedingungen übernehmen wird und übernehmen kann, ist nicht zu
erkennen.

Die Bürgergesellschaft vielleicht? Noch mal: hätte in Genua sich mal umschauen sollen.

Unterhaltung zumindest ist das Gegenteil dessen, was
mit Erziehung gemeint ist.

O Gott! Was für ein 50er Jahre Verständnis hat er von Erziehung? Erziehung ohne Unterhaltung, ohne Spaß und Witz? Hoffentlich hat der Autor keine Kinder.

Ob politisch unerzogene
Bevölkerungen auf Dauer demokratiefähig sind, ist ein
interessantes, im Falle des Mißlingens jedoch überaus teures
Experiment.

Was sind „politisch unerzogene Bevölkerungen“?

Ziemlich wirr das ganze. Typisches FAZ-Niveau, kann man nur im Klo runterspülen.

Mußt Du die arme FAZ so fertig machend, dass Du ihre Artikel hier reinsetzt? Ist ja peinlich (für die FAZ, nicht für Dich).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2001, Nr. 171 / Seite 48