Erziehung oder Unterhaltung? Im großen Polit-Theater sind nur noch Quoten die Währung, und die Inszenierung ist alles - bedeutet die Sache gar nichts mehr? / Von Herfried Münkler
Entscheidend sei, was in der Glotze und in der „Bild“-Zeitung vor sich gehe, alles andere interessiere ihn nicht - als Gerhard Schröder zu Beginn seiner Kanzlerschaft mit diesem Bekenntnis aufwartete, hatte das noch etwas Frivoles. Inzwischen hat unser Medienkanzler der Erkenntnis, daß es in der Politik mehr und mehr oder, wie einige glauben: sogar ausschließlich auf die Inszenierung ankomme, zum Durchbruch verholfen. Daß Politik Theater sei, ist dabei keine bahnbrechend neue These, aber das Theaterhafte hat sich in der Politik in einer Weise verfestigt, die aus dem mündigen Wähler einen Gebührenzahler zu machen droht, der sich schon in der ersten Reihe wähnt, wenn er sonntags bei Sabine Christiansen zuschaltet. „Die Fähigkeit einer geschliffenen Rhetorik“, schreibt der Berliner Politologe Herfried Münkler, „ist längst durch smarte Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb von dreißig Sekunden vor laufenden Kameras eine politische Botschaft zu pointieren, ist wichtiger als die mitreißende Entwicklung einer politischen Idee in einer längeren Rede.“ Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Vielleicht hat die Politik den Zugriff auf den Gang der Dinge gar nicht abgegeben, und das große Polit-Theater erzieht zu mehr Urteilskraft.
F.A.Z. Einige Beobachter des politischen Geschehens schlagen Alarm: Politik, und zwar keineswegs bloß deren Darstellung in den Medien, sondern auch die Entscheidungsabläufe selbst, verkomme zu einer Veranstaltung, die unter dem Diktat der audiovisuellen Medien steht, die, wenn sie beim Publikum Erfolg haben solle, Unterhaltungswert haben müsse.
Dementsprechend würden Konflikte inszeniert und Personen präsentiert, ohne daß dies mit der Sachlogik des politischen Entscheidungsgangs irgend etwas zu tun habe; es gehe bloß darum, auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeiten gegenüber anderen Unterhaltungsangeboten nicht ins Hintertreffen zu geraten. Eine Politikberichterstattung, die bei der allabendlichen Programmauswahl nicht sogleich weggezappt werden will, muß entsprechend durchgestylt sein. Um in die Nachrichten zu kommen, hätten sich die Politiker inzwischen entsprechend designt. Das alles habe, so die Kritik, mit sachlicher Politik nur noch wenig zu tun.
Tatsächlich läßt sich eine Fülle von Einzelbeobachtungen zusammenstellen, die diese These bestätigen und womöglich als Bedrohung für die repräsentative Demokratie anzusehen sind. In zunehmendem Maße haben die Parlamente die Funktion der konkurrierenden Präsentation von Interessen und Wertorientierungen, deren argumentativer Vermittlung, schließlich der Ermittlung von Kompromißlinien und Gemeinsamkeiten an politische Talkshows verloren. Fast durchweg haben politische Talkshows höhere Einschaltquoten als die Parlamentsberichterstattung auf Phoenix, und damit haben sie, wenn Quoten die Währung auf dem Markt der Aufmerksamkeiten darstellen, auch eine höhere politische Relevanz.
Fragen der medialen Vermittlung sind dem Politikprozeß schon lange nicht mehr äußerlich - und wahrscheinlich sind sie es auch nie gewesen. Im Falle der Relevanzverschiebung vom Parlament zur Talkshow zeigt sich dies unter anderem darin, daß es für einen aufstrebenden Politiker ein größerer Karriereschritt ist, zu Sabine Christiansen oder Maybrit Illner eingeladen zu werden, als von seiner Fraktion im Rahmen einer Parlamentsdebatte ans Rednerpult geschickt zu werden. Parlamentsauftritte sind in der Regel nur noch relevant für das Ranking innerhalb der Fraktionen; Talkshoweinladungen bieten die Chance, die Meinungsführerschaft in bestimmten Fragen zu erlangen. Wer in einer Talkshow brilliert, bietet sich damit für höhere politische Aufgaben an.
Der parlamentarischen Beschlußfassung sind Prozesse vorgeschaltet, in denen Dissens markiert und Konsens hergestellt wird; diese haben sich im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts und seiner tiefgreifenden medialen Veränderungen aus dem Parlament herausverlagert. Nun hat es in der Verfassung nicht vorgesehene informelle Strukturen von jeher gegeben. Aber sie hatten ihren Platz innerhalb des Parlaments und der in ihm vertretenen Parteien. Die Informalität von Meinungsbildungs- und -aushandlungsprozessen hat eine andere Qualität bekommen.
Wie auch immer man deren Bedeutung und Folgen gewichtet - eines ist sicher: Die klassischen Politikvermittlungsfunktionen des Parlaments und damit über weite Strecken auch seine Kontrollfunktion gegenüber der Regierung sind auf außerparlamentarische Formen medialer Inszenierung übergegangen, und immer häufiger sind parlamentarische Behandlungsformen politischer Fragen, von den großen Plenardebatten bis zu den Untersuchungsausschüssen, nur noch Nachbearbeitungen dessen, was in den Medien zuvor breit behandelt und hinsichtlich möglicher Positionen auch vorentschieden worden ist.
Die Selbstermächtigungsphantasien, wie sie die außerparlamentarische Opposition der späten sechziger Jahre geprägt haben, nehmen sich bescheiden aus neben der Realität einer außerparlamentarischen Politikvermittlung, von der die Talkshows nur ein kleinerer und sicherlich nicht der problematischste Bestandteil sind.
Die Theatralisierung der Politik, wie sie von den Auftritten der Politiker vor den Kameras über die auf das Fernsehen zugeschnittene Inszenierung von Parteitagen bis hin zur Terminierung von Entscheidungen nach den Sendezeiten der großen Fernsehsender zu beobachten ist, ist längst kein bloßes Problem der Politikvermittlung mehr, sondern rührt an die Grundfragen der politischen Ordnung, in erster Linie des Parlamentarismus und wohl auch der Demokratie überhaupt.
Die um sich greifende Politiktheatralisierung ist als Bestandteil einer grundlegenden Transformation der Demokratie zu begreifen, als Element einer neuen Metamorphose der Demokratie, die allmählich jenen Typus der parlamentarischen Demokratie ablösen wird, den wir uns angewöhnt haben, mit der Demokratie als solcher zu identifizieren. Zunächst legt die Semantik einer Politiktheatralisierung freilich andere Vermutungen nahe als die der Herausbildung eines neuen Typus der Demokratie: Wo Theater gespielt wird, sich also ein Publikum versammelt, um sich durch die Leistungen von Schauspielern unterhalten zu lassen, gibt es Grund zu der Vermutung, daß sich im uneinsehbaren Hintergrund der Bühne ein Autor, ein Regisseur sowie Souffleure und Maskenbildner verbergen, die die Fäden ziehen und über das entscheiden, was das Publikum zu sehen bekommt.
Auf die Politik übertragen, heißt dies, daß, wo Theatralisierungen konstatiert werden, Manipulationsverdächte und Verschwörungsängste naheliegen. Nennen wir dies die mit der Theatralisierungsbeobachtung verbundene Manipulationsthese. Sie ist in der Geschichte des demokratischen Denkens, präziser: der Sorge des Republikanismus vor der Aushöhlung bürgerschaftlicher durch herrschaftliche Ordnungsmodelle immer wieder anzutreffen.
Die zunehmende Politiktheatralisierung, wie sie insbesondere durch das Fernsehen als Leitmedium moderner Gesellschaften forciert wird, ist Indikator einer neuen Form von Arkanpolitik, bei der alles Wichtige und Folgenreiche hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird, während für das allgemeine Publikum anschließend ein Theater in Szene gesetzt wird, das mit dem zuvor Verhandelten und Abgemachten nur wenig zu tun hat.
Die Entscheidungsprozesse auf europäischer Ebene zumal lassen sich leider häufig nach den Vorgaben dieses Modells beschreiben, und insbesondere der in kleineren Ländern der Europäischen Union auftretende Widerstand gegen diese Verhandlungs- und Entscheidungsprozeduren ist ein Anzeichen dafür, daß ein Teil der europäischen Bürgerschaft so ohne weiteres nicht bereit ist, sich auf den Status eines zahlenden Publikums zurückstufen zu lassen. Das Dilemma dieser Kritik besteht freilich darin, daß sie keine überzeugende und handhabbare Alternative anzubieten vermag.
Was in den letzten Jahren an Konzeptionen der Zivilgesellschaft entwickelt und in Umlauf gebracht worden ist, erweist sich nur auf lokaler, allenfalls regionaler Ebene als politisch praktikabel. Die Formel einer europäischen Zivilgesellschaft ist über eine bloße Floskel nie hinausgekommen; schon wo sie als politische Vision apostrophiert wird, ist dies ein Euphemismus. So steckt das Modell der Zivilgesellschaft als Alternative zur theatralen Politikkonzeption von Bühne und Publikum in demselben Kerker, in dem sich bereits der Republikanismus des 17. und 18. Jahrhunderts befunden hat: Es hat Plausibilität nur für kleinräumige und überschaubare Verhältnisse, und je stärker Politik in globalen Maßstäben agiert, desto weniger ist erkennbar, wie es gegen das Theatralitätsmodell ankommen kann.
Aber womöglich soll die Theatralisierung der Politik gar nicht verbergen, daß die wichtigen Fragen im verborgenen verhandelt und die Strippen im geheimen gezogen werden, sondern bloß überspielen, daß die Politik ihren Einfluß auf den Gang des Geschehens verloren hat. Mit der Erosion staatlicher Gestaltungsmacht im Gefolge von Deregulierung und Globalisierung haben die Politiker als Geschehensgestalter abgedankt. Weil sie dies sich und anderen jedoch nicht eingestehen wollen, haben sie politische Theater errichten lassen, auf denen sie sich weiterhin als Herren des Geschehens inszenieren lassen - Politik wird theatralisiert, damit ihr Relevanzverlust kaschiert wird. Nennen wir dies die Irrelevanzthese.
Sie ist der Manipulationsthese darin entgegengesetzt, daß für sie das politische Theater nicht Instrument der Allmacht von Politikern, sondern Indikator ihrer Ohnmacht ist. Heben die Manipulationstheoretiker darauf ab, die theatralen Politikinszenierungen durchschaubar zu machen und Einblick in das abgedunkelte Geschehen im Hintergrund zu gewinnen, so nehmen die Irrelevanztheoretiker das politische Theater bei seinem Nennwert auf dem Markt der Aufmerksamkeiten: seiner Unterhaltungsfunktion. An politischen Inszenierungen ist nichts anderes interessant und zu entdecken als das, was auf der Bühne gezeigt und gespielt wird; wer mehr zu finden meint, ist ein Opfer von Verschwörungsphantasien.
Halten die Manipulationstheoretiker am alten Anspruch der Aufklärung fest, daß die Geheimnisse der Macht durchschaut und offengelegt werden müßten, weil erst völlige Publizität des Politischen eine friedliche und gerechte Welt ermögliche, so wenden die Irrelevanztheoretiker dagegen ein, das einzige Geheimnis, das die Theatralisierung der Politik verberge, sei, daß die Politik kein Geheimnis mehr habe.
So wiederholt sich in der Debatte über die Theatralisierung der Politik der Streit zwischen den Verteidigern der Moderne, die deren Programm der Selbstaufklärung als Grundlage einer jeden freiheitlich-rechtsstaatlichen Ordnung bewahren und zu neuer Geltung bringen wollen, und den Theoretikern der Postmoderne, die darin eine Selbsttäuschung sehen, weil sich alles, auch die Politik, auf Oberflächen vollzieht, die vielfältig und vielgestaltig sind, aber nichts weniger als Tiefe und Hintergrund besitzen.
Für eine genauere politikwissenschaftliche Analyse dessen, was die unter dem Einfluß einer veränderten Medienstruktur der Gesellschaft sich vollziehende Politiktheatralisierung für die Ordnung des Politischen bedeutet und welche Folgen daraus für die Demokratie erwachsen, bringen beide Theorieparadigmen freilich wenig. Ihre vorweg gegebenen Antworten sind so prinzipiell, daß für eine nuancierte Detailbetrachtung weder Platz noch Interesse bleibt.
Tatsächlich nämlich haben sich Demokratie und Theater keineswegs immer und grundsätzlich ausgeschlossen, wie dies der Republikanismus unter dem Eindruck eines herrscherlichen Gebrauchs von Theatralität gemeint hat. Daß die Blütezeit der attischen Demokratie und die glanzvolle Periode von Tragödie und Komödie in Athen zusammengefallen sind, ist immer wieder mit Erstaunen bemerkt worden. Erklärungen für diese Gleichzeitigkeit sind freilich wenige angeboten worden.
Aus der Sicht der jüngsten Politiktheatralisierungen läßt sich das komplementäre Spannungsverhältnis zwischen einer partizipativen Ordnung des Politischen und der theatralen Darstellung politischen Handelns vor der versammelten Bürgerschaft womöglich genauer bestimmen, als dies einer politikfernen, nach grundsätzlichen Fragen und Antworten des Lebens Ausschau haltenden Herangehensweise möglich war. Immerhin hat die Bürgerschaft, die an dem einen Tag sich die dialogisch-kontroverse Behandlung von Grundfragen des Politischen im Theater angesehen hat, am nächsten Tag als politisch Handelnder in der Volksversammlung ganz ähnliche Probleme zu entscheiden gehabt.
Agora und Theater schlossen sich nicht aus oder konkurrierten um die größere Aufmerksamkeit, sondern ergänzten und stützten sich gegenseitig. Jene demokratischen Politiker, die dem Volk den Weg ins Theater erleichterten, indem sie ihm Aufwandsentschädigungen für den Besuch der Aufführungen auszahlten, scheinen sich dessen bewußt gewesen zu sein. Tragödie wie Komödie der Athener waren wesentliche Elemente bürgerschaftlicher Erziehung, die die Folgen von Entscheidungen wie Nichtentscheidungen vor Augen führten und so die Informationsverarbeitungskompetenz der Bürgerschaft ausbildeten und steigerten.
Das Theater war - zumindest funktional - eine Form politischer Erziehung in der Demokratie. Die Orestie, der Ödipus oder die Antigone waren auch Reflexionen auf die Risiken und Dilemmata der Politik, in denen der Bürgerschaft vor Augen geführt wurde, was alles zu bedenken war, wenn man politisch handelte. Das Theater stellte einen zur Agora komplementären Reflexionsraum der Politik dar, und dies war es nicht zuletzt darum, weil die Zeitverhältnisse des Theaters andere waren als die der Politik und das, was auf der Agora an Entscheidungen aus den Zwängen des Augenblicks heraus zu fällen war, hier in langfristiger Einbeziehung von Vor- und Nachgeschichte dargestellt und reflektiert werden konnte.
Politikreflektierendes Theater und eine partizipatorische Ordnung des Politischen haben sich so wechselseitig ergänzt und befördert: Das Publikum verblieb nicht in einer bloß kulinarischen Interessiertheit am Aufstieg und Sturz heroischer Gestalten, weil die hier behandelten Fragen und Probleme seine eigenen waren, mit denen es womöglich am nächsten Tag schon in der Volksversammlung konfrontiert werden konnte. Und die zur Beratung und Entscheidung versammelte Bürgerschaft gewann aus den Aufführungen der Tragödien Hinweise darauf, was alles zu bedenken war, wenn man über politische Fragen zu entscheiden hatte.
Das Volk entscheide nach der Gestimmtheit des Augenblicks und sei darum zu einer nachhaltigen Politik nicht fähig, haben ihre Kritiker der attischen Demokratie ein ums andere Mal vorgehalten. Diese Demokratiekritik war in der Regel die Vorrede zu einem Lob der Aristokratien, in denen Entscheidungen nicht nach der Gestimmtheit des Augenblicks erfolgten. Das politische Theater war die Antwort der attischen Demokratie auf die ganz anders gearteten Konzepte politischer Erziehung, wie sie Aristokratien zu bieten hatten. Es war - auch - Erziehung zu politischer Urteilskraft.
Die parlamentarische Demokratie der westlichen Gesellschaften hatte auf diese quasiinstitutionelle Form der Ausbildung politischer Urteilskraft verzichten können, weil sie in der Form von Repräsentativkörperschaften gleichsam aristokratische Elemente in den Prozeß der politischen Willensbildung inkorporiert hatten. Gerade diese aber werden durch die neuen Formen der Politiktheatralisierung unterlaufen und ausgehebelt. Die Theatralisierung der Politik ist gleichbedeutend mit einer Erhöhung der politischen Prämien auf Populismus.
Und das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Theater, wie es für die attische Demokratie charakteristisch war, wird durch die Politiktheatralisierung gerade aufgelöst; das Rollenrepertoire der Bühne wird zum Rollenrepertoire der Politik selbst. Das reicht von der Inszenierung des Privatlebens der Politiker, durch die ihre Wahlchancen erhöht werden sollen, bis zu jenen Formen umweltpolitischen Agenda-Settings, wie es von Greenpeace perfektioniert wurde. Die Initiativen der Bürger, die sich aus Sorge um die Bedrohung ihrer Umwelt politisch engagierten, sind abgelöst worden durch eine kleine Gruppe von Professionals, die in Form spektakulärer Aktionen Medienereignisse produzieren, um damit sowohl Aufmerksamkeit für spezifische Umweltfragen als auch neue Anreize für die Spendenwilligkeit des Publikums zu schaffen.
Der sich für die Erhaltung und Reproduktion kollektiver Güter engagierende Bürger ist ersetzt durch ein interessiertes Publikum, das seine politische Präferenzbildung in Form steuerabzugsfähiger Spenden artikuliert. Der Kampf um die knappe Ressource der Aufmerksamkeit des Publikums ist zum wichtigsten Betätigungsfeld der Umweltaktivisten geworden. Die Mittel, mit denen sie diesen Kampf führen, sind immer seltener solche der überzeugenden Argumentation und immer häufiger die einer gelungenen Inszenierung. Nicht viel anders ist es um die Rekrutierung des politischen Personals bestellt. Die Fähigkeit einer geschliffenen Rhetorik ist längst durch smarte Telegenität abgelöst; die Fähigkeit, innerhalb von dreißig Sekunden vor laufenden Kameras eine politische Botschaft zu pointieren, ist wichtiger als die mitreißende Entwicklung einer politischen Idee in einer längeren Rede.
Das Bedauern darüber mag man als Geschmacksfrage abtun; aber immerhin hat sich mit diesem Wandel eine Verengung des Reflexionsraums vollzogen, die durch die Vermehrung politischer Talkshows im Abendprogramm der Fernsehsender nicht kompensiert werden kann. Daß aus der Eloquenz im Fernsehen auf die Kompetenz zur Führung eines Ministeriums oder die Fähigkeit zur langfristigen Durchsetzung politischer Programme geschlußfolgert werden kann, wird man bezweifeln dürfen. Aber diesen Schluß hat man vielleicht auch aus gelungenen Parlamentsreden nicht ziehen können. Und doch wird man sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß eine mediengerechte Oberfläche bei der Auswahl politischen Personals wichtiger geworden ist als Urteilskraft und Beharrungsvermögen. Während allenthalben von der Politik eine größere Nachhaltigkeit gefordert wird, ist für die Karrieren von Politikern die Präsentabilität im Augenblick entscheidend geworden.
Die an der attischen Demokratie einst geübte Kritik hat damit neue Aktualität bekommen. Und doch dürften die mit den skizzierten Politiktheatralisierungen verbundenen Untergangsszenarien der Demokratie unzutreffend sein. Richtig ist, daß im Gefolge der Theatralisierungen die klassischen Vermittlungsinstanzen der Demokratie, das Parlament und die Parteien, bereits heute an Gewicht und Bedeutung verloren haben und wohl weiterhin verlieren werden. Die meinungsstrukturierenden Diskussionen werden sich in den nächsten Jahren noch stärker aus den Parlamenten in mediengerechte Inszenierungsorte verlagern, von denen die Talkshows nur eine gegenwärtig prominente Form sind, und das Monopol über die Vorsortierung politischen Personals, das die Parteien lange Zeit besessen haben, ist durch ein Oligopol abgelöst worden, in dem die Parteien nur noch ein Akteur unter anderen sind.
In demokratietheoretischer Hinsicht wird man dies nicht nur bedauern müssen, wenngleich die Gefahren neuerlicher Monopolbildungen, wie das Beispiel des Silvio Berlusconi zeigt, nicht zu unterschätzen sind. Aber gerade im Hinblick darauf dürfte es angeraten sein, weder den Untergangsszenarien der Manipulationstheoretiker noch den Beruhigungsformeln der Irrelevanztheoretiker zu folgen, sondern durch entsprechende Regelungen und Arrangements dafür Sorge zu tragen, daß möglichst viele Zugänge zu den neuen politischen Bühnen offengehalten werden. Solange die Chance gewahrt ist, daß einer, der bislang dem Publikum angehörte, aus eigenem Entschluß und unter Nachweis entsprechender Kompetenzen auf die Bühne überwechseln kann, sind die Mindestvoraussetzungen einer demokratischen Ordnung gewahrt.
Ob dies auf Dauer freilich ausreicht, wie eine am Modell liberaler Märkte orientierte Demokratietheorie glauben machen will, ist eine andere Frage. Wie sie beantwortet wird, hängt davon ab, an wie anspruchsvolle Voraussetzungen politischer Erziehung man die Demokratie gebunden sieht. Hält man die Bewährung im Kampf um die Macht für ausreichend, so hat man damit kein ernstes Problem. Hält man dies jedoch für nicht hinreichend, so gibt es Anlaß zur Sorge.
Denn wer die Aufgaben politischer Erziehung, der Ausbildung und Schärfung politischer Urteilskraft unter den neuen Bedingungen übernehmen wird und übernehmen kann, ist nicht zu erkennen. Unterhaltung zumindest ist das Gegenteil dessen, was mit Erziehung gemeint ist. Ob politisch unerzogene Bevölkerungen auf Dauer demokratiefähig sind, ist ein interessantes, im Falle des Mißlingens jedoch überaus teures Experiment.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2001, Nr. 171 / Seite 48
